”Wie ein
Grandseigneur
schritt er
durch die
Gänge des
Akademiegebäudes,
fast immer
lächelnd. Er
hielt das so
verschiedene
Professorenkollegium
und die
Kunstschüler
mit seiner
sanften und
verständnisvollen
Art, seiner
kleinen
Ironie und
seinem
feinen Takt
zusammen.
Wenn es
einmal nötig
wurde,
verstand er
auszugleichen
und zu
glätten. Er
war der
ideale
Direktor für
ein
schwierig zu
leitendes
Haus”. So
beschrieb
Gerhard
Neumann, der
in den
zwanziger
Jahren in
Breslau sein
Schüler war,
den Maler
Oskar Moll.
1918 war er
von August
Endell, dem
Architekten
und
Akademiedirektor,
damals
Nachfolger
von Hans
Poelzig, an
die
Breslauer
Akademie
berufen
worden. Von
1926 bis zur
zwangsweisen
Schließung
1932
aufgrund der
Not- und
Sparverordnungen
des
Reichskanzlers
Heinrich
Brüning war
er deren
Direktor.
Ilse Molzahn,
die Frau des
von Moll an
die Akademie
berufenen
Malers
Johannes
Molzahn,
schildert
den
Breslauer
Akademiedirektor
so: ”Er
stand, eine
hohe
Gestalt, den
schmalen
Kopf mit dem
Silberhaar
ein wenig
vorgebeugt,
das immer
sanfte und
lächelnde
Gesicht mit
den warmen
dunklen
Augen auf
die
Ankommenden
gerichtet,
inmitten
seiner
Matisses und
Légers,
seiner
Braques und
Seurats und
der eigenen
Bilder,
gleichsam in
einer fest
umrissenen
und doch
weit offenen
Welt, die
einem
zunächst den
Atem nahm”.
Oskar Moll
gehört neben
Adolph
Menzel,
geboren 1815
in Breslau,
Otto
Mueller,
geboren 1874
in Liebau am
Rande des
Riesengebirges,
und Ludwig
Meidner,
geboren 1884
in Bernstadt
im Kreise
Oels, zu den
vier großen
deutschen
Malern aus
dem Stamm
der
Schlesier im
19.
Jahrhundert.
Er war Sohn
eines
materiell
gut
gestellten
Lederfabrikanten
und wurde
als siebtes
Kind der
Familie
geboren. Der
Beginn des
Lebensweges
war genauso
bitter wie
dessen Ende.
Krankheit
bestimmte
die
Schulzeit;
schließlich
mußte ihm
(er gehörte
zu den
Ersten, bei
denen das
gewagt
wurde) durch
chirurgischen
Eingriff
eine Niere
entfernt
werden. In
einer
autobiographischen
Skizze, die
als
”Selbstbiographie”
1921 dem
Büchlein
Junge Kunst:
Oskar Moll
(Verfasser
Heinz Braune
Krickau)
vorangestellt
ist, heißt
es: ”Die
Heimat
verließ ich,
um
Naturwissenschaft
zu
studieren.
Erst mit 22
Jahren
gelang es
mir, meinen
langersehnten
Wunsch,
Maler zu
werden,
durchzusetzen.
Ich ging
nach Berlin,
konnte mich
aber nicht
entschließen,
dem festen
Lehrgang
einer
Akademie zu
folgen,
sondern
versuchte
vielmehr bei
den
verschiedensten
Malern einen
Weg zu
finden.
Volker,
Hübner,
Leistikow,
Corinth
waren wohl
die Lehrer,
die mir in
der
Studienzeit
nähergetreten
sind. Bei
Corinth habe
ich am
längsten
ausgehalten.
Es war
weniger die
Korrektur
von Corinth
als vielmehr
das Beispiel
seiner
Meisterschaft
und seiner
eigenartigen
kraftvollen
Persönlichkeit,
die mir
diese Zeit
so wertvoll
gemacht
hat”. Mit
Lovis
Corinth war
Moll zeit
seines
Lebens eng
befreundet,
und zu den
von Ilse
Molzahn
genannten
Malern,
deren Bilder
er gesammelt
hat, gehörte
auch er. Es
gibt
übrigens ein
großartiges
Porträt, das
Corinth vom
dreißigjährigen
Oskar Moll,
im Sessel
sitzend mit
Hund, gemalt
hat.
Den Berliner
Jahren
folgten
einige Jahre
in Bayern,
wo er, wie
Moll
schrieb, für
sich
arbeitete.
”Aber es
wollte nicht
mehr
ordentlich
vorwärts
gehen. Die
tonige
Malerei der
deutschen
Impressionisten
Corinth,
Trübner,
Liebermann,
die sich im
Gegensatz zu
Cézanne oder
Renoir wenig
oder gar
nicht mit
der Farbe
auseinandergesetzt
hatten, gab
mir keine
Möglichkeit
einer
Weiterentwicklung.
1907 ging
ich nach
Paris”. Das
tat er
zusammen mit
seiner Frau,
die aus dem
Elsaß
stammte und
gleichfalls
Malerin und
vor allem
Bildhauerin
von Rang
geworden
ist. Im Café
du Dôme traf
man sich,
unter den
Gästen waren
Hans
Purrmann und
Lyonel
Feiniger.
Der zweite
große
Lehrmeister
trat jetzt
in die
Lebensbahn
Oskar Molls,
Henri
Matisse.
”Ich
gründete
zusammen mit
meiner Frau,
Purrmann und
einigen
anderen die
Matisse-Schule”.
Wer heute
über Oskar
Moll
schreibt,
ist gern und
leider viel
zu schnell
mit der
Kennzeichnung
von Oskar
Moll als
”Matisse-Schüler”,
ja sogar mit
der einer
”deutschen
Ausgabe von
Matisse” zur
Hand.
Selbstverständlich
ist die
peinture
eines Henri
Matisse
nicht zu
leugnen,
aber man
wird Oskar
Moll nicht
gerecht,
wenn man ihn
derartig
qualifiziert
und
einordnet.
Wenn man ihn
einen
Spätimpressionisten
nennt,
trifft diese
Charakterisierung
eher zu.
Allerdings
darf dann
nicht
verschwiegen
werden, daß
es auch,
vornehmlich
in den
dreißiger
Jahren, eine
kubistische
Epoche
gegeben hat,
eine den
Kubismus in
die eigene
Handschrift
aufnehmende
Malweise.
Kubist im
strengen
Sinne ist
Oskar Moll
aber nicht
gewesen.
Auch wenn er
1908 bereits
nach einem
halben Jahr
Paris und
die
Malschule
des Henri
Matisse
wieder in
Richtung
Berlin
verlassen
hatte, die
Verbindung
nach Paris
und zu
seinem
französischen
Lehrmeister
blieb bis
zum Ausbruch
des Ersten
Weltkrieges
ununterbrochen
aufrecht
erhalten.
Mit seinen
Winterbildern
war Moll
bekannt
geworden.
Diese
erlaubten es
ihm, die
besondere
Leuchtkraft
der Farben,
wie sie der
Schnee
infolge der
ihm eigenen
Monotonie
hervortreten
läßt,
herauszuarbeiten.
Moll ist
stets ein
Maler der
Natur und
der
Landschaft
geblieben.
Mitten in
der Natur
malte er die
Natur. Als
einmal ein
Bauer den
Maler bei
seiner
Arbeit
beobachtete
und
freundlich-kritisch
anmerkte,
daß er die
Natur
schöner male
als sie in
Wirklichkeit
sei, soll er
geantwortet
haben, daß
er auch all
das in seine
Bilder mit
einzubringen
habe, was
man im
Gegenüber
mit der
Natur höre
wie den
Wind, die
Geräusche
und das, was
man
persönlich
empfinde.
Vom Maler
des
Abstrakten,
von Johannes
Molzahn,
stammt das
Wort, daß
Oskar Moll
ein
”Farbsymphoniker”
genannt
werden müßte.
Ludwig
Justi, der
langjährige
Direktor der
Berliner
Nationalgalerie,
bediente
sich dieser
besonderen
Begabung,
mit Farben
umgehen zu
können, und
berief ihn
zu seinem
Berater.
Großbürger
und Ästhet,
so wurde er
gelegentlich
charakterisiert.
Die Harmonie
des
aufeinander
Abgestimmten
war für ihn
der Ausdruck
des Schönen.
Darum suchte
er in der
Natur auch
nicht das
Wilde,
sondern die
von ihr
ausstrahlende
und auf den
Menschen
übergehende
Ruhe, die
Ausgeglichenheit
von Natur
und Mensch.
Auch in
seinen
Farben
findet man
nichts
Grelles oder
Aufdringliches,
nichts
Aufwühlendes
oder
Expressionistisches.
Das hätte
seiner
Sensitivität
widersprochen.
”Es ist
möglich”, so
schrieben
Siegfried
und Dorothea
Salzmann in
ihrer zum
100.
Geburtstag
von Oskar
Moll
erschienenen
Monographie,
”daß das
sensitive
Element eine
spezifisch
schlesische
Komponente
darstellt,
ähnlich, wie
sich diese
auch bei
Adolph von
Menzel und
Otto Mueller
aufweisen
ließe”.
Man darf
Oskar Moll
aber nicht
nur als den
großen
Maler, und
hier wären
auch seine
zahlreichen
Stilleben
und nicht
ganz so
häufigen
Akte zu
nennen,
würdigen,
sondern muß
in die
Darstellung
seines
Wirkens
seine
Lehrtätigkeit,
besser
gesagt
sowohl diese
als auch die
sieben Jahre
seines
Akademiedirektorats
in Breslau
mit
einbeziehen.
Daß gerade
die
Breslauer
Akademie in
der Zeit der
Weimarer
Republik
einen so
ausgezeichneten
Ruf genossen
hat, ist ihm
zu danken.
Wenn man in
dieser Zeit
vom ”Bauhaus
Dessau”
sprach, so
nannte man
die
Breslauer
Akademie das
”Breslauer
Bauhaus”.
Bald nach
Moll war
bereits 1919
Otto Mueller
an die
Breslauer
Akademie
berufen
worden; er
selbst trug
die
Verantwortung
für die
Berufungen
von Hans
Scharoun,
den
Architekten,
und Oskar
Schlemmer,
der vom
Dessauer
Bauhaus
gekommen
war. Hinzu
traten der
Maler Georg
Muche, der
Zeichner
Paul Holz,
Alexander
Kanoldt,
Repräsentant
der Neuen
Sachlichkeit,
und Johannes
Molzahn, der
später in
die USA
emigrierte.
Trotz eines
Nebeneinanders
von lauter
Individualitäten
herrschte,
im Gegensatz
etwa zu
Dessau, in
Breslau
Harmonie,
und das war
das
Verdienst
von Oskar
Moll.
Die letzten
15 Jahre
waren die
bittersten.
Es begann
mit der
behördlich
dekretierten
Schließung
der
Breslauer
Akademie im
Jahre 1932.
Ein Jahr an
der
Düsseldorfer
Akademie
schloß sich
an. Doch
wurde diese
gleich 1933
der
nationalsozialistischen
Personalpolitik
unterworfen,
und Oskar
Moll wurde
entlassen.
Eine zum 60.
Geburtstag
1935
geplante
Ausstellung
wurde
verboten,
und man
betrachtete
es bereits
als Glück im
Unglück, daß
nicht auch
noch ein
Malverbot
verhängt
wurde. Doch
zählte Oskar
Moll nun zu
den
”Entarteten”.
Nach einem
Besuch der
Ausstellung
”Entartete
Kunst”
bemerkte er,
daß er sich
unter lauter
ihm
liebgewordenen
Kollegen gut
vertreten
gefunden
habe, waren
doch gerade
auch Maler
und Künstler
der
Breslauer
Akademie
hier
präsent.
In Berlin
hatte sich
Oskar Moll
von Hans
Scharoun ein
Haus bauen
lassen, das
aber 1943
nach einem
Bombenangriff
völlig
ausbrannte.
Nur ein
Drittel
seiner
Bilder
überlebte
den
Nationalsozialismus
und den
Zweiten
Weltkrieg.
Dem
Schicksal
der
Verfemung
war das
Unheil der
Zerstörung
eines
Großteils
seiner
Bilder
gefolgt.
Schon 1921
hatte Moll
die damalige
Rückkehr
nach Breslau
eine
Rückkehr ”in
meine
geliebte
Heimat”
genannt. Vor
den Bomben
aus Berlin
fliehend,
hatte er
abermals in
der Heimat,
dieses Mal
in seiner
Geburtsstadt
Brieg,
Zuflucht
gefunden,
aber jetzt
mußte er,
bereits von
Krankheit
gezeichnet,
mit einem
der letzten
Züge, die
die
Fliehenden
aufnahmen,
endgültig
Schlesien
verlassen.
Der
Neuanfang in
Freiheit war
kurz
bemessen;
keine zwei
Jahre später
starb er, im
Alter von 72
Jahren.
Oskar Moll
war ein
Mann, der
allem Neuen
aufgeschlossen
war und
gerade auch
als
Akademiedirektor,
wie immer
wieder
gesagt
worden ist,
dem Neuen
tolerant
begegnet
ist, ohne
selbst jede
neue
Strömung
gutzuheißen
und
mitmachen zu
wollen.
Kennzeichnend
für ihn sind
diese im
Jahre 1946,
ein Jahr vor
seinem Tode,
niedergeschriebenen
Sätze: ”Wenn
ich mein
Schaffen
überblicke,
so war es
stets ein
ewiges
Tasten und
Suchen nach
neuen
Ausdrucksmöglichkeiten.
Das
Bedürfnis,
sich zu
vollenden,
hat mich
immer
verfolgt,
und ich war
stets
neugierig
und
gespannt,
wie sich die
Arbeit
entwickeln
würde. Sich
selbst zu
überraschen,
erschien mir
als eine
beglückende
Sensation”.
Bild:
Oskar Moll,
Selbstbildnis,
Zeichnung.
Herbert
Hupka