Das
Sprichwort
„Die
Nachwelt
flicht dem
Sänger keine
Kränze“ gilt
für Raimund
von Zur
Mühlen
nicht,
wenngleich
er einer
Sängergeneration
angehörte,
welcher die
Möglichkeit
der
Reproduktion
noch versagt
war.
Trotzdem
fand sein
Wirken den
Weg zur
Nachwelt:
zum einen
wird gesagt,
er habe den
reinen
Liederabend
in das
Konzertwesen
eingeführt,
zum anderen
waren seine
Interpretation
und sein auf
das Lied
spezialisierter
Unterricht
für die
Entwicklung
des
Liedgesangs
von großer
Bedeutung.
Als Sohn
eines
typischen
baltischen
Landedelmannes,
dem Landwirt
und
Kreisdeputierten
Hermann von
Zur Mühlen
und seiner
Ehefrau
Jenny, geb.
von Holst,
wurde er auf
dem
väterlichen
Gut geboren.
Besonders
die Musik
hatte bei
den Holsts
eine
wesentliche
Bedeutung,
die dann in
dem nach
England
ausgewanderten
Zweig der
Familie, in
Gustav
Holst,
kulminierte.
Die Mutter
wurde auch
Raimunds
erste
Musiklehrerin.
Früh
überraschte
er die
Familie mit
dem Wunsch,
Sänger zu
werden –
nach dem
Vortrag
eines Lieds
von Robert
Schumann,
das er der
Mutter
abgelauscht
hatte. Sein
Bemühen um
Ausdruck
stand in
merkwürdigem
Gegensatz zu
seiner
kindlichen
Stimme.
Schwierig
wurde seine
Schulzeit in
Fellin. Sein
träumerisches
Wesen
vereinbarte
sich nicht
mit der
Prosa des
Schulalltags.
Doch fand er
in
Musiklehrer
Adolph Mumme
einen
musikalischen
Förderer und
in dem
Klassenkameraden
Hans Schmidt
eine
gleichgestimmte
Seele. 1870
übersiedelte
die Familie
nach
Hirschberg,
wo er das
Gymnasium
besuchte.
Nach dem Tod
des Vaters
1872 entfloh
er den
Anforderungen
von Schule
und
Elternhaus.
Er ging nach
Berlin, wo
er sich mit
seiner
Begabung für
Schneiderei
durchbrachte.
Seine
Sängerkarriere
verfolgte er
zielstrebig.
Er fand in
der
Gesangspädagogin
Auguste
Hohenschildt
eine gute
Lehrerin und
hilfreiche
Freundin,
welche ihm
den Weg an
die
Königliche
Hochschule
in Berlin
wies. Seine
Professoren
Felix
Schmidt und
Adolf
Schulze
waren sich
über
Raimunds
Talent klar
und so wurde
er bald zu
größeren
solistischen
Aufgaben bei
Aufführungen
der
Hochschule
herangezogen.
1878
debütierte
er mit Hans
Schmidt in
Riga, der
sich in
Berlin
niedergelassen
hatte, mit
dem er erste
Konzertreisen
in
Deutschland
und in den
baltischen
Landen
unternahm.
Zur weiteren
Ausbildung
ging Mühlen
nach
Frankfurt zu
Julius
Stockhausen
und zu Clara
Schumann. Im
Hause von
Julius Otto
Grimm in
Münster, wo
Mühlen
längere Zeit
Gastfreundschaft
geboten
wurde,
machte er
die
Bekanntschaft
von Johannes
Brahms, der
über Mühlen
sagte:
„Endlich
habe ich
meinen
Sänger
gefunden“.
Wiederholt
hat er mit
Brahms
Konzerte
gegeben und
auch mehrere
Brahmslieder
uraufgeführt.
Mit Clara
Schumann gab
er in dieser
Zeit eine
Reihe von
Schumann-Liederabenden
und so
schaffte ihm
diese auch
Beziehungen
nach
England,
woraus sich
1883 sein
erstes
Konzert in
London
ergab.
Mühlen war
immer um
Erweiterung
seiner
sängerischen
Möglichkeiten
bemüht, so
hat er in
Neapel mit
Beniamino
Carelli und
in Paris mit
Manuel
Garcia und
Pauline
Viardot
gearbeitet.
Ab Mitte der
1880er Jahre
war er zu
einer
bekannten
Größe im
europäischen
Konzertleben
geworden. Er
war in
mehreren
Ländern zu
hören, u.a.
in
Frankreich,
England,
Rußland,
Österreich,
Italien,
Skandinavien
und immer
wieder in
den
baltischen
Landen. Von
berühmten
Dirigenten
wurde er zu
Oratorien-Aufführungen
herangezogen,
u.a. von
Hans v.
Bülow,
Gustav
Mahler,
Arthur
Nikisch,
Siegfried
Ochs und
Felix
Weingartner.
Seinen
ständigen
Wohnsitz
hatte er in
Berlin, wo
er in
höchsten
Kreisen
Verehrer
seiner Kunst
fand, so
auch im
Hause
Bismarck.
Bei
Konzerten in
Friedrichsruh
soll der Zug
eigens für
ihn gehalten
haben.
Großes
Aufsehen
fand die
Aufführung
der Oper
„Christus“
von Anton
Rubinstein
1895 in
Bremen unter
Carl Muck.
Allgemein
war die
Ansicht, daß
das
fünfstündige
Werk mit
Mühlens
Darstellung
der
Hauptrolle
stehe oder
falle, da
das
dramatische
Geschehen im
Verhältnis
zur Länge
des Werkes
sich als
nicht
tragfähig
erwiesen
hatte.
Rubinstein,
der 1894
verstarb,
hatte Mühlen
noch zum
einzigen
Sänger der
Titelrolle
bestimmt:
„Niemand von
euch anderen
hat dieses
Mitleid in
der Stimme.“
Ein
Höhepunkt
seiner
Karriere war
die
Einweihung
der
Bechstein
Hall (Wigmore
Hall) in
London 1901,
bei der auch
Helen Trust,
Ferrucio
Busoni und
Eugène Ysaye
auftraten.
1906 trat er
in St.
Petersburg
auf und war
zu Besuch
bei der
Zarenfamilie
in Zarskoe
Selo. 1904
und 1905
hatte er für
Sommerkurse
das „Alte
Schloß“ in
Fellin
angemietet.
1906
verlegte er
die Kurse in
das
ostpreußische
Neuhäuser,
einem
kleinen,
feinen
samländischen
Seebad
westlich von
Königsberg,
wo die Kurse
bis 1911
stattfanden.
Seine
Assistentin
war Monica
Hunnius, die
in ihren
Memoirenbüchern
über die
Zusammenarbeit
berichtet.
1907 ging
Mühlen nach
London und
erwarb
Wiston Old
Rectory in
Styning-Sussex
als
Landsitz.
Dort gab er
1911 seinen
ersten
Sommerkurs.
Ein
Winter-Kurs
1913/1914 in
Berlin wurde
zu seinem
letzten
Aufenthalt
in
Deutschland.
1925 gab er
seinen
Londoner
Haushalt auf
und zog sich
nach Styning
zurück. 1930
mußte er
noch einen
schweren
Schicksalsschlag
ertragen,
Feuer
vernichtete
große Teile
des Hauses
mit seinen
wertvollen
Sammlungen
von
Dokumenten,
Musikalien
und
Kunstgegenständen.
Zwar war das
Haus 1931
wiederhergestellt,
aber der
Inhalt war
verloren.
Mühlen
verstarb am
9. Dezember
1931 an
Herzversagen.
Mühlen war
mit seinem
Aussehen
nicht
zufrieden
und so
kompensierte
er dies mit
seinem Sinn
für das
Schöne und
Dekorative.
Er war eine
extravagante
Erscheinung,
zu der auch
drei Pudel
gehörten.
Über seine
Stimme
meinte er:
„Ich habe
überhaupt
keine
Stimme! Ihr
ahnt ja
nicht, wie
ich jeden
Ton
künstlich
aus dem
Nichts
schaffen muß.“
In einer
großen Zahl
von Schülern
war Mühlens
Einfluß bis
weit in das
20.
Jahrhundert
hinein
wirksam.
Einige
bekannte
Namen seien
genannt:
Frieda
Hempel, Lula
Mys-Gmeiner,
Mark
Raphael,
Hans Lißmann,
sowie
Hermann
Weissenborn
und Georg A.
Walter,
letztere
Lehrer von
Dietrich
Fischer-Dieskau.
Die
Übernahme
des Begriffs
„The Lied“
im
Englischen
sowie „Le
Lied“ im
Französischen
für das
deutsche
Kunstlied
soll mit
Mühlens
Verdienst
gewesen
sein.
Lit.:
Diverse
Musiklexika.
– Neue
Berliner
Musikzeitung:
R. v. z. M.,
27. 4. 1893,
Jg. 17, S.
223f. –
Schloß
Fellin –
eine
Künstlerwerkstatt,
Illustrierte
Beilage der
Rigaschen
Rundschau
Oktober 1905
Nr. 10, S.
73f. –
Dorothea v.
zur-Mühlen:
Der Sänger
R. v. z. M.,
Hann.-Döhren
1969. –
Dietrich
Fischer-Dieskau:
Auf den
Spuren der
Schubert-Lieder,
Kassel 1971,
S. 51, 342,
346. – H.
Scheunchen:
Die
Musikgeschichte
der
Deutschen in
den
Baltischen
Landen, in:
W.
Schwarz/F.
Kessler/H.
Scheunchen:
Musikgeschichte
Pommerns,
Westpreußens,
Ostpreußens
und der
baltischen
Lande,
Dülmen 1989,
S. 160. –
Mitteilung
an den
Verfasser
Dr. Patrik
v. Zur
Mühlen, Bonn
1992.
Bild:
E. v.
Eggert/Riga
Private
Ostdeutsche
Studiensammlung.
Helmut
Scheunchen