Als Sohn
eines
Rabbiners
geboren,
wurde Levin
durch seinen
Vater in
früher
Jugend mit
der
geistigen
Welt des
Judentums
vertraut
gemacht.
Nach einem
in Berlin
absolvierten
Studium
übernahm er
1870 als
Rabbiner die
Leitung der
im Aufbau
befindlichen
reformierten
Gemeinde in
Zürich. Dort
veröffentlichte
er 1871 sein
erstes Werk
Gott und
Seele,
während er
in derselben
Zeit an der
Universität
Bern zum Dr.
phil.
promoviert
wurde.
Nachdem
durch einen
Regierungserlaß
für
Nürnbergs
jüdische
Gemeinde
statt der
bisherigen
Betreuung
durch das
Fürther
Rabbinat ein
eigenes
Rabbinat
genehmigt
worden war,
erwies sich
diese Stelle
als
besonders
begehrenswert.
Von 37
Bewerbern
erhielt
Levin, der
bei
Probepredigten
großen
Beifall
gefunden
hatte, bei
der
Rabbinerwahl
am 28. Mai
1872 die
meisten
Stimmen. Er
gehörte der
Reformrichtung
an, “suchte
moderne
Bildung und
modernes
Wissen mit
der
jüdischen
Tradition zu
verbinden
und
entsprach
damit den
Anschauungen
der Mehrheit
der
Gemeindemitglieder”
(Müller, S.
166). Sein
für die
Gemeinde
erstelltes
Gebetsbuch
wurde auch
in anderen
jüdischen
Gemeinden –
wie in St.
Gallen –
eingeführt.
Die junge
Gemeinde,
zum großen
Teil aus
Nürnberger
Neubewohnern
bestehend,
folgte ihrem
jungen
Rabbiner,
der sich
durch seine
liberale
Haltung
freilich
auch Gegner
in der
orthodoxen
Judenheit
verschaffte.
Bei der
Einweihung
der
Nürnberger
Synagoge am
8. September
1874 vollzog
der 1.
Bürgermeister,
Otto
Freiherr von
Stromer,
dessen
Vorfahr 1349
die Juden
aus der
Stadt
vertrieben
hatte, die
Öffnung der
Synagoge.
Die
Anwesenheit
ziviler
Repräsentanten
und einer
Deputation
des
Offizierkorps
unter einem
Oberst wurde
stark
beachtet. In
seiner
Weihepredigt
über “die
Berechtigung
des
Gotteshauses”
setzte sich
Levin mit
den
philosophischen
Strömungen
der Zeit
auseinander
und schloß
mit der
Verheißung:
“Mein Haus
wird ein
Haus sein
für alle
Menschen” –
ohne ahnen
zu können,
daß am 10.
August 1938
in Nürnberg
– wenige
Wochen vor
dem
Parteitag
“Großdeutschland”
– Gauleiter
Julius
Streicher
während
einer
Großkundgebung
den
anwesenden
Bauarbeitern
befehlen
würde, mit
dem Abbruch
des
Gotteshauses
zu beginnen,
bei
veranschlagten
Kosten in
Höhe von
550.000
Reichsmark.
Mit dem ihm
eigenen
hämischen
Wortschatz
sollte
Streicher
die Worte
Stromers aus
dem Jahre
1874 geißeln
und dabei
nicht
vergessen,
dem Rabbiner
Levin
anzudichten,
daß er
“damals
innerlich
gegrinst
haben” mag
(Müller, S.
238).
Wie gut das
Verhältnis
zwischen der
Stadtverwaltung
und der
jüdischen
Gemeinde in
Nürnberg
war, geht
daraus
hervor, daß
Levin am 2.
September
1878 die
Festrede zur
Nationalfeier
des
Sedantages
im großen
Rathaussaale
hielt. In
ihr
bezeichnete
er “als
unser Ziel:
nationale
Wohlfahrt,
Freiheit und
Gesittung,
[und] als
Mittel und
Wege, um
dahin zu
gelangen:
die innere
Einigung und
einen
gesunden
Patriotismus”.
Als letztes,
“welches
gewissermaßen
die beiden
vermittelt”,
nannte er
“den
deutschen
Idealismus”,
denn dieser
mache
“unseres
Volkes
ureigenstes
Wesen aus”
(Festrede,
S. 7). Mit
patriotischen
Worten
forderte er
die
Anwesenden
auf,
“tüchtige
Söhne und
Töchter des
geeinigten
deutschen
Reiches zu
werden, es
zu fördern
in allen
Werken des
Friedens,
aber auch,
wenn der
Fahnenruf
ergeht”
(Ebenda, S.
8). Dieser
Patriotismus
mag ihn
bewegt
haben, als
er den
deutschen
Kronprinzen
und späteren
Kaiser
Friedrich
III. durch
sein
Gotteshaus
führte.
1880 gab
Levin seine
Tätigkeit
als Rabbiner
der
Nürnberger
Gemeinde auf
und widmete
sich
wissenschaftlichen
und
kulturellen
Aufgaben,
die ihm zu
einer
reichhaltigen
schriftstellerischen
Tätigkeit,
die unter
anderem die
Bearbeitung
von
Lehrbüchern
und die
Übersetzung
jüdischer
Poesie
betraf,
verhalfen.
Auf
ausgedehnten
Reisen
lernte er
fremde
Länder, vor
allem
Spanien,
kennen, die
in der
Geschichte
des
Judentums
eine
schicksalhafte
Rolle
gespielt
haben.
1884
übernahm
Levin nach
längerem
Zögern das
ihm
angebotene
Amt des
Rabbiners
der Berliner
Reformgemeinde,
die ihr
Gotteshaus
in der
Johannisstraße
16 – unweit
der heute
wieder in
der
Oranienburger
Straße
befindlichen
Synagoge –
hatte. Dort
hat er
dreißig
Jahre lang
gewirkt als
“die Seele
und die
Leuchte der
Reform”, als
“der
eifervollste
und
begeisterungsvollste
Vorkämpfer
alles
echt
Jüdischen”
und darüber
hinaus als
“ein
Idealist,
der für
alles
Menschliche,
besonders
für den
Idealismus
des
deutschen
Volkes
erglühte”.
Seit der
Gründung des
Vereins für
jüdische
Geschichte
und
Literatur
war Levin
fast ein
Vierteljahrhundert
im Vorstand
und in der
Verwaltung
des Vereins
tätig,
gehörte im
Kampf um
seine hohen
Ziele als
“der sonst
so
friedfertige
Verklärte zu
den
begeistertsten,
zu den
beherztesten
und ... zu
den
erfolgreichsten
Führern” (Der
Gemeindebote
vom
25.12.1914,
S. 1). Dabei
verfolgte er
nur das eine
Ziel, “Lehre
und Leben in
harmonischen
Einklang zu
bringen und
den
jüdischen
Einheitsgedanken
weithin zu
verkünden
und zu
fördern”
(Katz, S.
157).
Am 13.
Dezember
1914,
dreieinhalb
Monate nach
Ausbruch des
Ersten
Weltkrieges
also,
feierte
Levin mit
seiner
Gemeinde das
Chanukkafest.
Dabei fand
sein Leben
auf der
Kanzel mit
den Worten
“Wir wollen
einen
Weltfrieden,
aber keine
Weltherrschaft”
einen
priesterlichen
Abschluß. Im
Nachruf des
Berliner
Tageblatts
vom 15.
Dezember
heißt es,
daß Levin,
der Lehrer,
Prediger und
geistige
Führer einer
großen
Gemeinde,
“der breiten
Öffentlichkeit
wenig
bekannt”
war, “weil
er ihr
ängstlich
auswich”. Er
sei
“berechtigt
gewesen, als
Theologe von
reichem
Wissen und
reinem
Streben,
aber auch
als Dichter
von Zartheit
und Schwung,
als
Schriftsteller
von seltener
Gabe der
Schilderung
und sogar
als
Dramatiker
von
unleugbarer
Kraft,
Geltung in
Anspruch zu
nehmen”.
In der
Ehrenreihe
des
Jüdischen
Friedhofes
in
Berlin-Weißensee
befindet
sich unter
einem
Obelisken
Levins
letzte
Ruhestätte.
Moritz
Levins
Leben,
Denken und
Schaffen
mahnt uns,
daß es
einmal ein
Deutschland
gegeben hat,
in dem es
möglich war,
sich zur
jüdischen
Tradition zu
bekennen und
zugleich ein
deutscher
Patriot zu
sein.
Werke:
Gott und
Seele nach
jüdischer
Lehre.
Zürich 1871.
– Nürnberger
Gebetbuch
“Der
Gottesdienst
des
Herzens”. 1.
Aufl.
Nürnberg
1874. – Die
Berechtigung
des
Gotteshauses.
Weiherede
gehalten bei
der
Einweihung
der neuen
Synagoge zu
Nürnberg am
8. September
1874.
Nürnberg
1874. –
Festrede zur
Nationalfeier
am 2.
September,
gehalten am
2. September
1878 im
großen
Rathaussaale
zu Nürnberg.
4. Aufl.
Nürnberg
1878. –
Iberia.
Bilder aus
der
spanisch-jüdischen
Geschichte.
Berlin 1885.
– Barkochba.
1892. – Die
Reform des
Judentums.
Festschrift
zur Feier
des
fünfzigjährigen
Bestehens
der
jüdischen
Reform-Gemeinde
in Berlin.
Berlin 1895.
– Lehrbuch
der
biblischen
Geschichte
und
Literatur.
4. Aufl.
Berlin 1907.
– Lehrbuch
der
Jüdischen
Geschichte
und
Literatur.
4. Aufl.
Berlin 1908.
– Lehrbuch
der
israelitischen
Religion. 3.
Aufl. Berlin
1910. –
Harfe und
Posaune.
Festreden,
gehalten im
Gotteshaus
der
Jüdischen
Reformgemeinde
in Berlin.
Berlin 1909.
– Harfe und
Posaune, II.
Teil. Berlin
1914. –
Israels Name
und Beruf.
Predigt,
gehalten am
Versöhnungstage
15.9. 1888
im
Gotteshaus
der
jüdischen
Reformgemeinde
zu Berlin.
Berlin 1888.
– Zahlreiche
Beiträge in
der
Allgemeinen
Zeitung des
Judentums
(ab 1892)
und im
Jahrbuch für
Jüdische
Geschichte
und
Literatur
(ab 1898).
Lit.:
Bernhard
Ziemlich:
Die
Israelitische
Kultusgemeinde
Nürnberg von
ihrem
Entstehen
bis zur
Einweihung
ihrer
Synagoge.
Nürnberg
1900. –
Albert Katz:
Moritz
Levin. Zu
seinem
dreißigjährigen
Amtsjubiläum.
In:
Allgemeine
Zeitung des
Judentums,
78. Jg.
(1914), Nr.
14, S. 157
ff. – Ders.:
Moritz
Levin. In:
Ebenda, Nr.
52, S. 513
f. –
Der
Gemeindebote.
Beilage zur
“Allgemeinen
Zeitung des
Judentums”
v.
25.12.1914,
S. 1 f. –
Zum
Gedächtnis
an Dr.
Moritz
Levin,
Prediger der
jüdischen
Reform-Gemeinde
zu Berlin.
Verstorben
am 13.
Dezember
1914. Berlin
1915 (Das in
der
Preußischen
Staatsbibliothek,
Unter den
Linden,
unter der
Signatur Ez
26896
vereinnahmte
Buch ist
nicht mehr
auffindbar.).
– Arnd
Müller:
Geschichte
der Juden in
Nürnberg
1146-1945.
Nürnberg
1968.
Friedrich-Christian
Stahl