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Arnold Oskar Meyer entstammte einer Familie, deren vielseitige
Gelehrsamkeit ihn von frühester Jugend an prägte, das Interesse an der
Wissenschaft weckte und ihm ein Verantwortungsgefühl des
Hochschullehrers mit auf den Weg gab. Durch seinen Vater Oskar Emil
Meyer (1834 - 1909), der als Professor für Physik in Breslau lehrte, und
seinen Onkel Julius Lothar Meyer (1830 -1895), der in Tübingen Chemie
lehrte, wurde sein Interesse zunächst auf die Naturwissenschaften
gelenkt, deren Entwicklung er auch in späteren Jahren beharrlich
weiterverfolgte. Sein älterer Bruder Herbert (1875 - 1941), der in
Göttingen und Berlin als Professor für Rechtsgeschichte tätig war,
machte ihn mit den Geisteswissenen vertraut.
Die
erste Publikation Arnold Oskar Meyers war eine Übersetzung der Gedichte
des amerikanischen Schriftstellers Henry Wadsworth Longfellow. Nur mit
wenigen Freunden wie Oswald Spengler, dem Meyer Ende der zwanziger Jahre
in München als Hausgenosse nähergetreten war, war ein Austausch über die
ganze Breite seiner Interessen möglich. In Spengler - dessen
morphologische Kulturtheorie ihn faszinierte, während er jede
biologistische Begründung ablehnte - fand er nicht nur einen universal
gebildeten und anregenden Gesprächspartner, sondern überdies einen
politisch und weltanschaulich ähnlich orientierten Denker, der wie er
selbst den tiefen Einschnitt des Ersten Weltkriegs
geschichtsphilosophisch zu bewältigen suchte.
In
Breslau hatte Arnold Oskar Meyer die Vorschule und das Gymnasium zu St.
Maria Magdalena besucht. Sein Studium der Geschichte und Klassischen
Philologie, das er 1895 aufnahm, führte ihn nach Tübingen, Leipzig,
Berlin und Heidelberg. In Breslau wurde er im Jahre 1900 mit einer
Arbeit über Die englische Diplomatie in Deutschland zur Zeit Eduards
VI. und Mariens promoviert. Das Thema England in der
Reformationszeit blieb fortan neben Bismarck Meyers wichtigstes
Arbeitsgebiet - Materien, von denen er sich nur gelegentlich, vor allem
mit Aufsätzen über seine Heimat Schlesien, entfernte. Den stärksten
Eindruck dieser Studienjahre hatte Meyers hanseatischer Lehrer Dietrich
Schäfer hinterlassen, der ihm nicht nur den akademischen Weg wies,
sondern ihn auch politisch durch sein gesamtdeutsches
Verantwortungsgefühl überzeugte.
Sein
Werdegang führte Meyer zunächst an das Preußische Historische Institut
in Rom, wo er von 1903 bis 1908 verweilte und wo sich dem jungen
Gelehrten herausragende Möglichkeiten zu eigener, vom regen
Universitätsbetrieb unabhängiger Forschung boten. Als eine Mischung von
Zucht und Freiheit bezeichnete Meyer später selbst die strenge Schule in
Rom unter dem Mediävisten Paul Fridolin Kehr, dem seinerzeitigen
Direktor. Seine in Italien begonnene Habilitation für neuere Geschichte
- die hierfür notwendige Quellensammlung führte ihn längere Zeit in das
Londoner Staatsarchiv - legte Meyer schließlich im Jahre 1908 in Breslau
unter dem Titel England und die katholische Kirche vom
Regierungsantritt Elisabeths bis zur Gründung der Seminare vor
(erschienen 1908 in Rom). Im Jahre 1913 kam Meyer als Ordinarius nach
Rostock, 1915 nach Kiel, 1922 nach Göttingen, 1929 nach München und 1935
schließlich an die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin.
Meyers ausgeprägtes National- und Pflichtgefühl trat in Aufsätzen und
Vorträgen zu Themenkreisen wie Kants Ethik und der preußische Staat,
Die sittlichen Grundlagen der Politik Bismarcks oder Der deutsche
Volks Charakter im Spiegel der deutschen Geschichte hervor. In
diesem Sinne verstand er es in erster Linie als Pflichtgefühl, eine
Reihe zeitraubender und mühseliger Arbeiten zu übernehmen, deren Wert
nicht hoch genug zu schätzen sei: die Ordnung des Rostocker
Universitätsarchivs, in Kiel die Herausgabe der Zeitschrift für
Schleswig-holsteinische Geschichte, in München die Betreuung der
Deutschen Akademie, in Berlin die Überwachung der Quellenedition zur
auswärtigen Politik Preußens und - nach dem frühen Tode Otto Brandts -
zugleich die Herausgabe des Handbuchs der deutschen Geschichte.
Die
marxistisch-leninistische Geschichtsschreibung freilich rechnete Meyer,
der - ebenso wie Georg von Below, Fritz Härtung, Dietrich Schäfer oder
Eduard Meyer - Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) war,
ganz „dem restaurativ-konterrevolutionären,
militant-revanchistischen, deutschnational-völkischen Flügel" zu, der
„innenpolitisch noch immer den preußisch-obrigkeitsstaatlichen, oft
ungebrochenen monarchistischen Idealen huldigte und in offener
Gegnerschaft zum Weimarer Staat und seinem Parlamentarismus stand" (H.
Schleier). Zu Unrecht und überdies wenig differenzierend wurde Meyer,
der sich seit dem Ersten Weltkrieg für die Mitteleuropa-Idee Friedrich
Naumanns eingesetzt hatte, überdies einer geopolitischen und
imperialistischen deutschen Ostforschung zugerechnet. Bestimmend für
Meyers weltanschaulichen Standort war in erster Linie seine preußische
Staatsgesinnung und lutherische Religiosität. Obwohl er der Weimarer
Republik innerlich ablehnend gegenüberstand, war er doch weder als
politisch Denkender noch als Hochschullehrer bereit, dem
Nationalsozialismus und der ihm eigenen Mischung einer atavistischen
Heilslehre und durchgreifenden Modernisierung eine Lanze zu brechen.
Die
Kieler Zeit, in der sich Meyer zunächst mit der Geschichte
Schleswig-Holsteins vertraut machte, führte ihn immer mehr zu jenem
Themenkreis, der ihn den Rest seines Lebens fesseln sollte: die
Person und die preußisch-deutsche Politik Bismarcks. Die erste
geschlossene wissenschaftliche Biographie des Reichsgründers, die Meyer
als sein Lebenswerk empfand, hatte er seit Ende des Ersten Weltkriegs
durch eine Reihe von Einzeluntersuchungen über Metternich, die
Hohenzollern, Bismarcks Politik in der Schleswig-Holsteinischen Frage,
Bismarcks Glauben sowie durch umfangreiche Studien über den Frankfurter
Bundestag vorbereitet. 1925 hatte er zunächst einen knappen Lebensabriß
Bismarcks verfaßt, zwei Jahre später folgte das umfangreiche Quellenwerk
Bismarcks Kampf mit Österreich am Bundestag zu Frankfurt (1851-1859).
Im Jahre 1937 erschien in München ein Band ausgewählter Aufsätze,
der unter dem Titel Deutsche und Engländer, Wesen und Werden in
großer Geschichte die beiden bedeutenden Themenblöcke Meyers
treffend vereinte.
Die
Kriegsjahre, in denen Meyer seine monumentale Bismarckstudie
abgeschlossen hatte, schienen zunächst eine Veröffentlichung nicht nur
hinauszuschieben, sondern ganz unmöglich zu machen. Nur unter Mühen
gelang - der erste fertige Druck im Dezember 1943 war in Leipzig durch
Brandbomben vollständig vernichtet worden - ein nochmaliger Druck. Bevor
dieser 1944 bei Koehler & Amelang in Leipzig erschien, erlag der Autor
einem Reitunfall. Nachdem große Teile der Erstauflage seines Werkes in
der Offizin Neumann in Neudamm (Neumark) in die Hände der Sowjets
gefallen waren, erschien es unter seinem alten Titel Bismarck. Der
Mensch und der Staatsmann 1949 in Stuttgart in einem Neudruck. Fast
zur gleichen Zeit erschien das im Londoner Exil verfaßte und in der
Schweiz veröffentlichte dreibändige, in seinem methodischen Zugriff
nüchternere und in seinen Urteilen ungleich kritischere Werk des
Berliner Juristen Erich Eyck über Bismarck. Es bot ein vollständiges
Gegenbild zum Werk Meyers, der sich ganz der „politischen und
menschlichen Größe Bismarcks" hatte widmen wollen und nun in dem zähen
Meinungsstreit um den „deutschen Irrweg": um Wesen und Gestalt des
Bismarckreiches und die Verbindungslinien zum Hitlerstaat gänzlich in
Vergessenheit zu fallen drohte. Hans Rothfels interpretierte in seinem
Geleitwort Meyers Bismarck-Biographie, die „völlig frei von Verbeugungen
gegenüber dem Hitler-Regime" verfaßt worden sei, als „wohltätiges
Gegengewicht" zu Eycks „verzerrender Dogmatisierung und erst recht
gegenüber den gröberen, rein propagandistischen Formen, in denen
ähnliche Auffassungen hervorgetreten sind". Gleichwohl: Meyers in einer
lebendigen und einfühlsamen Sprache geschriebene Bismarck-Biographie
geriet in den folgenden Jahrzehnten ebenso in Vergessenheit wie ihr
Verfasser selbst.
Weitere Werke: Zur
Geschichte der Gegenreformation in Schlesien. Aus vatikanischen Quellen,
in: Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Alterthum Schlesiens 38
(1904), S. 343 - 361. - Nuntiaturberichte aus Deutschland. 17.
Jahrhundert. Nebst ergänzenden Aktenstücken. Die Prager Nuntiatur des G.
St. Ferreri und die Wiener Nuntiatur des G. Serra (1603 - 1606), hrsg.
v. A. O. Meyer, Berlin 1911.
Lit.:
Walter Goetz: Historiker in meiner Zeit. Gesammelte Aufsätze, Köln/Graz
1957. - Ders.: Arnold Oskar Meyer [Nekrolog], in: Jahrbuch der
Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1949, München 1950, S. 116 -
118. - Karl Alexander v. Müller: Im Wandel einer Welt. Erinnerungen, Bd.
3: 1919 - 1932, München 1966. - Hans Schleier: Die bürgerliche deutsche
Geschichtsschreibung der Weimarer Republik, Berlin (Ost) 1975 (=
Akademie der Wissenschaften der DDR. Schriften des Zentralinstituts für
Geschichte, 40). - Wilhelm Schüssler: Arnold Oskar Meyer (20.10.1877
-3.6.1944). Ein Historiker des Bismarckschen Deutschlands, in: Studium
Berolinense. Aufsätze und Beiträge zu Problemen der Wissenschaft und zur
Geschichte der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Hrsg. v.
Hans Leussink, Eduard Neumann u. Georg Kotowski, Berlin 1960 (=
Gedenkschrift der Westdeutschen Rektorenkonferenz und der Freien
Universität Berlin zur 150. Wiederkehr des Gründungsjahres der
Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin), S. 690 - 701. - Ders.: Arnold
Oskar Meyer [Nekrolog], in: Forschungen und Fortschritte 20 (1944), S.
240. - Peter Schumann: Die deutschen Historikertage von 1893 bis 1937.
Die Geschichte einer fachhistorischen Institution im Spiegel der Presse,
Göttingen 1975. - Wolfgang Weber: Biographisches Lexikon zur
Geschichtswissenschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die
Lehrstuhlinhaber für Geschichte von den Anfängen des Faches bis 1970,
Frankfurt a. M. (u. a.) 1984. - Ders.: Priester der Klio.
Historisch-sozialwissenschaftliche Studien zur Herkunft und Karriere
deutscher Historiker und zur Geschichte der Geschichtswissenschaft (1800
- 1970, Frankfurt a. M. 1987 (= Europäische Hochschulschriften; Reihe 3:
Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, 216).
Bild:
Titelblatt der 1944 in der Neumark gesetzten und gedruckten Erstauflage
des Meyerschen Bismarck-Werkes.
Joachim Bahlcke
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