Das 400.
Todesjahr von Martin Moller haben die
evangelischen Gemeinden im Sprengel Görlitz
wie der „Verein für Schlesische
Kirchengeschichte e.V.“ zum Anlaß genommen,
um auf das fast vergessene Thema
„Frömmigkeit“ aufmerksam zu machen. Damit
haben sie das zentrale Anliegen Mollers
aufgegriffen und für unsere Zeit fruchtbar
zu machen versucht. Moller wollte, daß die
Menschen das von der Reformation wieder
entdeckte Evangelium nicht nur hören und zur
Kenntnis nehmen, sondern in sich aufnehmen,
verinnerlichen, sich persönlich aneignen und
danach leben. Diesem Ziel dienten seine
Predigten, Schriften, Auslegungen. Die
Aktualität dieses Zieles unterstreichend
konnte die Moller-Forscherin Elke Axmacher
ihren Hörern in Görlitz zeitgemäß erläutern:
„Frömmigkeit ist: Annahme des Glaubens –
Einüben des Glaubens – Ausüben des
Glaubens“.
Martin
Moller stammte aus ärmlichen Verhältnissen.
Am 9. November 1547 in Kropstädt, damals
Leisnitz, bei Wittenberg als Sohn eines
Maurers geboren, konnte er erst mit 11
Jahren in die Kropstädter Schule gehen. Ab
1560 legte er sechs Jahre lang den täglichen
Schulweg zur Stadtschule in Wittenberg zu
Fuß zurück. Daneben gab er Nachhilfestunden.
Als sein Lehrer Martin Frentzel an das 1565
gegründete Gymnasium Augustum berufen wurde,
ging er für die letzten beiden Schuljahre,
1566 bis 1568, mit nach Görlitz. Durch
dessen Gründungsrektor, Petrus Vincentius
(1520-1581), und durch dessen ersten Lehrer,
Laurentius Ludovicus (1536-1594), beide
Schüler von Valentin Trotzendorf, erhielt
Martin Moller eine gediegene humanistische
Ausbildung im Sinn der Wittenberger
Melanchthon-Schule. Mit 21 Jahren, 1568,
übernahm er in Löwenberg/Niederschlesien die
Stelle des Kantors (Lehrers) mit
Predigtauftrag. Daraus ergab sich 1572 seine
Berufung zum Pfarrer in das benachbarte
Kesselsdorf. Obwohl er nicht studiert und
kein theologisches Examen abgelegt hatte,
erhielt er in Wittenberg die Ordination.
Noch im selben Jahr holten ihn die
Löwenberger auf eine ihrer Pfarrstellen
zurück. Drei Jahre später, 1575, wurde
Moller Pfarrer in Sprottau. Hier verbrachte
er die längste Zeit seines Lebens. In
Sprottau wuchsen die sieben Töchter aus der
ersten, 1570 mit Margarethe Krusian
geschlossenen Ehe heran. Nach dem Tod seiner
Frau heiratete er 1584 in zweiter Ehe
die Witwe Anna Klose, geb. Elgerin, mit
der er
zwei Söhne und drei Töchter hatte. Die Söhne
traten später in die Fußstapfen des Vaters:
Martin war von 1633 bis 1649 Rektor des
Görlitzer Augustum, Ignatius Kantor in
Sprottau.
Nach 25
Jahren Sprottau und der Ablehnung mehrerer
Berufungen nahm Moller im Jahr 1600 den Ruf
des Magistrates der Stadt Görlitz auf die
Stelle des Oberpfarrers (Pastor primarius)
an der Peterskirche an. Fünf Jahre hat er
dieses Amt noch ausüben können. Dann
erblindete er am Star. Trotzdem hat er die
Predigten weiter gehalten. Am 2. März 1606
ist er in Görlitz gestorben, am 5. März 1606
auf dem Nikolaifriedhof beerdigt worden.
Berühmt
wurde Moller, weit über Schlesien hinaus,
durch seine Erbauungsbücher. Seine
vierbändige Auslegung der alten
Sonntagsevangelien, 1601 in Görlitz
unter dem Titel „Praxis Evangeliorum“
erschienen, erreichte 44 Nachdrucke,
darunter einen in Amsterdam. Sein Buch
„Manuale de praeparatione ad mortem“ von
1593, eine „heilsame und nützliche
Betrachtung, wie ein Mensch christlich leben
und seliglich sterben soll“, sogar 46 ältere
Ausgaben, dazu eine Übersetzung ins
Französische. In die gleiche Richtung weisen
die Betrachtungen über das Leiden und
Sterben Jesu Christ „Soliloquia de passione
Jesu Christi“ von 1587. In der Sprache
unpolemisch-irenisch, seelsorgerlich-fromm,
aber kraftvoll und schöpferisch geht es dem
Autodidakten Moller nicht um neue, sondern
um die Anwendung der durch die Reformation
herausgestellten theologischen Erkenntnisse
im Leben und im Sterben. Neu ist, daß er
dabei auch auf die mittelalterlichen
Kirchenväter zurückgreift und sie für die
protestantische Frömmigkeit nutzbar zu machen sucht. Dabei stützt er sich auf
drei spätmittelalterliche kompilatorische
Werke, die damals dem Kirchenvater Augustin
zugeschrieben wurden. Der den „Meditationes
sanctorum Patrum“, 2 Teile, Görlitz 1584
und 1591, beigegebene Untertitel
zeigt, was er seinen Lesern bietet: „Schöne
andächtige Gebete, tröstliche Sprüche,
gottselige Gedanken, treue Bußvermahnungen,
herzliche Danksagungen und allerlei
nützliche Übungen des Glaubens aus den
heiligen
Altvätern Augustinus, Bernhard, Tauler.
Martin Moller. Diener des heiligen
Evangeliums zu Sprottau. In dieser letzten
mühseligen Zeit ganz nützlich und tröstlich
zu gebrauchen“.
Mit dem
Rückgriff auf die altkirchlichen und
mittelalterlichen Väter steht Moller am
Beginn einer Bewegung, die in der
Erbauungsliteratur Johann Arndts und Johann
Gerhards weitergeführt wird, aber auch für
die Kirchenliederdichtung und für die
Musikgeschichte bis hin zu Bachs
Kantatenwerk bedeutsam wurde. Zwei von
Moller selbst gedichtete Kirchenlieder
stehen heute noch im Evangelischen
Gesangbuch.
Trotz
seiner irenischen Absichten und Einstellung,
blieb Moller von Kritik nicht verschont. Der
Dekan der Wittenberger Theologischen
Fakultät, Salomo Geßner, warf Moller
Kryptocalvinismus vor. Dahinter steckte
insofern ein Korn Wahrheit, als Moller, wie
die meisten Theologen in der Oberlausitz und
in Niederschlesien, Philippisten waren, also
Anhänger von Philipp Melanchthon, dem die
Wittenberger nach Luthers Tod eine Nähe zum
Calvinismus nachsagten. Moller war ein
bewußter Anhänger Melanchthons und wollte
die Entwicklung des Luthertums in einen sich
zunehmend verengenden orthodoxen
Konfessionalismus nicht mitmachen. Er hat
sich, so gut er konnte, gegen Geßner
verteidigt. In Görlitz wurde er vom Rat und
vom Rektor Großer unterstützt, so daß ihm
die Angriffe aus Wittenberg letztlich nicht
geschadet haben. Sigmund Justus Ehrhardt
dürfte Recht haben, wenn er 1783 in seiner „Presbyteriologie“
über Moller schreibt: „Man hörte ihn
ungemein gern predigen und erzeigte ihm viel
Liebe und Hochachtung. Er hat aber auswärts
viele Anfechtungen und Widersprüche,
sonderlich seiner Praxis Evangeliorum wegen,
erdulden müssen“.
In der
Literatur ist das Verhältnis Mollers zu
seinem Gemeindeglied Jakob Böhme (1575-1624)
wiederholt Gegenstand der Erörterung
gewesen. Interessant ist diese Frage auch
deshalb, weil es zwischen Böhme und dem
Nachfolger Mollers, Gregorius Richter, einen
weit über Görlitz hinaus beachteten
Prinzipienstreit gegeben hat, bei dem die
eingängigeren Argumente und die größeren
Sympathien beim Herausforderer, dem
Schuhmachermeister vom Neißeufer, lagen und nicht bei dem unbeholfenen
oberpfarrherrlich-orthodoxen Verteidiger der
Amtskirche, Richter. Das Verhältnis
Moller-Böhme scheint demgegenüber
friedlich-christlich gewesen zu sein.
Direkte Äußerungen beider übereinander gibt
es nicht. Aus der Umgebung Böhmes, der im
übrigen 28 Jahre jünger als sein Pastor war,
ist aber bekannt, daß man dort Moller als
„gesegnetes Werkzeug“ angesehen hat, indem
er „unsers theuren Mannes heiliges Feur nach
seiner Gabe treulich mit aufblasen“ half.
Diese
Charakterisierung paßt gut zu dem, was die
Görlitzer in ihrem Oberpfarrer gesehen und
dann auch unter sein Bild in der Sakristei
der Peterskirche geschrieben haben. Es zeigt
Martin Moller als alten Mann mit erblindeten
Augen. Die Unterschrift nennt ihn einen „Theologus
pacificus practicus“, einen friedliebenden
praktischen Theologen.
Werke:
Bibliographie der Schriften Mollers bei
Axmacher, S. 343 f.
Lit.:
Elke Axmacher, Praxis Evangeliorum.
Theologie und Frömmigkeit
bei
Martin Moller (1547-1606). Göttingen 1989. –
Hans-Wilhelm Pietz (Hrsg.), Materialheft für
die Gemeindearbeit. Martin Moller
(1547-1606), Görlitz 2005. – Arno
Büchner, Das Kirchenlied in Schlesien und
der Oberlausitz (Das Ev. Schlesien VI/1),
Düsseldorf 1971, S. 46-49. – Theodor
Mahlmann, Artikel M. Moller, in: BBKL 6, 1993, 45-48. – Lothar Hoffmann-Erbrecht (Hrsg.), Schlesisches
Musiklexikon, Augsburg 2001, Artikel M.
Moller, S. 467. – Elke Axmacher, Artikel M.
Moller, in: RGG, 4. Aufl., Bd. 5 (2002), Sp.
1402.
Bild:
Ernst-Heinz Lemper, Jakob Böhme. Leben
und Werk, Berlin 1976, Abb. Nr. 29.
Christian-Erdmann Schott