Friedrich
August
Ludwig von
der Marwitz
war preußischer
Offizier,
Gutsbesitzer
und
Politiker
und gilt als
Vorläufer
der
preußischen
Konservativen.
Seine
Anschauungen
entstanden
in der
unmittelbaren
Auseinandersetzung
mit den
politischen
und
gesellschaftlichen
Veränderungen
seiner Zeit.
In Berlin am
29. Mai 1777
geboren und
aufgewachsen
im
friederizianisch
geprägten
Preußen,
geriet er in
das
Spannungsfeld
zwischen
Alt-Preußentum
und
Stein-Hardenbergschen
Reformen.
Verständlich
wird sein
Denken und
Handeln vor
dem
Hintergrund
seiner
Herkunft aus
dem
Junkertum
und der
Verwurzelung
in
agrarisch-patriarchalischen
Strukturen.
Sein Vater
war
Kammerherr
und Hofmarschall,
seine Mutter
entstammte
einer
angesehenen
Refugié-Familie.
Französisch-rationalistisch
erzogen, im
Geist
gewissenhafter
Pflichterfüllung
und treuer
Ergebenheit
gegenüber
dem
Königshaus,
wurden
Marwitz
Staat und
Person
Friedrichs
des Großen
zum Maßstab.
Das
ländliche
Leben auf
dem
Rittergut
Friedersdorf
bei Küstrin
im
Bewußtsein
natürlich
gewachsener,
unlösbarer
und
gottgegebener
Abhängigkeiten
von Herr und
Untertan
formte
Marwitz'
Bild einer
ständischen
Ordnung.
Im 14.
Lebensjahr
trat Ludwig
v.d. Marwitz
in das
renommierte
Regiment
Gens d'armes
ein. Er
wurde ein
hervorragender
Reiter und
bemühte
sich neben
dem Dienst
zielstrebig
um die
Verbesserung
seiner
Bildung.
Umfassende
Geschichtsstudien
verhalfen
ihm zu
politischen
Einsichten
und
Urteilsvermögen.
1802
quittierte
er den
Dienst und
ließ sich in
Friedersdorf
nieder, das
er nach dem
frühen Tod
seines
Vaters
geerbt
hatte. Er
heiratete
Gräfin Fanny
Brühl, eine
Enkelin des
sächsischen
Premierministers,
die jedoch
1804 nach
der Geburt
des ersten
Kindes
starb.
Erschüttert
und
vereinsamt,
widmete sich
Marwitz ganz
der Arbeit
auf dem Gut.
Er setzte
die
Schulpflicht
für die
Kinder
seiner
Bauern durch
und bewies
Mut und
Unternehmergeist
bei der
Einführung
neuer
Methoden in
der
Landwirtschaft.
Fortschrittliches
Denken
einerseits
und
Wahrnehmung
traditioneller
Vorrechte
andererseits
stellten für
Marwitz
keinen
Widerspruch
dar. Als
Deputierter
der
Ritterschaft
sah er sich
eingebunden
in ein
ständisches
Staatswesen,
in dem der
Adel,
Mittler
zwischen
Monarch und
Volk, seine
Privilegien
aus dem
Grundbesitz
herleitete
und die ihm
„naturgemäße“
Aufgabe der
Landesverteidigung
wahrnahm,
während sich
das
Bürgertum
dem freien
Erwerbsstreben
widmete.
Durch
Einflüsse
revolutionären
und
aufklärerischen
Gedankenguts
wurde diese
Ordnung
untergraben.
Heftig
kritisierte
er die
Unentschlossenheit
von König
und
Regierung
angesichts
der
Bedrohung
durch
Frankreich
und drängte
zum Kampf
gegen
Napoleon.
Die
Demütigung
seines
Vaterlandes
in der
Schlacht von
Jena 1806
mochte
Marwitz
nicht länger
untätig
hinnehmen.
Er stellte
ein
Freikorps
zusammen,
dessen
Einsatz
jedoch der
Friede von
Tilsit
verhinderte.
In den
folgenden
Jahren
widmete sich
Marwitz den
Überlegungen
zur
Wiederherstellung
Preußens
einstiger
Würde und
Größe. In
zahlreichen
Aufsätzen,
Briefen und
Denkschriften
formulierte
er seine
Reformvorstellungen.
Sie
orientierten
sich am
ständischen
Staat,
dessen
„natürliche“
Ordnung auf
den
Unterschieden
zwischen den
einzelnen
Ständen
beruhte.
König und
„Stände“ –
für Marwitz
politisch
mit „Adel“
identisch –
waren durch
Vertrag
aneinander
gebunden.
Der Adel
leistete
Hof- und
Militärdienste
und
freiwillige
Abgaben, der
König
bestätigte
und schützte
althergebrachte
Rechte.
Die von
Stein und
Hardenberg
eingeleiteten
Reformen,
Aufhebung
der
Erbuntertänigkeit,
Regulierung
des
bäuerlichen
Grundbesitzes,
Gesinde- und
Gendarmerieordnung
und
besonders
die
Mobilisierung
des
Grundbesitzes,
richteten
sich gegen
den Adel.
Die
willkürliche
Umgehung der
Stände bei
der
Durchsetzung
der Reformen
löste eine
empörte
Opposition
aus, deren
Sprecher
Ludwig v.d.
Marwitz
wurde. Er
protestierte
gegen die
„Revolutionierung
des
Vaterlandes,
den Krieg
der
Besitzlosen
gegen das
Eigentum,
der
Industrie
gegen den
Ackerbau,
des
Beweglichen
gegen das
Stabile,
dessen
krassen
Materialismus
gegen die
von Gott
eingeführte
Ordnung“.
Die scharfe
persönliche
Auseinandersetzung
mit
Hardenberg
führte
schließlich
dazu, daß
Hardenberg
Marwitz fünf
Wochen in
Festungshaft
nahm. Die
Opposition
zerfiel.
Enttäuscht
von der
geringen
Wirkung
aller
Proteste und
dem Versagen
seiner
adligen
Mitstreiter,
zog sich
Marwitz aus
dem
öffentlichen
Leben
zurück, ohne
jedoch sein
Anliegen
aufzugeben.
Napoleons
Niederlage
in Rußland
1812 war das
ersehnte
Signal,
gegen die
Fremdherrschaft
aufzubegehren.
Marwitz trat
wieder in
die Armee
ein, bewies
als
Kommandeur
einer
Landwehrbrigade
hohe
militärische
Fähigkeiten
und wurde
1815 mit dem
„Pour le
mérite“
ausgezeichnet.
Die
Freiheitskriege
hatten
Marwitz mit
deutsch-nationaler
Begeisterung
und Hoffnung
auf Einigung
des „teutschen
Vaterlandes“
unter
Preußens
Führung
erfüllt,
doch wich
die
nationale
Euphorie
zunehmend
der
Resignation.
1809 hatte
Ludwig v. d.
Marwitz mit
Gräfin
Charlotte
Moltke eine
zweite Ehe
geschlossen,
aus der acht
Kinder
hervorgingen.
Um nach den
kriegsbedingten
Vermögensverlusten
den
Unterhalt
für die
Familie zu
sichern,
blieb
Marwitz bis
1827 im
militärischen
Dienst. Er
nahm als
Generalleutnant
seinen
Abschied.
Seine
ständischen
Anliegen
vertrat er
weiterhin
als
Landtagsdeputierter
und als
Mitglied des
Staatsrates.
Die letzten
Jahre
verbrachte
Marwitz
zurückgezogen
lebend,
verbittert
und in
seinen
Standpunkten
verhärtet,
auf seinem
Gut. Seine
Gesundheit
verschlechterte
sich, und er
starb am 6.
Dezember
1837 in
Friedersdorf.
Kennzeichnend
für Marwitz'
Charakter
war ein
unbeugsames
Rechtsempfinden,
ein
ausgeprägtes
Ehrgefühl
und ein
Verantwortungsbewußtsein,
das ihn auch
persönliche
Härten und
Nachteile in
Kauf nehmen
ließ. In
geistiger
Nähe zu
Burke, Adam
Müller und
anderen
konservativen
Staatstheoretikern
stehend,
bekämpfte
er,
unerschrocken
und zäh bis
zur
Starrsinnigkeit,
Aufklärung
und
bürgerlichen
Liberalismus.
Seine
persönliche
Tragik
bestand
darin, daß
der von ihm
ersehnte
Wiederaufstieg
Preußens
erst durch
die ihm
verhaßten
Reformen
möglich
wurde.
Lit.: Friedrich Meusel (Hrsg.), F.A.L. v. d. Marwitz, 2 Bände,
Berlin
1908/1913;
Gerhard
Ramlow, L.
v. d.
Marwitz und
die Anfänge
konservativer
Politik und
Staatsanschauung
in Preußen,
Berlin 1930;
Walther
Kayser,
Marwitz,
Hamburg
1936;
Madelaine v.
Buttlar, Die
politischen
Vorstellungen
des F.A.L.
v.d. Marwitz,
Frankfurt/
M. 1980.
Bild:
Zeichnung
von Franz
Krüger, 1827
Bia v.
Doetinchem