Der Vater
von Otto
Mueller war
aus dem
Deutsch-französischen
Krieg als
Leutnant
nach
Schlesien
heimgekehrt
und nunmehr
in Liebau,
einem
typisch
schlesischen
Städtel, als
Steuer- und
Zollbeamter
tätig.
Dieses
Liebau ist
unweit des
großartigen
Barockklosters
Grüssau und
unweit der
(damals)
preußisch-österreichischen
Grenze
gelegen.
Hier wurde
Otto Mueller
als erster
Sohn der
Beamtenfamilie
geboren.
Seine Mutter
umgibt
geradezu
etwas
Unheimliches
und
Rätselhaftes.
Sie war als
Findelkind
von der
Schwester
des Vaters
von Gerhart
und Carl
Hauptmann
aufgenommen
und als
Adoptivkind
angenommen
worden. Es
herrschte
daher
zwischen den
Gebrüdern
Hauptmann
und Otto
Mueller so
etwas wie
ein fiktives
Vetternverhältnis,
jedenfalls
haben die
sogenannten
Vettern
engen
Kontakt
miteinander
gehalten. In
Carl
Hauptmanns
Roman
Einhart der
Lächler
soll sich
Otto Mueller
als
poetische
Titelgestalt
wiederfinden,
und Gerhart
Hauptmann
ist nicht
nur
gelegentlich
mit Otto
Mueller
gereist,
sondern hat
ihn, wie
berichtet
wird, dann
und wann
finanziell
unterstützt.
Von der
Mutter wird
gesagt, daß
sie nicht
nur
böhmischer
Herkunft
gewesen sei,
sondern wohl
auch
Zigeunerblut
in den Adern
gehabt habe.
Aus diesem
durchaus
möglichen
Sachverhalt
wird dann
immer auch
gleich auf
das
besondere,
doch wohl
ein wenig
zigeunerhafte
Aussehen des
Malers und
auf seine
Affinität
persönlich
und als
Maler und
Graphiker
zum
Zigeunertum
geschlossen.
Von Liebau
wurde Otto
Muellers
Vater nach
Görlitz
versetzt.
Die hier
besuchte
Schule, das
Gymnasium,
sagte dem
Sohn nicht
recht zu, so
daß er es
vorzeitig
verließ und
bei einem
Lithographen
in die Lehre
ging. Die
nächste
Station hieß
Dresden und
die dortige
Kunstakademie.
Aber auch
hier kam es
zu keinem
Abschluß.
Die weiteren
Stationen
des sich
selbst immer
noch
suchenden
jungen
Mannes waren
München und
wieder
Dresden,
schließlich
Berlin. Hier
präsentierte
er sich 1910
in der
Ausstellung
der von der
“Berliner
Secession”
Zurückgewiesenen.
Inzwischen
war Maschka
Meyerhofer
in sein
Leben
getreten.
Vorausgreifend
sei hier
angemerkt,
daß er sich
nach
16jähriger
Ehe von ihr
getrennt hat
und danach
noch zwei
weitere Ehen
eingegangen
ist, aber
Maschka
blieb sein
guter Stern.
Auf vielen
Bildern,
allerdings
in
zunehmendem
Maße
typisiert,
tritt sie
uns
entgegen,
aber vor
allem sorgte
sie für den
Verkauf der
Bilder und
für die
Vorbereitung
und
Durchführung
von
Ausstellungen.
Wer Otto
Mueller
kunsthistorisch
einordnen
will, und
das gehört
nun einmal
zum Handwerk
der
Kunstgeschichte,
nennt dann
sofort das
Jahr 1911,
als Otto
Mueller zur
Künstlervereinigung
der “Brücke”
mit Ernst
Ludwig
Kirchner,
Erich Heckel
und Karl
Schmidt-Rottluff
stieß und
damit zum
Expressionisten
geworden
sei.
Selbstverständlich
ist die
Verbindung
zur “Brücke”
und
die gerade
zwei Jahre
währende
Bindung an
diesen
Künstlerkreis
der
Expressionisten
ein
historisches
Faktum
seiner Vita,
aber er war
trotzdem ein
ganz
anderer,
vielleicht
so etwas wie
ein Eremit
unter den
Expressionisten.
Man darf ihn
den Poeten,
auch den
Romantiker
unter den
Expressionisten
nennen. Der
Erste
Weltkrieg
ist ein
weiterer
Merkposten
in diesem
Leben, und
dies schon
deswegen,
weil die
Lungenerkrankung,
die er sich
als Soldat
zugezogen
hatte, das
nächste
Jahrzehnt
bestimmend
und
bedrückend
beeinflußt
hat, bis zu
seinem
frühen Tode,
der durch
das
Lungenleiden
bedingt war.
Kurz vor
seinem 56.
Geburtstag
ist er in
einer
Lungenheilanstalt
unweit
Breslau
gestorben.
Die große
Glanzzeit
Muellers, in
gleicher
Weise auf
Leben und
Werk
bezogen,
waren die
elf Jahre
seiner
Zugehörigkeit
als
Professor
zur
Breslauer
Akademie,
von der
später
gesagt
werden
konnte, daß
sie nach dem
Bauhaus in
Weimar und
dann in
Dessau unter
der
Direktion
des
gleichfalls
aus
Schlesien,
aus Brieg
stammenden
Malers Oskar
Moll (über
diesen siehe
OGT 1997, S.
167-171),
gleichalt
wie Otto
Mueller, die
berühmteste
“Brutstätte
der modernen
Malerei”
gewesen sei.
Aus der
Erinnerung
beschreibt
ihn Ivo
Hauptmann,
Sohn Gerhart
Hauptmanns
und selbst
ein
bedeutender
Maler, so:
“Otto
Mueller war
mittelgroß,
sehr
schlank.
Sein Kopf
war edel. Er
war völlig
ungepflegt.
Seine
schwarzen
Haare hingen
ungeordnet
über sein
Gesicht. Die
Lippen waren
schmal, der
Mund war
klein, mit
einem Zug
zum
Spöttischen.
Die Augen
waren
dunkel,
schräg nach
oben
gerichtet
die äußeren
Augenwinkel.
Ab und zu
hatte er
einen
suchend
unheimlichen
Blick, wenn
er die
kleinen
Augäpfel wie
schwarze
Kohlen
kreist und
auf einen
richtete,
daß sie
Furcht
einflößen
können, wenn
man nicht
seine
unerschütterliche
Güte gekannt
hätte. Die
Tabakspfeife
verließ kaum
sein
Gesicht. Er
trugt keine
Kopfbedeckung.
Im Sommer
waren ein
weißes Hemd,
enge weiße
Hosen, die
über den
Knöcheln
aufhörten,
und Sandalen
seine
Kleidung, so
daß er durch
sein Äußeres
die Menschen
auf der
Straße zum
Stillstehen
veranlaßte.”
Zwei
Grundakkorde
zeichnen
Muellers
Graphik und
Malerei aus:
Der Mensch
und die
Natur,
besser
gesagt die
Einheit von
Mensch und
Natur, und
zum anderen
das Fremde,
die Eigenart
der
Zigeuner.
Man hat ihm
vorgeworfen,
daß seine
Thematik zu
eng begrenzt
sei, was
sicherlich
richtig ist,
aber eine
bei keinem
anderen
Maler in
Deutschland
und in der
Welt so
großartige
Singularität
zeichnet ihn
aus. Bis in
die jüngste
Zeit hinein
konnte
gerade auch
mit Hinweis
auf die
Einzigartigkeit
Muellers
berichtet
werden,
welch hohe
Preise auf
dem
Kunstmarkt
sowohl seine
bekanntlich
in einer
größeren
Zahl
produzierten
Graphiken
und seine
Gemälde
erzielen.
Für die
gemalten
Bilder
werden
Preise
oberhalb der
zwei
Millionen-Mark
Grenze
genannt und
auch
erzielt.
“Seltsam und
doch wie
befriedigend”,
so schrieb
der
Breslauer
Kunsthistoriker
Ernst
Scheyer, der
1933 in die
Emigration
zu gehen
gezwungen
war, “daß
gerade
derjenige
schlesische
Künstler,
der am
wenigsten
für die
Anerkennung
lebte, der
einer der
‘Stillen’ im
Lande war,
den größten
Ruhm
geerntet
hat, schon
zu Lebzeiten
und noch
mehr nach

seinem Tode.
Heute ist
Otto Mueller
auch in die
internationale
Kunstgeschichte
als einer
der großen
europäischen
Künstler
eingegangen”.
Erich
Heckel,
einer der
führenden
Köpfe der
Künstlervereinigung
“Brücke” und
mit Otto
Mueller in
herzlicher
Freundschaft
verbunden,
hat dessen
Kunst als
“sinnliche
Feinfühligkeit”
charakterisiert.
Otto Mueller
ist der
Romantiker
unter den
zeitgenössischen
Malern der
Moderne. Was
einem Joseph
von
Eichendorff
der Wald,
die Stille
und der
Lerchenflug
bedeuteten,
ist für Otto
Mueller das
Eins-Sein
des Menschen
mit der
Natur, die
geradezu
gezügelt
wachsende
Vegetation
und mitten
in dieser
die
Menschen,
fast
durchweg
zierlich
gewachsene
Mädchen in
ihrer
Nacktheit.
Doch deren
Nacktheit
sind nicht
Aktstudien,
sondern
Schönheiten
in ihrer
Schlankheit
und mit
überlangen
Gliedmaßen
(man
erinnert
sich an
Wilhelm
Lehmbruck,
mit dem der
Maler in
Berlin ein
gemeinsames
Atelier
hatte) und
aus der
Vegetation
vor Dünen
und
Wasserläufen
wie Lianen
oder
Buschwerk
herauswachsend.
Das
Individuelle
der Mädchen
ist in das
Allgemeine,
das allzu
Persönliche
überwindend,
emporgehoben,
in eine
Vermählung
von Natur
und Mensch,
als befände
man sich im
Paradies des
Zueinandergehörens.
Die Farben
von Natur
und
menschlichen
Körpern
kontrastieren
nicht, das
Grün der
Vegetation
und das
bräunliche
Gelb der
menschlichen
Körper
harmonisieren
wie die
Akkorde
einer
Symphonie.
Dieser
Gleichklang
von Natur
und Menschen
ist
sicherlich
eine
gewünschte
Idylle, eine
gewünschte
malerische
Realität,
aber diese
gewünschte
Realität
erscheint
auch schon
ob der
klugen
Disposition
der
Bildaussage
für Auge und
Gemüt als
eine neue
Welt.
Um den
Zigeunern
nahe zu
sein, ist
Otto Mueller
wiederholt
auf den
Balkan
gereist, war
in Rumänien,
Bulgarien,
aber auch in
Ungarn.
Seine
Zigeunerbilder
haben nichts
Anklagendes,
zum Handeln
Aufrufendes,
sind nicht
Anklage über
herrschende
Zustände,
sondern die
künstlerische
Reproduktion
des
Vorgefundenen,
des Soseins
als eines
Andersseins.
Was für den
einen das
Exotische
sein mag,
ist für Otto
Mueller eine
liebenswerte
Welt, in die
er sich als
Realist und
als
Phantast,
gleichsam
als
Märchenerzähler
und zugleich
als
Entdecker
des
Reizvollen
geradezu mit
Inbrunst
begibt, sich
ihr
anvertraut
und von ihr
davontragen
läßt.
Höhepunkt
dieser Kunst
des
“Zigeunermalers”,
wie man Otto
Mueller gern
zu
klassifizieren
sucht, sind
die neun
Blätter der
Zigeunermappe
des Jahres
1927. Jedes
Blatt
eröffnet
einen neuen,
bislang
unbekannten
Lebenskreis.
Die Palette
wird jetzt
aufregender
als in den
Blättern und
Bildern der
Naturmystik.
Kontraste
zwischen
Dunkelgrün
und Rot
werden
aufgerissen,
damit zwei
Zigeunerinnen
so
dargestellt
werden, wie
sie vom
Maler erlebt
und dem
Beschauer
übermittelt
werden
sollen.
Das
Urwüchsige,
das
Elementare,
das
Natürliche,
das auch das
Anderssein
mit
einschließt,
waren das
Thema seiner
Graphiken
und Bilder.
Unter dem
Nationalsozialismus
wurde ihm
die “Ehre”
zuteil, zu
den
“Entarteten”
gezählt zu
werden. In
der
Ausstellung
“Entartete
Kunst” des
Jahres 1937
waren “Zwei
Mädchenakte”
unter der
Bezeichnung
“Verhöhnung
der
deutschen
Frau” und
“Das Ideal –
Kretin und
Hure” und
die Bilder
mit den
Zigeunern
unter dem
Stichwort
“Jüdische
Wüstensehnsucht
macht sich
Luft – der
Neger wird
in
Deutschland
zum
Rassenideal”
zu sehen.
Heute preist
sich
glücklich,
wer, wie
jüngst das
Museum der
bildenden
Künste in
Leipzig, das
herrliche
Bild
“Liebespaar”
aus dem
Jahre 1919
auf dem
Kunstmarkt
für über
zwei
Millionen
Mark
wiedererwerben
kann.
Noch läßt
eine
Retrospektive
auf sich
warten.
Gelegentlich
ist dann
aber auch zu
hören, daß
die Bilder
auf Rupfen
und in
Leinfarben
für einen
Transport zu
empfindlich
seien. Und
dies hat
seine
Richtigkeit.
Muellers
Ruhm und
seine
Bedeutung
als
Einzelgänger,
Lyriker, als
Maler der
spröden
Grazie,
dieser
Melancholiker
und
Mystiker,
dieser
Zigeunermaler
gehört zu
den Großen
der
deutschen
und
weltweiten
Malerei. Der
Kosmos
dieses
Malers hat
nicht
seinesgleichen.
Lit.:
Eberhard
Troeger:
Otto
Mueller.
Freiburg i.
Br. 1949. –
Lothar-Günther
Buchheim:
Die
Künstlergruppe
Brücke,
Freising
1957. –
Otto Mueller: Farbige Zeichnungen und Lithographien. Mit einem
Vorwort von
Hanns
Theodor
Flemming,
Feldafing
1958. –
Lothar-Günther
Buchheim:
Otto Mueller
Leben und
Werk, 1963.
–
Mario-Andreas
von
Lüttichau:
Otto
Mueller. Ein
Romantiker
unter den
Expressionisten,
Köln 1993.
Herbert
Hupka