Vor 100 Jahren wurde
Herbert Meinhard Mühlpfordt in der ostpreußischen Hauptstadt als
Sohn des Dentisten Meinhard Mühlpfordt und seiner Frau Clara, geb.
Adloff, geboren. Von seinen fast 90 Lebensjahren durfte er 52 in
seiner Vaterstadt verbringen, Kriegs- und Studienjahre einmal
ausgenommen, 38 Jahre lebte er in Lübeck - fern seiner Heimat, aber
doch in einer historisch vielfältig verwandten Umwelt, ganz
abgesehen davon, daß lübische
Kaufleute im 13. Jahrhundert wesentlichen Anteil an der Gründung
seiner Vaterstadt hatten. Die Jahre in Lübeck können nach dem
Verlust Königsbergs in gewisser Weise als Höhe seines Lebens
betrachtet werden. Hier konnte er noch einmal wie schon in
Königsberg über 20 Jahre eine Arztpraxis betreiben; hier in Lübeck
fand er schließlich jenes Arbeitsfeld, das ihm für immer einen
Ehrenplatz in der Heimat- und Geschichtsforschung seiner Vaterstadt
und seiner Heimat sichert.
Mühlpfordt besuchte
bis zum Abitur 1912 das Fridericianum. Studien der Medizin,
Literatur und Kunstgeschichte führten ihn nach Freiburg i.Br.
(1912), München (1912/13) und zurück nach Königsberg (1913/14).
Infolge seines Kriegseinsatzes 1914-1918 schloß er seine Studien
erst 1920 mit dem Staatsexamen und 1921 mit der Promotion im Fach
Medizin ab. Es folgten Jahre als Arzt in Berlin (an der Charite),
1922 die Niederlassung als Arzt in Allenstein und von 1929 bis 1937
die Stellung als Leitender Abteilungsarzt für Dermatologie im St.
Marien-Hospital, ebenfalls in Allenstein. 1937 eröffnete er in
Königsberg eine eigene Praxis. Von 1939 bis zu seiner Entlassung aus
Gesundheitsgründen 1944 diente er als Stabs- und Oberstabsarzt in
der Wehrmacht, von Januar bis April 1945 als Flüchtlingsarzt in
Pillau und auf der Frischen Nehrung, wo er die Tragödie der
Zivilbevölkerung und den Zusammenbruch der in Ostpreußen kämpfenden
Truppe miterlebte. Sechs Tage nach der Kapitulation seiner zur
Festung erklärten Vaterstadt Königsberg betreute Mühlpfordt einen
Flüchtlingstransport nach Wismar, von wo er sich sogleich nach
Lübeck begab. Hier unterhielt er bis 1959 eine eigene Praxis.
Seitdem
konzentrierte sich Mühlpfordt auf die Heimatforschung und war als
Schriftsteller tätig. Als Natur- und Kunstfreund und als
begeisterter Bergsteiger unternahm er viele und ausgedehnte Reisen.
Die landeskundliche Forschung über Ost- und Westpreußen, vor allem
im Hinblick auf die Dokumentation der Kultur- und Geistesgeschichte
Königsbergs, verdankt Mühlpfordt elf Bücher bzw. selbständige
Schriften sowie über 200 Aufsätze und Beiträge für Zeitungen und
Zeitschriften. Diese Leistung zeugt von einer beachtlichen
Schaffenskraft auch noch im fortgeschrittenen Alter. Seine
bedeutendsten Arbeiten sind: Welche Mitbürger hat Königsberg
öffentlich geehrt? (Göttinger Arbeitskreis 1963);
Königsberger Leben in Bräuchen und Volkstum (Arbeitsheft der
Landsmannschaft Ostpreußen, nach 1968); Königsberger Skulpturen
und ihre Meister 1255-1945
(Ostdt. Beitr. d. Gott. Arbeitskreises l970), dazu ein
Supplementum (Prussia-Schriftenreihe 1979): Königsberg von A-Z.
Ein Stadtlexikon (München 1972). 1981 folgten zwei Bändchen in
der Schriftenreihe der J.G. Herder-Bibliothek über den aus Siegen
stammenden und in Königsberg lange wirkenden Johann Friedrich Reusch
sowie Königsberger Leben im Rokoko. Bedeutende Zeitgenossen
Kants. Literarische Veröffentlichungen seien hier nur kurz
erwähnt: Ostpreußische Märchen, Gespenstergeschichten, Gedichte,
Der Goldene Ball, Ein Familienroman unserer Zeit. Die intensive
Beschäfigung mit E.T.A. Hoffmann, seinem ebenfalls aus Königsberg
stammenden Landsmann, sowie sein geradezu kongeniales Verhältnis zu
ihm, müssen an anderer Stelle einmal ausführlich gewürdigt werden.
Anerkennung und
Würdigung fand Mühlpfordt 1969 durch die Wahl in die Historische
Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung, 1970 durch
die Verleihung der Goldenen Ehrennadel der Landsmannschaft
Ostpreußen und 1977 durch die Zuerkennung der Bürgermedaille der
Stadtgemeinschaft Königsberg.
Herbert Meinhard
Mühlpfordt gehörte zu jenen Deutschen aus dem Osten, die nach der
Zerstörung der Heimat, Flucht und Vertreibung darangingen, die
Kenntnisse über das Zerstörte, Verlorene und Entückte aus der
literarischen und - soweit das möglich war, der archivalischen
Überlieferung sowie dem persönlichen Wissen vieler damals noch
lebender Zeugen zusammenzutragen und damit wenigstens ideell für die
Zukunft zu retten. Mühlpfordt beteiligte sich daran vor allem im
Hinblick auf seine Vaterstadt Königsberg und schuf eine Reihe von
Nachschlagewerken, die schon jetzt zu unentbehrlichen Hilfsmitteln
geworden sind und die ihre Gültigkeit behalten werden. Dabei ergänzt
sein Lebenswerk die Arbeit Fritz Oauses und anderer in einer stärker
das Heimatkundliche, die lokale oder zeitliche Besonderheit
betonenden Weise. Im persönlichen Gespräch konnte er überzeugend und
bescheiden zugleich den Unterschied zwischen seinem Anliegen als
Heimatforscher und dem etwa Gauses als Stadthistoriker erläutern.
Vieles, was
Mühlpfordt in den letzten Jahrzehnten seines Lebens erarbeitete,
wurde bislang noch nicht veröffentlicht. Die 100. Wiederkehr seines
Geburtstages wird Anlaß sein, einiges davon zur Publikation zu
befördern; so soll das Vermächtnis des verdienstvollen,
unvergessenen Sohnes seiner ostpreußischen Heimat erfüllt
und
der Aufgabe, der er sich verschrieben hatte, auch in Zukunft gedient
werden.
Quellen:
P. Wörster
(Nachruf), in: Preußenland, 20. Jg. (1982), Nr. 4, S. 58-59. -
Ders.
in: Altpr. Biographie, Bd. IV, 1. Lief. (1984), S. 1135.
Bild:
Bronzebüste von
Georg Fuhg (1898 -1976) im Besitz des Verfassers.
Peter Wörster