|
Müthel gehört zu jenen Musikern, die sich erst im Nordosten Europas, in
Riga, künstlerisch voll entfalten konnten. Musikunterricht erhielt er
von seinem Vater, der als Organist in Mölln wirkte, später von Paul
Kunzen in Lübeck. 1747 trat er als Kammermusiker und Hoforganist in die
Dienste des Herzogs von Mecklenburg-Schwerin. Während seines 1750
bewilligten einjährigen Studienurlaubs besuchte er zunächst J. S. Bach
in Leipzig, nach dessen baldigem Tode Altnikol in Naumburg, Hasse in
Dresden, C.Ph.E. Bach in Potsdam und Telemann in Hamburg. In Schwerin
befand sich nach seiner Rückkehr die Hofmusik in derart desolatem
Zustand, daß er 1753 mit Freuden einen Ruf nach Riga annahm, den einer
seiner Brüder, der Oberfiskal am dortigen Kaiserlichen Hofgericht war,
vermittelt hatte.
In
Riga übernahm er die Leitung des aus 24 Musikern bestehenden
Hausorchesters des livländischen Geheimen Regierungsrates Otto Hermann
von Vietinghoff, eines geradezu fürstlich-freigebigen Mäzens, der
wöchentlich musikalische Soiréen veranstaltete und 1768 auch ein
ständiges Theater gründete. 1767 betraute der Rat der Stadt Müthel noch
zusätzlich mit dem Organistenamt an St. Petri. In Riga lernte er Johann
Gottfried Herder kennen, der ihn sehr schätzte, verkehrte im Hause des
hochgebildeten Ratsherrn Johann Christoph Berens sowie mit dem
vielseitigen Verleger Johann Friedrich Hartknoch, der zwischen 1767 und
1771 auch seine Klavierwerke publizierte. Für Riga wurde Müthel sehr
bald die musikalische Autorität schlechthin. Die großzügige und freie
Lebensweise behagte ihm so sehr, daß er in der Folgezeit alle weiteren
Angebote, nach Deutschland zurückzukehren, ausschlug. Als Komponist
fühlte sich Müthel sowohl dem Erbe Johann Sebastian Bachs wie dem seines
Sohnes Carl Philipp Emanuel verpflichtet. In den wenigen erhaltenen
Orgelwerken ist er überwiegend der Tradition verhaftet, in den
Klavierwerken, dem Schwerpunkt seines Schaffens, hingegen derart
fortschrittlich, daß seine Kunst eine Generation zu überspringen
scheint. Schon in den ersten drei Sonaten von 1756 ist seine
Schreibweise so individuell geprägt und übersteigert, daß er seine
Vorbilder weit in den Schatten stellt. Besonders bizarr sind häufig die
Mittelsätze der Sonaten gestaltet und machen mit ihren rhythmischen
Kompliziertheiten das Streben nach Ausdruck deutlich. Auch die
Klaviervariationen gehören zu den kühnsten Kompositionen ihrer Art
zwischen J.S. Bach und Beethoven. Der Engländer Charles Burney zählte
1773 diese Klavierwerke zu den bedeutendsten Schöpfungen der Zeit und
rühmte besonders die hohen technischen Anforderungen und die virtuose,
von der Norm abweichende Passagentechnik. Müthel gehört zu den
eigenwilligsten Vertretern des frühen musikalischen Sturm und Drangs, zu
jenen jungen Genies, die um jeden Preis originelle Kunstwerke schaffen
wollten. Nach seinen eigenen Worten arbeitete er langsam und nur dann,
wenn er sich dazu aufgelegt fühlte, in entsprechender Stimmung war, um
sich in seinen Werken möglichst wenig zu wiederholen. Er steht inmitten
jenes künstlerischen Individualisierungsprozesses, der die Klassik
vorbereitete.
Werke: Arioso c-Moll mit 12
Variationen, hrsg. von W. Kahl, Wolfenbüttel 1936; Sonette (Duetto) für
2 Klaviere, hrsg. von A. Kreutz, Kassel 1954; 3 Sonaten und 2 Ariosi mit
12 Variationen, in: Mitteldeutsches Musikarchiv, I, Heft 6/7, hrsg. von
L. Hoffmann-Erbrecht, Leipzig-Wiesbaden 1955; 2 Sonaten, in: Organum V,
Heft 29 und 33, hrsg. von dems., Lippstadt 1961 und 1964;
Klavierkonzerte in: Denkmäler Norddeutscher Musik, Bd. 3/4, hrsg. von W.
Braun, München-Salzburg 1979.
Lit.: L. Hoffmann-Erbrecht,
Deutsche und italienische Klaviermusik zur Bachzeit, Leipzig-Wiesbaden
1954; Sturm und Drang in der deutschen Klaviermusik von 1753-1763, in:
Die Musikforschung X, 1957; Artikel „Müthel“, in: Die Musik in
Geschichte und Gegenwart, Bd. 9, Kassel 1961; W. Sahnen, J.G. Müthel,
der letzte Schüler Bachs, in: Festschrift H. Besseler, Leipzig 1960; W.
Reich, J.S. Bach und J.G. Müthel – zwei unbekannte Kanons, in: Die
Musikforschung XIII, 1960; E. Kemmler, J.G. Müthel (1728-1788) und das
nordostdeutsche Musikleben seiner Zeit, Marburg 1970; J. Jaenecke, Die
Musikbibliothek des Ludwig Freiherrn von Pretlak (1716-1781), Wiesbaden
1973.
Lothar
Hoffmann-Erbrecht
nach oben
|