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Mueller-Graaf gehörte
zur ersten Generation der Diplomaten des Bonner Auswärtigen Dienstes, in
den er, wie viele andere in den frühen fünfziger Jahren, als
Seiteneinsteiger gekommen war. Als Sohn eines Arztes im Hüttenrevier
Oberschlesiens geboren, besuchte er die humanistischen Gymnasien zu
Kattowitz, Naumburg a. S. und Königshütte und studierte
Rechtswissenschaften in Gießen und Breslau, wo er Staatsexamen (1926)
und Doktorprüfung (1927) ablegte, trat danach als Amtsgerichtsrat beim
traditionsreichen Kammergericht in Berlin und 1931 in den
Ministerialdienst ein. Bis 1940 war er Referent im
Reichswirtschaftsministerium, von 1940 bis 1942 ins Auswärtige Amt
abgeordnet und mit internationalen Wirtschaftsfragen befaßt, danach als
Oberregierungs- und Ministerialrat beim Generalinspekteur für Wasser und
Energie. Beim Zusammenbruch 1945 flüchtete er ins Berner Oberland,
später nach Genf, wo er sich vier Jahre lang ausschließlich
schriftstellerisch betätigte und ein Buch, Irrweg und Umkehr.
Betrachtungen über das Schicksal Deutschlands, schrieb, das er Ende
1946 in Basel unter Pseudonym und Ende 1948 unter seinem Namen auch in
Deutschland herausbrachte. Darin forderte er einen radikalen Neubeginn
in Deutschland im Geist eines christlichen Konservativismus und einer um
Wahrheit bemühten historischen Versicherung der Gründe für die deutsche
Katastrophe.
Mueller-Graaf trat Mitte
1949 als Referatsleiter bei der Verwaltung für Wirtschaft des
Vereinigten Wirtschaftsgebietes ein, die im Bundesministerium für
Wirtschaft aufging, und war wieder auf seinem eigentlichen Fachgebiet,
der Außenhandelspolitik, tätig, zuletzt als Abteilungsleiter im Range
eines Ministerialdirigenten. Als im November 1953 eine Deutsche
Wirtschaftsdelegation in Wien eingerichtet wurde, um wenigstens auf
Wirtschaftsebene geregelte Beziehungen mit Österreich zu pflegen,
übernahm Mueller-Graaf deren Leitung und wurde ins Auswärtige Amt
übernommen. Er war dazu wie kein anderer berufen, da er seit 1949 alle
Wirtschaftsverhandlungen mit Österreich geführt hatte. Doch lag die
eigentliche Herausforderung der Wiener Mission Mueller-Graafs (ohne
Akkreditierung) darin, die in Folge der „Anschluß“-Frage und ihrer in
Bonn und Wien völkerrechtlich verschiedenen Beurteilung gespannten
Beziehungen zunächst atmosphärisch, später auch substantiell zu
verbessern. Gleichzeitig sollte Mueller-Graaf auf dem nach Südosten
vorgeschobenen Posten die angrenzenden Satrapenstaaten Moskaus
beobachten, zu denen die Bundesrepublik keine diplomatischen Beziehungen
unterhielt. Nach Abschluß des österreichischen Staatsvertrages im Mai
1955, der mit seinen Regelungen über das deutsche Eigentum in Österreich
und auch unter sicherheitspolitischem Aspekt für Adenauer eine
Provokation darstellte, sank das deutsch-österreichische Verhältnis auf
seinen Tiefpunkt. Mueller-Graaf, zunächst aus Protest gegen den
Staatsvertrag abberufen, nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen Ende
1955 zum Botschafter ernannt, hat in jahrelangen
Delegationsverhandlungen, die in eine Reihe von Verträgen und Abkommen
mündeten, die Grundlage für eine gedeihliche Entwicklung der
beiderseitigen Beziehungen mitgelegt. Er hat darin zu Recht sein
eigentliches Lebenswerk gesehen. Ungewöhnlich lange, bis Juni 1961,
blieb er auf seinem Posten. Mit seinem geistigen Habitus paßte
Mueller-Graaf in das traditionsverhaftete Wien der fünfziger Jahre, an
dem sein Herz hing. Mit seiner besonnenen, die Empfindlichkeiten der
politischen Klasse Österreichs (welche die jüngste Geschichte des Landes
noch längst nicht aufgearbeitet hatte) schonenden Art hat er sich viel
Sympathie erworben. Bundeskanzler Raab und Außenminister Figl sahen in
ihm einen wahren Freund. Um so mehr hat es ihn verbittert, als er zum
Schluß einer der in Wien stets zu gewärtigenden Presseintrigen zum Opfer
fiel, deren Urheber er im engsten Umkreis des jungen Außenministers
Kreisky ortete, dessen Ideen eines gezähmten, liberalen Sozialismus, der
West- und Osteuropa versöhnen und den Rahmen für eine Lösung der
deutschen Frage bieten sollte, er entgegengetreten war.
Auch mit Adenauer, der
in den Österreichern einen notorisch unzuverlässigen deutschen Volksteil
sah, der sich aus der Schicksalsgemeinschaft mit Deutschland
davonstehlen wollte, und der wohl lieber einen energischeren Vertreter
deutscher Interessen in Wien gesehen hätte, verband Mueller-Graaf kein
Verhältnis besonderer Sympathie. So sehr er mit den außenpolitischen
Grundlagen von Adenauers Politik der Westintegration übereinstimmte und
auch alle Versuche des ostzonalen Regimes, im neutralen Österreich
diplomatisch Fuß zu fassen, abwehrte, so wenig überzeugte ihn Adenauers
Ostpolitik, die die Frage der Grenzen zu Polen offenhalten wollte.
Mueller-Graaf setzte vielmehr auf Aussöhnung und Zusammenarbeit zwischen
Polen und Deutschen, ohne dies mit einer Revisionspolitik zu verknüpfen.
In Wien, wo er sich gerne darauf berief, als Schlesier eigentlich ein
Untertan der Habsburger zu sein, hat er sich allen Versuchen entzogen,
sich vor Vertriebenen-Verbänden zu exponieren.
Mueller-Graaf hat seinen
letzten Posten als Leiter der Vertretung bei der OECD in Paris, deren
rein bürokratische Aufgaben ihm nach dem langen, schönen Wiener
„Zwischenspiel" nicht zusagten, nur kurze Zeit ausgeübt, schon von
schwerer Krankheit gezeichnet.
Schriften:
Carl Hermann Müller: Die rechtliche Natur der Zwangsversteigerung. Jur.
Diss. Breslau [1927]. - Constantin Silens: Irrweg und Umkehr.
Betrachtungen über das Schicksal Deutschlands. Basel: Birkhäuser 1946. -
Carl H. Mueller-Graaf: Irrweg und Umkehr. Betrachtungen über das
Schicksal Deutschlands. Stuttgart: Reclam 1948 (Auflage: 20000). - Ders.:
Die Rolle der OECD in der Wirtschaftspolitik der freien Welt (Vortrag
vor dem Industrie-Club Düsseldorf)- Düsseldorf: Industrie-Club 1963.
Lit.:
Matthias
Pape: Ungleiche Brüder. Österreich und Deutschland 1945-1965.
Köln/Weimar/Wien 2000.
Bild:
Mueller-Graaf um 1955.
Matthias Pape
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