Ernst
Wilhelm Lotz
gehört zu
jener Gruppe
junger
Dichter und
Künstler,
die gleich
zu Beginn
des Ersten
Weltkriegs
dessen Opfer
wurden. Er
gehörte zu
jener
Generation
feinnerviger
junger
Lyriker, die
das nahende
Ende der
Epoche der
Leere und
Scheinsicherheit
spürten, in
die sie
hineingeboren
waren, und
deren
idealistisch-vage
bzw.
extrem-revolutionäre
Sehnsüchte
von einer
gewaltigen
Explosion
„das Neue“
erhofften,
den neuen,
den freien
Menschen —
eine die
Expressionisten,
denen Lotz
zuzurechnen
ist,
insgesamt
charakterisierende
Grundhaltung.
Für Ernst
Wilhelm Lotz,
den Sohn
eines häufig
versetzten
Kadettenhausprofessors,
der zur Zeit
der Geburt
dieses 2.
Sohnes in
Kulm an dem
dort 1776
von
Friedrich
dem Großen
gegründeten,
zum
1.10.1890
nach Köslin
verlegten
Kadettenhaus
wirkte: für
Ernst Wilh.
Lotz wurde
erst „das
kleine
holsteinische
Städtchen
Plön Heimat,
die haften
blieb“, für
10 Jahre,
bis 1910
(nach
Mitteilung
der
Schwester
Hildegard).
Dort
besuchte er
das
Gymnasium
und das
Kadettenhaus,
erhielt
seine
abschließende
militärische
Erziehung in
der
Haupt-Kadettenanstalt
Berlin-Lichterfelde
(1906-08).
Noch mit 18
Jahren wurde
er Fähnrich
im 4.
Unter-Elsäss.
Inf.-Regt.
Nr. 143; mit
20 Jahren,
nach dem
Besuch der
Kriegsschule
in Kassel,
Leutnant im
selben
Regiment, in
Straßburg.
Schon Ende
September
1911 nahm
der zunächst
vom
Offiziers-Dasein
Begeisterte
seinen
Abschied vom
Militär,
denn „die
Welt seiner
Träume gab
ihm Hunger
nach
Gestaltungskraft
und Erleben
von Dingen
anderer Art“
(Hildegard
Lotz).
Er ging nach
Berlin, wo
er für kurze
Zeit
Lehrling in
einer
Buchhandlung
war und eine
Handelsschule
besuchte, im
Frühjahr
1912 nach
Hamburg,
trat dort
als Volontär
in eine Im-
und
Exportfirma
ein. Wie
schon in
Berlin
entstanden
auch hier
Prosaskizzen.
Es hielt ihn
nicht lange
in der Enge
eines
Büroberufs.
Im Juni 1913
kehrte er
nach Berlin
zurück, um
als freier
Schriftsteller
zu leben,
schloß dort
Freundschaft
mit dem
Maler,
Graphiker
und
Schriftsteller
Ludwig
Meidner
sowie mit
dem
revolutionären
Pazifisten
Kurt Hiller,
wurde mit
dem Lyriker
Ernst
Stadtler
bekannt. Im
Sommer 1913
erschien die
schmale
Gedichtsammlung
„Und schöne
Raubtierflecken
... Ein
lyrisches
Flugblatt“,
außer
Gedichtveröffentlichungen
in
avantgardistischen
Zeitschriften
Lotzens
einzige
Publikationen
zu
Lebzeiten.
Der
Nachlaßpfleger
Hellmut
Draws-Tychsen
(aus Elbing,
+ 1973),
besorgte 55
Jahre später
eine 2.
Auflage
(München
1968), um
drei noch
von Lotz
selbst
ausgesuchte
Gedichte
vermehrt und
mit
Bibliographie
sowie
weiteren
Materialien
versehen.
Mit dem
Maler-Freund
Meidner
verbrachte
Lotz 1914
einige
Monate
euphorisch-kreativer
Künstlergemeinschaft
in Dresden,
begann auch
selbst zu
zeichnen.
Das Projekt
der Freunde,
eine
progressiv-provozierende
Kunstzeitschrift
zu gründen,
scheiterte
am Ausbruch
des Ersten
Weltkriegs,
der für Lotz
die
Einberufung
als
Reserve-Offizier
zu seinem
alten
Regiment und
ihn zum
Fronteinsatz
nach
Frankreich
brachte. Die
Feldpostbriefe
an seine
Frau Henny
(oo
März 1914)
dokumentieren
ernste
Vaterlandsbegeisterung,
aber auch
Entsetzen
„über die
Schrecken
und Greuel
des
Krieges“. Am
26. 9.1914
fiel Ernst
Wilhelm Lotz
als
Kompanieführer
und
„Kommandant
eines
befestigten
Stützpunktes“
(so am Tag
vor seinem
Tod im
letzten
Feldpostbrief
an seine
Frau) am
Chemin des
Dames bei
der Ferme
d'Hurtebise
(15 km
südöstl.
Laon), wo
100 Jahre
zuvor
Napoleon die
Alliierten
geschlagen
hatte. Am
selben Tage
fielen auch
der
ebenfalls in
Kulm
geborene
Hermann Löns
(beim
Angriff auf
Reims) und
im
Champagne-Dorf
Perthes-lés-Hurlus
der Maler
August
Macke. Ernst
Wilhelm Lotz,
„Feurigster,
Beschwingtester,
Schwärmerischster
der Jungen“
(Albert
Soergel
1925), „eine
treffliche
Ergänzung
Georg
Trakls“
(Dieter
Hoffmann
1960), war
ein
ekstatischer
Hymniker der
Vitalsphäre
und ein
rauschhafter
Verkünder
begeisterter
Zukunftsvisionen.
Sein Gedicht
„Aufbruch
der Jugend“
wurde als
programmatisch
empfunden.
„Hätte er
überlebt –
er wäre
fraglos
Mitträger,
vielleicht
Führender
einer
fortschrittlichen,
einer sehr
sozialen und
radikal-freiheitlichen
Bewegung
geworden.
Als er fiel,
starb mit
ihm ... das
geniale
Projekt
eines
zugleich
tropen-üppigen
und
polito-rationalen
utopischen
Romans“
(Kurt Hiller
I960), von
dem nur
wenige
Skizzen
existieren.
Zwei Jahre
nach seinem
Tod gab
seine Witwe
ein Bändchen
von 40 von
ihm selbst
noch im
Sommer 1914
für den
Druck
zusammengestellter
Gedichte
heraus:
„Wolkenüberflaggt“
(= 36. Bd.
d. Bücherei
„Der jüngste
Tag“,
Leipzig
1916). Lotz
hat auch
Gedichte von
Verlaine
sowie
Rimbauds „Bateau
ivre“ (Das
trunk‘ne
Schiff)
übertragen.
Eine Ausgabe
seines
Gesamtwerks
liegt noch
immer nicht
vor.
Weitere
Werke und
Ausgaben:
Prosaversuche
und
Feldpostbriefe.
Aus dem
bisher
unveröffentlichten
Nachlaß,
hrsg. v. H.
Draws-Tychsen,
Dießen vor
München 1955
(mit
Materialien);
Wolkenüberflaggt,
in: Mynona,
Schwarz-weiß-rot:
Grotesken (=
„Der jüngste
Tag“, Bd. 3,
Frankf./M.
1981 =
Nachdr.
eines Teils
v.Bd. l der
Faks.-Ausg.
„Der jüngste
Tag. Die
Bücherei
einer
Epoche“,
Frankf./M.
1970);
ungedruckte
Gedichte und
Übertragungen.
Lit. u.
Quellen:
Briefe von
Martin
Luserke u.
Ludwig
Meidner v.
9.9.1963
bzw. 31.
5.1964 an d.
Verf. (beide
unveröff.);
H. Kohtz, In
memoriam
Ernst
Wilhelm Lotz.
Zu seinem
50.
Todestag,
in:
Westpr.-Jg.
1964
(Münster/Westf.
1963); NDB
15 (Bln.
1978), S.
251 f. (mit
umfangr.
Lit.-Ang.);
Dt. Lit.-Lex.
(begr. v. W.
Kosch,3.,
völlig neu
bearb.
Aufl.) 9
(Bern u.
M'chen
1984), Sp.
1698 (m.
Lit.-Ang.).
Harald Kohtz