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Friedrich Müller wuchs als Bauernsohn in dem ehemals untertänigen
mittelsiebenbürgischen Dorf Langenthal auf. Er wurde am Hermannstädter
Gymnasium ausgebildet und studierte von 1903 bis 1909 in Leipzig,
Klausenburg und Berlin. In Klausenburg hatte er in der
deutsch-sächsischen Akademikerschaft, die sich entschieden den
Magyarisierungsbestrebungen entgegenstellte, eine führende Stellung
inne. In Berlin erlernte er, unter Anleitung des Historikers Dietrich
Schäfer, die Methode der wissenschaftlichen Forschung und wurde zu
eigenen Arbeiten angeregt. Nach Ablegung der Lehramtsprüfung erhielt er
1911 eine Anstellung am Kronstädter Gymnasium, an dem er bis 1917 tätig
war. 1912 veröffentlichte er seine erste ausführliche Schrift: „Die
Siebenbürger Sachsen und ihr Land.“ In ihrem Mittelpunkt steht die
Kulturbedeutung des siebenbürgisch-sächsischen Volkes und die Anleitung
zur Bewältigung der aktuellen volkspolitischen Aufgaben. In der
„Kronstädter Zeitung“, deren Schriftleiter er war, nahm er zu den
Tagesereignissen Stellung. Sein Berufsweg führte ihn 1917 nach Schäßburg,
wo er die Direktorstelle an der landeskirchlichen
Lehrerinnenbildungsanstalt versah. Bei seinem „Lehrbuch der Geschichte
Rumäniens“, das er 1921 abschloß, kamen ihm seine Kenntnisse der
Universalgeschichte und des südosteuropäischen Raumes zugute. Die
Abfassung des Lehrbuches war notwendig geworden, weil Siebenbürgen
inzwischen mit Rumänien vereinigt worden war. Fr. Müller wurde 1922
„Schulrat“ beim Landeskonsistorium der ev. Kirche in Hermannstadt. Seine
Aufgabe bestand vor allem darin, das Schulwesen der Kirche in
Angleichung an die staatlichen Bestimmungen auf die Grundlage der
Gesetzlichkeit zu stellen. Seine Sorge galt vor allem dem Ausbau des
Volksschulwesens. Sein neues Buch: „Die Geschichte unseres Volkes“
(1926) bezog die Deutschen aller Landesteile Rumäniens in die
Betrachtung ein. Es hat somit das Verdienst, die erste Darstellung des
gesamten Deutschtums in Rumänien zu bieten. Zu Beginn des Jahres 1928
wurde Müller zum Stadtpfarrer von Hermannstadt gewählt. Damit traten
neben die Sorge für das weitverzweigte Schulwesen und den Ausbau des
Gemeindelebens durch die Übernahme des unmittelbaren kirchlichen
Dienstes die Fragen der Theologie und der Verkündigung in den
Vordergrund. Müller schloß sich der Theologie des entschiedenen
Luthertums an und verband sie in eigenartiger Weise mit einer
Geschichtsschau, die die volksbildende und volksbewahrende Kraft des
christlichen Glaubens betonte. Seit 1932 auch Bischofsvikar, mußte
Müller zu dem innervölkischen Streit Stellung beziehen, in dessen
Mittelpunkt die rechte Ausrichtung des volkspolitischen Handelns nach
1933 stand. Er warnt vor verkrampftem Nachäffen auswärtiger Bewegungen
und Strömungen, das Zersetzung und nicht Erneuerung der vorhandenen
Gemeinschaftskräfte mit sich bringe. Von hier aus ist es auch
verständlich, daß sich Müller aufgrund seiner geschichtstheologischen
Anschauungen dem Bestreben, die christliche Verkündigung gänzlich aus
dem Leben des Volkes auszuschalten, entschieden entgegenstellte, so daß
es zu scharfen Auseinandersetzungen mit der Volksgruppenführung der
Deutschen in Rumänien kam. Im April des Jahres 1945 wurde Müller zum
Bischof der evangelischen Landeskirche in Rumänien gewählt. Die Kirche,
die er nun zu führen hatte, war vor ganz neue Aufgaben gestellt. Die
Kirchenordnung (Kirchenverfassung) mußte umgearbeitet und den neuen
Verhältnissen angepaßt werden. Es gelang Müller, ihre überlieferten
Grundsätze aufrecht zu erhalten, obwohl die neue Kirchenordnung von 1948
gegenüber der bisherigen deutliche Einschränkungen des gesetzlich
geregelten kirchlichen Lebens zeigte. Das Gemeindeleben und die
wirtschaftliche Sicherstellung der kirchlichen Arbeit mußte hinfort auf
die Grundlage der Freiwilligkeit gestellt werden. Dies gelang durch die
Vertiefung des religiös-kirchlichen Lebens, wozu Müller selbst einen
wesentlichen Beitrag lieferte. Es gelang auch, eine eigene
Ausbildungsstätte für den akademischen Pfarrernachwuchs zu errichten,
die zunächst in Klausenburg und seit 1955 in Hermannstadt ihre Tätigkeit
entfaltete. Müller pflegte als Bischof die Beziehungen zu den anderen
Kirchen des Landes und zu den Weltverbänden, wie zum Lutherischen
Weltbund und zum Ökumenischen Rat der Kirchen. So kann festgestellt
werden, daß Fr. Müller über 60 Jahre der Volks- und Kirchengeschichte,
vorwiegend der Siebenbürger Sachsen, bewußt miterlebt und mit
Anteilnahme begleitet hat. Er versuchte auch stets, gestaltend
einzugreifen. Sein Leben spiegelt die großen Veränderungen wider, die
durch das Zeitgeschehen und die weltanschaulich-religiöse Entwicklung
verursacht wurden. Die Stellungnahmen, zu denen er gedrängt wurde, und
die Wandlungen seiner Ansichten, die sich abzeichneten, waren durch die
Aufgaben bedingt, die in den verschiedenen Perioden seines Lebens auf
ihn warteten.
Werke
(in Auswahl, zusätzlich zu den im Text genannten Werken): Vom Werden
und Wesen des siebenbürgisch-sächsischen Bauerntums. In: Klingsor 1927;
Leitlinien der geschichtlichen Ausprägung von Gemeinde und Kirche sowie
deren Auswirkung bei uns. In: Festschrift für Friedrich Teutsch 1931;
Was ist Offenbarung? Anruf auf den wahren Lebensgrund an Menschen
unserer Zeit. Hermannstadt 1931; Johannes Honterus, Diktat eines
Vertrages. Schule und Leben 1933; Völkerentwicklung unter dem
Christentum. In: Deutsche Theologie 1935; Bewegung und Vorbildwirkung im
Neuaufbau der Gemeinschaftsordnungen. In: Siebenbürgisch-Deutsches
Tageblatt 1936, Nr. 19110. SA Hermannstadt, 1937; Geschichtswirklichkeit
des Evangeliums in seinem lutherischen Verständnis. Stuttgart 1956.
Ludwig
Binder
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