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Moscheles war in seiner Zeit ein weithin berühmter und geschätzter
Virtuose, ein technisch wie musikalisch hervorragender Pianist
und als Interpret der klassischen Musikliteratur zugleich erfolgreicher
Vermittler seiner eigenen Kompositionen. Er kam, als er 1816 seine
Reisetätigkeit begann, aus der Wiener Schule, nachdem er am Prager
Konservatorium seine Grundausbildung erhalten und schon als 14jähriger
sein erstes öffentliches Konzert absolviert hatte. Mit einer eigenen
Komposition, dem Alexandermarsch (op. 32), einer „stürmischen
Variationsreihe, die alle seine pianistischen Tricks zur Geltung
brachte“ (Schonberg), erregte er eine Sensation und brachte sich im
Jahrzehnt 1820/1830 neben Hummel und Kalker in die erste Reihe
hochgeschätzter und bewunderter Künstler. Dabei ist es noch lange
geblieben, auch als mit Liszt und Chopin eine neue Generation
hervortrat, die in Paris, dem Treffpunkt aller Klaviervirtuosen, das
Musikleben revolutionierte. Der Beethoven- und Mozartverehrer Moscheles
begegnete dieser Bewegung, auch in technischer Selbstbescheidung,
zurückhaltend.
Seit 1821 hatte Moscheles seinen Wohnsitz in London, von wo aus er
seine ausgedehnten Konzertreisen unternahm, zahlreiche Schüler
unterrichtete und als Professor der Royal Academy of Music und Dirigent
der Royal Philharmonie Society tätig war. Mit seiner anerkannten
Autorität hat er dazu beigetragen, deutsche Kunst und
Künstler in England heimisch zu machen. Er hat
Weber und Mendelssohn die Wege geebnet, er war der Initiator einer
Hilfsaktion, die Beethoven in seiner letzten Lebenszeit erreichte. Für
Beethoven, der ihm in seinen Wiener Jahren noch selbst die Bearbeitung
des Klavierauszuges des Fidelio anvertraut hatte, hat er sich
immer wieder eingesetzt, 1832 mit der ersten englischen Aufführung der
Missa solemnis, 1841 mit der Übersetzung von Schindlers
Beethoven-Biographie ins Englische (Life of Beethoven, 2 Bde).
Moscheles hat sich 1840 aus dem öffentlichen Konzertieren
zurückgezogen. Er fand eine neue Aufgabe, als ihn Mendelssohn, sein
ehemaliger Schüler, 1846 an das von ihm gegründete Leipziger
Konservatorium als Leiter der Klavierklasse berief. „Durch seine
hervorragenden pädagogischen Fähigkeiten und seine gewinnende
Persönlichkeit trug er entscheidend zum Aufbau des Konservatoriums bei“
(Riemann). Dies Amt hat er bis zu seinem Tode als 75jähriger in hohem
Ansehen geführt.
Der Nachruhm des Virtuosen dauert nur kurze Zeit, er hängt
letztlich von der Lebensdauer seiner Kompositionen ab. Moscheles hat 142
Opuszahlen veröffentlicht, Virtuosen- und Salonstücke, Kammermusik und
als bedeutendste Schöpfung acht Klavierkonzerte mit Orchesterbegleitung,
Rondos, Fantasien, Tänze, Märsche usw. Vieles war wohl schon zu seinen
Lebzeiten überholt. Dennoch bescheinigt ihm der Nekrolog Eleganz der
Erfindung und gediegene Durchführung seiner Kompositionen, mehr aber die
höchstmögliche Vollendung seines virtuosen Spiels. Am Ende des 19.
Jahrhunderts war das alles vergessen, nur einzelnes, wie sein
Klavierkonzert g-moll, war noch länger als Lehrstück im
Klavierunterricht gebräuchlich, bis auch das 1933 sein Ende fand.
Sollte bei den vielen Versuchen, die gegenwärtig mit verschollenen
Werken älterer Komponisten bekannt machen, auch eine Wiederbegegnung mit
Moscheles möglich sein, so träfe das jedenfalls einen Komponisten, der
sich um die deutsche Musik verdient gemacht hat.
Lit: Aus
Moscheles Leben. Nach Briefen und Tagebüchern herausgegeben von seiner
Frau. 2 Bände Leipzig 1872 - 73. - Nekrolog: Neue Zeitschrift für Musik,
Band 66 (1870), S. 146 - 147. - Harold C. Schonberg: Die großen
Pianisten (1963). Deutsche Ausgabe List-Taschenbücher Nr. 385, München
1972. - Biographische Artikel in Bremer, Handlexikon der Musik, Reclam
1885. - Die Musik in Geschichte und Gegenwart (mit Werkverzeichnis). -
Riemann Musiklexikon, 12. Auflage 1961. -Bennwitz, Interpretenlexikon
der Instrumentalmusik. Bern 1964.
Bild: Nach
einer Lithographie von Charles Baugniert, London 1846.
Gerhard Ohlhoff
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