Noch immer
sind
journalistische,
essayistische,
aber auch
wissenschaftlich-germanistische
Auseinandersetzungen
mit der
deutschen
Literatur in
und aus
Rumänien
nicht frei
vom Schielen
nach
binnendeutschem
Interesse
und –
manchmal
geradezu
skandalisierter
–
Verwunderung
darüber,
dass dieses
Interesse
jungen
Autoren
vorbehalten
scheint,
während
Schriftsteller
und Werke
der ersten
Jahrhunderthälfte
und der
Nachkriegszeit
dem
Vergessen
anheimgegeben
sind. Ein
einziger
Siebenbürger
Sachse
dieser an
literarischen
Talenten und
Ambitionen
keineswegs
armen
Generationen
ist in
Deutschland
zu einigem
Ruhm und
Ehren
gelangt,
allerdings,
muss man
sogleich
einschränken,
nur zu
Zeiten der
DDR und in
derselben,
außerdem
ohne
nennenswerten,
auch ihm
selbst kaum
erwähnenswerten
Rückbezug
auf die
siebenbürgische
Herkunft:
Georg
Maurer.
Geboren ist
er 1907 in
der
nordsiebenbürgischen
Kleinstadt
Sächsisch
Regen in der
Familie des
Lehrers und
Musikers
Georg
Maurer. 1911
zieht die
Familie nach
Bukarest um,
wo er 1926
das deutsche
Realgymnasium
der
evangelischen
Gemeinde
Bukarest
absolviert.
Im gleichen
Jahr beginnt
er in
Leipzig ein
Studium der
Germanistik,
Philosophie
und
Kunstgeschichte,
das er 1933
abbricht, um
sich als
freier
Mitarbeiter
der Neuen
Leipziger
Zeitung
mit kunst-
und
kulturtheoretischen
Beiträgen
sowie
Rezensionen
ein
publizistisches
Profil zu
erarbeiten.
1940 muss er
in Rumänien
den
Kriegsdienst
antreten und
gerät 1944
in
Gefangenschaft.
Aus dem
Lager in der
Sowjetunion
kehrt er
direkt nach
Leipzig
zurück, wo
er eine
Familie
gründet.
Mit kultur-
und
literaturkritischen
Arbeiten und
Übersetzungen
aus der
rumänischen
Literatur
begründet er
seinen
literarischen
Ruf, der
durch das
rhythmische
Erscheinen
von
Lyrikbänden
(in den
Fünfzigern
im Schnitt
alle zwei
Jahre, in
den
Sechzigern
jährlich ein
Band)
alsbald
DDR-notorisch
ist. 1955
wird er
deshalb zum
Leiter des
Schöpferischen
Seminars
Lyrik
ans
Leipziger
Institut für
Literatur
Johannes
Robert
Becher
berufen und
weiterhin
mit
zahlreichen
Preisen und
Ehrungen
bedacht.
1965 erhält
er den
Nationalpreis
und wird
Mitglied der
Akademie der
Künste der
DDR. 1972
stirbt mit
Georg Maurer
eine
Bezugsperson
für manchen
jüngeren
Kollegen und
eine
Berufungsinstanz
in der
Auseinandersetzung
um die
Bedeutung
der
Literatur in
der DDR und
der
DDR-Literatur
überhaupt.
Dermaßen
weitgreifende
und
tiefschürfende
Fragen
wurden in
der Tat
immer wieder
aufs
grundsätzlichste
gestellt und
in der
außergewöhnlich
lebendigen
literarischen
Presse mit
einem
Engagement
diskutiert,
das aus
heutiger
Sicht
zumindest
weltabgewandt
anmutet.
Georg
Maurers
Lyrik und
seine
Aufsätze zu
dieser
Diskussion
sind
exemplarische
Produkte
einer Zeit,
in der
Literatur
noch „alles“
wollte und
die
Literaten in
dem Glauben
gelassen
wurden, sie
könnten es
auch.
Der Kenner
und
Herausgeber
von Maurers
Werken,
Walfried
Hartinger,
umreißt
diesen
Anspruch
anhand eines
einzigen
Gedichtes –
ohne alle
Rücksicht
auf kuriose
Überfrachtung:
„... es
enthält
zentrale
Fragen zu
Wesen und
Formen der
sozialen
Zusammenhänge,
zur Stellung
des Subjekts
in der
welthistorischen
Auseinandersetzung,
zum
Verhältnis
des Menschen
zur Natur
und zum
wissenschaftlichen
Progreß; es
provoziert
die
Diskussion
über
Determination
und Freiheit
menschlicher
Existenz.“
Mehr kann
man
eigentlich
nicht
verlangen.
Dabei ist es
für
Hartinger
ebensowenig
ein Thema,
wie es für
Maurer
jemals eines
war, dass
hier ein
Verdrängungsmechanismus
funktioniert,
dass man
sich, grob
gesagt, in
die Tasche
gedichtet
hat. Der
historisch-dialektische
Materialismus
wollte alle
Fragen zu
Mensch und
Welt, zu
Geschichte
und
Gesellschaft
eigentlich
längst
geklärt und
befriedigend
erklärt
haben. Was
da noch an
Restzweifeln
übrig sein
mochte,
wurde den
Dichtern
zugewiesen –
oder
überlassen,
Bauklötze im
Laufstall
des
sozialistischen
Literaturbetriebs.
Solche
Überspitzung
hätten Georg
Maurer und
seine
Kollegen als
Beleidigung
aufgefasst,
und das mit
Recht. Zum
einen haben
sie nämlich
nach bestem
Wissen und
Gewissen
gedacht und
gedichtet.
Davon zeugen
die
ästhetische
Gediegenheit
ihrer Verse
und die
durchdachte
Differenziertheit
ihrer
theoretischen
Aussagen.
Zum anderen
erklärt sich
die
Begeisterung,
mit der die
sozialistische
Heilslehre
von der
Kriegsgeneration
angenommen
und geradezu
schmerzlich
umklammert
gehalten
wurde, aus
der
abgründigen
Verzweiflung,
in die der
Krieg sie
gestürzt
hatte. Wer
die
Nazidiktatur
und den
Zweiten
Weltkrieg
erlebt
hatte,
musste für
den Rest
seines
Lebens
unablässig
nach Sinn
suchen. Das
hat Georg
Maurer als
Dichter und
Lehrer
getan.
„Durchlässigste
der
Kreaturen
ist der
Mensch /
Wohnung für
alle
Fragen.“
In der
Befragung
des Lebens,
des
menschlichen
Seins hat
Maurer seine
Berufung als
Lyriker
beschlossen
gesehen.
Sein
Menschen-
und Weltbild
ist dabei
über
Jahrzehnte
geprägt
gewesen von
einer
intensiven
und
dialektisch
produktiven
Sehnsucht
nach
Harmonie,
deren
Spannkraft
erst in
seinem
letzten
Gedichtband,
Erfahrene
Welt,
erschlafft
und
humanistischer
Skepsis
weicht.
Dieser im
Jahr seines
Todes
erschienene
Band ist es
denn auch,
den seine
Meisterschüler
besonders
schätzen.
Schließlich
gehören
Sarah und
Rainer
Kirsch,
Heinz
Czechowski,
Volker
Braun, Karl
Mickel oder
Bernd
Jentzsch
einer
Dichtergruppe
an – ohne
jemals eine
solche
gewesen zu
sein –, die
in den
siebziger
Jahren
gezwungen
wurde, der
eigenen
Jugendutopie
zu entraten,
wollten sie
nicht
Identität
und
Integrität
aufs Spiel
setzen.
Auch das
Verhältnis
des Meisters
zu dieser
Utopie war
beileibe
kein
unbeschwertes,
und er hat
es sich
niemals
leichtgemacht
beim
Schreiben im
– und
implizite
für den –
real
existierenden
Sozialismus.
Es gibt
keinen Text
aus Georg
Maurers
Feder, der
sich zu
Agitprop-Zwecken
missbrauchen
ließe. Die
nach
kommunistischen
Begriffen
hof- und
zitierfähigen
Zeilen mögen
den
zitatbedürftigen
Hofhaltenden
und
Höflingen
auch nur so
lange genehm
geklungen
haben, als
sie als
Losungen aus
dem
widersprüchlich
ausdifferenzierten
Kontext
gerissen
wurden.
Maurers Werk
ist ein
keineswegs
leicht
zugängliches,
vielmehr ein
anspruchsvolles
und komplex
strukturiertes
Produkt in
der reichen
Tradition
deutscher
Gedankenlyrik
von
Klopstock
über Goethe
und
Hölderlin
bis zu
Rilke.
Selbst
stilistisch
weicht der
würdige Erbe
nur insofern
von der
Linie der
Vorgänger
ab, als sein
Pathos, zu
dem er sich
durchaus
bekennt,
streckenweise,
zumal in dem
gerade
deshalb auch
heute noch
besonders
beliebten
Dreistrophenkalender,
sinnlich-sachlich
verfremdet
wird und
eine
freundlich
augenzwinkernde
Naturbeobachtung
der
„Welthaltigkeit“
dieser Texte
zugute
kommt. Die
Mehrzahl der
Maurerschen
Gedichte
jedoch ist
von
klassischer,
nicht selten
hymnischer
Prägung:
Sprache im
hochgradig
kultivierten
Ausnahmezustand.
Diesem
Zustand
entspricht
die
Gestaltung,
ja
Durchgestaltung
ganzer
Gedichtzyklen
als Vehikel
von
erkenntnistheoretischer
und
existentieller
Tragweite
mit höchstem
ästhetischen
Anspruch:
Lyrik eben,
die alles
will.
Grundfragen
nach dem
Verhältnis
des Menschen
zu Gott und
dessen
Gefährdung
durch das
als „Dämon“
umschriebene
politische
Böse stellen
schon die
Hymnen
in
Gesänge der
Zeit
(1948). Die
Sonette
desselben
Bandes
verzichten
erstmals auf
religiöse
Gegenbilder
zur
historischen
Wirklichkeit,
„Gott“ wird
als
„Arbeiter“
identifiziert
und
verweltlicht.
Hinfort
verzichtet
Maurer auf
eine
übergeordnete
Instanz und
thematisiert
in seinem
Zyklus
Bewußtsein
(1950) das
„Sich-selbst-entgegenstellen-Können“
des Menschen
als
eigentlichen
moralischen
Akt, der
Läuterung zu
bewirken
vermag, so
dass „das
Thema
Bewußtsein
...
zurückgedrängt
wird von dem
Thema Leben,
das immer
fröhlicher
und
mutwilliger
hervortritt“.
Dem
„Thema
Leben“
ist der
Dreistrophenkalender
von
1950/1951
gewidmet,
der
bezeichnenderweise
erst 1961
erscheinen
konnte. Ein
Beispiel
dieser für
Maurersche
Begriffe
unbekümmert
vitalistischen
Dichtung
hilft
ermessen,
innerhalb
welcher
Spanne und
unter
welcher
Spannung
dieses
lyrische
Werk
entstanden
ist: „So!
sagt der
Himmel zu
der Wiese. /
Jetzt legen
wir uns auf
den Bauch. /
Du schreibst
noch ein
paar Grüße /
und ich –
ich
unterzeichne
auch. //
Dann aber
haben wir
genug getan.
– / Die
Wiese schaut
den Himmel
an / und
sagt:
unendlich
lieb ich
dich / und
ohne dich –
was wäre
ich. // Der
Himmel aber
wirft sich
weit / über
das weiche
Wiesenkleid:
/ Was wäre
all mein
blaues Mühn,
/ blieb's
ungestillt
von deinem
Grün.“
Als
„gedankenschwere
Selbstgespräche“
(Wolfgang
Emmerich)
kommen dafür
die drei
Teilzyklen
Bekenntnis,
Aufbruch
und Das
neue Wort
der
Zweiundvierzig
Sonette
(1953)
daher.
Allerdings
dürfte die
fast
gewaltsame
Dynamik, mit
der hier
Mensch,
Natur und
Gesellschaft
zu einem
System
zusammengefügt
und in
Einklang
gebracht
werden, den
heutigen
Leser
zumindest
befremden:
„Die
Wiesen
stürmen ohne
alle Grenzen
/ von hier
bis in die
Ukraine hin“!
Vollends
„Bildungsdichtung“
(Emmerich)
mit dem
Ehrgeiz
einer
allumfassenden
„Systematisierung“
(Hartinger)
von
Naturkräften,
Kunst, Eros
und Arbeit
enthält der
Zyklus
Die Elemente
(1955).
Nach einer
Art
lyrischer
Reportagen
über Reisen
durch die
DDR und
durch die
Bundesrepublik
(apostrophiert
als
„Mahnende
Heimat“)
wendet sich
Maurer in
Lob der
Venus
(1956),
Gestalten
der Liebe
und
Gedanken der
Liebe
(1963)
dieser zu,
wobei er
nicht allein
ein
zwischenmenschliches,
sondern nach
Hartinger
ein
„Weltverhältnis“
poetisch zu
gestalten
versucht.
„Die Türe
der
Geliebten /
bewegt sich
in den
Angeln der
Welt“,
heißt es in
Gestalten
der Liebe.
In dem
1961/1962
entstandenen
Zyklus
Das Unsere
führt Georg
Maurer alle
seine Fragen
zusammen und
wiederum im
Zeichen der
„Liebe“ und
der „Arbeit“
einer nach
Kräften
harmonischen
Lösung zu.
In den
zyklischen
Dichtungen
seines
letzten
Jahrzehnts
schließlich
„erprobt
und
überprüft
Maurer die
so errungene
Weltsicht
und
poetische
Methode“,
wie das
Walfried
Hartinger
noch 1972
mit der
verbalen
Verve eines
Rechenschaftsberichts
verzeichnet.
Derselbe
verdienstvolle
Maurer-Exeget
glaubt 20
Jahre
später,
seine
Wertschätzung
für den
Dichter
gegen
nachwendliche
Besserwisserei
verteidigen
zu müssen,
die von
Westkritikern
wie Fritz J.
Raddatz
(„angelesene
Revolution“)
oder dem
schon
zitierten
Wolfgang
Emmerich
schon in den
Siebzigern
despektierlicherweise
vorweggenommen
worden war:
„Verkürzungen
sind im Werk
(von Georg
Maurer –
Anm. G. A.)
dort
nicht zu
übersehen,
wo ein
vielleicht
noch nicht
oder auch
nie zu
erreichendes
Befinden als
schon
Vollzogenes
erscheint,
wo,
insbesondere
durch den
zyklischen
Zusammenhang
der
meisten
seiner
Dichtungen
bedingt,
beunruhigende
Signale und
widersprechende
Beobachtungen
des
Einzelgedichts
im
Zusammenklang
aller
Dichtungsteile
aufgehoben
werden.“
Der
Rechtfertigungskrampf
zieht sich
schmerzlich
bis in die
Begriffe
(„noch nicht
oder auch
nie zu
erreichendes
Befinden“,
„Zusammenklang
aller
Dichtungsteile“).
Es ist ein
kleiner
Trost, dass
Georg Maurer
solche
Apologie
nicht
braucht. Hat
er selbst
sich doch
von der
„Welt“ den
Kopf
zurechtsetzen
lassen:
„Schrei mir
das Ohr
nicht voll
wie’n
Klageweib! /
Du bist
Poet. Blas
dich nicht
auf!“ (Gespräche)
Und die
Bescheidenheit,
auf die er
sich hier
sozusagen
selbst
einschwört,
ist
schließlich
der Grund
und Boden
für die
Glaubwürdigkeit
dieses
Dichters,
jenseits
aller
zeitgeschichtlich
bedingten
Leichtgläubigkeit
und
harmoniebeflissenen
Verstiegenheit.
Es ist oft
darauf
hingewiesen
worden, dass
eine
Triebkraft
des
streckenweise
welterklärerisch
hoch
angesetzten
Impetus von
Georg
Maurers
Poesie
paradoxerweise
gerade mit
seiner
Herkunft aus
einer
siebenbürgischen
Kleinstadt
zusammenhängt.
Deutsch war
ihm von Kind
auf nicht
als
Umgangssprache
geläufig,
denn die
Prosa des
Alltags in
seiner
Umgebung
wurde in der
altertümlichen
sächsischen
Mundart oder
auf
rumänisch
oder
ungarisch
abgehandelt.
So wird die
deutsche
Hochsprache
für ihn von
Anfang an
mit einer
Aura des
Bildungsträchtigen,
des
Bedeutsamen
umgeben
gewesen
sein.
Solcher
Bedeutung zu
genügen ist
das Bemühen,
das Maurers
Dichtung hat
reifen
lassen, dem
aber auch
manches aus
heutiger
Sicht
Bemühte
entsprungen
ist.
Letzteres
ließ sich
wohl auch
schwer
vermeiden,
wollte der
Dichter, wie
Walfried
Hartinger
das
formuliert,
„im
grundsätzlichen
unbeirrt“
bleiben
„von
wechselnden
kulturpolitischen
Strategien
und
politischem
Druck“.
Die Kunst
von Georg
Maurer aber
erreicht
ihre
Höhepunkte
in jenen
Gedichten,
in denen er
sein oft
„an-gelesenes“
Erlebnis
nicht zur
Weltsicht
transzendiert,
sondern an
wirklich
irdischen
Bildern
„festmacht“.
Hier das
Gedicht
Aber die
Welt aus
jenem
Nachkriegsjahr,
in welchem
Hoffnung und
Verzweiflung
in Europa
einander
wahrscheinlich
am nächsten
kamen, 1968:
„Wär ich
Kassandra,
sagt’ ich:
laßt alle
Hoffnungen
fahren! /
Aber wir
sind nicht
hoffnungslos.
Das Leid
nimmt uns
ernst. / Das
versinkende
Schiff und
das
zerschellende
Flugzeug /
geben den
Unglücklichen
einen
Begriff von
sich. /
Erlöschend
begreifen
wir uns. Wer
sein Haupt
legt auf den
Block / für
uns, ist
unsere
Wirklichkeit,
der wir
versuchen /
auszuweichen.
Aber die
Welt braucht
uns. / Wie
soll ein
Blütenbaum
schön sein
ohne uns.“
Bild:
Reiner
Heim, Flöha.
Georg Aescht