„Bald werden wir einen
von unsern besten alten Dichtern wieder unter uns aufleben
sehen. Zwei hiesige Gelehrte arbeiten an einer neuen Aussage
des Logau. Es kann leicht sein, daß ich Ihnen hier einen
ganz unbekannten Mann nenne. Dieser Zeitverwandte, und
Landsmann des großen Opitz, ist, wie es scheinet, nie nach
Verdienst gewürdigt worden, und noch ein halbes Jahrhundert
hin, so wäre es vielleicht ganz um ihn geschehen gewesen.
Kaum, daß unsere neuen Kunstrichter und Lehrer der Poesie
seinen Namen noch anführen; weiter führen sie auch nichts
von ihm an. Wie viele vortreffliche Beispiele hätten sie
nicht aus ihm entlehnen können“. Das schrieb Gotthold
Ephraim Lessing im 36. seiner „Briefe, die neueste
Literatur betreffend“ im Jahre 1759. Die beiden genannten
Gelehrten heißen Lessing und Karl Wilhelm Ramler. Ein
Jahrhundert nach dem Tode von Friedrich von Logau brachten
beide noch im Jahre 1759 eine Sammlung der Sinngedichte von
Friedrich von Logau heraus. Mit Recht gilt daher Lessing als
Entdecker des Werkes und der Größe dieses Werkes des hoch
geschätzten großartigen deutschen Epigrammatikers.
In
der „Geschichte der deutschen Literatur in Schlesien“,
verfaßt von Hans Heckel (1929 erschienen) heißt es:
„Friedrich von Logau ist vor Andreas Grypius der einzige
schlesische Dichter von Rang. Seine Bedeutsamkeit erhält er
nicht wie Martin Opitz durch seine historische Stellung,
sondern einzig durch sein Werk, so bescheiden es sich gibt.
Er hielt sich nicht für einen großen Dichter und war weit
entfernt, mit den Zünftigen um die Palme streiten zu wollen.
Er spricht einfach seine Meinungen und Ansichten in
poetischer Form aus.“
Im
Jahre 1968 veröffentlichte der an der Universität Breslau
lehrende polnische Germanist Marian Szyrocki eigens für die
Rowohlt-Verlags-Reihe „Deutsche Enzyklopädie“ „Die deutsche
Literatur des Barock“. Der hervorragende Kenner des Barock
schreibt: „Das Epigramm fand seinen Meister in Friedrich von
Logau. Der Dichter hält seiner Zeit einen Spiegel vor. Die
Fülle von Einfällen und Wortspielen, die Mannigfaltigkeit
der Formen, die Leichtigkeit der dichterischen Gestaltung
ist erstaunlich und oft mustergültig für den Barockstil im
engeren Sinn des Wortes“.
Die
Geburtsdaten von Martin Opitz 1597, Friedrich von Logau
1604, Daniel Czepko von Reigersfeld 1605, Andreas Gryphius
1616, alle mit dem Geburtsort in Schlesien, zeigen an, daß
diese Lebensläufe durch den Dreißigjährigen Krieg geprägt
worden sind, und wir dürfen sie zusammen die „Erste
schlesische Dichterschule“ nennen. Friedrich von Logau ist
als Sohn eines schlesischen Landedelmanns auf Gut Brockut im
Kreise Nimptsch am 24. Januar 1604 geboren. Der Einjährige
verlor bereits seinen Vater. Der einzige Sohn besuchte das
Gymnasium in Brieg, der Hauptstadt des gleichnamigen
Herzogtums. Früh schon bestanden Verbindungen zur Familie
des Herzogs Johann Christian, und Friedrich von Logau diente
der Herzogin als Page. Mit 21 Jahren begann er das Studium
der Rechtswissenschaft. Genannt wird die Universität Altdorf
nahe Nürnberg (sie bestand von 1623 bis 1809), andere
Quellen berufen sich auf die Viadrina in Frankfurt an der
Oder.
Als
Landedelmann wie sein Vater konnte er angesichts der
Verschuldung des Besitzes nicht überleben, sein Dienstherr
wurde der Herzog von Brieg. Mit 40 Jahren wurde er zum
Herzoglichen Rat ernannt und sorgte in dieser hoch
angesehenen Position für die Kanzlei und die Kammer. Als
sich die drei Söhne des Herzogs nach dessen Tod mit
Hofhaltung und Beamtenschaft auf drei unterschiedliche Sitze
trennten, wurde Liegnitz Sitz des Herzogs Ludwig IV. und
somit auch der Ort seiner wichtigen Stellung.
Ein
Jahr nach dem Umzug von Brieg nach Liegnitz ist Friedrich
von Logau, 51 Jahre alt, am 24. Juli 1655 gestorben, wie
berichtet wird an der Gicht.
Im
Jahre 1638 hatte Friedrich von Logau unter dem Namen Salomon
von Golaw (leicht als Logau zu entschlüsseln) „Zwei Hundert
Teutscher Reimensprüche“ veröffentlicht. 1654 folgte die
Sammlung „Deutscher Sinn-Getichte Drei Tausend“, erschienen
in Breslau. Zu Lebzeiten blieben die Epigramme und
Sinngedichte wenig beachtet, eine kaum bemerkte selektierte
Neuauflage hat es kurz nach der Jahrhundertwende gegeben,
und wenn nicht Gotthold Ephraim Lessing gewesen wäre, wäre
er wohl ganz vergessen worden.
Bis
in unsere Tage gibt es keine sich Bedeutung zusprechende
Anthologie des deutschen Gedichts, in der nicht Friedrich
von Logau präsent wäre. In der als Taschenbuch erschienenen
Sammlung „Deutsche Epigramme aus fünf Jahrhunderten“ ist
Friedrich von Logau der am häufigsten genannte Autor, es
sind über 90 Epigramme. Misslich ist jedoch, daß bei der
Wiedergabe der Epigramme gern diese nach ihrer zitierfähigen
Anwendbarkeit wie Liebe, Alter, Tod, Kampf, Vaterland
geordnet werden. Dadurch wird das Fluidum der gereimten
Sinngedichte zerstört. Bei Reclam in Stuttgart ist 1984 ein
wortgetreuer Nachdruck „Salomons von Golaw Deutsche
Sinn-Getichte Drey Tausend“ erschienen, doch ist die Lektüre
des Originals ob der Orthographie des 17. Jahrhunderts und
wegen nicht gleich zu begreifender Ausdrücke nicht leicht.
Im Anhang mußten Ausdrücke aus der griechischen und
römischen Mythologie erklärt werden.
Friedrich von Logau hat die Tage, weshalb die Sinngedichte
gelegentlich auch als ein Tagebuch interpretiert werden,
aufmerksam begleitet. Aus vielfacher Beobachtung und
aufgrund persönlicher Erfahrungen und Erlebnisse resultiert
zugleich das in seiner Zeit allgemein Gültige. Aber gerade
dieses gibt den Versen dauernde Glaubwürdigkeit bis in
unsere Tage. Die Zeitkritik wird nicht grimmig oder
polemisch vorgetragen, eher resignativ. So ist es halt, so
sind die Menschen, so verläuft mein Weg, diesem Geschick
haben wir uns alle zu stellen, wollen wir überleben.
„Heutige Weltkunst“ lautet die Überschrift des Sinngedichts:
„Anders sein und anders scheinen;/ Anders reden, anders
meinen;/ Anders loben, anders tragen;/ Alles heucheln, stets
behagen;/ Allem Winde Segeln geben;/ Bös’ und Gutes
dienstbar leben;/ Alles tun und alles Dichten/ Bloß auf
eigenen Nutzen richten;/ Wer sich dessen will befleißen/
Kann politisch heuer heißen“. Der redlich lebende
Biedermann, wo findet man ihn, so mag sich immer wieder der
Epigrammatiker gefragt haben, aber die Verhältnisse sind nun
einmal so, wie sie sind und die ich in Verse kleide.
Überzeitlich auch das Epigramm zu Freud und Leid des
Besitzers: „Wozu ist Geld doch gut?/ Wer’s nicht hat, hat
nicht Mut;/ Wer’s hat, hat Sorglichkeit;/ Wer’s hat gehabt,
hat Leid“.
Wiederholt münden die bitteren Beobachtungen der Mitmenschen
in dieser, und nicht nur in dieser seiner Zeit, trotz Neid
und Gehässigkeit, trotz Vorteilnahme und Ungerechtigkeit
erlösend im Vertrauen auf Gott, den Lenker und Richter. Aber
dieses feste Ruhen im Glauben an Gott hält Friedrich von
Logau nicht davon ab, zeitkritisch anzumerken „Lutherisch,
Päpstisch und Calvinisch, diese Glauben alle drei/sind
vorhanden; ist Zweifel, wo das Christentum denn sei“.
Nicht minder das Wort des aufklärerischen Skeptikers
gegenüber dem Frieden, dem Westfälischen Frieden von 1648,
nachdem er die Jahrzehnte des Krieges hat erleben und
erleiden müssen „Gewaffneter Friede“: „Krieg hat den
Harnisch weggelegt, der Friede zieht ihn an./ Wir wissen,
was der Krieg verübt; wer weiß, was der Frieden kann?“ Unter
dem Titel „Friede und Ruh“ heißt es „Die Ruh hat guten Fried
und Friede gute Ruh;/ Die Welt läuft immer noch im Kriege
zu“.
Dem
Modischen, den neuen französischen Sitten gilt sein Zorn,
und in vielen Versen wird Nachäffen gegeißelt, was
allerdings von heutigen Interpreten der Epigramme als eine
Deutschtümelei ausgelegt wird, ein kritisches Wort, das
unangebracht ist. Nationalbewußtsein, dies vor allem geboren
aus den Jahrzehnten des Dreißigjährigen Krieges, und
Gerechtigkeitssinn bestätigt ihm Marian Szyrocki in seiner
Darstellung des Barock. Zum Gerechtigkeitssinn kommt als
Ausdruck der Glaubwürdigkeit die Fülle kritischer Aphorismen
über das Leben am Hofe, hier konnte er aus eigener Erfahrung
als Beamter des Herzogs schöpfen. Man hat 200 Sinngedichte
gezählt, die sich mit dem Tun und Lassen auf dem Hofe
beschäftigen. Schon die Titel sind bezeichnend, die da
lauten: „Hofe-Leben, Hofe-Falschheit, Hofe-Füchse,
Hofe-Flöhe, Hofeläuse, Hofeschmarotzer“. Es sind kritische
Anmerkungen zum Alltag am Hofe. „Was dient bei Hofe am
meisten? Der Kopf? Nicht gar, die Zunge!/ Was dient bei Hofe
am treuesten? Das Herz? O nein, die Lunge“. Die Überschrift
lautet „Hofelehre“ mit diesem Text: „Wer bei Hofe dienen
will, will daselbst Gnad erringen,/ Wie muß der sich stellen
an, recht zu raten seinen Dingen?/ Ist er treu und redlich
gleich, dennoch ist er gar verloren,/ Alles ist gewonnen
dann, wenn er dient nur den Ohren“. Trotzig, klingt es über
den „Hofe-Wert“: „Bei Hofe ist mehr ein Pferd/ Als oft ein
Diener wert:/ Manch Diener kümmt gelaufen,/ Die Pferde muß
man kaufen“.
So
leben wir in meinen Jahrzehnten, einem kurzen Leben, das
Friedrich von Logau gegönnt war. Ihm geht es immer darum,
als Realist und zugleich als Skeptiker das Wort zu nehmen
und Zustände wie Verhältnisse so zu schildern, wie der
Dichter sie selbst erlebt und erfahren hat. Dazu die
Gewißheit: ändern wird sich an all dem nichts, wir müssen
die Welt so hinnehmen, wie sie ist.
Deshalb sind die Sinngedichte vielfach zu Weisheiten
geworden, die über die Jahrhunderte auch heute gelten. Man
kann behaupten, was aber nicht abschätzig gemeint ist,
Friedrich von Logau sind in seinen Gedichten für den Alltag
Kalendersprüche, jederzeit anwendbar, Dichtungen für
jedermann, zitierungswürdig, gelungen.
Die
überzeitliche Geltung wird nicht gemindert, wenn das
Schlesische in den Epigrammen entdeckt wird. Hans Heckel
schrieb in seiner „Geschichte der deutschen Literatur in
Schlesien“: „Die schlesische Stammesart bekundet sich in dem
liebenswürdigen heiteren, harmonisch geklärten Wesen des
Mannes, den erst trübe Erlebnisse und der Anblick des
allgemeinen Niedergangs zum zürnenden und strafenden
Sittenrichter machte. Er ist kein geborener Melancholiker
wie Andreas Gryphius. Und dabei mildert die feine,
geistsprühende Ironie, dessen erster Meister im deutschen
Schrifttum er ist, die Wucht auch der härtesten Anklagen“.
Ein
kluger Kopf hat seine Zeit, und es ist immer wieder auch
unsere Zeit, erfahren und kritisch begleitet. Schön und
liebenwert, daß ein Dichter diese Beschreibung der Zeit und
die Kritik an dieser in wohlgesetzter, das heißt
rühmenswerter Poesie darbietet. Der Superlativ, den Lessing
gesprochen hat, sei gern wiederholt, er nannte Friedrich von
Logau „einen von unseren besten alten Dichtern“.
Bild:
Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen.
Herbert
Hupka