Moltke
gehörte
zweifellos
zu den
lautersten
Gestalten
des
deutschen
Widerstandes
gegen die
Naziherrschaft.
Er war ein
Urgroßneffe
des
preußischen
Feldmarschalls
Helmuth von
Moltke, des
"großen
Schweigers",
dem der
schlesische
Stamm der
weit
verzweigten
Familie von
Moltke nicht
nur das Gut
Kreisau,
sondern auch
den
Grafentitel
verdankte.
Mit vier
Geschwistern
und dem
Vetter Carl
Dietrich von
Trotha in
der
liberalen
Atmosphäre
von Kreisau
aufgewachsen,
wurde ihm
von den
Eltern,
Anhängern
der
"Christian
Science",
frühzeitig
das Gefühl
für soziale
Verantwortung
vermittelt.
Während der
Studienzeit
in Wien -
Moltke
studierte
Rechts- und
Staatswissenschaften,
daneben
Politikwissenschaft
und
Geschichte -
vertieften
sich sein
Wissen und
seine
Vorstellungen
auf diesem
Gebiet durch
die
Bekanntschaft
mit dem
Ehepaar
Eugenie und
Hermann
Schwarzwald
und ihrem
Kreis. In
den beiden
letzten
Studienjahren
in Breslau
hörte er bei
dem Staats-
und
Verwaltungsrechtler
Hans Peters,
der mit
Moltke,
Trotha und
dessen
Freund Horst
von
Einsiedel
zum Kreis um
den
Soziologen
Eugen
Rosenstock-Huessy
gehörte,
einem der
führenden
Theoretiker
und
Praktiker
der
Erwachsenenbildung,
speziell der
Arbeiterbildung.
Mit diesen
Freunden
gehörte
Moltke auch
zu den
Mitbegründern
der
schlesischen
Arbeitslagerbewegung,
die aus der
Erlebniswelt
der
Jugendbewegung
(Schlesische
Jungmannschaft)
heraus und
unter dem
Vorzeichen
eines
religiös
überhöhten
Sozialismus
die Spannung
zwischen den
sozialen
Schichten
abzubauen
trachtete
und
Studenten
mit jungen
Arbeitern
und Bauern
zusammenbrachte.
Einer der
Referenten
auf dem
Arbeitslager
vom Frühjahr
1928 war
Adolf
Reichwein.
Im Herbst
1929, dem
Jahr seines
Referendarexamens,
mußte der
22jährige
Moltke den
mit der
Bewirtschaftung
seiner Güter
in
Schwierigkeiten
geratenen
Vater
unterstützen
und die
Leitung des
Betriebs
übernehmen.
In wenigen
Jahren
sanierte er
die Güter,
setzte aber
zugleich als
Referendar
an
Amtsgerichten
seiner
schlesischen
Heimat die
juristische
Ausbildung
weiter fort.
1931
heiratete er
Freya
Deichmann,
eine Kölner
Bankierstochter,
mit der er
zur
Beendigung
der
Ausbildung
im Oktober
1932 nach
Berlin zog.
Zusammen mit
seiner Frau,
inzwischen
promovierte
Juristin,
und dem
angesehenen
Juristen
Karl von
Lewinsky
gründete er
dort 1935
eine eigene,
auf
Völkerrecht
und
internationales
Privatrecht
spezialisierte
Anwaltskanzlei.
Neben der
anwaltlichen
Tätigkeit,
die es ihm
ermöglichte,
einige der
aus
politischen
oder
rassischen
Gründen
auswanderungswilligen
Deutschen zu
beraten,
betrieb er
während
seiner
regelmäßigen
Studienaufenthalte
in England
die
Ausbildung
zum
barrister.
Bei einer
dieser
Gelegenheiten
lernte er
1937 in
Oxford den
Rhodes-Stipendiaten
Adam von
Trott zu
Solz kennen.
Besonders
enge
Beziehungen
pflegte er
zu
Mitarbeitern
des Royal
Institute of
Foreign
Affairs wie
Michael
Balfour und
Lionel
Curtis.
Nach dem
Barrister-Examen
in London
und dem
Eintritt in
die Kanzlei
von Paul
Leverkühn in
Berlin Ende
1938 erbte
er durch den
Tod des
Vaters im
März 1939
die
Familiengüter.
Moltkes
Plan, seine
Beziehungen
zu England
zu einer
zeitweisen
Mitarbeit in
einer
Londoner
Anwaltskanzlei
auszubauen,
scheiterte
am Ausbruch
des Zweiten
Weltkriegs.
Die
regelmäßigen
Studienaufenthalte
in England,
die bereits
1935
durchgeführten
Studienreisen
zu
internationalen
Organisationen
wie dem
Völkerbund
in Genf oder
dem
Internationalen
Gerichtshof
in Den Haag
und die
vielen
Bekanntschaften
mit
Persönlichkeiten
aus den
Führungseliten
des Auslands
hatten nicht
nur die von
den Freunden
schon an dem
jungen
Moltke
bewunderte
Weltläufigkeit
gefördert,
sondern auch
die
kritische
Distanz
begünstigt,
mit der er
den vom
Nationalsozialismus
propagierten
Staats- und
Gesellschaftsvorstellungen
gegenüberstand.
Wenige Tage
nach der
"Kristallnacht"
im November
1938 schrieb
er seinem
Freund
Curtis nach
England:
"Wenn dieser
Kontinent
für längere
Zeit unter
die
Herrschaft
der Nazis
geriete,
würde unsere
in
Jahrhunderten
aufgebaute
und
letztlich
auf das
Christentum
und die
Klassik
gegründete
Zivilisation
verschwinden,
und wir
wissen
nicht, was
statt dessen
entstände".
Diese
Betonung der
traditionellen
abendländischen
Werte gegen
den Rückfall
in die
Barbarei
eines
entindividualisierten
und
entzivilisierten
Menschen-
und
Gesellschaftsbildes
entsprang
bei Moltke
nicht so
sehr dem
traditionellen
Standesbewußtsein
des
Aristokraten,
als vielmehr
einem sehr
persönlichen
Bedürfnis,
das in mehr
als einer
Beziehung
stärker vom
englischen
Liberalismus
bestimmt war
als vom
landläufigen
preußischen
Junkertum.
So
definierte
er die Rolle
des Staates
nicht als
die eines
Herrschers
über den
Menschen,
sondern sah
in ihm einen
"Hüter der
Freiheit des
Einzelmenschen"
(Brief an
Peter Graf
Yorck vom
17.6.1940).
Für seine
seit 1938
deutlich
werdende
grundsätzliche
Auseinandersetzung
mit dem
Phänomen
Nationalsozialismus
suchte er
nach
Gesinnungsgenossen.
Er nahm den
Kontakt zu
den Freunden
aus den
Tagen der
schlesischen
Jugendbewegung
wieder auf
und pflegte
seit Januar
1940 einen
regen
Gedankenaustausch
mit Peter
Graf Yorck
von
Wartenburg,
der im
sogenannten
Grafenkreis
zusammen mit
den Vettern
Fritz
Dietlof von
der
Schulenburg
und Ulrich
Wilhelm von
Schwerin-Schwanenfeld
ebenfalls
1938 damit
begonnen
hatte, nach
Möglichkeiten
der
Überwindung
des
Nationalsozialismus
zu suchen.
Moltke war
bei Ausbruch
des Zweiten
Weltkrieges
als
Sachverständiger
für Kriegs-
und
Völkerrecht
in das Amt
Ausland/Abwehr
und dessen
Sonderstab
für Fragen
des Handelskrieges
und
wirtschaftliche
Kampfmaßnahmen
(HWK) im
Oberkommando
der
Wehrmacht (OKW)
versetzt
worden. Den
Sonderstab
nutzte er
nun als Ort
für
Besprechungen
und
Beratungen
mit seinen
Freunden, ab
Sommer 1940
auch das Gut
Kreisau, das
als
häufigster
Treffpunkt
für die
Diskussionsrunden
und Tagungen
der Gruppe -
neben
"Moltke-Kreis"
-
namengebend
wurde in den
Protokollen
und
Berichten
der Gestapo.
Es war vor
allem
Moltke, der
neben Yorck
die Arbeit
des Kreises
systematisch
durch
Experten auf
den
verschiedensten
Gebieten des
Staates und
der
Gesellschaft
in all ihren
moralischen,
rechtlichen
und
kulturellen
Aspekten zu
erweitern
suchte.
Seine vielen
alten
Kontakte und
weitreichenden
Beziehungen,
die über
Reichwein
auch ins
sozialistische
Lager
reichten,
waren dabei
von großem
Vorteil.
Dieses
geradezu
methodische
Vorgehen und
das Drängen
auf eine
umfassende
Planung und
Diskussion
der
Grundlagen
und
praktischen
Ausformungen
eines
deutschen
Staatswesens
nach dem
"Dritten
Reich"
machten
Moltke nicht
nur in den
Augen der
Gestapo,
sondern auch
seiner
Mitstreiter
zur
zentralen
Figur des "Kreisauer
Kreises".
Unter
Ausnützung
von
Dienstreisen
in die
besetzten
Gebiete
Skandinaviens,
Westeuropas
und Polens
nahm er
zwischen
1941 und
1943
Verbindung
mit dortigen
Widerstandskreisen
auf, wobei
er sich wie
auch in
Deutschland
häufig
kirchlicher
Verbindungen
bediente.
Bei
dienstlichen
Reisen in
die Türkei
und nach
Schweden
nutzte er
alte
Kontakte
nach England
und den USA,
um die
Westalliierten
auf die
Existenz
einer
deutschen
Widerstandsbewegung
und damit
eines
"anderen
Deutschlands"
aufmerksam
zu machen.
Auch wenn
Moltke seit
1941 von der
Notwendigkeit
eines
Staatsstreiches
überzeugt
war, konnte
er sich
aufgrund
seiner
religiösen
Überzeugungen
und seines
Abscheus vor
jeglicher
Gewaltanwendung
wie viele
aus dem
Kreisauer
Kreis
freilich
nicht zu
einem
Attentat auf
Hitler
durchringen.
So fiel die
Zustimmung
zum Attentat
im Kreisauer
Kreis erst
nach Moltkes
Verhaftung.
Bei Verhören
von
Angehörigen
des
Solf-Kreises
hatte die
Gestapo
herausbekommen,
daß Moltke
seinen
Freund Kiep
vor der
Telefonüberwachung
durch die
Gestapo
gewarnt
hatte. Am
19. Januar
1944 wurde
er deshalb
verhaftet
und nach
wenig
ergiebigen
Verhören in
die
"Schutzhaft"
des
Konzentrationslager
Ravensbrück
"entlassen",
wo ihm nach
einiger Zeit
die
Wiederaufnahme
seiner
Dienstgeschäfte
gestattet
wurde.
Moltke
konnte daher
hoffen, daß
die Existenz
des
Kreisauer
Kreises und
sein Anteil
daran nicht
entdeckt
würden. Nach
dem
Juli-Attentat
wurde seine
Rolle
innerhalb
der
Verschwörung
jedoch
schnell
aufgedeckt.
Im August
wurde er
nach Berlin
überstellt
und am 11.
Januar 1945
vom
Volksgerichtshof
zum Tod
verurteilt.
Die
unübliche
Verschiebung
der
Hinrichtung
bis zum 23.
Januar
erfüllte ihn
noch einmal
mit
Hoffnung.
Seine
letzten
Briefe, die
der
Gefängnispfarrer
Harald
Poelchau,
ein
unerkannt
gebliebenes
Mitglied des
Kreisauer
Kreises,
herausschmuggelte,
zeigen noch
einmal den
ganzen
Menschen
Moltke in
seiner
beherrschten
Geistes-Gegenwart,
seinem Stolz
und seiner
Demut in
wahrhaft
christlichem
Sinn. Im
Abschiedsbrief
an seine
Frau Freya
schrieb er:
"...mein
Leben ist
vollendet...
Das ändert
nichts
daran, daß
ich gerne
noch etwas
leben
möchte, daß
ich Dich
gerne noch
ein Stück
auf dieser
Erde
begleitete.
Aber dann
bedürfte es
eines neuen
Auftrags
Gottes. Der
Auftrag, für
den Gott
mich gemacht
hat, ist
erfüllt."
Von seinen
beiden
Söhnen hatte
er sich
schon im
Oktober 1944
mit der aus
heutiger
Sicht
zeitlos
erscheinenden
Rechtfertigung
verabschiedet:
"Ich habe
mein ganzes
Leben
lang...
gegen den
Geist der
Enge und der
Gewalt, der
Überheblichkeit,
der
Intoleranz
und des
Absoluten,
erbarmungslos
Konsequenten
angekämpft,
...der
seinen
Ausdruck in
dem
nationalsozialistischen
Staat
gefunden
hat. Ich
habe mich
auch dafür
eingesetzt,
daß dieser
Geist mit
seinen
schlimmen
Folgeerscheinungen
wie
Nationalismus
im Exzeß,
Rassenverfolgung,
Glaubenslosigkeit,
Materialismus
überwunden
werde.
Insoweit und
von ihrem
Standpunkt
aus haben
die
Nationalsozialisten
recht, daß
sie mich
umbringen."
Lit.:
Helmuth
James von
Moltke:
Briefe an
Freya.
1939-1945.
Hrsg. von
Beate Ruhm
von Oppen,
München
1988. -
Freya von
Moltke,
Michael
Balfour,
Julian
Frisby:
Helmuth
James von
Moltke,
1907-1945,
Stuttgart
1975. - Ger
van Roon:
Neuordnung
im
Widerstand.
Der
Kreisauer
Kreis
innerhalb
der
deutschen
Widerstandsbewegung,
München
1967.
Bild:
Moltke am
10. Januar
1945 vor dem
Volksgerichtshof
in Berlin;
Bildarchiv
Preußischer
Kulturbesitz.
Hermann Weiß