„Du bist der Stern, der voller
Pracht erst flimmert,
Wenn er durch finstre Wetterwolken bricht.“
Mit diesen Worten beschreibt der
Dichter und preußische Offizier Heinrich von Kleist im Jahre 1810,
dem Todesjahr der Königin Luise, seine Landesmutter, und er drückte
damit ein weit verbreitetes Gefühl der respektvollen Hinneigung
gerade der damals jüngeren Generation für die dann bald, erst
34-jährig, Verstorbene aus, woraus sich in der Folgezeit eine fast
schwärmerisch zu nennende Verehrung, wenn nicht gerade ein
regelrechter Kult zu entwickeln begann. Königin Luise wurde zur
Symbolfigur Preußens, zum Kristallisationspunkt all der
Eigenschaften und Charakteristika, die anstelle des groben
Umgangstones und der derben Vergnügungen des „Soldatenkönigs“ und
als Kontrast zur feinen Kultiviertheit und frankophil geprägten
Genialität Friedrichs des Großen traten. Dem 19. Jahrhundert in
seiner Verbindung von Romantik und Nationalgefühl, von
Bürgerlichkeit und Ordnungssinn waren Luise und ihr Gemahl, der
schlichte Friedrich Wilhelm III., allemal näher als die Herrscher
des 18. Jahrhunderts, die, wenngleich hoch geachtet, doch einer
anderen Welt anzugehören schienen. Sanssouci mag Ort der
ehrfürchtigen Erinnerung an Preußens großen König gewesen sein, das
fast kaum als „Schloss“ zu bezeichnende Paretz lag der
Befindlichkeit des Bildungsbürgertums näher.
Freilich war Luise weniger Akteur
und schon gar nicht Gestalter der Epoche, der sie ihren Stempel
aufzudrücken schien. Ihr Verdienst bestand darin, einfach da zu sein
und diejenigen gewähren zu lassen, die die Geschicke in Händen
hielten, dabei treu zu Gatten und Vaterland haltend, die beide aus
recht weiter Ferne zu kommen schienen.
Obgleich Tochter des Prinzen Karl
Ludwig von Mecklenburg-Strelitz und seiner Gemahlin Friederike,
wurde sie nicht in der Heimat des Vaters, sondern in Hannover
geboren, wo dieser als Generalmajor in Diensten des dortigen
Kurfürsten, in Personalunion König von Großbritannien, stand. Nach
dem Tod der Mutter 1782 und dem der Stiefmutter 1785 wurde Luise zur
Erziehung an den Hof der Landgrafen von Hessen-Darmstadt geschickt
und wuchs unter Aufsicht ihrer Großmutter, der Landgräfin Luise,
seit 1787, dem Jahr, in dem er aus bislang ungeklärten Gründen den
Dienst quittierte, auch wieder des Vaters, auf. Der Bildungsgang
blieb allerdings ein recht rudimentärer, Luise musste sich später
das hier versäumte in autodidaktischer Manier und im Umgang mit
gebildeten Personen selbständig aneignen. Allerdings war die
Atmosphäre in Darmstadt eine zwar vom lutherischen Protestantismus,
freilich dessen eher pietistischer und weniger orthodoxen Spielart,
geprägte, aber doch genügend Freiraum gewährende. So wuchsen Luise
und ihre zwei Jahre jüngere Lieblingsschwester Friederike
ungezwungen auf und konnten sich ihre natürliche Heiterkeit,
Direktheit und Offenherzigkeit unverstellt durch höfische Etikette
und Manieren erhalten.
Mit Ausbruch des ersten
Koalitionskrieges 1792 sollten sich nicht nur in Europa
weitreichende Veränderungen ergeben, auch das Leben Luises erfuhr
hier eine Weichenstellung. Hatte sie zunächst an den
Krönungsfeierlichkeiten für Kaiser Leopold II. in Frankfurt
teilgenommen, floh sie infolge des sich an die „Kanonade von
Valmy“ im September anschließenden Vorstoßes französischer
Truppen an den Rhein ins thüringische Hildburgshausen und kehrte
erst im Frühjahr 1793 nach Darmstadt zurück. Auf diesem Rückweg in
Frankfurt, damals Hauptquartier der preußischen Einheiten unter dem
persönlichen Befehl König Friedrich Wilhelms II., Station machend,
lernte sie am 15. März 1793 auf einem Ball dessen ältesten Sohn, den
Kronprinzen Friedrich Wilhelm kennen.
Da der König ohnehin nach
geeigneten Kandidatinnen für eine Vermählung seiner Söhne Ausschau
hielt, kam ihm die zwischen Luise und Friedrich Wilhelm sich
augenblicklich einstellende Hinneigung sehr entgegen, und bereits am
10. April 1793 fand in Darmstadt die Verlobung nicht nur des
Kronprinzen mit Luise, sondern auch von deren Schwester Friederike
mit Friedrich Wilhelms Bruder Louis statt. Bis zur Hochzeit, die
dann am 24. Dezember 1793 in Berlin stattfand, mussten sich die
Verlobten freilich zunächst wieder trennen, denn der Kronprinz
reiste zur Armee, um sein Kommando, den Oberbefehl über die
Belagerungstruppen vor der Festung Landau, zu übernehmen, und Luise
bereitete sich mit Unterricht in höfischer Etikette durch ihre
Großmutter auf das Leben in der preußischen Residenz vor.
Dort wurde ihr als
Oberhofmeisterin die spätere Gräfin Sophie Marie von Voß beigegeben,
zu der sie bald ein Herzensfreundschaft mit mütterlicher
Anhänglichkeit verbindendes, recht enges Verhältnis pflegte.
Trotzdem gestalteten sich die ersten Jahre in Preußen recht
schwierig, da Luises ungezwungene Art des Öfteren in Konflikt mit
den Vorstellungen von zeremoniellem Verhalten am Hof geriet. Gerade
ihre Schwiegermutter, Königin Friederike Luise, im übrigen auch eine
Prinzessin aus dem Hause Hessen-Darmstadt, aber auch König Friedrich
Wilhelm II., bei aller Lebenslust doch auf seine und seines Hofes
Würde bedacht, wiesen Luise das eine über das andere Mal auf ihre
Rolle als Gattin des Kronprinzen und ein dementsprechendes Auftreten
hin.
Mit ihrem Gatten lebte sie dabei
in herzlicher Zuneigung abwechselnd im Kronprinzenpalais „Unter
den Linden“ und in Potsdam, immer unterbrochen von dienstlichen
Abwesenheiten Friedrich Wilhelms bei der Armee, wie etwa 1794, als
der Kronprinz mit der Armee an der Niederschlagung des polnischen
Aufstandes mitzuwirken hatte. Zeugnis dieser harmonischen Beziehung
ist der mit der Geburt des späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. am
15. Oktober 1795 einsetzende Kindersegen des kronprinzlichen Paares,
das insgesamt zehn Nachkommen zählt, von denen freilich drei sehr
früh starben.
Im gleichen Jahre 1795 erwarb der
Kronprinz auch das Landgut Paretz, das von da an der bevorzugte
Aufenthaltsort der Familie werden sollte. In seiner bürgerlichen
Idylle inmitten einer Landwirtschaft vor den Toren Berlins wurde
Paretz das Symbol des Behaglichkeit mit Gewerbefleiß,
Zurückgezogenheit mit Gastlichkeit und Bescheidenheit mit Würde
verbindenden neuen, zunehmend auch adeligen Lebensstils in Preußen.
Das mitunter, gerade unter Friedrich Wilhelm II., recht frivole, von
Aufklärung und Mystizismus, von Frankophilie und einer gewissen „décadence“
geprägte höfische Leben in Berlin und Potsdam sollte sich, nach der
Thronbesteigung des Kronprinzen am 16. November 1797, sehr bald nach
dem Paretzer Muster wandeln.
Im Jahre 1798 unternahm das
Königspaar die obligatorische Huldigungs- und Krönungsreise durch
die östlichen Teile der Monarchie, der 1799 eine Reise in den Westen
folgte, und es war insbesondere Luise, die durch ihre „Bürgernähe“
groß und klein begeisterte. Das kantige, scheue und auch recht
gehemmte Wesen des Königs hätte alleine wenig Sympathie erweckt, da
man Zurückhaltung leicht mit Arroganz, Unbeholfenheit leicht mit
Weltfremdheit hätte verwechseln können, aber die ungekünstelte
Erscheinung der Königin gewann schnell die Herzen der Untertanen.
Das einzige größerer, allerdings mittel- und langfristig größere
Bedeutung entfaltende politische Ereignisse der sich bis 1804
erstreckenden „stillen Jahre“ des eher privaten Glücks des
königlichen Paares stellte ein Treffen mit Zar Alexander I.
von Russland 1802 in Memel dar.
Dieses allerdings legte in der Freundschaft der beiden Monarchen und
insbesondere der hohen Wertschätzung des Zaren für Königin Luise den
Grund für die spätere Waffenbrüderschaft Preußens mit Russland, die
letztlich als zentrale
Achse ausschlaggebend für den Erfolg der Allierten in den
Befreiungskriegen werden sollte.
Mit der Kaiserkrönung Napoleons
1804 und bereits ein Jahr zuvor mit den territorialen Umwälzungen in
Deutschland durch den Reichsdeputationshauptschluss veränderte sich
jedoch auch für Preußen, dem es bis dahin gelungen war, sich im
außenpolitischen Windschatten auf die innere Entwicklung des Staates
zu konzentrieren, die Situation grundlegend. Napoleon duldete keine
Neutralität und drängte Preußen zu einem Bündnis. Am Hof bildeten
sich diverse Parteiungen, die alle Friedrich Wilhelm dahin zu
überzeugen suchten, allein ihr Konzept sei das richtige. Luise
wankte nie in ihrer Abneigung Napoleons, sie suchte die Kräfte zu
unterstützen, die in einem Waffengang an der Seite der anderen
antirevolutionären Kräfte, allen voran Russland und Großbritannien,
der Gefahr, die von Frankreich ausging, so früh wie möglich
entschlossen entgegenzutreten trachteten und zugleich eine innere
Restrukturierung Preußens anstrebten. In der Regierung drang sie mit
dieser Position aber nicht durch, man lavierte und verhandelte nach
allen Seiten, bis Preußen 1806 schließlich Frankreich isoliert
gegenüberstand und bei Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen
wurde. Erst nach der Niederlage, der im Frieden zu Tilsit am 9. Juli
1807 Preußen, trotz einer auf Milderung der Bedingungen seitens der
Königin hinzielenden, ihr große Überwindung abverlangenden
Begegnung mit Napoleon, territorial, machtpolitisch und
wirtschaftlich auf den Rang einer Mittelmacht herunterdrückte,
besann man sich der Position Luises.
Dem Zusammenbruch des „alten
Preußen“, während dessen sich
insbesondere die völlige Überforderung der führenden Schichten
zeigte, folgte nicht nur, nach einer winterlichen Flucht des
Hofes über Küstrin und Königsberg bis nach Memel, ein Ortswechsel,
da der Hof zunächst hier, später in Königsberg Quartier nahm,
sondern auch ein Politikwechsel. Unter dem Freiherrn
von und zum Stein und dann unter
Karl August von Hardenberg, Luises besonderem Protegé, kamen die
Reformen zustande, die
dann Preußen zukunftsfähig machten und seinen Wiederaufstieg zur
europäischen Großmacht begründeten.
Von all dem hat Königin Luise nur
die Anfänge gesehen. Auf der Flucht im Winter 1806/07 an Typhus und
einer Lungeninfektion schwer erkrankt, erholte sie sich nie mehr
ganz von den Strapazen, zumal sie sich nicht schonte, sondern ihr
ganzes Gewicht zugunsten der Reformpartei in die Waagschale zu
werfen sich bestrebte. Am 23. Dezember 1809 erlebte sie noch die
triumphale Rückkehr des Hofes nach Berlin, bei einem Besuch von
Verwandten im Sommer 1810 verschlechterte sich dann ihr
Gesundheitszustand rapide. Im Beisein ihres Gatten sowie der Prinzen
Friedrich Wilhelm, des späteren Königs Friedrich Wilhelms IV., und
Wilhelm, des späteren Kaisers Wilhelm I., verschied Königin Luise am
19. Juli 1810 um 9.00 Uhr auf Schloss Hohenzieritz und wurde, von
der Bevölkerung tief betrauert, in einem Leichenzug nach Berlin
überführt, wo sie in einem vom Friedrich Wilhelm III. selbst
entworfenen und von Schinkel ausgeführten Mausoleum im Park von
Schloss Charlottenburg ihre letzte Ruhe fand.
Lit.: Paul Bailleu,
Königin Luise. Ein Lebensbild, 3. Aufl. Berlin 1926. – Jan von
Flocken, Luise. Eine Königin in Preußen, Berlin 1989. – Paul
Gärtner/ Paul Samuleit (Hrsg.), Luise – Königin von Preußen. Ein
Lebensbild in Briefen und Aufzeichnungen, Berlin 1910. – Stefan
Gläser, Königin Luise von Preußen, in: Jürgen Bialuch (Hrsg.),
Gestalten um Königin Luise. Biographische Skizzen, Band 1 (= Königin
Luise in Zeit und Geschichte, Band 1), Reutlingen 1996, S. 6-41. –
Heinz Ohff, Ein Stern in
Wetterwolken. Königin Luise von Preußen. Eine Biographie,
Taschenbuchausgabe 3. Aufl. München/ Zürich 1992.
Bild:
Zeichnung von Johann Gottfried
Schadow 1802, Stuttgart, Staatsgalerie.
Bernhard
Mundt