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„... ein schmerzlicher Drang gab mir ein, alles Gradlinig-Vertikale zu
zerbrechen. Auf alle Landschaften Trümmer, Fetzen und Asche zu breiten.
Wie baute ich immer auf meine Felsen die Häuserruinen, klangvoll
gespalten. Wie rufende, warnende Stimmen schwebten Berge in den
Hintergründen; der Komet lachte heiser, und Aeroplane segelten wie
höllische Libellen im gelben Nachtsturm. Mein Hirn blutete in
schrecklichen Gesichtern.“ In „Hymnen und Lästerungen“ schreibt Ludwig
Meidner diese Sätze über den Sommer 1913, in dem seine visionären,
apokalyptischen Stadtlandschaften entstehen.
Am 18. April 1884 wird Ludwig Meidner in Bernstadt, Kreis Öls, geboren.
Der Textilhändlersohn soll Architekt werden. So beginnt er nach einer
nicht allzu erfolgreichen Schulzeit 1901 eine Maurerlehre. Doch 1903
läßt er sich in der königlichen Kunstschule in Breslau einschreiben.
Aber ihn quält die konservative Ausbildungsmethode. Er spürt, daß er
eigene Wege suchen muß. In Berlin hofft er sie zu finden, denn schon
macht Paul Cassirer eine van-Gogh-Ausstellung und präsentiert Cezanne,
schon arbeitet Munch an Bühnendekorationen für Max Reinhardt. Ein Jahr
lang verdient Meidner seinen Lebensunterhalt als Modezeichner, dann
erhält er durch Fürsprache von Max Beckmann ein Jahresstipendium für
Paris. Manet und die Impressionisten beeindrucken ihn, er strebt einen
eigenständigen Impressionismus an, während seine Kommilitonen auf den
Akademien Julian und Cormon schon die starkfarbige, expressive Malweise
der „Fauves“ fasziniert.
1908 kehrt er nach Berlin zurück. Er fristet ein Dasein in materieller
Not, die seine Schaffenskraft lahmt. Bei Herwarth Waiden stellt er 1912
das Porträt Alfred Momberts aus, das den Dichter in einer expressiven
Landschaft voll Weltuntergangsvisionen zeigt; es kennzeichnet Meidners
Abkehr vom Impressionismus und die Hinwendung zum Expressionismus und
damit den Durchbruch zum eigenen Stil. Sein Erfolg bringt den Kontakt
zur „Brücke“. Doch nur mit seinem schlesischen Landsmann Otto Mueller
befreundet er sich. In einem wahren Schaffensrausch entstehen
expressionistische Stadtlandschaften, Porträts von eindringlicher
Ausdruckskraft sowie kritische Selbstbildnisse.
Ein Mäzen, Franz Kochmann, bewirkt den Umzug nach Dresden im Frühjahr
1914: er kauft Meidner und seinem Dichterfreund E. W. Lotz eine
Lithographiewerkstatt und eröffnet damit die Aussicht auf die Herausgabe
einer eigenen Zeitschrift. Dem wilden Inferno der apokalyptischen
Stadtlandschaften folgen jetzt ku-bistische Kompositionsgefüge. Eine
helle, zarte Farbigkeit verdrängt die dunkle, von grell zuckenden
Lichtern durchsetzte Palette.
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wird Lotz eingezogen und fällt schon im
Herbst 1914 in Frankreich. Als Reaktion darauf zeichnet Meidner
kritische Blätter, die Gewalt und Grauen des Krieges anprangern. Er
kehrt nach Berlin zurück und wendet sich religiösen Themen zu: Propheten
und Sybillen sind neben Porträts seine Hauptmotive. 1916 wird auch er
eingezogen. Meidner beginnt zu schreiben und schafft ein kleines, aber
bedeutsames dichterisches Œuvre. 1918 veranstaltet Paul Cassirer eine
große Ausstellung mit Meidners Werken. Beste Rezensionen erscheinen.
Museen und Sammler kaufen. Meidner ist anerkannt. 1924 nimmt er einen
Lehrauftrag am Studienatelier für Malerei und Plastik in Charlottenburg
an. Die Zeit nach 1933 bringt für Meidner große Bedrängnis: Als Jude
wird er verfolgt, als Expressionist für „entartet“ erklärt. Zunächst
bleibt er noch in Berlin, wird dann in Köln am jüdischen Gymnasium
Zeichenlehrer, verläßt 1939 Deutschland und versucht in England eine
neue Existenz zu gründen. Um leben zu können, arbeitet er als
Leichenwache und malt Porträts der Verstorbenen. Satirische Blätter und
visionäre Aquarelle entstehen.
1953 kehrt Meidner, unbemerkt von der Kunstszene, nach Deutschland
zurück. Zwei Jahre lebt er in Frankfurt, dann von 1955-63 in Marxheim.
Erst 1961 erfährt ein größerer Kreis von dem Aufenthalt und der Existenz
des verschollen geglaubten Ludwig Meidner: Ausstellungen in
Recklinghausen, Berlin und Darmstadt lenken den Blick auf den großen
schlesischen Expressionisten. Die Stadt Darmstadt stellt ihm ein Atelier
zur Verfügung. Sein 80. Geburtstag wird Anlaß zur Ehrung und
Anerkennung. 82jährig stirbt er am 14. Mai 1966 in Darmstadt. Im
gleichen Jahr erscheint eine erste umfassende Monographie über Ludwig
Meidner.
Werke
(Auswahl): Im Nacken das Sternemeer, München 1918; Septemberschrei,
Berlin 1920; Hymnen und Lästerungen, München 1959
Lit.
(Auswahl): Lothar Brieger: Ludwig Meidner, Junge Kunst Bd. IV, Leipzig
1919. Thomas Grochowiak: Ludwig Meidner, Recklinghausen 1966
Abb.:
Selbstbildnis 1912, Saarland-Museum, Saarbrücken.
Idis B.
Hartmann
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