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Der Historiker Erich Maschke hat von seinem Leben selbst berichtet. Der
im Jahre 1980 erschienenen Sammlung seiner stadtgeschichtlichen Aufsätze
(Städte und Menschen) stellte er einen autobiographischen
Rückblick voran.
Maschke wurde am 2. März 1900 in Berlin geboren. Zur Geschichte hat ihn,
so sagt er in jenem autobiographischen Rückblick, nicht die Schule
geführt, sondern die Jugendbewegung. Nach dem als Katastrophe erlebten
Ende des Ersten Weltkrieges suchten die Pfadfinder nach neuen Zielen,
und sie hofften sie auch in einer vorbildlichen Vergangenheit zu finden.
Ostpreußen, nach dem Vertrag von Versailles vom Reich durch den
polnischen Korridor getrennt, wurde ein oft aufgesuchtes Ziel der
Fahrten, welche Jugendgruppen unternahmen. Der Deutsche Orden erschien
als ein um ein hohes Ziel bemühter Männerbund und Vorbild für die eigene
Gegenwart und die Zukunft. Im Falle Erich Maschkes blieb es aber nicht
bei dieser jugendlichen Schwärmerei. Die Reiseerlebnisse und die
diffusen Neigungen, die von der Jugendbewegung geweckt worden waren,
veranlaßten ihn, das Studium in Königsberg abzuschließen und dort eine
Doktorarbeit zur Geschichte des Ordens zu schreiben.
Maschke hatte mit Königsberg eine gute Wahl getroffen. Er fand dort
nicht nur die ersehnte Ordensvergangenheit, sondern auch Historiker von
Rang, die ihn in eine strenge Schule nahmen und aus der jugendlichen
Neigung einen Zugang zur Wissenschaft werden ließen. Königsberg war
ungeachet seiner Randlage damals eine der führenden deutschen
Universitäten. Die mittelalterliche Geschichte lehrte Erich Caspar,
neben Johannes Haller in Tübingen, einem Deutschbalten, der führende
Historiker des Papsttums. In der neueren Geschichte begann damals Hans
Rothfels in Königsberg seine glänzende Wirksamkeit, bis er, der sich wie
kaum ein anderer dieser Generation als preußischer Historiker verstand,
wegen seiner jüdischen Herkunft vertrieben wurde und emigrieren mußte.
Maschke hat Rothfels als sein Vorbild bezeichnet. Erich Caspar aber gab
ihm das Thema der Doktorarbeit. 1928 erschien sie als Buch: Der
Deutsche Orden und die Preußen. Bekehrung und Unterwerfung in der
preußisch-baltischen Mission des 13. Jahrhunderts.
Maschke erwies sich mit dieser Arbeit als ein produktiver Historiker.
Aus dem begeisterten Jugendbewegten war ein kritischer Gelehrter
geworden. Die Dissertation ist noch heute die beste Arbeit über ihr
Thema. Weitere Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens folgten.
Maschke öffnete sich dem, was ihn ansprach. So, wie er später ganz
andere Themen produktiv und kreativ anzufassen wußte, so griff er nun
weit in die Ordensgeschichte aus. Er lernte, was damals noch weniger
selbstverständlich war als heute, die polnische Sprache, um die
einschlägige wissenschaftliche Literatur benutzen zu können. Er bereiste
das Nachbarland und knüpfte Kontakte zu polnischen Gelehrten. Er bemühte
sich darum, die Versetzung des Deutschen Ordens nach Preußen nicht nur
aus der traditionellen deutschen, sondern auch aus der polnischen
Perspektive zu sehen. 1934 publizierte er eine grundlegende Studie über
Polen und die Berufung des Deutschen Ordens nach Preußen. Ein
Jahr zuvor hatte er Arbeiten mit dem Titel Der Peterspfennig in Polen
und der deutsche Osten und Das Erwachen des Nationalbewußtseins
im deutsch-slawischen Grenzraum veröffentlicht. Auch dies
grundlegende Arbeiten, die heute wie damals von großem Wert sind.
Doch blieb Maschke nicht bei der Ordensgeschichte. 1936 ließ er in dem
vom Arnold Oskar Meyer herausgegebenen Handbuch der deutschen
Geschichte einen grundlegenden Beitrag mit dem Titel Der Kampf
zwischen Kaisertum und Papsttum erscheinen. Nun wurde die Geschichte
der Staufer zu seinem Thema. 1943 legte er ein Buch mit dem Titel Das
Geschlecht der Staufer vor. 1935 war Maschke auf eine Professur der
Universität Jena berufen worden. 1942 ging er nach Leipzig. Diese
glänzende Karriere wurde 1945 unterbrochen. Nachdem die Amerikaner aus
Leipzig abgezogen waren, wurde Maschke kriegsgefangen in die Sowjetunion
verschleppt. Erst 1953 kehrte er zurück – nun nach Westdeutschland, da
im kommunistischen Leipzig kein Platz für ihn war. Doch auch die
westdeutschen Universitäten nahmen den „Spätheimkehrer'' nicht mit
offenen Armen auf. Maschke mußte sehen, wo er blieb. Der
Oberbürgermeister der Stadt Speyer bot ihm an, eine Geschichte der Stadt
zu schreiben. Am Ende kam es zu dieser Stadtgeschichte nicht, wohl aber
zu grundlegenden stadtgeschichtlichen Studien. Maschke gelang es, an der
Universität Heidelberg Fuß zu fassen. Er erhielt einen Lehrstuhl für
Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, und diese Professur nötigte ihn nicht
nur, sich von der Deutschordensgeschichte zu verabschieden, sondern auch
von der des Mittelalters. Maschke publizierte nun Arbeiten zur
Wirtschaftsgeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ein
weiteres Arbeitsfeld legte ihm sein eigenes Schicksal nahe. Er übernahm
die Leitung der Wissenschaftlichen Kommission für deutsche
Kriegsgefangenengeschichte und gab eine umfassende Dokumentation heraus.
Sehr bald nahm er jedoch seine Mittelalter-Studien wieder auf. Der schon
erwähnte Sammelband von 1980 zeigt, daß Maschke nun zu einem führenden
Historiker der spätmittelalterlichen und deutschen Stadtgeschichte und
zu einem mit Recht immer wieder zitierten Repräsentanten moderner
Sozialgeschichte geworden war. Und die alten Themen? Die Geschichte des
Deutschen Ordens, die Maschke überhaupt zum Historiker hatte werden
lassen? Auch zu ihr fand er zurück. Seit 1955 publizierte er eine Reihe
von Aufsätzen zur Geschichte des Deutschen Ordens, die nicht nur sein
altes Interesse an diesem Gegenstand bezeugten, sondern auch erkennen
ließen, daß er die Erfahrungen auf anderen Arbeitsfeldern, die er
inzwischen gemacht hatte, für die Deutschordensgeschichte fruchtbar
werden zu lassen verstand. Diese Studien, die im Jahre 1970 in einem
Sammelband Domus hospitalis Theutonicorum. Europäische
Verbindungslinien der Deutschordensgeschichte noch einmal
zusammengefaßt herausgegeben wurden, zeigten, daß es Maschke
damals wie kein anderer verstand, die Geschichte des Deutschordenslandes
Preußen und des Deutschen Ordens in jene großen europäischen
Zusammenhänge einzufügen, in die sie gehört. Insbesondere der Aufsatz
über Die inneren Wandlungen des Deutschen Ritterordens, den
Maschke zuerst 1963 in der Festschrift für seinen einstigen Königsberger
Lehrer Hans Rothfels veröffentlichte, ist noch heute die beste
Zusammenfassung dieser weiten Bezüge. Maschke hatte das Glück, noch in
hohem Alter produktiv tätig sein zu können. Bis zuletzt nahm er an
Kongressen teil und trug er zum Gespräch der Gelehrten bei. Man hatte
den Eindruck, einem glücklichen Mann gegenüberzusitzen – ungeachtet der
schweren Schicksale, die er durchlitten hatte. Das Alter war ihm
anzumerken, aber es schien ihn nicht zu besiegen. Dann starb seine Frau.
Kurz darauf setzte er, der nun wohl nicht mehr wußte, wie er weiterleben
sollte, am 11. Februar 1982 seinem Leben selbst ein Ende.
Nachrufe:
Eckart Schremmer, in: Historische Zeitschrift 235 (1982), S. 251. – Gerd
Wunder, in: Württembergisch-Franken 67 (1983), S. 250.
Bild:
Erich Maschke um 1955; Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
Hartmut Boockmann
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