Lotte
Loebinger arbeitete anfänglich als Kindergärtnerin, dann als
Verkäuferin in Kiel. Durch ihre Schwester kam sie in Verbindung
zur KPD, wo sie aktiv in der Jugendarbeit tätig war und
Agitationsgruppen betreute. In Breslau begann sie dann 1925 ihre
Laufbahn als Schauspielerin. Später erhielt sie eine dreijährige
Ausbildung als Elevin an der Berliner Volksbühne. Von 1927 bis
1931 war sie an der Piscator-Bühne am Nollendorfplatz engagiert.
Als Angehörige des Schauspielkollektivs „Truppe 1931“ unter
Gustav von Wangenheim nahm sie 1931 an einer Tournee durch die
Sowjetunion teil.
1934
ging sie mit einer kleinen Theatergruppe, der u. a. auch Erwin
Geschonnek angehörte, auf Tournee nach Polen, wurde dort aber
ausgewiesen und gelangte über Prag in die Sowjetunion. Hier
bekam sie eine Rolle in Gustav von Wangenheims Film „Borzy“
(Kämpfer). Wangenheim hat diesen Film, eine erste filmische
Reaktion auf den Reichstagsbrand und den Prozeß gegen den von
den Nazis angeklagten kommunistischen Funktionär Dimitroff,
zwischen 1936 und 1938 mit Lotte Loebinger, Heinrich Greif,
Bruno Schmidtsdorf, Alexander Granach, Curt Trepte und Konrad
Wolf gedreht. Danach arbeitete sie als Sprecherin beim
sowjetischen Allunions-Radiokomitee.
Nach
ihrer Rückkehr nach Deutschland spielte sie an verschiedenen
Berliner Bühnen, am Kleinen Theater unter den Linden, am
Deutschen Theater und am Berliner Ensemble. Von 1952 bis 1983
stand sie in fast 100 Rollen auf den Brettern des
Maxim-Gorki-Theaters, dessen Ehrenmitglied sie wurde.
Seit
1931 hatte Lotte Loebinger auch mehrfach in Filmen mitgewirkt,
so in dem berühmten Film „M“ (Regie: Fritz Lang, 1931); es
folgte Rollen in „Das erste Recht des Kindes“ (1932) und „Eine
Stadt steht kopf“ (1933). Erst nach 1945 erhielt sie dann bei
der DEFA bedeutende Charakterrollen in Filmen von Slatan Dudow,
Kurt Maetzig, Gustav von Wangenheim u. a. Sie gestaltete in
ihren Theateraufführungen und Filmen vor allem Frauen und Mütter
aus dem einfachen Volk. Eine herausragende Rolle spielte sie
1978 in dem Fernsehfilm „Ich will nicht leise sterben“ unter der
Regie von Thomas Langhoff. Zu ihren letzten Filmen gehörten „Der
Prinz hinter den sieben Meeren“ (1982), „Mein lieber Onkel Hans“
(1985), „Adamski“ (1994) und „Ein letzter Wille“ (1994). 1979
widmete ihr das Fernsehen der DDR das Filmporträt „... noch
einmal so leben“ von U. Kasten. 1951 erhielt sie den
Nationalpreis der DDR, 1981 den Goethepreis.
Lotte Loebinger war von 1927 bis 1942 mit dem Politiker Herbert
Wehner verheiratet. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem
Städtischen Friedhof Baumschulenweg in Berlin-Treptow.
Sie gilt als eine der letzten
Darstellerinnen des „klassischen Politischen Theaters“.
Lit.:
Joachim Reichow/Michael Hanisch, Filmschauspieler A-Z, 5. erw.
u. bearb. Aufl., Berlin 1982.
Filme:
Wosstanije rybakow (Der Aufstand der Fischer, nach Anna
Seghers), 1934. – Irgendwo in Berlin (Regie: Gerhard Lamprecht),
1946. – Straßenbekanntschaft (Regie: Peter Pewas), 1948. – Grube
Morgenrot (Regie: Erich Freund, Wolfgang Schleif), 1948. – Und
wieder 48 (Regie: Gustav von Wangenheim), 1948. – Semmelweis –
Retter der Mütter (Regie: Georg C. Klaren), 1950). – Saure
Wochen – Frohe Feste (Regie: Wolfgang Schleif), 1950. – Das
kalte Herz (Regie: Paul Verhoeven), 1950. – Frauenschicksale
(Regie: Slatan Dudow), 1952. – Ernst Thälmann – Sohn seiner
Klasse (Regie: Kurt Maetzig), 1954. – Einmal ist keinmal (Regie:
Konrad Wolf), 1955. – Der Teufel vom Mühlenberg (Regie: Herbert
Ballmann), 1955. – 52 Wochen sind ein Jahr (Regie: Richard
Groschopp), 1955. – Schlösser und Katen (Regie: Kurt Maetzig),
1957. – Jahrgang 21 (Regie: Vaclav Gajer), 1958. – Sie kannten
sich alle (Regie: Richard Groschopp), 1958. – Musterknaben
(Regie: Johannes Kittel), 1959. – Der Moorhund (Regie: Konrad
Petzold), 1960. – Menschen und Tiere (Regie: Sergej Gerassimow,
Lutz Köhlert), 1962. – Tempel des Satans (Fernsehverfilmung),
1962. – Als Martin vierzehn war, 1964. – Engel im Fegefeuer,
1965. – Kleiner Mann – was nun? (Fernsehverfilmung), 1967. –
Verspielte Heimat, 1971. – Liebeserklärung an G. T., 1971. –
Lützower, 1972. – Der Wüstenkönig von Brandenburg, 1973. – Für
die Liebe noch zu mager?, 1974. – Abschied vom Frieden
(Fernsehverfilmung), 1979. – Als Unku Edes Freundin war, 1981.
Bild:
Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen.
Harro Kieser