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Moltke trat 1822 aus der dänischen Armee in die preußische über. Schon
seit 1828 ist sein dienstlicher Werdegang mit dem Generalstab verbunden
gewesen. Er führte ihn über die Topographische Abteilung bis an die
Spitze dieser Institution, die unter seiner Leitung erst die
herausragende Bedeutung für Armee und Politik gewann mit dem
Kulminationspunkt
im Ersten Weltkrieg.
Moltke war, wie Gerhard Ritter, einer der besten Kenner der
Militärgeschichte des 19. Jahrhunderts, schreibt, „weit mehr als ein
Typus preußischen Soldatentums“. In gewissem Sinne müsse „er geradezu
als die große Ausnahme, jedenfalls als einmalige Erscheinung unter den
preußischen Heerführern gelten. Eine erstaunlich vielseitig begabte,
weltoffene, unendlich aufnahmefähige und aufnahmebereite Natur ...“.
Diesem Urteil ist beizupflichten. Moltke hat durch zahlreiche Reisen die
großen Nachbarländer kennengelernt und sich hier für die politischen,
sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse interessiert. Als Topograph
galt sein Interesse der Geographie. Von ihm stammen erste exakte
kartographische Darstellungen verschiedener Gebiete in der Türkei. Seine
Reisebriefe gehören zur besten deutschen Prosa. Sein militärischer Weg
vollzog sich in Adjutanturstellungen und im Generalstabsdienst, u.a. war
er am Beginn seiner Karriere in der Türkei. Im Juli 1848 wird er
Abteilungsvorsteher im Großen Generalstab, im August desselben Jahres
Chef des Generalstabes des IV. Armeekorps. Im August 1856 zum
Generalmajor befördert, wird er im Oktober 1857 mit der Führung der
Geschäfte des Chefs des Generalstabes der Armee beauftragt. Im September
1858 wird er zum Chef des Generalstabes ernannt.
Damit begann für diese Institution eine folgenreiche Entwicklung, die
den Zeitgenossen in den Feldzügen 1866 und 1870/71 deutlich geworden
ist. Mit Moltke erreichte der Chef des Generalstabes die
Immediatstellung. Schon im Krieg gegen Österreich, der nach seinen
Planungen ablief, führte erstmals der Generalstabschef die Operationen.
Die Befehle an die Armeen liefen nun nicht mehr über den Kriegsminister.
Entscheidend wurde unter Moltke die Mobilmachungs- und Aufmarschplanung
unter Einsatz der Eisenbahn. Der Hauptgedanke – selten voll verwirklicht
– bestand darin, die Massenheere in getrennten großen Gruppierungen
heranzuführen und zur entscheidenden Schlacht zu vereinigen. Es handelte
sich dabei nicht um ein starres operatives Konzept, sondern um ein
elastisches, Gelände und Gegner einkalkulierendes Verfahren, das von den
Armeebefehlshabern hohe Selbständigkeit erforderte. Die Schlacht bei
Königgrätz konnte zwar nicht zum „Vernichtungsschlag“ entwickelt werden,
dennoch führte der operative Ansatz der preußischen Armeen zu einem
großen Erfolg. Mit diesem Erfolg seiner operativen Führungskunst
befestigte der Generalstabschef seine Position in der preußischen
Führungsspitze.
Der Krieg gegen Frankreich wurde mit der gleichen operativen, aber auch
auf numerischer Überlegenheit beruhenden offensiven Idee geführt. Aber
die Führung durch Weisung – mit Spielraum für die Unterführer – statt
durch Befehl funktionierte noch nicht reibungslos. Äußere Anerkennung
fanden Moltkes Leistungen im Oktober 1870 mit der Erhebung in den
Grafenstand und im Juni 1871 mit der Ernennung zum Generalfeldmarschall.
Für das Verhältnis von politischer und militärischer Führung ist der
Aufstieg des Generalstabschefs von ausschlaggebender Bedeutung geworden.
Schon im Kriege gegen Frankreich kam es zu schweren
Meinungsverschiedenheiten zwischen Bismarck und Moltke. Moltke und die
„Halbgötter“ des Generalstabes standen auf dem Standpunkt, die Politik
gehe die Kriegführung nichts an. Sie habe erst nach dem Sieg wieder das
Wort. Moltke formulierte diese Forderung in seiner Arbeit Über
Strategie so: Die Strategie könne „ihr Streben stets nur auf das
höchste Ziel richten, welches die gebotenen Mittel überhaupt erreichbar
machen. Sie arbeitet so am besten der Politik in die Hand, nur für deren
Zweck, aber im Handeln völlig unabhängig von ihr.“ Faktisch gewann der
Generalstab mit dieser Auffassung nach den Siegen in Frankreich
Bewegungsspielraum in Bereichen, die zur politischen Führung gehörten.
Gedeckt war dies letztlich durch das Prinzip der Kommandogewalt des
Kriegsherrn. Zu voller negativer Auswirkung kam diese Entwicklung erst
unter Moltkes Nachfolgern, aber im Streit um die Beschießung von Paris
deutete sich möglicher Dauerkonflikt als Strukturproblem der deutschen
Fühungsorganisation an.
In der
Situation nach 1871, vor allem seit der Verschlechterung der
deutsch-russischen Beziehungen in der „Krieg-in-Sicht“-Krise, hing für
Moltke die Lösung der deutschen Probleme in einem Zweifrontenkrieg von
einer schnellen „Entscheidungsschlacht“ ab. Rechtzeitiges, schnelles,
rücksichtsloses Handeln ohne Furcht vor dem Vorwurf der Aggression wurde
zum Prinzip erhoben.
Der Krieg gehörte in Moltkes Sicht zu Gottes Weltordnung. In seiner
Argumentation gegen die Petersburger Konvention vom 11. Dezember 1868
hat er in dem Briefwechsel mit Johann Bluntschli vom Dezember 1889 einen
mit den Mitteln der Zeit zu führenden totalen Krieg avisiert. Das Ziel
des Krieges lag für Moltke nicht, wie die Konvention formuliert hatte,
im ,affaiblissement des forces militaires', sondern in einer totalen
Schwächung des Feindes. Der Krieg wurde damit zum „Existenzkampf“
stilisiert.
Moltke war gewiß nicht ein Hauptvertreter dieser Richtung. Er war den
Denkweisen seiner national-euphorischen Generation verhaftet. Damit in
engem Zusammenhang stand sein der preußisch-deutschen Miilitärmonarchie
verpflichtetes Denken, dem Parlamentarismus und Demokratie Zeichen von
Schwäche waren. Die preußische Monarchie esrschien Moltke als die
zeitgemäße Staatsform. Ein Parlament ohne Gesetzesinitiative und eine
auf Lebenszeit gewählte erste Kammer hielt er für brauchbare Lösungen.
Dennoch war er kein orthodoxer Konservativer. Über den Adel hat er
kritische Gedanken entwickelt. Ja es gibt Äußerungen, die als Vorbehalte
gegen eine einseitig militärische Denkweise interpretiert werden können.
Aber in den Fragen der praktischen Politik standen ihm die Interessen
der Armee als Garantin des Reiches an erster Stelle. Wer gegen das
Reichsmilitärgesetz stimmte, wie die Sozialdemokraten, galt ihm als
Vaterlandsverräter.
Seine Haltung gegenüber dem Sozialismus war vom Erlebnis der 48er
Revolution und des Kommuneaufstandes in Paris stark beeinflußt. Noch
wenige Tage vor Beginn dieses Aufstandes meinte er: „Die große Gefahr
aller Länder liegt wohl jetzt im Sozialismus.“ Aber im Gegensatz zu
vielen führenden Militärs bewahrte sich Moltke die Fähigkeit zur
kritischen Prüfung des Erreichten und für die Möglichkeiten positiver
Weiterentwicklung. Und so erschienen ihm nicht Bürgerkrieg und
Rückwärtsentwicklung, sondern Ausgleich und sozialer Friede notwendig.
Er wußte, daß künftige Auseinandersetzungen auf die Solidarität der
Nation angewiesen waren.
Schriften:
Holland und Belgien in gegenseitiger Beziehung seit ihrer Trennung unter
Philipp II. bis zu ihrer Wiedervereinigung unter Wilhelm 1.1831. –
Darstellung der inneren Verhältnisse und des gesellschaftlichen
Zustandes in Polen (1832). – Die westliche Grenzfrage (1841). – Zur
orientalischen Frage, 5 Aufsätze 1841-1844. – Geschichte des
deutsch-französischen Krieges 1887-88 sämtlich abgedruckt in: Gesammelte
Schriften und Denkwürdigkeiten, hrsg. Elza v. Moltke, 8 Bände, Berlin
1891-1893. – Die Militärischen Werke sind in 15 Bänden vom Großen
Generalstab, Abteilung für Kriegsgeschichte, herausgegeben worden,
Berlin 1892-1912.
Lit.:
Rudolf Stadelmann: Moltke und der Staat, Krefeld 1950. – Eberhard
Kessel: Moltke, Stuttgart 1957. – Hajo Holbom: Moltke and Schlieffen,
in: Makers of Modern Strategy, Princeton 1943, S. 172-205. – Die großen
Meister der Kriegskunst. Clausewitz, Moltke, Schlieffen. Ausgewählt und
herausgegeben von Ihno Krumpelt, Berlin 1960. - A. Bergounioux u. P.
Polirka; La Doctrine stratégique de Clausewitz et l'Ideologie militaire
prussienne de Moltke l'ancien à Ludendorff, in: Revue internationale
d'histoire militaire (1977), Nr. 37, 3, S. 55-76. – Gerhard Papke:
Helmuth von Moltke, in: Klassiker der Kriegskunst, hrsg. v. W. Hahlweg,
Darmstadt 1960, S. 304-318. – Hans-Ulrich Wehler: Der Verfall der
deutschen Kriegstheorie. Vom „Absoluten" zum „Totalen" Krieg oder von
Clausewitz zu Ludendorff, in: Geschichte und Militärgeschichte,
Frankfurt a.M. 1974, S. 273-311.- Volkmar Regung: Grundzüge der
Landkriegführung zur Zeit des Absolutismus und im 19. Jahrhundert, in:
Deutsche Militärgeschichte 1648-1939, Bd. 6: Grundzüge der militärischen
Kriegführung 1648-1939, S. 11-424 (379-425).
Bild:
Porträtstudie von Anton von Werner, 18. Febr. 1882. Bildarchiv
Preußischer Kulturbesitz Berlin.
Manfred Messerschmidt
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