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Die Biographie Wolfgang Amadeus Mozarts weist zwei geographische
Fixpunkte auf. Salzburg, die Geburtsstadt, beherbergte den Komponisten
bis zum letzten Drittel des Jahres 1780, und von 1781 bis zum Todesjahr
1791 war Wien sein Lebensraum. Allerdings war Mozart in der Salzburger
Zeit alles andere als seßhaft: Von 1762 bis 1780 unternahm er nicht
weniger als elf Reisen, die ihn mehr als neun Jahre von Salzburg fern
hielten. Wien hat Mozart dagegen nur sechsmal und jeweils nur für einige
Wochen, allenfalls Monate verlassen. Bei der ausgedehnten Reisetätigkeit
des Komponisten läßt sich eine deutliche Orientierung nach dem Westen
und Süden Europas feststellen; den Norden berührte Mozart nie, den
Osten, hier freilich mit einer bedeutsamen Ausnahme, nur selten. Gerade
aber die Aufenthalte in Preußen und Sachsen, dann vor allem in den
österreichischen Erblanden, wollen wir mit einigen Hinweisen in
Erinnerung rufen. Achtjährig gelangte Mozart im Dezember 1762 auf seiner
ersten Wiener Reise in die damalige ungarische Landeshauptstadt Preßburg;
der Aufenthalt war kurz und ohne künstlerischen Ertrag. 1767, auf der
zweiten Wiener Reise, floh die ganze Familie vor einer Blatternepidemie
aus der Kaiserstadt ins mährische Olmütz, freilich vergeblich. Vom
Spätherbst bis in den Dezember hinein lag Mozart lebensgefährlich
erkrankt in der fremden Stadt. Gerade genesen, erlebte der Komponist das
Weihnachtsfest und die Jahreswende in Brunn, der Hauptstadt Mährens.
Nach diesen flüchtigen und wenig glücklichen Erlebnissen dauerte es zwei
Jahrzehnte, bis Mozarts Wege einmal nach Böhmen führten und er in Prag
größte künstlerische Triumphe feiern durfte. Bereits 1777 hatte er in
Salzburg die Sängerin Josepha Duschek, Gattin des Komponisten Franz
Xaver Duschek, kennengelernt. Als die Duscheks 1786 in Wien
konzertierten, intensivierte sich der Kontakt mit Mozart, und aus dieser
Begegnung reiften die Pläne und der Entschluß, im Januar 1787 selbst zu
einer Aufführung von Le nozze di Figaro (KV 492) nach Prag zu
reisen. Die enthusiastische Aufnahme von Komponist und Werk in der
böhmischen Hauptstadt – Mozart schrieb an einen Freund: „hier wird
nichts gesprochen als von – figaro; nichts gespielt, geblasen, gesungen
und gepfiffen als – figaro, keine Oper besucht als figaro und Ewig
figaro; gewiß große Ehre fuer mich“ - ließen Mozart in den Kontrakt
einwilligen, für die Herbstsaison 1787 den Don Giovanni (KV 527)
zu komponieren. Die zweite Reise nach Prag fand dann im Oktober und
November 1787 statt (sie regte Eduard Mörike zu seiner meisterlichen
Novelle Mozart auf der Reise nach Prag [1855] an). Auf der
Beitramka, dem Gut der Duscheks unweit von Prag, vollendete Mozart unter
großer Zeitbedrängnis seine Oper und erzielte damit wiederum bei den
Pragern schönste Erfolge. In einem Zeitungsbericht hieß es: „Montags den
29ten [Oktober 1787] wurde von der italienischen Operngesellschaft die
mit Sehnsucht erwartete Oper des Meisters Mozard Don Giovani oder das
steinerne Gastmahl gegeben. Kenner und Tonkünstler sagen, daß zu Prag
ihres Gleichen noch nicht aufgeführt worden.“ Im Frühjahr 1789 unternahm
Mozart zusammen mit dem auch aus der Beethoven-Biographie bekannten
Fürsten Carl Lichnowsky, dem Sproß eines alten polnischen
Adelsgeschlechtes, eine Kunstreise nach Berlin, die von Wien aus über
Mährisch-Budwitz, Caslav, Prag, Dresden und Leipzig führte. In Leipzig
führten die Thomaner zu Ehren Mozarts Johann Sebastian Bachs Motette
Singet dem Herrn ein neues Lied auf, ein Werk, das den Gast stark
beeindruckte.
Am Ende seines Lebens eröffnete sich für Mozart erneut die Möglichkeit,
in Prag an frühere Triumphe anzuknüpfen. Im Auftrag der böhmischen
Stände komponierte er anläßlich der Krönung Leopolds II. zum König von
Böhmen die Oper La clemenza di Tito (KV 621). Mozarts Hoffnungen
erfüllten sich nicht. Dem Werk wurde beim hocharistokratischen Publikum
nur eine laue Aufnahme zuteil; die Gattin des Kaisers soll nach der
Aufführung gar von einer „porcheria tedesca“, einer deutschen
Schweinerei gesprochen haben. Drei Monate später, nachdem noch in Wien
Die Zauberflöte (KV 620) erfolgreich uraufgeführt worden war,
starb Mozart. Sein umfangreiches, alle Gattungen der Musik mit
wertvollsten Beiträgen bereicherndes Oeuvre ist bis heute lebendig
geblieben. Goethes Wort, daß von Mozart eine „zeugende Kraft“ ausgehe,
„die von Geschlecht zu Geschlecht fortwirket und sobald nicht erschöpft
und verzehrt sein“ werde, hat sich bewahrheitet; diese Kraft wirkt noch
heute – unvermindert und in alle vier Himmelsrichtungen.
Lit.:
Paul Nettl: Mozart in Böhmen. Prag 1938. – Hermann Abert: W.A. Mozart.
Neu bearbeitete und erweiterte Ausgabe von Otto Jahns „Mozart“. Leipzig
1919, 3. Auflage ebd. l955. – Wolfgang Hildesheimer: Mozart. Frankfurt
a.M. 1977 (Taschenbuchausgabe
ebd. 1980).
Bild:
Silberstift-Zeichnung von Doris Stock, April 1789. Musikbibliothek der
Stadt Leipzig.
Ulrich Konrad
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