Der
Lebenslauf von Friedrich Linhart ist charakteristisch für die
Mehrheit der akademischen Jugend, geboren um die Wende vom 19. zum
20. Jahrhundert im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Er war ein
Nachkomme jener Siedler, die im 12. Jahrhundert als Bauern,
Handwerker und Bergleute im Zuge der Ostsiedlung hier die ersten
Städte gründeten.
Friedrich
Linhart wurde am 6. März 1903 in Zwittau (slow. Svitovy) im
damaligen Kronland Österreichisch-Schlesien als Sohn des
Küfermeisters und Landwirts Johann Linhart geboren. Seine Vaterstadt
– gelegen am Fuße der Böhmisch-Mährischen Höhe (heute rund 18.000
Einwohner) – wurde um 1250 durch die Bischöfe von Olmütz als
Siedlung mit deutschem Recht gegründet. Hier besuchte er 1914 bis
1921 das Realgymnasium, das er mit Auszeichnung absolvierte. Nun
verließ er die 1918 neu geschaffene Tschechoslowakei, um an der
renommierten Hochschule für Bodenkultur in Wien – der „Alma mater
viridis“ – Forstwissenschaften zu studieren (1921-1923). Nach dem
Vorexamen in Wien entschloss er sich mit nur wenigen
Gesinnungsgenossen, in die alte Heimat Mähren zurückzukehren, um das
tschechoslowakische Staatsexamen zu erwerben, waren doch die Chancen
für seinen gewählten Beruf in den großen Waldgütern der Slowakei
größer als in dem inzwischen arg verstümmelten und geschrumpften
einstigen Kaisertum Österreich. Das bedeutete ein Weiterstudium
(1924-1926) an der Hochschule für Land- und Forstwirtschaft
(Bodenkultur) in Brünn (Brno), der Hauptstadt des Südmährischen
Gebietes; die zweite (große) Staatsprüfung schloß er mit
Auszeichnung als Diplom-Forstingenieur Technischen Universität ab.
In den Jahren 1926 bis 1928 leistete er den Wehrdienst bei der
Artillerie der Tschechoslowakischen Republik ab und wurde als
Unterleutnant entlassen.
Im selben
Jahr 1928 erfolgte seine Übernahme in den Staatsforstdienst und so
kam er als junger Mann – wunschgemäß – in den Osten der Slowakei (Ruthenien,
heute Karpatenukraine genannt). Hier sollte er die Tradition der
altösterreichischen Forstleute weiterführen, war doch die
Erschließung der Urwaldungen im Osten und im Süden der alten
Monarchie ein besonderes Ruhmesblatt der grünen Gilde gewesen; von
1928 bis 1932 sollte er erfolgreich an der Forstdirektion Butschina
wirken. Hier widmete er sich der Holzbringung durch Flößerei, dem
Waldbahnbau und der Einführung eines modernen Forststraßenbaues. Die
Beziehung der karpatendeutschen Minderheit zur slowakischen und
ruthenischen Bevölkerung war damals im wesentlichen spannungsfrei
und in keiner Weise problembelastet wie das Verhältnis der
Sudetendeutschen zu den Tschechen. Die deutschen Forstfacharbeiter
dieses Großraumes – Nachkommen der 1775 bzw. 1812 als Holzfäller und
Flößer aus dem Salzkammergut ins Land gerufen – gründeten hier
mehrere Dörfer und wurden gesuchte Spezialisten im Bereich der
Flößerei, nicht nur im einstigen Nordungarn, sondern bis hin in die
galizischen und rumänischen Karpatengebiete. Auch diese
Gegebenheiten sollten zum vielseitigen Erfolg des jungen mährischen
Forstmannes in den Waldkarpaten beitragen.
Im Jahre
1932 wurde F. Linhart Beamter auf Lebenszeit und legte im selben
Jahr das sog. „Ministerialexamen“ für den forsttechnischen Dienst in
Prag ab. Nun wurde er Forstmeister an der Forsteinrichtungsanstalt
in Brandeis an der Elbe – Altbunzlau (tschech. Brandys nad Labem –
Stara Boleslav) im Mittelböhmischen Gebiet, wo er bis 1938 tätig
war. Seine Aufgabe bestand in der forstlichen Betriebsregelung der
Waldungen der zur Forstdirektion Brandeis gehörenden Forstämter. In
dieser Zeit heiratete er 1934 die Medizinstudentin Angela Grohmann
aus Plan bei Marienbad; das junge Paar wohnte nun in der sog.
„Residenz“, einer Art Dependence des Brandeiser Schlosses, in der
auch Erzherzog Karl (der spätere Kaiser Karl I.) mit seiner Frau
Zita gewohnt hatte, als er dort bei den Dragonern diente.
Im Herbst
1938 wird Linhart vom Prager Ministerium zum Amtsvorstand des
nordböhmischen Forstamtes Teichstatt bei Rumburg ernannt. Nachdem
die Sudetenkrise zum Abschluß des Münchner Abkommens (29./30.9.1938)
geführt hatte und die deutschsprachigen Gebiete Böhmens, Mährens und
Schlesiens von der Tschechoslowakei abgetrennt und dem Deutschen
Reich zugeschlagen worden waren, übernahm man F. Linhart in den
deutschen Staatsforstdienst; der Reichsforst- und Jägermeister
Hermann Göring übertrug Linhart das einst von ihm eingerichtete
Fichtenforstamt Neudek im Egerland. Das schroffe Auftreten mancher
reichsdeutscher Beamten aus der Zentrale der Hauptstadt Reichenberg
des Reichsgaues Sudetenland mißfiel dem redlichen Forstmann Linhart.
Er äußerte sich diesbezüglich später, „daß Schuld an dem Versagen
... wohl auch die chronische Überheblichkeit der Deutschen gegenüber
den Völkern des Ostens war“.
Das nicht
spannungsfreie Verhältnis zwischen sudeten-deutschen und
reichsdeutschen Forstleuten sollte dazu führen, daß Linhart es
ablehnte, in dem 1939 entstandenen Protektorat Böhmen und Mähren
(Gebiete der „Rest-ČSR“) als sog. „Berater“ im Prager Ministerium
tätig zu sein, obwohl er dadurch bis Kriegsende u.k. (unabkömmlich,
also vom Kriegsdienst befreit) gestellt worden wäre. Dazu schrieb
er: „Recht muß Recht bleiben. Wenn die Sudetendeutschen 20 Jahre
lang ihre gewaltsame Einbeziehung in die ČSR als Unrecht empfunden
und angeprangert haben, so kann ich als anständiger Mensch das
Unrecht, das die Deutschen mit dem Überfall auf die Resttschechei
und mit ihrer Verwaltungspraxis in diesem Lande begangen haben und
laufend begehen, nicht gutheißen. Ich würde es aber vor den Augen
der Welt tun, wenn ich jetzt zur deutschen Forstaufsicht ins
Protektorat ginge!“ Linhart mußte Konsequenzen ziehen: 1941 bis 1943
wurde er zur Wehrmacht eingezogen und an die Ostfront geschickt
(Krim, Litauen, Polen). Im April 1943 erfolgte die Überstellung zum
Ostministerium und seine Ernennung zum Forstmeister im
„Generalgouvernement“. Das erste Jahr verbrachte Linhart im
ausgesprochenen Partisanengebiet des Forstamtes Bilgoraj und nach
dessen Räumung einen weiteren Winter in einem westpolnischen
Forstamt. Sein Bestreben während dieser Zeit war es, „wenigstens
einen Funken Ansehen für die Deutschen zu retten.“ So versuchte er,
seine polnischen Mitarbeiter so weit wie möglich vor dem Zugriff von
SS und Gestapo zu schützen. Noch 1968 erinnert sich ein ehemaliger
polnischer Untergebener: „Er hat namentlich viele Leute aus dem
KZ-Lager in Majdanek bei Lublin gerettet unter der Begründung, daß
sie für dringende Arbeiten im Wald nötig sind.“
Nach
Kriegsende 1945 bis zur Vertreibung aus der alten Heimat, lebte
Linhart mit seiner Familie wieder im heimischen Neudek, wo er als
„technische Kraft“ dem tschechischen Forstamtsleiter zur Seite
stand.
Aus dem
Sudetenland vertrieben, gelang dem passionierten Forstmann bei
bescheidener Tagegeldvergütung von 9 RM und in primitiven
Wohnverhältnissen der Einstieg in den Bayerischen Forstdienst im
Bereich des Forstamtes Immenstadt im Allgäu (1946-1948). Es blieb
ihm – wie den anderen Heimatvertriebenen des höheren Forstdienstes –
nicht erspart, 1949 erneut das Staatsexamen (Ergänzungsprüfung)
ablegen zu müssen. Das herausragende Prüfungsergebnis öffnete ihm
nicht nur den Einstieg in den höheren Dienst der Bayerischen
Staatsforstverwaltung als Amtsvorstand (Forstdirektor) an den
unterfränkischen Forstämtern Mellrichstadt (1950) und Schweinfurt
(1951), sondern machte seine Vorgesetzten auch auf seine
hervorragenden Qualitäten aufmerksam. Schon nach nur 1 ½ jähriger
Forstleitertätigkeit wurde ihm 1951 die Leitung des Sachgebietes
Nichtstaatswald und Wald-Erschließung am damaligen
Regierungsforstamt (Forstdirektion) Unterfranken in Würzburg
anvertraut (1951-1961), wo er es bis zum Oberregierungsforstrat
(Leitender Forstdirektor) brachte. Hier sollten ihm seine reichen
Erfahrungen im forstlichen Transportwesen aus den Waldkarpaten
zugute kommen. Als Sachgebietsleiter an der Oberforstdirektion hat
Linhart schon Mitte der 1950er Jahre als erster im Bundesgebiet den
forstlichen Wegebau von der kosten- und lohnaufwendigen Setzpacklage
geradezu revolutionierend auf die vollmechanisierte
Mineralbeton-Schüttweise umgestellt. Er hat der Bayerischen
Staatsforstverwaltung damit Kosten in vielfacher Millionenhöhe
eingespart und die Voll-Erschließung des Bayerischen Staatswaldes
(828.000 ha) in einem Bruchteil der ursprünglich dafür angesetzten
Zeitspanne ermöglicht. Der Name Friedrich Linhart bleibt mit dieser
entscheidenden auch weit über die Grenzen Bayerns hinaus noch
wirkenden Großtat untrennbar verbunden.
Die Krönung
seiner beruflichen Laufbahn war die Ernennung zum Regierungsdirektor
(1962) und dann zum Forstpräsidenten (1963) der bis dahin größten
Oberforstdirektion der Bundesrepublik Deutschland in Regensburg
(755.000 ha Wald, davon 194.000 ha Staatswald), umfassend die beiden
Regierungsbezirke Niederbayern und Oberpfalz. In dieser Zeit kamen
auf das Forstwesen Ostbayerns immer mehr neue Aufgaben zu, wie z.B.
Fragen der Raumordnung und Landesplanung, der Landespflege und
Wasserwirtschaft, Fragen der Erholung und Freizeitgestaltung usw.
Neben der vorbildlichen Bewältigung dieser neuen Aufgaben hat sich
Forstpräsident Linhart mit der Planung, Gestaltung und dem Bau
(1962-1968) eines großzügig konzipierten und auf Jahrzehnte hinaus
zweckentsprechenden Oberforstdirektion-Gebäudes ein bleibendes
Denkmal gesetzt; seit Kriegsende bis 1968 mußte die
Oberforstdirektion in einem Flügel des Schlosses der Fürsten von
Turn und Taxis Unterkunft finden.
Im
altösterreichischen Geiste ausgebildet, wurde Linhart immer als fair
und liebenswert, sachlich und stets unbürokratisch geschildert. Von
Regensburg aus bemühte er sich um nachbarschaftliche Beziehungen zu
den Forstbehörden der Tschechoslowakischen Republik. So sind die
fast zur Selbstverständlichkeit gewordenen Exkursionen des
Bayerischen Forstvereins in die sehenswerten Wälder des
Nachbarlandes und die Besichtigungsfahrten in die sterbenden Wälder
des Erz- und Riesengebirges nicht zuletzt seiner Initiative als
„Wegbereiter“ zu verdanken.
Nach seiner
Pensionierung im April 1968 verbrachte Linhart den Lebensabend mit
seiner Frau in Würzburg, wo er am 17. September 1987 nach einem
Badeunfall verstarb. Nach seinem Tode veröffentlichten seine drei
Söhne das Buch „Ein Mann aus Zwittau“ (1995); es sind die
Lebenserinnerungen eines verdienstvollen Forstmannes, eines wahren
Europäers. Das Buch stellt insgesamt eine persönliche Ergänzung des
Werkes „Geschichte des Forstwesens in Böhmen, Mähren und Schlesien“
von Dr. H. Schrötter (1993, 2003) dar. Für jeden Geschichtsbewußten
ist dieses autobiographische Werk eine reiche Fundgrube.
Abschließend
sei hervorgehoben, daß F. Linhart den völkerversöhnenden Beitrag
symbolisiert, den die sudetendeutsche Volksgruppe auch für das
bayerische Forstwesen zu erbringen vermochte. Doch er war nur einer
der vielen Sudetendeutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der
neuen bayerischen Heimat Spitzenleistungen im Forstwesen erzielten.
So seien Auszugsweise noch erwähnt: Oberforstmeister Franz Ahne –
Leiter der ersten „Waldbauernschule“ Bayerns (1946); Dr. Otto Bauer
(*1931) – Ministerialdirektor; Dr. Otto Seitschek (1931-2001) –
Ministerialdirigent; Reinhold Erlbeck (*1941) – Ministerialdirigent,
u.a.m. In der erst 1952 wiederhergestellten Staatsforstverwaltung
Bayerns waren 21% der Beamten Heimatvertriebene. Auch außerhalb
Bayerns sollten aus dem Sudetenland stammende Forstleute die
Geschicke des Forstwesens so mancher Bundesländer gestalten; erwähnt
sei hier z.B. Dr. Helmuth Schrötter (*1932) – Oberlandforstmeister
a.D. Mecklenburg-Vorpommerns.
Lit.: AFR (Archiv der
Forstdirektion Regensburg): Personalakt L. – R. Erlbeck: Ein Mann
aus Zwittau. Buchbesprechung in: Forstinfo 21 (1995), S. 4. – F.
Linhart: Zur Ablösung von Nutzungsrechten an gemeindeeigenen
Mittelwäldern, in: Der Bauernwald, 1955. – Ders.: Der Waldwegbau in
Unterfranken, in: Jahresberichte der Bayerischen Forstverwaltung
1959. – Ders.: Oberforstdirektion Regensburg. Die Geschichte des
Waldes und der Organisation der Forstverwaltung. Sonderausgabe der
Mittelbayerischen Zeitung, Regensburg 1968. – Ders.: Ein Mann aus
Zwittau. Leben zwischen slawischen Völkern in Frieden und Krieg,
Obertshausen 1995. – R. Rösler: 250 Jahre Bayerische
Staatsforstverwaltung, in: Oberpf. Heimat 45 (2001), S. 159-172. –
Ders.: Vom Oberforstmeister der Oberen Pfalz bis zum Leiter der
Forstdirektion Niederbayern-Oberpfalz, in: Mitteilungen aus der
Bayerischen Staatsforstverwaltung 51 (2002), H. 2, S. 597-622. – H.
Rubner: Hundert bedeutende Forstleute Bayerns (1875 bis 1970), in:
Mitteilungen aus der Staatsforstverwaltung Bayerns 47 (1994), S.
131-132. – Ders.: Deutsche Forstgeschichte 1933-1945.
Forstwirtschaft, Jagd und Umwelt im NS-Staat, St. Katharinen 1997
(2. Aufl.). – A. Schlindwein: Forstpräsident a.D. Dipl.-Ing. Friedrich Linhart verstorben,
in: Informationen der Bayerischen Staatsforstverwaltung 4 (1987), S.
26. – A. Schlögl: Landtagsrede vom 16. und 17.9.1952, in: Der
bayerische Forstbeamte 10/11 (1952). – H. Schrötter: Deutsches
Forstwesen in Böhmen, Mähren und Schlesien, Eberswalde 1993; T.
2: Neu-Brandenburg und Schwerin, 2002. – J. Wahler: Die Organisation
der unterfränkischen Staatsforstverwaltung 1822-1952, Würzburg 1952.
Bild: Privatarchiv des
Autors
Rudolf Rösler