Kein anderer
Gelehrter
hat vor Th.
Mommsen der
Altertumswissenschaft
derart
entscheidende
Impulse
gegeben wie
Carl Otfried
Müller, der
Archäologe,
Philologe,
Historiker,
Geograph und
Epigraphiker
zugleich
war. Er
stammte aus
einer
schlesischen
Pfarrersfamilie
und ging
nach dem
Besuch des
Gymnasiums
in Brieg,
Ratibor und
Liegnitz
1814 an die
neugegründete
Friedrich-Wilhelm-Universität
zu Breslau,
um dort
zunächst
Mathematik,
Botanik,
Sprachen und
Philosophie
zu
studieren.
Für zwei
Arbeiten
über Kant
und über die
Makkabäer
erhielt er
dort Preise.
Seit 1816 in
Berlin,
wandte er
sich unter
dem Einfluß
von A. Böckh
und F.A.
Wolf den
Altertumswissenschaften
zu. Dank
seiner
schier
unerschöpflichen
Arbeitskraft
legte er
bereits 1817
eine
Dissertation
über die
Insel Ägina
vor, die ihn
wegen der
Methodenvielfalt
und
kritischen
Ausschöpfung
auch der
Mythen
schnell
berühmt
machte. Die
anschließende
Tätigkeit am
Breslauer
Magdalenen-Gymnasium
empfand er
unbefriedigend
und
flüchtete
sich in eine
groß
angelegte
Geschichte
der
griechischen
Stämme und
Städte,
deren erster
Band
Orchomenos
und die
Minyer
1820
erschien, in
2. Auflage
1844. Zwei
weitere
Bände,
Die Dorier,
folgten
1824. Sie
wurden schon
1830 ins
Englische
übersetzt,
obwohl oder
weil sie ein
Gegengewicht
zur meist
angelsächsischen
Verherrlichung
der
attischen
Demokratie
darstellten,
das bis
heute
nachwirkt,
weil es die
Dorier,
insbesondere
die
Spartaner,
zu sehr von
den übrigen
Griechen
abgrenzte.
Mit 22
Jahren,
1819, wurde
Müller von
seinem
Lehrer Böckh
der
Universität
Göttingen
als
Extraordinarius
vorgeschlagen.
Nach
zweimonatigem
Studium in
der Antiken-
und
Gemäldesammlung
zu Dresden
trat er
dieses Amt
an. Als
glänzender
Redner mit
leicht
schlesischem
Dialektanklang
– 1835 wurde
er auch
Professor
der
Beredsamkeit
– und
begeisternder
Lehrer wurde
er bereits
1823 zum
Ordinarius
und Mitglied
der
Göttinger
Akademie der
Wissenschaften
gewählt,
lehnte aber
einen
ehrenvollen
Ruf nach
Berlin als
Nachfolger
Böckhs ab.
Seine
Vorlesungen
über
griechische
Altertümer,
antike
Orakel, zum
historischen
und
"volkstypischen"
Kern in der
Mythologie (Prolegomena
zu einer
wissenschaftlichen
Mythologie,
1825) und
über antike
Autoren
fanden,
weithin
Widerhall
und schlugen
sich auch in
Publikationen
nieder.
Dabei wurden
Topographie,
Münzprägung,
Wirtschaft,
Kunst und
Handwerk
ebenso
eingeschlossen
wie
Demographie,
Sozialstrukturen
und
Verfassungsrecht,
stets strikt
getrennt
zwischen
Historischem
und
Symbolischem.
Nach dem
Buch Über
die
Makedonier
(1825)
erhielt er
1826 den
Preis der
Berliner
Akademie für
sein
vierbändiges
Werk Die
Etrusker
(Breslau
1828, 19772).
Es ist die
erste
Gesamtdarstellung
dieses
rätselhaften
Volkes,
dessen Kunst
und Sprache
Müller
besonders
angezogen
hatten und
bei der sein
universalhistorischer
Ansatz
besonders
deutlich
wird.
Untersuchungen
über den
Kult der
Göttin
Athena
(1820), über
den
Bildhauer
Phidias
(1827) u.a.
waren
Vorarbeiten
für das 1830
erschienene
Handbuch
der
Archäologie
der Kunst
(18352,
neubearbeitet
von F.G.
Wolcker
1848, 18782),
das für
viele
Archäologengenerationen
grundlegend
und
beispielhaft
blieb und
auch auf
Englisch und
Französisch
erschien.
Andere
Studien
galten den
Befestigungen
Athens und
den
Altertümern
des
syrischen
Antiochia
bis hin zum
Mittelalter
sowie der
Geschichte
der
lateinischen
Sprache.
1833
erschien
eine berühmt
gewordene
Interpretation
der
"Eumeniden"
des
Aischylos,
die sich
ausdrücklich
gegen die "Fussnotengelehrsamkeit"
wandte und
spätere
Philologen,
darunter U.
von
Wilamowitz-Moellendorff,
wesentlich
beeinflußte.
Dann folgte
eine
Geschichte
der
griechischen
Literatur
bis auf
Alexander
d.Gr.,
deren erster
Teil 1840
zunächst auf
Englisch
erschien,
das
dreibändige
Werk posthum
1858
(1882/844).
1824
heiratete
Müller, ein
großer,
schlanker
Mann mit
feurigen
Augen und
von seinen
vielen
Freunden als
heiter und
umgänglich
geschätzt,
Pauline
Hugo, die
Tochter des
Göttinger
Juristen
Gustav Hugo,
die ihm fünf
Kinder
schenkte.
Zum 40.
Geburtstag
verlieh ihm
die
Juristische
Fakultät den
Titel eines
Dr. jur. h.c.,
die ihn
verehrenden
Studenten
feierten ihn
mit einem
Fackelzug.
Weniger die
Verleihung
des
Hofrat-Titels
als die
Furcht,
nicht mehr
reisen zu
können,
waren der
Grund, sich
dem Protest
der
"Göttinger
Sieben" 1837
nicht
anzuschließen
oder ihrer
Amtsenthebung
öffentlich
zu
widersprechen.
Einer
geplanten
umfassenden
Griechischen
Geschichte
und einem
Werk über
"Antike
Landschaften
und die
antiken
Stätten"
sollte die
im Sommer
1839
begonnene
Reise über
Italien und
Sizilien
nach
Griechenland
dienen, auf
der ihn zwei
Freunde und
ein Zeichner
begleiteten.
Beim
Kopieren von
Inschriften
im Heiligtum
von Delphi
im Sommer
1840 erlitt
Müller einen
Hitzekollaps
und starb in
Athen. Dort
wurde er auf
dem
Kolonoshügel
nordwestlich
der antiken
Altstadt
beigesetzt,
an jenem
Platz, wo
nach
Sophokles
Ödipus von
seinem
schrecklichen
Fluch erlöst
wurde.
Müllers
Kleinen
deutschen
Schriften
über
Religion,
Kunst,
Sprache und
Literatur,
Leben und
Geschichte
des
Altertums
wurden
1847/48 von
E. Müller in
Breslau
herausgegeben
(Nachdruck
1979), die
Kunstarchäologischen
Werke in
fünf Bänden
in Berlin
1873, –
beides
Zeichen
dafür, wie
wegweisend
sie waren.
Werke:
Schriftenverzeichnis
bei W.
Pökel, W.
Unte (s.u.)
Lit.:
F. Lücke:
Erinnerungen
an K.O.M.,
Göttingen
1841. – W.
Pökel:
Philolog.
Schriftstellerlexikon,
Leipzig
1882,
Nachdruck
1966, S. 182
f. (mit
Schriftenverzeichnis
und
Literatur).
– C. Bursian:
Geschichte
der
classischen
Philologie
in
Deutschland,
1883, S.
1007-1028. –
A.
Baumeister:
Allgemeine
Deutsche
Biographie
22, 1885, S.
656-667. –
O. und E.
Kern, C.O.M.,
Ein
Lebensbild
in Briefen,
1908. – W.
Kroll: C.O.M.,
Schlesische
Lebensbilder
I, Breslau
1922, S.
42-45
(Nachdruck
1985). – S.
Reiter:
C.O.M.,
Briefe.
1950. – U.
Franke, W.
Fuchs:
Kunstphilosophie
–
Kunstarchäologie,
Boreas 7,
1984, S.
269-294. –
H. Döhl:
K.O.M.,
Archäologenbildnisse,
ed. R.
Lullies, W.
Schiering,
Mainz 1988,
S. 23-24. –
K. Nickau,
H. Döhl, J.
Bleicken in:
Die
klassischen
Altertumswissenschaften
an der
Georg-August-Universität
Göttingen,
ed. C.
Classen,
Göttingen
1989, S.
27-50,
51-77,
98-127. – W.
Unte, K.O.M.,
in:
Classical
Scholarship.
A
Bibliographical
Encyclopedia,
ed. W.W.
Briggs, W.M.
Calder III,
New
York-London
1990, S.
310-320 (mit
Schriftenverzeichnis
und weiterer
Literatur).
Bild:
Zeichnung
von W.
Ternite
1838, danach
Lithographie
von Wildt in
Archäologenbildnisse,
ed. R.
Lullies, W.
Schiering,
Mainz 1988,
S. 23.
Peter
Robert
Franke