In Posen,
der
Hauptstadt
der
damaligen
gleichnamigen
preußischen
Provinz,
wurde
Otfried
Müller am
24. Januar
1907 als
Sohn des
Gymnasiallehrers
und späteren
Oberschulrates
beim
Provinzialschulkollegium
in Breslau
Dr. Michael
Müller
geboren. Er
besuchte das
Gymnasium in
Königshütte,
das
Gymnasium in
Berlin-Zehlendorf
und
schließlich
das sehr
angesehene
Staatliche
Katholische
St.
Matthias-Gymnasium
in Breslau,
an dem er
Ostern 1925
das Abitur
ablegte,
anscheinend
in einem
besonders
leistungsstarken
Jahrgang,
waren doch
von den 38
Abiturienten
der zwei
Parallelklassen
elf von der
mündlichen
Prüfung
befreit,
darunter
Otfried
Müller und
Johannes
Kaps, der
spätere
Domvikar
Kardinal
Bertrams,
doppelte
Doktor und
Leiter des
Zentralen
Katholischen
Kirchenbuchamtes
für
Heimatvertriebene
in München,
dem wichtige
Publikationen
über das
Geschehen im
Schlesien
der Jahre
1945 und
1946 zu
verdanken
sind.
Nach der
Reifeprüfung
studierte
Müller
Philosophie
und
Theologie
und wohl
auch
zeitweilig
Geschichte
an den
Universitäten
in Breslau
und
Innsbruck
(1925-1930)
und empfing
am 1.
Februar 1931
durch Adolf
Kardinal
Bertram in
Breslau die
Priesterweihe,
Anschließend
wirkte er
zwei Jahre
als Kaplan
in Mühlbock
(Neumark),
Kreis
Züllichau-Schwiebus,
unter dem
gelehrten
Pfarrer und
Erzpriester
Dr. theol.
Albert
Schönfelder,
der
ebenfalls
Matthesianer
(gewesen)
war, und
dann als
Hausgeistlicher
in
Protsch-Weide,
Kreis
Breslau, und
Breslau.
Kardinal
Bertram
erkannte das
Talent des
jungen
Priesters
und ernannte
ihn mit
Wirkung vom
1. Januar
1935 zu
seinem
Geheimsekretär.
Diese bis
zum 15.
September
1937
währende
Tätigkeit –
in der Zeit
der
nationalsozialistischen
Herrschaft –
hatte
prägenden
Einfluss auf
Müller und
„begründete
seine
lebenslange
Hochachtung
für diesen
Kirchenführer“
(L.
Ullrich). Es
ist nicht
anzunehmen,
dass Müllers
Tätigkeit
für den fast
fünfzig
Jahren
älteren,
sehr
erfahrenen
und ziemlich
autokratisch
entscheidenden
Leiter der
Erzdiözese
Breslau und
Vorsitzenden
der Fuldaer
Bischofskonferenz
über die
Erfüllung
der ihm
übertragenen
Aufgaben –
etwa im
Sinne eines
Einflusses
auf den
Kardinal –
hinausging.
1937 legte
Müller das
Pfarrexamen
ab und begab
sich zu
einem
Studienaufenthalt
nach Rom, wo
er sich
kirchenrechtlichen
Studien
zuwandte und
im
Priesterkolleg
beim Campo
Santo
Teutonico
wohnte. Er
erwarb den
akademischen
Grad eines
Baccalaureus
des
kanonischen
Rechtes,
kehrte 1938
nach
Schlesien
zurück, war
zwei Monate
Pfarradministrator
in Spremberg
(Nieder-Lausitz)
und von
Januar 1939
bis zum 14.
November
1940 Präfekt
des
Erzbischöflichen
Knabenkonvikts
Albertinum
in Gleiwitz.
Aufgrund der
von
dem
Dogmatiker
Bernhard
Poschmann,
einem
Ermländer,
referierten
Dissertation
Die
Rechtfertigungslehre
nominalistischer
Reformationsgegner
und der
mündlichen
Prüfung
erfolgte am
16. April
1940 seine
Promotion
zum Doktor
der
Theologie in
Breslau.
Damals hatte
er auch das
Amt des
Archivpflegers
des
Archipresbyterats
(Dekanats)
Gleiwitz
inne.
1941
übernahm
Müller die
Pfarrei in
Schwiebus,
kehrte also
in die
Neumark
zurück,
wurde dann
1945 nach
dem
Einmarsch
der
Sowjetrussischen
Armee
verhaftet,
schwer
misshandelt
und zur
Zwangsarbeit
eingesetzt.
Als einer
der letzten
Deutschen am
29. Juni
1945 aus
Schwiebus
ausgewiesen,
wirkte er
einige
Monate in
Berlin-Lichtenberg
seelsorgerisch,
wurde im
Dezember
1945 Kaplan
in Delitzsch
und im
November
1946
Assessor am
Erzbischöflichen
Amt
Magdeburg
mit der
Zuständigkeit
für den
Aufbau der
Vertriebenenseelsorge.
1950 nahm
sein
Lebensweg
eine
wesentliche
Wende, als
er auf
Veranlassung
von Erich
Kleineidam,
dem Rektor
der zur
Heranbildung
des
ostdeutschen
Priesternachwuchses
gegründeten
Philosophisch-theologischen Hochschule in Königstein/Taunus, mit Wirkung
vom 1.
Februar zum
Dozenten für
Dogmatik
ernannt
wurde,
wodurch er
seinen
wissenschaftlichen
Neigungen
systematisch
folgen
konnte.
Nächste
Station war
die um die
Jahreswende
1951/1952
übernommene
Vertretung
der
Professur
für Dogmatik
und
Fundamentaltheologie
an der
Philosophisch-Theologischen
Hochschule
(der
Erzdiözese
München und
Freising) in
Freising,
die er bis
zu seiner
Berufung als
Professor an
das von
Erich
Kleineidam
als
Gründungsrektor
geleitete
Philosophisch-Theologische
Studium in
Erfurt, der
einzigen
Anstalt zur
wissenschaftlichen
Ausbildung
für
Kandidaten
des
katholischen
Priesteramtes
in der DDR,
im Jahre
1953
wahrnahm.
Joseph
Ratzinger,
der jetzige
Papst
Benedikt
XVI.,
schreibt,
ein Jahr
lang sei der
Lehrstuhl
„von dem
schlesischen
Priester
Otfried
Müller
vertreten
worden, der
sich
gleichzeitig
mühte, seine
Habilitation
in München
voranzubringen
– ein
wahrhaft
schwieriges
Unterfangen
angesichts
des
Anspruchs,
zwei
theologische
Kernfächer
zu lehren.
Nun hatte
die im
Aufbau
begriffene
Theologische
Hochschule
zu Erfurt
Müller
gebeten,
dort das
Fach
Dogmatik zu
übernehmen.
Es war kein
leichter
Entscheid,
aus dem
aufstrebenden
Westen
Deutschlands
mit seinem
Wohlstand
und seiner
Freiheit
überzuwechseln
in den
sowjetisch
besetzten
Teil unseres
Vaterlandes,
der sich
damals mehr
noch als
später als
ein großes
Gefängnis
darstellte.
Müller nahm
den Ruf an
und hat eine
ganze
Generation
von
Priestern in
der DDR
theologisch
geformt.“
(J.
Ratzinger,
Aus meinem
Leben,
München
1998, S. 77)
Es gab
seinerzeit
eine ganze
Reihe von
Geistlichen,
die sich vom
sicheren
Port in der
Bundesrepublik
Deutschland
freiwillig
in den
unfreien
Teil
Deutschlands
begaben,
allermeistens,
um dort
angesichts
des
Zustromes
von
Flüchtlingen
und
Heimatvertriebenen
in der
Seelsorge zu
helfen.
Über Müllers
Arbeit in
Erfurt
schreibt der
weltberühmte
Kirchenhistoriker
Hubert Jedin,
der im Kreis
Neisse
geboren
wurde:
„Erich
Kleineidam
und Otfried
Müller hoben
mit anderen
die
Theologische
Lehranstalt
in Erfurt
auf das
Niveau
westdeutscher
Fakultäten“
(Hubert
Jedin,
Lebensbericht,
2. Aufl.,
Mainz 1985,
S. 192). In
einem
Semester und
zwei
Studienjahren
stand Müller
als Rektor
an der
Spitze der
Anstalt. Er
setzte sich
für das
Theologiestudium
von Frauen
ein, machte
mit bei der
Einrichtung
und
Betreuung
eines
Edith-Stein-Seminars,
regte
mit Erfolg
die Gründung
eines
Ökumenisch-Theologischen
Arbeitskreises
an, dem
evangelische
und
katholische
Theologen
angehörten,
und wurde
1959 von
Bischof
Ferdinand
Piontek, dem
Kapitelsvikar
des
deutschen
Erzbistums
Breslau mit
Sitz in
Görlitz, zum
nichtresidierenden
Domkapitular
des
Breslauer
Metropolitankapitels
ernannt. Im
Herbst 1962
war er
Teilnehmer
(Berater)
der ersten
Sitzungsperiode
des Zweiten
Vatikanischen
Konzils,
über das er
mit zwei
anderen
Theologen
ein
umfangreiches
Sammelwerk
herausgab
und in
dessen Geist
er eine sehr
große Anzahl
Vorträge und
Werkwochen
hielt.
Daneben
stehen
zahlreiche
wissenschaftliche
Aufsätze und
sehr viele
in
Kirchenblättern
veröffentlichte
Artikel.
Am 1. Juli
1973 – dem
Jahre seiner
Ernennung
zum
Päpstlichen
Ehrenprälaten
– wurde
Müller
emeritiert.
1979
unternahm er
seine letzte
größere
Reise: nach
Schlesien,
in das
geliebte
Breslau, in
das so stark
veränderte
Land. Es war
der Abschied
von seinem
Schlesien,
seiner
Heimat. Am
24. April
1986 starb
er im Alter
von 79
Jahren, im
56. Jahre
seines
Priestertums.
Otfried
Müller hat
viel
geleistet,
gerade auch
in den zwei
Dezennien
seiner
Lehrtätigkeit
am Erfurter
Philosophisch-Theologischen
Studium,
dessen
Bedeutung
„im Westen“
wohl nicht
gebührend
erkannt und
gewürdigt
wurde,
ebenso wie
das
besondere
Spezifikum:
die stark
ausgeprägte
Verbindung
mit der
praktischen
Seelsorge,
für die auch
Müller stand
–
priesterlich,
in sich
glaubwürdig,
dabei auch
kantig.
Werke:
Die
Rechtfertigungslehre
nominalistischer
Reformationsgegner.
Bartholomäus
Arnoldi von
Usingen OESA
und Kaspar
Schatzgeyer
OFM über
Erbsünde,
erste
Rechtfertigung
und Taufe, (Kath.-theol.
Diss.
Breslau)
(Breslauer
Studien zur
historischen
Theologie
Neue Folge
8) Breslau
1940. –
Nachruf (auf
Bernhard
Poschmann),
in:
Theologische
Revue 51
(1955), S.
211-213. –
Die
theologische
Bedeutung
der
Marienweihe
(Pastoral-Katechetisches
Heft 4),
Leipzig
1957. – Der
christliche
Sonntag (Past.-Kat.
H. 11), ebd.
I960. –
Konzil ohne
Marienverehrung?,
in: Jahr des
Herrn 13,
1964, S.
209-214. –
(Mit Werner
Becker u.
Josef
Gülden)
Vaticanum
secundum,
Bd. I-1V/1,
Leipzig
1963-1968.
Lit.:
Franz
Scholz,
Prof. Dr.
Otfried
Müller,
Erfurt, 25
Jahre
Priester,
in:
Mitteilungen
für die
heimatvertriebenen
Priester aus
dein Osten,
1956, S. 37.
– Wolfgang
Beinert, Ein
existentieller
Denker. Zum
Tod von
Otfried
Müller, in:
Christ in
der
Gegenwart 38
(1986), S.
196. – Franz
Georg
Friemel,
Predigt beim
Requiem für
Prof. Müller
am 30.4.1986
im Dom zu
Erfurt, in:
Die Bastei.
Winfriden-Blätter,
1986/2, S.
53-57. –
Klinke,
Prof. Dr.
theol.
Otfried
Müller,
ebd., S.
50-53. –
Michael Höck,
Treuer
Künder des
Gotteswortes
und eifriger
Seelsorger,
in:
Münchener
Katholische
Kirchenzeitung
v. 3.8.1986.
– Lothar
Ullrich, Zum
Gedenken an
Professor
Otfried
Müller, in:
Tag des
Herrn 36
(1986), Nr.
11, S. 87. –
Prof. Dr.
Otfried
Müller †,
in:
Heimatbrief
der
Katholiken
des
Erzbistums
Breslau 13
(1986), S.
44. –
Johannes
Gröger,
Schlesische
Priester auf
deutschen
Universitätslehrstühlen
seit 1945,
Sigmaringen
1989, S.
75-76. –
Lothar
Ullrich,
Otfried
Müller
(1907-1986),
in:
Schlesische
Kirche in
Lebensbildern,
Hrsg. von
Johannes
Gröger,
Joachim
Köhler u.
Werner
Marschall,
Sigmaringen
1992, S.
284-288.
Bild:
Bistum
Regensburg,
Bischöfliche
Zentralbibliothek.
Hans-Ludwig
Abmeier