Unser
Jahrhundert
hat drei
große
Schriftstellerinnen
hervorgebracht:
George Sand,
George Eliot
und Fanny
Lewald.“ So
zitiert
Gisela
Brinker-Gabler
1980 das 100
Jahre früher
– 1889 –
geäußerte
Urteil des
Schriftstellers
und
Journalisten
Karl Frenzel.
Fanny Lewald
gehört zu
den
Großmüttern
einer
Bewegung,
die noch in
unseren
Tagen
eintritt für
die
gesellschaftliche
und
gesetzliche
Gleichbehandlung
von
Menschen,
die,
verkürzt,
unter dem
Begriff
„Frauenemanzipation“
von sich
reden
gemacht hat.
1811 in
Königsberg
geboren, sah
sich Fanny
Lewald einer
mehrfach
komplizierten
Situation
gegenüber.
Sie war
Sproß einer
prominenten
jüdischen
Kaufmannsfamilie,
sie war ein
Mädchen, und
sie besaß
den Mut, den
Willen und
die geistige
Kapazität,
sich mit den
Konventionen
ihrer Zeit
kritisch
auseinanderzusetzen,
sich selbst
über sie
hinwegzusetzen
und andere
dazu
aufzurufen.
Die
Parallelen
zwischen
schriftstellerisch
bearbeiteten
Inhalten und
dem eigenen
Leben liegen
bei Fanny
Lewald auf
der Hand.
Wenn sie in
zahlreichen
Aufsätzen
zur
Frauenfrage
das Recht
der Frau auf
Ausbildung
und Beruf
einfordert,
liegt dies
in gerader
Konsequenz
ihrer
eigenen
Erfahrung.
Unüblich im
Vergleich zu
den
Möglichkeiten
anderer
junger
Mädchen im
19.
Jahrhundert,
bieten ihr
die Eltern
eine
fundierte
Erziehung
und
Ausbildung,
zu der u.a.
der
mehrjährige
Besuch einer
Königsberger
Privatschule
und das
rationalistisch,
auf
selbstbeherrschtes
Verhalten
ausgerichtete
Erziehungsklima
im
Elternhaus
gehören.
1837
widersetzt
sie sich den
Verheiratungsplänen
ihres Vaters
für sie mit
einem
ungeliebten
Mann und
riskiert die
gesellschaftliche
Schmach, von
nun an als
„altes
Mädchen“ zu
gelten.
Literarische
Thematisierung
findet diese
Entscheidung
und ihre
Position zur
Frage der
Konvenienzehe
in ihrem
ersten Roman
„Clementine“
(erscheint
1843
anonym). Der
folgende
Roman
„Jenny“
(1843)
beschäftigt
sich mit den
Konflikten
der Ehe
zwischen
Christen und
Juden (Fanny
Markus tritt
1828 zum
christlichen
Glauben über
und trägt
fortan den
Familiennamen
Lewald).
1845
erscheint
ihr Roman
„Eine
Lebensfrage“
als positive
Parteinahme
für die
Möglichkeit
zur
Ehescheidung,
ein
eindeutiger
Beitrag zu
einer
zeitgenössisch
aktuellen
Fragestellung
nach der
Erleichterung
der
Ehescheidung
und die
Vorwegnahme
einer
Diskussion,
die ihr
eigenes
Schicksal
betrifft. Im
gleichen
Jahr reist
die Autorin
nach Italien
und lernt
dort den
Schriftsteller
und
Gelehrten
Adolf Stahr
kennen, den
sie nach
zehnjährigen
Kämpfen und
seiner
Scheidung
heiratet.
Fanny Lewald
war eine
ebenso
politisch
wie sozial
denkende
Frau. Sie
fühlt sich
den
republikanisch
Denkenden
verpflichtet,
entdeckt
aber mit
zunehmendem
Alter auch
die
positiven
Züge einer
Monarchie,
speziell
dort, wo sie
realpolitische
Relevanz
entwickelt.
Vom
bürgerlichen
Standpunkt
aus
analysiert
sie soziale
Fragen,
besonders
die
Situation
der
weiblichen
Dienstangestellten,
und
veröffentlicht
Aufsätze wie
„Andeutungen
über die
Lage der
weiblichen
Dienstboten“
(1843) und
zum
Gegenstand
der
erzwungenen
Abhängigkeit
der Frauen
des
Bildungsbürgertums,
„Für und
wider die
Frauen, Die
Frauen und
das
allgemeine
Wahlrecht“
(1870).
Zahlreiche
Reisen
führen Fanny
Lewald und
ihren
Ehemann
durch
Deutschland,
nach
Frankreich
und Italien
und finden
ihren
Niederschlag
in
Reisetagebüchern
und
-briefen.
Gegen Ende
ihres Lebens
geht die
Schriftstellerin
noch einmal
thematisch
mit dem
dreibändigen
Roman „Die
Familie
Darner“
(1887) in
ihre
ostpreußische
Heimat
zurück und
beschreibt
die
Situation
Königsbergs
in den
Jahren
1807-1810
zur
Besatzungszeit
durch die
französische
und die
russische
Armee. Doch
bereits die
sechsbändige
Autobiographie
“Meine
Lebensgeschichte“
(1862)
enthält eine
Fülle von
spannenden
Details zum
Leben in
Königsberg
in der
ersten
Hälfte des
19.
Jahrhunderts.
Man hat die
literarische
Qualität von
Fanny Lewald
einzuschränken
versucht mit
Hinweisen
auf fehlende
Lebenswärme
und Mangel
am
menschlichen
Detail.
Bescheinigt
wurde ihr
dagegen
immer wieder
eine
scharfe,
analytische
Beobachtungsgabe,
Klarheit und
Gleichmäßigkeit
des Stils
und das
besondere
Verdienst,
selbst
vorgelebt zu
haben, wozu
sie andere
Frauen
aufrufen und
ermuntern
wollte,
nämlich zur
Durchsetzung
von
Selbständigkeit
und
Unabhängigkeit.
Am 5. August
1889
verstarb
Fanny Lewald
in Dresden
und wurde in
Wiesbaden
neben Adolf
Stahr
beigesetzt.
Lit.: Gisela
Brinkler-Gabler
(Hrsg.),
Fanny Lewald.
Meine
Lebensgeschichte.
Frankfurt
a.M. 1980. –
Helmut
Motekat,
Ostpreußische
Literaturgeschichte
mit Danzig
und München
1977. S.
283-285. –
Heinrich
Spiero, Die
Familie
Lewald, in:
Altpreußische
Monatsschrift,
hg. von A.
Seraphim,
Jg. 1911, 2
H, S. 318. –
Martha
Weber, Fanny
Lewald.
Diss.,
Rudolstadt
1921.
Doris Jacobs