Der am
3. April 1903 in Trautenau am Riesengebirge als Sohn einer
tschechischen Mutter und eines deutschen Vaters geborene
Mühlberger wuchs – eingebettet in den Kulturraum der
österreichisch-ungarischen Monarchie und der Donauregion – in
einer zweisprachigen, von unterschiedlichen kulturellen
Traditionen geprägten Umgebung auf und hat diese aus doppeltem
Kulturerbe gespeiste Herkunft stets als entscheidendes
Antriebsmoment, als belebenden und weiterweisenden Impuls seines
dichterischen Schaffens empfunden. Zahlreiche seiner späteren
Novellen und Erzählungen verarbeiten Eindrücke und Erlebnisse
dieser – relativ – unbeschwert verbrachten Kindheits- und
Jugendjahre, wobei Mühlberger die mentalitätsbedingten
Unterschiede der beiden Nachbarvölker weder verschwieg noch
herunterspielte, ihnen aber auch nicht jenen oft maßlos
übersteigerten Stellenwert einräumte, wie manch andere
sudetendeutsche Autoren der 1920er und 1930er Jahre – allen
voran Erwin Guido Kolbenheyer, Hans Watzlik oder Wilhelm Pleyer.
Nach dem
Schulabschluß studierte Mühlberger ab 1922 Germanistik und
Slawistik an der Deutschen Universität in Prag und später
(1927/28) – gastweise – in Uppsala. In Prag wurde er 1926 zum
Dr. phil. promoviert mit einer Arbeit über „Die
deutsch-böhmischen Dichter der Gegenwart“, die 1929 als Buch
erschien. Von 1928 bis 1931 wirkte er federführend als
Mitherausgeber der Kunst- und Literaturzeitschrift „Witiko“. In
dieser Funktion bemühte er sich intensiv um Ausgleich und
Verständigung der vielfach miteinander hadernden Volksgruppen im
Sudetenland – eine im nationalitätenpolitisch aufgewühlten Klima
der 1930er Jahre keineswegs leichthin gewählte und bequem zu
bewältigende Aufgabe. Anfeindungen seitens extremer Kräfte aus
den verschiedensten Lagern waren damit geradezu vorprogrammiert.
Unterdessen erschien 1934 im
Insel-Verlag Mühlbergers Erzählung „Die Knaben und der Fluß“ –
die Geschichte einer homoerotischen Knabenliebe. Der Diplomat
und Philosoph Gerhard von Mutius hatte den Kontakt zum
Verlegerehepaar Anton und Katharina Kippenberg
vermittelt. Das Buch – nach Mühlbergers eigener Aussage in
wenigen sommerlichen Tagen im Garten seines Elternhauses
niedergeschrieben – erregte Aufsehen und brachte seinem Autor
erstmals überregionale Anerkennung. Kein Geringerer als Hermann
Hesse erblickte in ihm „die schönste und einfachste junge
Dichtung, die ich seit langem gelesen habe“. Beflügelt von
derartiger Fürsprache und getragen von der freundschaftlichen
Zuwendung Katharina Kippenbergs, veröffentlichte Mühlberger in
rascher Folge zwei weitere Bücher im Insel-Verlag: 1934 das
Drama „Wallenstein“ – eine
Auftragsarbeit der Stadt Eger zum „Jubiläum“ von 1635 –, und
1935 den ersten bedeutenderen
Roman „Die große Glut“ – ein formal und inhaltlich der
seinerzeit vielgepflegten Gattung des „Bauernromans“
zuzuordnendes Werk.
Mit alledem stand Mühlberger
an der Schwelle zum großen Erfolg; die Aufmerksamkeit des
deutschen und internationalen Lesepublikums schien ihm durch die
Anbindung an einen der seinerzeit prominentesten und
weitstrahlendsten belletristischen Buchverlage sicher. Indes
führte das sich wandelnde kulturpolitische Klima nach 1933 rasch
zu einer nachhaltigen und dauerhaften Schmälerung des Mühlberger
entgegengebrachten Publikumsinteresses, bis hin zur weitgehenden
Nichtbeachtung seitens des offiziellen Literaturbetriebs.
Ausschlaggebend waren hier die Denunziationen des „völkischen“
Autors Wilhelm Pleyer, der – wie Mühlberger sudetendeutscher
Herkunft und Debütant in der Literaturszene des Dritten Reiches
– seinem etwa gleichaltrigen Landsmann dessen enge, teilweise
freundschaftlichen Kontakte zu jüdischen und
sozialdemokratischen Mitarbeitern des „Prager Tagblatts“ – etwa
zu Max Brod oder zu Johannes Urzidil – zum Vorwurf machte und
überdies Mühlbergers dezidiert kulturvermittelnde Position als
„Verrat“ an der in schwerem „Volkstumskampf“ stehenden Sache des
Sudetendeutschtums attackierte. Die verhalten, aber
nachdrücklich bekundete Homosexualität Mühlbergers tat ein
übriges, um ihn in nationalen Kreisen zu diskreditieren.
Mühlberger seinerseits reagierte auf die sich häufenden
Beschuldigungen, Verdächtigungen und Anfeindungen teils
hilflos-naiv, teils ausweichend-konziliant, teils durch
versuchtes Eingehen auf ideologische Minimalforderungen des
Regimes – was nicht verhindern konnte, daß seine Bücher aus dem
Handel genommen wurden und von 1935 bis 1947 keine eigenständige
Buchpublikation mehr
erscheinen konnte, obgleich für ihn ein offizielles
Veröffentlichungsverbot nicht bestand. Aus seiner immer
unsicherer werdenden, von Depressionen und
Verzweiflungszuständen geprägten Lage „rettete“ sich der
im Grunde unpolitische Autor nach Verbüßen einer sechsmonatigen
Haftstrafe wegen homosexueller Handlungen durch freiwilligen
Eintritt in die Wehrmacht. Das Kriegsgeschehen führte ihn nach
1939 an die verschiedensten
Fronten, nach Westeuropa, Rußland und Italien. Seine
Tagebuchaufzeichnungen „Die schwarze Perle“ spiegeln die
Erlebnisse der Kriegszeit ebenso plastisch wider wie zahlreiche
seit 1947 publizierte Novellen und Erzählungen.
Nach
Kriegsende kehrte Mühlberger zunächst in seine böhmische Heimat
zurück, geriet dort jedoch sehr bald in den Strudel der nun
erneut, wenngleich unter anderem Vorzeichen ausgetragenen
deutsch-tschechischen Antagonismen. So wie ihm in den 1930er
Jahren jedes Einschwenken in die Riege derer verhaßt war, denen
die lautstarke Behauptung deutscher Ansprüche wichtiger schien
als das Bemühen um Mittlerschaft und Verständigung, so galt
seine Kritik nun den von tschechischer Seite aus einsetzenden,
durch die Rote Armee gedeckten Unrechts- und
Unterdrückungsmaßnahmen gegenüber der deutschen
Bevölkerungsmehrheit im Sudetengebiet. Es war erneut ein –
aussichtsloses – Engagement gegen die übermächtigen politischen
Zeitumstände. Mühlberger wurde verhört und inhaftiert und schloß
sich 1946 einem der zahlreichen Flüchtlingszüge in den Westen
an. Das Thema der Vertreibung, des Heimatverlustes, der
menschlichen Unbehaustheit wurde fortan zu einem zentralen Motiv
seines literarischen Schaffens.
Mühlberger ließ sich in Eislingen/Fils bei Göppingen nieder.
Schwaben wurde ihm für nahezu vier Jahrzehnte zu einer „zweiten“
Heimat – die „erste“, Böhmen, hat er niemals wiedergesehen,
wenngleich er aus der Ferne engen brieflichen Kontakt mit der
Mutter hielt, die bis zu ihrem Tod in Trautenau lebte.
Mühlberger arbeitete nun als freier Schriftsteller,
Volkshochschulleiter und Feuilletonredakteur verschiedener
Zeitungen und Zeitschriften. Zugleich erschien jetzt eine Fülle
früher entstandener Werke, deren Veröffentlichung auf Grund der
politischen Verhältnisse im Dritten Reich unterblieben war.
Über
Katharina Kippenberg stellte sich zunächst der 1935 abgebrochene
Kontakt zum in Wiesbaden lizenzierten Insel-Verlag her, in
dessen Gefolge 1947 Mühlbergers wichtigster Lyrikband erschien,
der die zwischen 1933 und 1945 geschriebenen Gedichte
versammelte. Da die neue Direktion des Insel-Verlages jedoch –
nicht nur im Falle Mühlbergers – keine Bereitschaft zeigte, den
in der Vorkriegszeit bewiesenen Mut zur Förderung innovativer
literarischer Ansätze neuerlich aufzubringen, unterblieb eine
weitere Zusammenarbeit. Das in der Folgezeit publizierte Œuvre
Mühlbergers verteilte sich auf mehr als ein Dutzend kleinerer
Verlage – was auch ein Grund dafür sein mochte, daß Name und
Werk des Dichters im neu entstehenden literarischen Leben der
Bundesrepublik Deutschland kaum präsent waren. Zwar blieb sein
Schaffen auch künftig nicht ohne Resonanz: Mühlberger erhielt
mehrere, zum Teil renommierte Auszeichnungen, so den
Herder-Preis (bereits 1938), den Adalbert-Stifter-Preis (1951),
den Andreas-Gryphius-Preis (1965), den Sudetendeutschen
Kulturpreis (1968) und den Eichendorff-Preis (1973). Dabei waren
es jedoch vor allem die Organisationen und Institutionen der
deutschen Vertriebenen, die den Autor förderten und sich um die
Verbreitung seiner Werke bemühten. Dies wiederum trug im
kulturpolitisch aufgewühlten Klima der 1970er und 1980er Jahre
dazu bei, ihn in Kreisen einer sich als „progressiv“ gerierenden
Literaturkritik als „unzeitgemäß“ abzustempeln und die
Beschäftigung mit seinem Werk sektoral einzuschränken.
Mühlberger wurde nun – vor allem nach 1968 – zum dritten Mal ein
Opfer ideologischer Polarisationen, deren Pendelschläge ihn
gleichsam dem Rhythmus normaler literarischer Rezeptionsvorgänge
enthoben und ihn schon zu Lebzeiten weitestgehender
Vergessenheit anheimfallen ließen.
„Vergängliches gleichnishaft zu nehmen, auch im Gräßlichen und
Schrecklichen noch ein Gültiges aufzuspüren“: dies galt ihm in
einer seiner seltenen autobiographischen Reflexionen über die
eigene schriftstellerische Existenz als leitende Maxime seines
Schaffens, und man kann sagen, daß sich Mühlberger dieser Maxime
über alle Brüche und Wandlungen des Zeitgeistes hinweg treu
geblieben ist. Eine solche Haltung verbindet ihn mit jenen etwa
zeitgleich publizierenden Autoren, die in ihren Werken – einem
Sprachstil bewahrender Klassizität und formaler Verhaltenheit
verpflichtet – noch einmal die Traditionen abendländischer
Humanität und Universalität unter Betonung eines aus
christlichen Impulsen gespeisten Europäertums beschworen. Viele
dieser Autoren – Reinhold Schneider etwa oder Otto von Taube,
aber auch Hermann Hesse, Rudolf Alexander Schröder oder, in
Grenzen, Hans Carossa – richteten ihre Blicke dabei vor allem
nach Westen und Süden, auf die Erbschaft der Antike und auf den
Kulturraum der Romanitas. Mühlbergers Werk bietet hier gleichsam
eine Ergänzung und Vervollständigung dieser „werteuropäischen“
Blickrichtung um die ostmitteleuropäische, die „böhmische“
Perspektive. Unter den deutschsprachigen Autoren der
Nachkriegszeit war und ist dies kein unbedingt häufig
anzutreffender, überdies im kulturpolitischen Klima der Jahre
nach 1968 noch zusätzlich marginalisierter bzw. tabuisierter
Schaffensakzent. Josef Mühlbergers Werk hält ihn in einem Ausmaß
bereit, dessen Umfang Anlaß genug sein sollte, ihm jene
öffentliche Resonanz und Anerkennung zu verschaffen, die ihm zu
Lebzeiten versagt geblieben ist.
Lit. und Werke:
Zusammenstellung in: Frank-Lothar Kroll (Hrsg.): Josef
Mühlberger, Ausgewählte Werke, 2 Bde., Bonn 2004. Vgl. ferner
(mit weiterführender Literatur) Frank-Lothar Kroll: Ein
deutscher Dichter aus Böhmen. Josef Mühlberger, in: Ders.
(Hrsg.): Böhmen. Vielfalt und Einheit einer literarischen
Provinz, Berlin 2000, S. 83-93; – Elke Mehnert: „Der Galgen im
Weinberg“. Flucht und Vertreibung bei Josef Mühlberger, in:
Dies. (Hrsg.): Ost-westliche Spiegelungen. Beiträge zur
deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Berlin 2005, S.
105-113.
Bild:
Schriftgut-Archiv-Ostwürttemberg
Frank-Lothar Kroll