Zur
Biografie von Johann Mikulicz ist viel veröffentlicht worden,
dabei weniger über die Zeit in der Bukowina, und wenn, dann mehr
über die Familie und die Rolle seines Vaters, des „Forstsubstituts“
(Gehilfen), der es durch Selbststudium zum Forstbeamten,
Baumeister und herausragenden städtischen Architekten gebracht
hat. Verewigt ist Andreas Mikulicz (geb. am 5. November 1804 in
Galizien, gest. am 13. April 1881 in Czernowitz) durch den heute
noch imponierenden Rathausbau am Czernowitzer Rathausplatz mit
dem 45 Meter hohen Turm, die Gestaltung des Ringplatzes „nach
kapitolinischem Vorbild“ und den beliebten Volksgarten (1839,
nach Wiener Vorbild).
Daß
nicht so viel über Johann Mikulicz und Czernowitz bekannt ist,
liegt daran, daß ein etwa 100seitiges Manuskript zur
Familiengeschichte aus der Feder der Ehefrau Henriette noch
nicht veröffentlicht wurde, die anderen Autoren dieses Kapitel
bisher weniger interessiert hat. Der Impuls zum Medizinstudium
kam nämlich nicht aus der Geburtstadt, er erfolgte sogar gegen
den Willen des Vaters. Onkel Lukas Mikulicz in Hermannstadt/Sibiu,
hochgeschätzter Arzt und Leiter des dortigen
„Hebammen-Lehr-Instituts“, weckte in dem Gymnasiasten den
Wunsch, Medizin zu studieren. Vater Andreas wollte aus ihm einen
Diplomaten oder Juristen machen.
Ein
weiterer Grund ist der, daß Mikulicz, Sproß aus der zweiten Ehe
des Vaters mit Emilie von Damnitz, Tochter eines früheren
preußischen Offiziers, aus einer Familie kam, die über Jahre ein
für damalige Verhältnisse ungewöhnliches Leben führte: einen
doppelten Haushalt. So gelangte dieser – bestimmt wichtig für
die weltoffene Prägung des jungen wie auch erwachsenen Johann –,
mit acht für drei Jahre nach Prag in die Piaristenvorschule und
zur Musikausbildung an das Musikinstitut von Josef Proksch, ein
Bildungsbereich, der mitentscheidend wurde für seine Zukunft.
Über die Musik lernte er seine spätere Ehefrau in Wien kennen,
wurden ihm Türen und Tore in die höhere Wiener Gesellschaft
geöffnet. So wurde Mikulicz von Kind an Weltbürger: Der Schule
in Prag folgte 1862 (auch für Bruder Valerian, den späteren
General) das „Humanistische Gymnasium“ in Czernowitz (genauer
das achtklassige „Kaiserlich-Königliche I. Obergymnasium“) unter
der Direktion von Stephan Wolf, dem späteren I. Staatsgymnasium
(gegründet 1808), dann 1863 das Gymnasium der Theresianischen
Ritter-Akademie in Wien mit weiterer Musikausbildung, 1864 das
Benediktiner-Klostergymnasium Klagenfurt, wieder Gymnasium in
Czernowitz, mit 17 als Sekundaner die Schule und Musikunterricht
in Hermannstadt zusammen mit einem seiner Brüder bei Onkel
Lukas; ab 1868 wieder Gymnasialzeit in Czernowitz bis zur
Matura, die er hier 1869 mit Auszeichnung ablegte.
Im
Oktober des Matura-Jahres 1869 war Johann zum Studium nach Wien
gereist, widmete sich mit Eifer dem Medizinstudium, für das er
sich anfangs das Geld durch Klavierunterricht verdienen mußte,
bis ihm ein Gönner zu einem Stipendium verhalf.
Während
der Studienzeit, die er 1875 mit dem Staatsexamen und dem
Rigorosum erfolgreich abschloß, besuchte Johann nur wenige Male
Czernowitz. Einige Male war der Vater mit seiner dritten Ehefrau
nach Wien gekommen; mit Bruder Andreas und dem Vater hatte
Johann 1872 eine zweimonatige Informationsreise durch Rußland
unternommen. Es bestanden freundschaftliche Familienbande über
ganz Mitteleuropa, eine reiche Korrespondenz wurde geführt. Der
Czernowitzer Einfluß dürfte, außer dem des Vaters und der
helfenden Schwester Emilie, die inzwischen in polnischem Umfeld
verheiratet war, mäßig gewesen sein. Der Wunsch seines
Professors und Vorbildes, des Chirurgen Prof. Dr. Theodor
Christian Billroth, aus dem Jahre 1877 ging auch nicht in
Erfüllung: Dieser schrieb an seinen jungen Assistenten: „Ich
habe immer noch die Hoffnung, daß Sie der erste Professor der
Chirurgie an der neuen Universität Ihrer Vaterstadt werden
sollen.“ Czernowitz, seit 1875 Universitätsstadt, bekam keine
Medizinhochschule, so daß
Billroth den angehenden Forscher auf Studienreise in die
Hochburgen der europäischen Chirurgie schickte, nach Deutschland,
England und Frankreich. Auch mit der Berufung nach Lemberg
klappte es nicht. Die direkten Beziehungen zu Czernowitz wurden
nach dem Tod des Vaters 1881 noch schwächer, zumal die meisten
Geschwister von dort weggezogen waren. Der anstrengende Beruf,
der für Mikulicz Lebenssinn und -inhalt bedeutete, die folgenden
Ortswechsel nach Krakau, Königsberg und Breslau, die große
eigene Familie (acht Kinder hatte ihm seine Frau geboren)
dürften dazu geführt haben, daß die Bindungen zur Geburtsstadt
immer lockerer wurden.
Die
Stadt selbst hat ihn nie ganz vergessen. In den Zeitungen wurden
seine großen Erfolge bekannt gemacht und man war stolz auf den
Sohn der Bukowina, nicht zuletzt waren es würdigende Nachrufe,
die in den Czernowitzer Zeitungen erschienen sind (siehe
Beck-Bibliographie). Das Czernowitzer I. Staatsgymnasium
würdigte in seiner umfangreichen Jubiläumsfestschrift (gedruckt
1909 in Czernowitz) von Prof. Romuald Wurzer im Schlußkapitel
den ehemaligen Gymnasiasten, den „gelehrten Forscher und
berühmten Chirurgen Dr. Johannes von Mikulicz-Radecki“, dessen
Namen gleich neben dem des „unvergessenen ersten Rektors der
Czernowitzer Universität, Dr. Konstantin Tomaszczuk steht, und
vor dem Nationaldichter der Rumänen, Mihai Eminescu sowie
zahlreichen weiteren Absolventen dieses Gymnasiums, die sich
einen „glänzenden Namen erworben haben und so der Anstalt alle
Ehre machen.“ Ein Czernowitzer Berufsgenosse, Dr. Wladimir
Philipowicz, k.u.k. Regierungsrat und Direktor der Bukowiner
Landes-Krankenanstalt in Czernowitz, versuchte zusammen mit
einem Komitee ein Denkmal für den großen Sohn der Stadt zu
errichten (1907, dazu ist im Selbstverlag eine Gedenkschrift
erschienen, das Thema wurde auch im Bukowiner Landtag
debattiert).
Nachhaltig gewirkt haben dürften einige Besonderheiten aus dem
Buchenland, so die Viel- bzw. Mehrsprachigkeit. Vater Andreas
sprach sieben Sprachen, in der Familie wurde deutsch gesprochen,
mit Verwandten und Freunden ebenso ruthenisch oder rumänisch und
polnisch, ferner der Geist der Toleranz, den der strenge Vater
besonders pflegte, das große Interesse an Schulbildung und
Musik, das starke Streben zur Hebung der allgemeinen
Kulturzustände und der Wirtschaft des Landes und der Stadt, das
sich oft im Familienleben widerspiegelte, aber auch die recht
schwierigen materiellen Verhältnisse, mit denen die Familie fast
immer zu kämpfen hatte.
Über die
Studentenzeit in Wien, seinen Freundeskreis und über seine
Professoren bzw. Vorbilder im Bereich Medizin, über die
Bedeutung der Musik in jenen Jahren hat die Ehefrau Henriette (Jetti)
in mehreren Beiträgen ausführlich geschrieben. Eine
Zusammenfassung stellt der erste Teil des Buches „Erinnerungen
an Wien, Krakau, Königsberg und Breslau“ aus dem Jahre 1988 dar
(Dortmund, 229 Seiten). Wie der Untertitel besagt, handelt es
sich um die Memoiren von Henriette, der Frau des Chirurgen
Johann von Mikulicz-Radeczki. Dieses Buch hat der Bukowiner
Historiker Prof. Dr. Emanuel Turczynski mit einem für die
Forschung wichtigen Nachwort, einem Personenregister und einem
wissenschaftlichen Apparat versehen sowie einer kleinen
Literaturliste zu Mikulicz-Radeczki und einem umfangreichen
Werkverzeichnis des Wissenschaftlers. Das Nachwort ist fast
identisch mit dem 1986 von Prof. Turczynski veröffentlichen
Beitrag „Johann Mikulicz-Radecki, ein weltberühmter Chirurg aus
der Bukowina“ in der Zeitschrift „Kaindl-Archiv“. Anlaß dieser
Vorarbeit war die Reaktion auf eine Veröffentlichung einer
Universitätsprofessorin aus Tours, Rita Thalmann, die Mikulicz
als „Chirurg in Czernowitz“ anführte (S. 445 bei Plaschka und
Mack, München, Oldenbourg Verlag) und zu den slawischen Ärzten
zählte. Mikulicz sprach in Czernowitz und später ruthenisch
ebenso wie jiddisch oder rumänisch, das Polnische war ihm
vertraut, aber gelernt hat er es erst in Wien vor seiner
Berufung nach Krakau. Selbstverständlich sind wissenschaftliche
Beiträge und Vorlesungen des Ordinarius in polnischer Sprache
erschienen, einige wurden ins Russische übersetzt, selbst hielt
sich Mikulicz als Österreicher, später als Deutscher, nachdem er
mehrfach zu spüren bekommen hatte, daß ein Wissenschaftler, der
zu den Preußen gegangen ist, nicht mehr nach Österreich berufen
wird.
Mikulicz
hatte sich mit Entschiedenheit der Medizin verschrieben, legte
erfolgreich alle Prüfungen ab und hatte das Glück, vorbildhafte
und ihn fördernde Professoren zu haben. Prof. Billroth, der
renommierteste Vertreter der Wiener Chirurgenschule, nahm den
gewissenhaften jungen Arzt als Volontärassistent an seine
chirurgische Universitäts-Klinik. Sein unermüdlicher Fleiß, sein
Talent und seine Hingabe führten dazu, daß Mikulicz und Anton
Freiherr von Eiselsberg die „bedeutendsten Schüler der Wiener
chirurgischen Klinik“ wurden. Nach zweieinhalb Jahren wurde er
1879 ordentlicher Assistent, in dem Jahr, in dem er seine ersten
sechs wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlichte. Damals ist
sein Name in die Medizingeschichte eingegangen dank der
Entdeckung und Beschreibung der „Mikulicz’schen Skleromzellen“
(in der Nase). In diese Zeit fallen die ersten
Beschäftigungen zur antiseptischen Wundbehandlung und mit neuen
Techniken dazu, ein Thema, das ihn über Jahre vorrangig in
Anspruch nahm und mit dem er den Durchbruch zur Weltgeltung
errang. Der Ausbau der Antiseptik wurde zu seinem Lebenswerk.
Aus einem Brief seines Lehrmeisters Billroth wissen
wir, daß seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen damals
schon auch im Ausland „ungeteilten Anklang gefunden“ hatten. Im
Jahre 1880 habilitierte er sich mit einer Arbeit, die ihn zum
Mitbegründer der Orthopädie als Forschungszweig machte.
Fortgeschritten waren auch seine Vorschläge im Bereich
medizinischer Instrumentenbau, und zwar an einem Ösophagoskop
und in der Gastroskopie. Auf dem 10. Chirurgenkongreß legte
Mikulicz eine Monografie zur Gastroskopie vor, die ihn als
besten Fachmann der Welt zu jener Zeit auszeichnete.
Drei Hauptbereiche
beschäftigten den jungen Assistenten damals besonders:
Antiseptik, Speiseröhren-Magen-Chirurgie und Orthopädie;
später kamen Darm- und Thoraxchirurgie hinzu. Aus dem Jahre 1881
sind 15 Vorträge und Veröffentlichungen bekannt, darunter die
medizinisch wichtige Wladimirow-Mikulicz’sche osteoplastische
Fußgelenkresektion und über die Bedeutung des Jodoform in der
Chirurgie.
Das Jahr
1880 bewirkte eine entscheidende Wende für den Menschen und
Wissenschaftler. Mikulicz gab das damals für Assistenten der
Uni-Klinik verpflichtende „ärztliche Zölibat“ auf, heiratete und
erhielt eine ministerielle Dispens, an der Klinik befristet
weiter arbeiten zu dürfen. Aber die Zäsur war eingeleitet: eine
neue Wirkungsstelle mußte gesucht und gefunden werden. Daher
entschied er sich, der Berufung als Ordinarius nach Krakau 1882
Folge zu leisten, wo seine Schwester Emilie als Gattin eines
höheren Beamten lebte. Es war nicht einfach, nicht nur weil
Gegnerschaft aus polnischen Kreisen kam, sondern weil der
Mediziner an sich selbst höchste Ansprüche stellte. Er wollte
„perfekter Pole“ werden, in dem Sinne, daß er als Lehrender die
Sprache voll beherrsche. Und er schaffte es. Schon im ersten
Jahr erschien seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung in
polnischer Sprache. Obwohl die allgemeinen Bedingungen im
Vergleich zu Wien schwieriger waren, entstanden in Krakau die
meisten und einige der besten Arbeiten, so zur heute
hochmodernen plastischen Chirurgie des Gesichts, zur
kosmetischen Chirurgie, Arbeiten über die so wichtige
Bluttransfusion, die Kochsalzinfusion und über
Speiseröhrenkrebs. Insgesamt waren es rund 70 größere
wissenschaftliche Veröffentlichungen. Familiär war es ebenso die
vielleicht wichtigste Zeit, denn in den fünf Jahren schenkte ihm
seine Frau fünf Kinder. Zum Abschied aus Krakau war auch eine
Abordnung polnischer Juden gekommen, die ihn zum Bleiben
überreden wollte mit dem Argument: „Sie haben die Humanität bei
uns eingeführt.“
Nach
fünf Jahren verließ die Familie Mikulicz Krakau. Über die
dreieinhalbjährige Zeit danach in Königsberg wird aus
Raumgründen nicht eingegangen. Der Wissenschaftler folgte einem
Ruf an den Lehrstuhl in Breslau. Es war das Jahr 1890. Mikulicz
war 40 und auf dem Gipfel seines Lebens und Wirkens. Er hatte
sich zu einem Mediziner entwickelt – praktizierender,
forschender und lehrender –, der in seinem Beruf lebte und in
ihm voll aufging. Der sachkundige und Fachmann Neugebauer hält
für diese Zeit fest: „Mikulicz entfaltete sich hier zu seiner
vollen Größe“.
Unter
viel besseren gesellschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen
als in Krakau, aber vor allem unter hervorragenden medizinischen
Bedingungen konnte sich hier der Wissenschaftler und Praktiker
voll entfalten. Er kam hier gerade zurecht, um den Neubau der
Universitätsklinik nach seinen Vorstellungen zu gestalten und zu
einer der modernsten in der Welt zu machen, die von Spezialisten
aus aller Welt besucht wurde. Das berühmte Operateur-Talent
erwarb sich einen erstrangigen Platz, er entwickelte neue
Operations- und Heilmethoden, die in den
medizinwissenschaftlichen Schatz eingegangen sind. Der erste
große aseptische (keimfreie) Operationssaal der Welt galt noch
laut einer Inspektionsreise aus 1925 zu den modernsten und
besten der Zeit. Die Neuerungen und Reformen des Professors
gingen bis in die Bereiche Verbesserung des medizinischen
Unterrichts, des Examensmodus sowie der Gesamtausbildung und
Fortbildung der Ärzte. Ein Nachfolger hielt fest, daß der
Weltruhm der Klinik der „überragenden Persönlichkeit von
Mikulicz“ zu verdanken war (Prof. Dr. Direktor Hermann Küttner).
„Mikulicz hatte chirurgische Ideen, wie sie an Fruchtbarkeit und
Bedeutung wohl kaum einem zeitgenössischen Chirurgen in diesem
Ausmaß vergönnt waren“, schlußfolgerte Neugebauer. Unvergessen
sind in der medizinischen Praxis die vielfach verwendete
Mikulicz-Klemme bei chirurgischen Eingriffen, die Mikulicz’sche
Tamponade (franz. le Mikulicz), die Einführung der Heilgymnastik
in der Orthopädie, seine Anfänge der Prostata-Chirurgie (1903),
die intensive Beschäftigung mit Speiseröhren-, Magen- und
Darmkrebs, die gelungenen Hautverpflanzungen und die nach ihm
benannte Mikulicz’sche Krankheit, eine Entzündung der
Tränendrüsen. In der medizinischen Technik waren es unter vielen
ein neuartiger wie ein heizbarer Operationstisch, eine Maschine
für die Äthernarkose, verschiedene besondere Nadeln, Pinzetten,
Zangen, Hohlnadeln für die Entnahme von Gewebeproben bis zu
einem Knochenschnitzgerät für die plastische Chirurgie.
Mit
seinen 160 Veröffentlichungen aus dieser Zeit, viele vorgetragen
bei Chirurgen-Kongressen und naturwissenschaftlichen Tagungen,
einschließlich in den USA, hatte er der „Chirurgie des
Jahrhunderts ein Gesicht gegeben“, ein neues, modernes und
nachhaltig wirksames. Die Mikulicz’sche Klemme kennt heute jede
Arzthelferin und Krankenschwester. Er war ein Vorreiter und für
das Neue empfänglich. So war es selbstverständlich, daß seine
letzte Veröffentlichung sich dem damals so aktuellen Thema „Die
Bedeutung der Röntgenstrahlen für die Chirurgie“ (1905) widmete.
Aber auch der einzelne Patient kam in den Genuß seiner
Fähigkeiten. In fünf Jahren (bis 1902) hatte er selbst in
Breslau 185 Magenkrebsoperationen vorgenommen, seit 1890 nach
einer eigenen Methode, die er beim 32. Chirurgenkongreß
vorgestellt hatte. Neu bis dahin waren seine
Peritonitis-Operationen bei Durchbruch infolge von Magen- oder
Darmgeschwüren, ferner die Magenresektion, die als
Heinek-Mikulicz-Methode in die Medizingeschichte eingegangen
ist. Medizinische Handschuhe, Mundschutz und die erste
vollständige Sterilisationseinrichtung in Breslau machten das
damalige Deutschland zum Geburtsland der Aseptik. Die Wiege der
deutschen Thoraxchirurgie sowie der Chirurgie des Magenkrebses,
speziell der Speiseröhre, standen ebenfalls in der Breslauer
Klinik von Prof. Mikulicz. Die 15 Jahre in der schlesischen
Hauptstadt hatten den Weltruf des Mediziners begründet und
gefestigt. Durch seine geniale Einzelleistung hat er mit seinen
Schülern dazu beigetragen, die moderne Chirurgie neu zu formen,
er hat systemische Methoden erarbeitet als grundsätzliche
Voraussetzungen für erfolgreiche Medizin. Vor allem hat er die
Aseptik, die Vorbeugung gegen Wundinfektionen zur Bedingung für
Heilerfolge gemacht, eine der Säulen, auf die sich Chirurgie
stützt. Der führende Chirurge der Neuzeit hat zudem eine Schule
begründet, aus der zahlreiche Fortführer hervorgegangen sind,
die seine Methoden europaweit, aber auch in Japan oder Übersee
verbreitet haben. Seine Schüler und Fachkollegen hinterließen
ein Bild vom Meister, das mehr zeigt als nur den vorbildlichen
Lehrer und Heilberufler, sie berichten von einem Leben für die
Kranken, ihre Heilung und zur Erforschung der Krankheiten. Sein
Denkmal (Entwurf von Prof. Arthur von Volkmann, Leipzig/Rom) vor
dem Eingang zur Breslauer Uniklinik hat in der Stadt das
wechselvolle Jahrhundert seit seinem Tode am 14. Juni 1905 auf
seinem Landgut bei Freiburg/Schlesien überstanden.
In
seinem letzten Brief, an seinen Arzt-Freund aus der Wiener
Assistenten-Zeit, schrieb er wenige Tage vor dem Tod u. a. „Ich
habe gearbeitet, was ich konnte und dabei viel Anerkennung
gefunden und war glücklich!“ – Größe und Bescheidenheit als
Lebensbilanz! Selbst der Kaiser schickte ein Beileidstelegramm
zum Ableben des zu früh mit 55 Jahren an Magenkrebs verstorbenen
Wissenschaftlers. Gediegene Fachwürdigungen folgten seitens der
Wiener und Breslauer Universitäten, Fachschriften ehrten ihn,
aber auch die Wiener „Neue Presse“ oder die „Czernowitzer
Allgemeine Zeitung“ (20. Juni 1905). Aus dem Beisetzungsbericht
hier den Schlußsatz: „Er ist begraben worden, wie es sich
geziemt für einen Mann, der für die Menschheit gelebt hat und
dem die gesamte Menschheit Dank schuldig ist.“
Eine
Stimme soll noch angeführt werden, die des zweiten Nachfolgers
von Mikulicz auf dem Breslauer Lehrstuhl, Prof. Hermann Hüttner.
Er würdigte seinen Vorgänger bei der Enthüllung des Denkmals im
Mai 1909: „Es ist nicht richtig zu sagen, daß kein Mensch
unersetzlich sei. Das Wort mag gelten für die, die in gewohnten
Bahnen schreiten. Männer, die wie Johann von Mikulicz mit
ursprünglicher Kraft der Wissenschaft die Tore öffneten, die für
Generationen nachlebender Menschen segenbringend geworden sind –
solche Männer sind unersetzlich. Sie halten den Platz, den ihr
Genius ihnen erobert.“
Neugebauer bezeichnet Mikulicz in seinem Schlußkapitel des
erwähnten Buches als den größten deutschen Chirurgen bis dahin
und schätzt ein, daß man bei der Darstellung der Entwicklung der
modernen Chirurgie stets dieses Mannes gedenken müsse als eines,
der unter allen Chirurgen „wohl den größten Beitrag zur modernen
Chirurgie geleistet hat.“
Lit.
(Auswahl): Jahres-Bericht(e) über das k. k. Ober-Gymnasium zu
Czernowitz in dem Herzogtume Bukowina (bzw. K. k. I.
Staatsgymnasium). – Festschrift zur hundertjährigen Gedenkfeier
der Gründung des Gymnasiums, Eckhardt’sche Universitätsdruckerei
Czernowitz, 1909, 286 S. – Klaus Ullmann, Schlesien Lexikon, 6.
Aufl. Würzburg 1992, 352 S. – Julius Neugebauer, Weltruhm
deutscher Chirurgie: J. v. Mikulicz, Ulm/Donau 1965, 316 S. –
Brockhaus Enzyklopädie, 19. völlig neu bearb. Aufl., 14. Bd. (Mag-Mod),
Mannheim 1991, S. 594; Henriette von Mikulicz-Radecki,
Erinnerungen an Wien, Krakau, Königsberg und Breslau. Memoiren
der Frau des Chirurgen ..., Forschungsstelle Ostmitteleuropa
Dortmund 1988, 229 S. – E. Turczynski, Johann Mikulicz-Radecki,
ein weltberühmter Chirurg aus der Bukowina, in: Kaindl-Archiv
Nr. 5, Stuttgart/München 1986, S. 65-74.
Bild:
Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen.
Luzian Geier