In
der sowjetischen Publizistik – nicht gerade bekannt wegen
kritischer Fehden zwischen Autoren – trat 1987 ein Kandidat
der Geschichtswissenschaften, Lew Malinowski, dem
bekanntesten lebenden sowjetdeutschen
Literaturwissenschaftler, Woldemar Ekkert, entgegen. Scharf
kritisierte er dessen zusammenfassende Darstellung des
Wirkens der deutschen bzw. deutschsprachigen Autoren des
Russischen Reiches und der Sowjetunion, die angesichts der
unterschiedlichen Entwicklungen in den voneinander
abgeschiedenen Siedlungsgebieten auf jegliche Periodisierung
verzichtete. Es entzündete sich hieran eine noch jahrelang
andauernde Debatte, an der sich auch namhafte
russlanddeutsche Autoren, wie etwa Alexander Hasselbach,
beteiligten.
Malinowski indes argumentierte vom Standpunkt des
Historikers aus, der damals seit mehr als 25 Jahren
kontinuierlich an einer Geschichte der Russlanddeutschen bis
zur Oktoberrevolution arbeitete. 1925 in Moskau geboren,
erlernte Malinowski Deutsch als Mitarbeiter der sowjetischen
Militäradministration in Schwerin in Mecklenburg, studierte
dann Germanistik und entschloß sich schließlich, über die
Geschichte der „Sowjetdeutschen“ zu arbeiten – was fast
unmöglich erschien, da der Übergang von einer Fakultät der
Philologischen zu einer anderen Fakultät, der Historischen,
im sowjetischen Studiensystem nicht vorgesehen war. So wurde
sein Thema in Moskau abgelehnt, und lediglich in Tomsk
angenommen, wo es Malinowski schließlich gelang, eine
Aspirantur für Geschichte der Rußlanddeutschen zu erhalten.
Es fehlten jedoch weitgehend die wissenschaftlichen
Betreuer, da seinem Thema bislang keine Aufmerksamkeit
geschenkt worden war.
Neben seiner Arbeit an der Pädagogischen Hochschule in
Barnaul im Altai leitete Malinowski regelmäßig Kurse in
rußlanddeutscher Geschichte. Seine „Streiflichter aus der
Geschichte der Sowjetdeutschen“ erschienen bereits 1971 in
der Zeitschrift „Neues Leben“. Die Hochschulen Omsk,
Koktschetow und Nowosibirsk lehnten seinen Vorschlag ab,
entsprechende Kurse an den dortigen germanistischen
Lehrstühlen anzubieten, obgleich dies dem Wunsch vieler
Lehrer und Studenten entsprochen hätte – verfügten doch
selbst die meisten angehenden Muttersprachlehrer kaum über
die bescheidene Kenntnisse der Geschichte ihrer Vorfahren.
Immerhin gelang Malinowski 1989 die erfolgreiche
Verteidigung seiner Dissertation „Das soziale und
wirtschaftliche Leben der deutschen Kolonisten in Südrußland
(1762-1917), aus der Einzelergebnisse bereits 1981-1983 und
1988 in der Zeitschrift „Heimatlichen Weiten“ veröffentlicht
worden waren. Das „Neue Leben“ hob in seiner
Beglückwünschung der Verteidigung hervor, daß dies seit
Jahrzehnten die erste Doktorarbeit zur Geschichte der
Russlanddeutschen sei.
Malinowski wirkt auch heute noch – trotz seiner 80 Jahre –
unentwegt weiter im Altai-Gebiet hinter dem Ural, wo im neu
gegründeten deutschen Rayon Halbstadt viele aus Zentralasien
zugewanderte Russlanddeutsche – mit tatkräftiger Hilfe der
Bundesrepublik Deutschland – eine neue Heimat suchen. Lew
Malinowskis identitätsfördernde Geschichtsforschung erhält
in diesem Zusammenhang einen ganz neuen Stellenwert.
Ingmar
Brantsch