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Kunsthistoriker behaupten, daß
Preußen zwei künstlerische Genies hervorgebracht hat, nämlich den
Baumeister Friedrich Schinkel (1781-1841) und den Maler Adolph von
Menzel. Sicher ist diese Zuordnung unter Fachleuten und Kennern
diskussionswürdig, hier aber nicht zu führen. Richtig ist allerdings,
daß Adolph von Menzel ein großer und vielseitiger Maler und Künstler
war, was nicht zuletzt die zahlreichen Ehrungen zeigen, die er zu
Lebzeiten erhielt. Auch heute ist er bei vielen Menschen durch seine
Friedrich-Darstellungen bekannt und populär. Man denke nur an das
berühmte „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“ (1852). Das
Original befindet sich in der Berliner Nationalgalerie und ist bis heute
in vielen Wohnzimmern als Nachdruck anzutreffen; für Kaiser Wilhelm II.
wurde es das Lieblingsbild. Am 8. Dezember 1815 wurde Menzel in Breslau
geboren, sein Vater war Besitzer einer lithographischen Druckerei. 1830
zog die Familie von Schlesien nach Berlin, Menzel erhielt durch seinen
Vater eine lithographische Ausbildung. Durch dessen Tod 1832 wurde dies
für ihn von zentraler Bedeutung, konnte er doch die Steindruckerei
weiterführen und damit seine Familie ernähren. In Berlin fand er sehr
bald Kontakt zur Kunstszene, vornehmlich in der Berliner
Künstlerakademie. Hier bildete er sich als Maler überwiegend
autodidaktisch weiter, was für seinen künftigen Arbeitsstil
charakteristisch wurde. Der Kunsthistoriker Franz Kugler wurde auf ihn
aufmerksam und erteilte ihm den Auftrag, seine „Geschichte Friedrichs des
Großen“ zu illustrieren. Diese Aufgabe sollte Menzels künftige Rolle als
der preußische Historienmaler bestimmen. Von 1839 bis 1842
illustrierte er mit 370 Holzstichen Kuglers Werk, das bis heute populär
ist. Die Stiche glorifizieren nicht historische Sternstunden des großen
Königs, sondern sie erschließen Geschichte aus eher beiläufigen Motiven.
Als Beispiele sind zu nennen „Friedrich der Große in seinem
Arbeitszimmer“, „Friedrich am geöffneten Sarg des Großen Kurfürsten“
oder „Friedrich mit Bewohnern des
1758 durch die russische Armee
zerstörten Küstrin“. Der Erscheinungszeitraum des Buches fiel in das
hundertjährige Jubiläum der Thronbesteigung Friedrichs (1740). Hubert
Locher schreibt dazu in seinem Werk „Deutsche Malerei im 19.
Jahrhundert“: „Dieses Projekt ist im historischen Kontext des
Liberalismus der Vormärzzeit zu verstehen. Der aufgeklärte preußische
Monarch des 18. Jahrhunderts mit seinen ausgeprägten musischen Neigungen
wurde von einem liberalen preußischen Bürgertum, dessen Königstreue
nicht in Frage stand, als Hoffnungsträger empfunden.“ Dies deutet die
Richtung seines politischen Engagements an, das nicht antimonarchisch
war. Sein Gemäldeentwurf „Aufbahrung der Märzgefallenen“, der 1848 unter
dem Eindruck der Revolution entstand, ist dabei kein Widerspruch oder
gar Protest gegen das bestehende politische System in Preußen.
Der Arbeitsstil von Menzel war
bestimmt durch äußerste Sorgfalt und Genauigkeit und durch sein enormes
historisches Tatsachenwissen. Planmäßig eignete er sich neue Stoffkreise
an und versuchte, künstlerische Antworten auf die moderne Zeit zu geben.
Das zeigte sich einmal an seinen zahlreichen Besuchen der Schauplätze
des Wirkens Friedrichs des Großen, so z. B. war er 13 mal in Dresden auf
der Suche nach historischen Orten – berühmt ist sein Gemälde „Die Ruinen
des Nymphenbades im Dresdner Zwinger“ (1850), zum anderen sein genaues
Studium der bedeutenden Orte einer beginnenden Industrialisierung in
Oberschlesien. Hier ist als bahnbrechende erste große Darstellung
industrieller Arbeit in der europäischen Malerei „Das Eisenwalzwerk“
(1872-1875) zu nennen. Das Gemälde zeigt den Arbeitsalltag in
Preußens modernstem Werk in Königshütte (heute Chorzów/Polen). Dort
studierte Menzel wochenlang die Arbeitsabläufe vor Ort, in 150 Skizzen
hielt er seine Beobachtungen fest. Er verherrlicht nicht die Industrie,
sondern er stellt den arbeitenden Menschen in den Mittelpunkt. Der
Stoff selbst war hochaktuell, das
Deutsche Reich befand sich nach dem Sieg über Frankreich und der
Reichsgründung 1871 in der Phase einer rasanten Industrialisierung. Das
„Eisenwalzwerk“ wurde 1878 auf der Pariser Weltausstellung gezeigt.
Schon 1847 entstand – auch zum Thema Industrialisierung – eine der
ersten Eisenbahndarstellungen „Die Berlin-Potsdamer Eisenbahn“
(Nationalgalerie). Beherrschendes Thema blieb – auch unter dem Eindruck
des Kuglerschen Buches – Friedrich der Große. Seit 1848 arbeitete Menzel
an einem aus elf Bildern bestehenden Zyklus über das Leben des Königs;
das bereits erwähnte „Flötenkonzert“ ist das bekannteste, aber auch
„Friedrich der Große auf Reisen“ (1855 – Nationalgalerie) oder die seit
1945 verschollene „Tafelrunde“. Weitere bekannte Historienbilder sind
„Die Krönung Wilhelms I. zu Königsberg“ sowie „Die Abreise König
Wilhelms I. zur Armee am 31. Juli 1870“ (1871 – Nationalgalerie).
Fontane lobte gerade dieses Bild nicht nur als Darstellung eines
historischen Ereignisses, sondern auch als eine sehr wirklichkeitsnahe
Wiedergabe einer Bevölkerung in einer modernen Großstadt. Weiter müssen
erwähnt werden „Die Huldigung der Schlesischen Stände vor Friedrich II.
1741“ (1855) und die historische „Begegnung König Friedrichs II. mit
Kaiser Joseph II. im bischöflichen Palais in Neisse im Jahre 1769“ (1857
– Nationalgalerie) sowie der Überfall bei Hochkirch und die Ansprache
des Königs an seine Generale vor der Schlacht bei Leuthen. Allein diese
unvollständige Aufzählung zeigt die ungeheure Schaffenskraft von Menzel,
die sich nicht allein auf Historienbilder und Auftragsserien
beschränkte: Er schuf auch Bilder so genannter privater Thematik wie „Das
Balkonzimmer“ (1845), oder er verarbeitete Impressionen aus seinen
zahlreichen Reisen; hier ist eine seiner letzten großen Arbeiten aus dem
Jahre 1884 zu nennen: „Piazza d`Erbe in Verona“.
Die
unterschiedlichen Facetten des Künstlers Menzel und die Vielfalt seines
Schaffens wurden erstmalig in zusammenfassender Weise in der großen
Menzel-Ausstellung in Paris 1996, Washington 1996/1997 und in der
Berliner Nationalgalerie im Alten Museum 1997 dem interessierten
Publikum dargeboten. Sie machte und macht gleichzeitig deutlich, daß aus
dem Schlesier und Berliner Menzel nicht nur ein preußischer und
deutscher, sondern ein Künstler von europäischem Rang geworden ist. Der
umfangreiche Ausstellungskatalog ist unentbehrliche Grundlage für jede
Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Adolph von Menzel.
„Die kleine
Exzellenz“, wie Adolph Friedrich Erdmann von Menzel wegen seiner
geringen Körpergröße im Volksmund genannt wurde, war in der Hauptstadt
des Deutschen Reiches bald eine bekannte und prominente Persönlichkeit.
Der Schlesier ist nach dem Umzug aus Breslau zum Berliner geworden, wie
zahlreiche andere Schlesier auch. Herausragende Daten, die gleichzeitig
Anerkennung für seine Arbeit widerspiegeln und seine zunehmende
Prominenz dokumentieren, sind zu nennen:
1856 – Ernennung zum Professor der Königlichen Akademie der Künste in
Berlin, 1870 – Menzel erhält den Orden „Pour le Mérite“
(Friedensklasse), 1884/85 – große Menzelausstellungen in Berlin und
Paris, 1898 – Menzel wird zum Ritter des Hohen Ordens vom Schwarzen
Adler ernannt und damit in den Erbadel erhoben. Er wurde zum Ehrenbürger
in seiner Heimatstadt Breslau und in Berlin ernannt. Am 9. Februar 1905
ist Menzel in Berlin gestorben, Kaiser Wilhelm II. folgte seinem Sarg.
Das Grab Menzels
befindet sich auf dem Friedhof an der
Bergmannstraße im Bezirk Kreuzberg. In einer Nische mit Rundbogen steht
die Porträtbüste des Künstlers als Bronzeguß. Im Zuge einer wieder
stärkeren Hinwendung zur eigenen Geschichte vor 1933 erfährt auch Adolph
von Menzel als der Zeichner und Maler Friedrichs des Großen wieder mehr
Beachtung.
Lit.: Nationalgalerie und
Kupferstichkabinett – Staatliche Museen zu Berlin Preußischer
Kulturbesitz (Hrsg.), Katalog zur Menzelausstellung in Berlin vom 7.2.
bis 11.5.1997. Mit einer umfangreichen Bibliographie, Berlin 1996. –
Stiftung Ostdeutscher Kulturrat (Hrsg.), Große Deutsche aus dem Osten,
3. Aufl. Würzburg 1999. – Hubert Locher, Deutsche Malerei im 19.
Jahrhundert, Darmstadt 2005. – Kugler/Menzel, Geschichte Friedrichs d.
Gr., ungekürzte Volksausgabe, Verlag Seemann Leipzig , o.J.
Bild: Eberhard G.
Schultz, Der kulturgeschichtliche Beitrag der Schlesier, Würzburg 1991,
Abb. 25.
Karlheinz Lau
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