Nach
Kriegsende
im Mai 1945
sollte der
Leidensweg
einiger
europäischer
Völker noch
lange nicht
zu Ende
sein. Hart
getroffen
wurden nicht
zuletzt auch
die
Angehörigen
der
deutschen
Siedlungsgemeinschaften
Ost- und
Ostmitteleuropas,
die vielfach
noch
jahrelang –
wenn nicht
sogar
jahrzehntelang
– unter den
Folgen des
Krieges zu
leiden
hatten. Die
Ungarndeutschen
sind ein
beredtes
Beispiel
dafür, wie
die
Geschichte
europäischer
Minderheiten
über den
Rahmen der
betroffenen
Länder,
Vater- und
Mutterländer,
einen
gesamteuropäischen
Zug annimmt.
Die Leser
dieser
Ostdeutschen
Gedenktage
(OGT) hatten
in den
vergangenen
Ausgaben
bereits
Bekanntschaft
mit dem
„Existenzialisten-Vater“
der
ungarndeutschen
Literatur,
Franz
Zeltner (OGT
2001/2002),
der
„Mutter“
der
ungarndeutschen
Literatur,
Erika Ats (OGT
2003/2044),
und der
berühmtesten,
auch
international
preisgekrönten
ungarndeutschen
Dichterin
Valeria Koch
(OGT 1999)
machen
können. Hier
ist nun auf
das
Lebenswerk
von Josef
Mikonya zu
verweisen,
von dessen
Prosa und
Lyrik eine
repräsentative
Anthologie
Krähen
auf dem
Essigbaum,
endlich vom
Vudak Verlag
Budapest zur
Jahreswende
1994
herausgegeben,
Zeugnis
gibt.
Mikonya
wurde
geboren am
23. März
1928 in
Tarian, wo
er auch am
9. Juni 2006
starb. Nach
der
Grundschule
arbeitete er
22 Jahre
lang als
Bergmann und
13 Jahre
lang als
Hüttenarbeiter
in Tatabanya.
Er
veröffentlichte
in der
Neuen
Zeitung
Budapest und
in der
landsmannschaftlichen
Zeitschrift
Unsere
Post
sowie in
mehreren
Anthologien.
Der
Prosaband
Krähen auf
dem
Essigbaum
ist sein
Hauptwerk.
Zum ersten
Mal wird
hier in der
ungarndeutschen
Nachkriegsliteratur,
ermöglicht
durch den
Umbruch im
Ostblock,
auf das
dramatische
Schicksal
der
Ungarndeutschen
vor, während
und vor
allem nach
dem Zweiten
Weltkrieg
eingegangen
und in einer
dortzulande
noch nicht
da gewesenen
Offenheit
„das Kind
beim Namen
genannt“.
So in der
Kurzerzählung
Der
Scharfschütze,
in welcher
der
bäuerliche
Hauptheld
und ein
deutscher
Soldat, der
sich ohne
Wissen des
Bauern in
dessen
Weinkeller
„blutverkrustet“
versteckt
hatte, von
einem
plündernden
Russen
kurzerhand,
ohne auch
nur ein Wort
zu
verlieren,
erschossen
werden. Auch
einer der
Männer der
Juli B., der
Österreicher
Viktor, wird
von den
Russen
getötet, als
er Juli B.
in deren
Dorf am
Kriegsende
besuchen
will. In der
Komtess
wird die
doktrinäre
stalinistische
Sozialpolitik
anhand des
Schicksals
einer
Gutsbesitzertochter
geschildert,
die,
körperlich
schwer
arbeitend,
nach wie als
die
Komtess
angesehen
wird und
deren
„Umerziehung
durch
Arbeit“
sich als
sinnlose
Lösung
erweist.
Ebenso
kommen die
Ereignisse
um den
Volksaufstand
vom Oktober
1956 in der
vielleicht
gelungensten
Arbeit
Mikonyas
Mensch in
der Tiefe
ungeschminkt
ans
Tageslicht.
Diese
autobiographische
Erzählung
zeugt von
Mikonyas
Mutterwitz
und
urwüchsiger
Erzählgabe,
einem
gewissermaßen
„mündlichen“
Erzählstatus.
In der Form
ereignisreicher
Dorfgeschichten
von einst
berichtet
Mikonya hier
von seinen
Erlebnissen
als in die
Untertagearbeit
verschlagenem
Bauernjungen.
Hier muss er
von der Pike
auf im
damaligen
Ungarn den
wegen
Normenschinderei,
Planerfüllungsdenken
und dem sich
daraus
ergebenden
mangelnden
Arbeitsschutz
lebensgefährlichen
Bergmannberuf
erlernen.
Die
sogenannte
Stachanow-Bewegung,
ein
zwanghafter
Planübererfüllungsdruck,
nach dem
sowjetischen
„Best-Arbeiter“
Stachanow
genannt – in
der DDR
analog als
„eigenständige“
Adolf
Henneck-Bewegung
verkauft –
führt
letztlich
auch zum
Aufbegehren
der Kumpel
im
Volksaufstand
von 1956.
Wie es dazu
kam und wie
es dann nach
der
Niederschlagung
des
Volksaufstandes
weiterging,
schildert
Josef
Mikonya mit
einer
solchen
prallen
Fülle von
anschaulichen
Einzelheiten
und
erhellenden
Details,
mitunter
sogar mit
einem
berufsmäßig
zünftigen
schwarzen
Humor, dass
hier die
Literatur
wahrhaft
realistisch
zur Chronik
eines
dramatischen
Zeitabschnittes
im Schicksal
eines
Betrogenen
wird. In der
distanzierten,
selbstironischen
Reflexion
des Autors
über seine
Abenteuer im
dadurch
mitunter gar
nicht mehr
so grauen
Alltag wird
eine über
den Rahmen
von
Dorfgeschichten
hinausgehende
Auseinandersetzung
mit seiner
Welt
deutlich.
So
verarbeitet
er in der
herben
Humoreske
Der
Neun-Uhr-Zug
war
abgefahren
sein
„Schicksal“
als
Vorzeige-Minderheitenliterat,
der im
Kulturhaus
eines
Steppendorfes
in einer
schematischen
Dichterlesung
regelrecht
verplant
wird, ohne
dass man auf
sein
eigentliches
literarisches
Anliegen
eingeht,
Sprache und
kulturelle
Tradition
als
identitätsstiftende
Faktoren
seiner
Minderheitengruppe
nicht bloß
zu erhalten,
sondern auch
zeitgemäß
fortzuführen.
Hier wird
ein übriges
Mal
deutlich,
dass Josef
Mikonyas
erzählerische
Stimmungsbilder
aus dem
schwäbischen
Alltag
keineswegs
eine heile
Welt
vorgaukeln,
selbst wenn
sie von so
liebenswerte
Gestalten
bevölkert
werden wie
der seines
Großvaters
in Krähen
auf dem
Essigbaum,
der des
„würdigen“
Bettlers
Stüwe oder
der des sich
sogar zur
Heldenhaftigkeit
aufschwingenden
Fuhrmanns
der Armen,
der einem
vor der
Deportation
flüchtenden
Juden
weiterhilft.
Selbst in
der
Kolchose, in
die viele
Ungarnschwaben
nach ihrer
Enteignung
eintreten
mussten,
werkeln sie
geschäftig
wie immer
und sind
somit ein
lebender
Beweis für
die
Sinnlosigkeit
der
Vertreibung
der Hälfte
von ihnen –
etwa einer
Viertelmillion,
die das
Nachkriegsungarn
auch
unumwunden
zugibt.
Wie
vielfältig
nicht nur
der Verlust,
sondern auch
die noch
immer
vorhandenen
Möglichkeiten
der in ihrer
nun schon
seit 300
Jahren
angestammten
Heimat
Verbliebenen
sein können,
möchten
diese
Arbeiten
Mikonyas
ebenfalls
andeuten.
Seine im
heutigen
Ungarn
lebenden
Ungarnschwaben
entwickeln
trotz aller
Schwierigkeiten,
denen sie
noch immer
besonders im
unzulänglichen
deutschsprachigen
Unterricht
begegnen,
über ihren
Lokalpatriotismus
hinaus eine
sich über
das ganze
Ungarnland
erstreckende
Heimatliebe
und ziehen
somit gleich
mit der
Heimatliebe
der Ungarn
selbst – in
der Hoffnung
allerdings,
dass diese
ihrerseits
auch mehr
Verständnis
für ihre
ungarn-schwäbischen
Landsleute
aufbringen,
was –
angesichts
der vielen
von Mikonya
dargestellten
sympathischen
Einzelgänger
und
liebenswürdigen
Traditionalisten
unter ihnen
– auch nicht
allzu schwer
fallen
dürfte.
So könnte
diese
zeitgemäße
„Dorfliteratur“,
wenn auch
erst ein
kleiner
Schritt, so
doch ein
richtiger
und auch
wichtiger
Schritt auf
dem Wege von
einer
solidarischen
Dorfgemeinschaft
zu einer
ebenfalls
solidarischen
Dorf-Stadtgemeinschaft,
ja
vielleicht
eines Tages
sogar zu
einer
„Weltdorfgemeinschaft“
auf noch
unbekannter
Höhe sein.
Ingmar
Brantsch