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In
seinem Gedichtband
„Räuber-Requiem“ legte der Dichter Alfred Marnau im Zyklus „Preßburgische
Lebenszeichen“ ein Bekenntnis zu seiner Vaterstadt ab, der alten
ungarischen Krönungsstadt an der Donau, die er noch in ihrem
Spannungsreichtum und kulturellen Wettbewerb erlebte – mit fast je einem
Drittel deutscher, magyarischer und slowakischer Bevölkerung,
eingeschlosssen den kulturtragenden jüdischen Anteil. Für das Gedicht
„Die vier Tore“ gilt die Wertung, die beim Erscheinen des mit ein
Porträt des Dichters von Oskar Kokoschka versehenen Buchs schrieben
wurde: „Alfred Marnau fand zu großem Gesang, zu Pathos, Rührung und
Rühmung ohne abgegriffene Sprachbilder, ohne lyrische Klischees und
Phrasen. Hier ist das Seltene Ereignis geworden: Ein Dichter, der nicht
zaghaft experimentierend in Literatur eintritt. Hier spricht eine
leidgeläuterte Stimme von den Untergängen Europas in großen
Gleichnissen – aber nicht nun den Untergängen, auch von der Hoffnung,
der Größe und der Zukunft.“
Der
1938 aus Wien nach London emigrierte Preßburger
wurde als Germanist tätig. In seinen Gedichten hat er immer wieder seine
Lebenserfahrung in Bilder umgesetzt. Ein „Märchen unserer Zeit“ hat
Marnau den elegischen, realistisch romantischen, zeitsymbolischen Roman
„Das Verlangen nach der Hölle“
genannt. Hans Eberhard Friedrich hat ihn in seiner Besprechung „Dichtung
über den Sinn des Lebens. Drei große Prosawerke“ im Literaturblatt der
„Neuen Zeitung“ vom 20.12.1952 vor Hemingways „Der alte Mann und das
Meer“ und William Goyens „Haus aus Hauch“ gestellt.“ Er resümierte:
„Neben Thomas Manns „Erwähltem“ ist Marnaus Roman einer der
ernsthaftesten, die seit 1945 in deutscher Sprache geschrieben wurden.“
Marnau hat seinen Roman in dreimal sieben Kapiteln streng gebaut; die
Hauptabschnitte tragen die Titel: „Die Triumphierenden“, „Die
Verfolgten“, „Die Überlebenden“. Das Geschehen ist in die Zeit um den
Schluß des letzten Krieges an ein in sagenhafter Umgebung und Stimmung
getauchtes Duino gelegt, das mit dem gleichnamigen Ort und Schloß Rilkes
bei Triest so manches gemeinsam hat, doch kommt es hier mehr auf die
inneren Zusammenhänge an. Marnau stellt im Schloß und Kloster seine
abendländische, sich aus Menschen verschiedener Nationen
zusammensetzende Elite der von einem Emporkömmling (einem aufgeblasenen
und brutalen, dummen Briefträger) verführten und geknechteten Masse
entgegen. Sonderbare, ins Geheimnis getauchte Dinge geschehen in diesem
Buch mit seinen außergewöhnlichen Gestalten, von denen nur drei die
Wirren überleben. Aber sie gehen durch die Flut mit einem Heldentum, das
seinen Glanz nicht von der Phrase, sondern vom inneren Gewicht her
bekommt. In der Mitte des Buches steht die Predigt des verfolgten Abtes
Ambrosius. Der geistige und dramatische Höhepunkt des ganzen Gefüges ist
diese Predigt, die um die Leiden unserer Zeit weiß, um ihre
Versuchungen, um die Notwendigkeit, von wenigen bestanden zu werden,
wenn auch die Masse zu feige ist oder keine Ahnung von der Tragweite
hat. „Fürchtet Euch also nicht!“ heißt es da. „Fürchtet nicht die
Verfolgung und erst recht nicht den Tod, sondern verlanget danach, beide
zu bestehen.“
Adam
Galganleugul, die meist stumme Hauptgestalt, zieht sich zurück
in die Nähe Brügges und beobachtet von dort die Welt, es heißt von ihm,
damit schließt dieses seltsame, schöne, hochbedeutsame Buch: „Er sah die
unermüdlichen, sonntägig gekleideten Waisenkinder die Domstufen
ersteigen. Das Schild des Krämers schaukelte im Winde und knarrte
regelmäßig wie eine Uhr. Dies erinnerte ihn, daß er hierzulande im Ruf
eines pünktlichen Zahlers stand, und er lächelte. Sonst hatte er nichts
auszuweisen. Sein Ansehen war gering. Er galt wie einer, der völlig
ausgeräumt ist, und eben darin irrten sich die Leute.“ Man möchte diesem
offenen Schluß in Gedanken so etwas wie Shakespeares „Bereit sein ist
alles“ anfügen.
Im
Ostdeutschen Almanach der Künstlergilde
„Erbe und Auftrag“, Augsburg 1960, stehen drei schöne,
knappe, auch heute
richtungweisende Beiträge von
Marnau: Der Kurzessay „Der heimatverwiesene
Künstler“ und die Gedichte „Zur
Hälfte ist das Jahrhundert schon
um“ (für Olga und Oskar
Kokoschka) und „Vor den Feuern
dieses Winters“ (für Senta).
Zu
Marnaus Arbeiten sind vor allem noch die
Übersetzung von
John Websters Trauerspiel „Die
Herzogin von Amalfi“ und in den
Veröffentlichungen der
Darmstädter Akademie für Sprache und
Dichtung die Herausgabe des Nachlasses des
österreichischen
Dichters Jesse Thor zu erwähnen.
Lit.: Gesammelte Gedichte 48, Der steinerne Gang, R. 48, (Neuaufl. 85); Das
Verlangen nach der Hölle, 52, 56
(auch engl., ital.); Räuber-Requiem, G. 61.
Ernst Schremmer
(1988)
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