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Das Werk von Hermann Löns ist zeitweise außerordentlich populär gewesen
und auch heute noch in Einzel- und Sammeleditionen weit verbreitet. Sein
Leben indessen stand unter keinem guten Stern: Er wuchs – mit einem
jähzornigen Vater und dreizehn Geschwistern – in sehr problematischen
Familienverhältnissen auf und entwickelte sich zu einer
unausgeglichenen, teilweise unberechenbaren Persönlichkeit, bei der
Freundlichkeiten und tyrannisches Gebaren ständig wechselten. Löns
studierte in Münster, Greifswald und Göttingen Naturwissenschaften und
Medizin, brachte es aber nicht zu einem erfolgreichen Abschluß. Zwischen
1891 und 1911 war er als Redakteur bei verschiedenen Zeitungen in der
Pfalz, in Hannover und Bückeburg tätig. Zwei Ehen scheiterten. Zu Beginn
des Weltkriegs meldete sich Löns als Freiwilliger, doch fiel er bereits
am 26. September 1914 bei Reims. Seine literarischen Arbeiten umfassen
volksliedartige Lyrik (Mein blaues Buch, 1909; Der kleine
Rosengarten, 1911), Tier- und Jagderzählungen (Mein grünes Buch,
1901; Mümmelmann, 1909; Auf der Wildbahn, 1912),
Humoresken (Der zweckmäßige Meyer, 1911), Romane (Der letzte
Hansbur, 1909; Der Wehrwolf, 1910; Das zweite Gesicht, 1911;
Die Häuser von Ohlenhof, postum 1917 veröffentlicht) und ein
Kriegstagebuch, das erst vor wenigen Jahren publiziert wurde. Der größte
Teil des Löns'schen Werkes lebt aus der „Verbundenheit mit Wald und
Tier, Sumpf und Heide“, aus der „abenteuernden und lyrischen Liebe zum
naturhaften Sein“ (Fritz Martini). Das Leben in der stadtfernen
Landschaft, insbesondere in der Lüneburger Heide, wird für Löns immer
wieder zum Modell des Lebens schlechthin, zum Orientierungspunkt seines
Weltverständnisses: sei es, daß er liebevolle Betrachtungen zum
ungestörten Idyll anstellt, sei es, daß er Gefährdungen und Zerstörungen
schildert. Im Wehrwolf, seinem wohl berühmtesten Roman, geht es
beispielsweise um das Schicksal eines Haidbauern während des
Dreißigjährigen Krieges: Lange ist er von den Schrecken der Zeit
verschont geblieben, aber dann brechen sie auch in sein Leben machtvoll
und schmerzhaft ein; der fast schon gebrochen erscheinende Mann rafft
sich jedoch wieder auf und betätigt sich bis zum Ende des Krieges als
Anführer einer gewalttätigen Schar mutiger Kämpfer, der „Wehrwölfe“. Daß
Löns in solchen Geschichten nicht allein Wert auf den begrenzten
historischen Ausschnitt legt, sondern auch auf Grundbefindlichkeiten des
menschlichen Lebens und der Welt, deutet schon der an die
Schöpfungsgeschichte erinnernde erste Satz des Romans an: „Im Anfange
war es wüst und leer in der Haide."
Es liegt geradezu auf der Hand, daß ein solches Werk später von der
Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus vereinnahmt und seine
Verbreitung auf vielerlei Weise gefördert wurde; man tut ihm wohl auch
nicht Unrecht mit der Feststellung, es habe diesem Vorgang weniger
Widerstand entgegengesetzt als die Schriften mancher anderen Autoren.
Aber man wird heute noch eine weitere Seite würdigen müssen: indem Löns
ein naturverbundenes, in gewissem Sinne zivilisationsfernes Leben zum
Ideal erkoren hat, widersetzt er sich indirekt auch jenen Zügen der
Zivilisation und des „Fortschritts“, dessen Schattenseiten uns
mittlerweile zunehmend deutlicher werden, handele es sich nun um die
Bedrohung der natürlichen Umwelt oder um Fragwürdigkeiten unseres
politisch-gesellschaftlichen Alltagslebens. Unter diesen Vorzeichen wäre
dann etwa der Wehrwolf-Führer nicht nur als vorwegnehmende Bestätigung
einer düsteren realgeschichtlichen Führergestalt zu sehen, sondern auch
als entfernter Verwandter des anarchischen Selbsthelfers Götz von
Berlichingen, der gegen allen Zwang der Umstände auf die Rechte des
Individuums pocht. Die Literaturwissenschaft und -kritik hat zu Hermann
Löns nicht viel zu sagen gewußt; man hat ihn in der Regel kaum beachtet
und dem Bereich der minderwertigen Unterhaltungs- und Trivialliteratur
zugeschlagen. Diese Kategorisierung mag, den ihr zugrunde liegenden
Maßstäben zufolge, vertretbar sein. Sie sollte aber nicht dauerhaft den
Blick trüben für die vielseitigen und – im besten Sinne –
herausfordernden Aspekte seines Werkes: für die erwähnten
Zwiespältigkeiten und für die da damit verbundenen denkwürdigen
Bewegungen eines Erzählers,
der gerade noch nüchtern Fakten zusammenstellt, dabei die Sorgfalt eines
Naturforschers anwendet und im nächsten Augenblick
hemmungslos fabuliert, stilisiert,
schwärmt, das Wesen des Menschen im Spiegel der Heidelandschaft zu
erfassen versucht. Wie groß die Diskrepanzen sind, mit denen Löns
arbeitet, macht exemplarisch noch einmal
der Wehrwolf sichtbar; hat er mit einer unmißverständlichen
Anspielung auf das Alte Testament eingesetzt, so endet er, im letzten
Satz, mit einem völlig andersartigen
Hinweis auf das Treiben seines Helden:
„(...) und als er nach Hause ging, flötete er das Brummelbeerlied.“
Werkausgaben:
Sämtliche Werke in acht Bänden. Hg. v. Friedrich Castelle. Leipzig
1923f. – Ausgewählte Werke. 5 Bde. Hg. v. Hans A. Neunzig. München 1986.
– Leben ist Sterben, Werden, Verderben. Das verschollene Kriegstagebuch.
Hg. v. Karl-Heinz Janßen und Georg Stein. Frankfurt a.M, Berlin
1988.
Lit.: Martin Anger: H.L. Schicksal und Werk aus heutiger Sicht. St.
Augustin, Bonn 1978. - Erwin Breitwieser: Der volkskundliche Ertrag der
Schriften von H.L. Gießen 1937. – Wilhelm Deimann: Der andere L.
Biographie. Münster, Hameln/Hannover 1965. – Johannes Klein: H.L. -
heute und einst. Versuch einer kritischen Einordnung. Hameln/Hannover
1966. – Uwe Kothenschulte: H. L. als Journalist. Dargestellt am Beispiel
seiner Tätigkeit bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ und bei der
„Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung“. Dortmund 1968. – Karl Erich
Loderhose: Die Landschaftsgestaltung in H. L.' Prosawerken. Diss.
Frankfurt a.M. 1930. – Marianne Weil: Der Wehrwolf. In: M.W. (Hg.):
Wehrwolf und Biene Maja. Der deutsche Bücherschrank zwischen den
Kriegen, Berlin 1986, 203-226.
Bild:
Gemälde von Wilhelm Kriechendorff. Historisches Museum Hannover.
Helmut Schmiedt
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