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Als Sohn eines Werkmeisters wurde er in einem kleinen
böhmisch-sudetendeutschen Weilerdorf geboren. Seine Eltern wollten
unbedingt „etwas Besseres“, Pfarrer oder Lehrer vielleicht, aus ihm
machen. Geworden ist aus dem Dorfschüler ein hoch angesehener, ein
streitbarer, aber auch umstrittener Literarhistoriker und
Literaturkritiker, ein Schriftsteller von hohen Graden und ein
hervorragender Pädagoge.
Schon in früher Jugend las er unter der alten Dorflinde begeistert
Eichendorffs Gedichte, über die er dann mit einer Dissertation als
Student in Prag zum Dr. phil. promovierte. Dort gab ihm sein Landsmann,
der berühmte Germanist August Sauer, das Stichwort, das ihn sein Lebtag
nicht mehr loslassen sollte, den Hinweis, daß der „allgemeinen“
Literaturgeschichte eine „besondere“, eine landschaftlich und
stammeskundlich ausgerichtete, zur Seite gestellt werden müsse. Mit 28
Jahren war er „Ordentlicher Professor“ an der Universität Freiburg
(Schweiz), 1912 erschien schon bei Habel in Regensburg der I., 1913 der
II. und 1918 der III. Band seiner „Literaturgeschichte der deutschen
Stämme und Landschaften“. Sie machte, nicht nur durch das neue
Ordnungsprinzip, sondern auch durch die Entdeckung weiter, in
Vergessenheit geratener raumzeitlicher literarischer Landschaften
Aufsehen, sie begegnete aber auch nachhaltiger Kritik der bisher
führenden Schule der Germanistik. Was immer auch im Banne der neuen
methodischen Sicht einseitig oder zugespitzt gesehen und im einzelnen
nicht hinlänglich belegt sein mag, weitgehend ist bis heute die von
Nadler in scharf umrissenen Konturen herausgearbeitete These anerkannt,
daß das literarische Schrifttum des neustämmischen, ostdeutschen Raumes,
begrenzt um 1200 durch die Elbe-Saale-Linie, einen teils gemeinsamen,
aber auch spezifisch eigenen Weg gegangen ist. Dieser Prozeß erklärt
sich nach Nadler durch das genetisch besondere Stammesgefüge des
ostdeutschen Raumes, dem starke slawische und baltische Elemente
eingeboren seien. Erst mit Beginn der Neuzeit, mit dem Abschluß des
Barock, seien beide Hälften, analog der politischen Entwicklung, auch
geistig zu einer großen Kulturnation, zum zweiten Deutschen Reich,
zusammengewachsen.
Vor allem die Königsberger Zeit, in der Nadler von 1925 bis 1931 lehrte,
in der er zahlreiche Arbeiten über historische und zeitgenössische
ostdeutsche Dichtung veröffentlichte, in der er auch die Herausgabe der
Werke des ostpreußischen Kulturphilosophen Johann Georg Hamann, des
Freundes von Herder und Goethe, konzipierte, die dann nach dem Krieg
vollendet wurde, erhärtete seine Stammestheorie. Sie schlug sich in
seiner 1934 erschienenen Schrift über „Das stammhafte Gefüge des
deutschen Volkes“ nieder, die mehrere Auflagen erlebte. Niedergeschlagen
hat sich aber auch in den dreißiger Jahren, und erst dann, in gewissem
Grade der verhängnisvolle „Geist der Zeit“, will sagen, der Ungeist
seines österreichischen Landsmannes Hitler, ohne daß er ihm
ausgesprochen Gefolgschaft leistete, in seinem Werk. Inzwischen von
Königsberg nach Wien übersiedelt, lehrte er an der dortigen Universität
bis 1947. 1941 erschien in 4. Auflage, „völlig neu bearbeitet“ und
dokumentarisch überaus reichhaltig illustriert, seine
„Literaturgeschichte des deutschen Volkes“, in vier Bänden. Schon der
Aufriß zeigt, wohin die Reise jetzt ging: Vom Volk über den Geist zum
(kleindeutschen) Staat, vom Staat zum (großdeutschen) Reich, das, so
sein „Nachwort“, mitsamt den volksdeutschen Teilen und Inseln berufen
sei, als „Treuhänder der europäischen Völkergemeinschaft“, und, als
„Weltvolk“, der Welt Wege zu weisen. „Aus dem volkhaften Erlebnis der
sudetendeutschen Heimat begonnen“, so der Autor in dem Nachwort, „wollte
das Werk die Kräfte des Blutes und der mütterlichen Erde im deutschen
Geistesleben sichtbar machen“. Der „Gang der Geschichte hat indessen
bestätigt, was es grundsätzlich wollte. – Also möge es sein, wie es sei
oder es solle nicht sein“.
Es sollte nicht sein, nicht so sein. 1947 wurde Nadler in den
vorzeitigen Ruhestand versetzt. 1949 wurden der vierte Band seiner
Literaturgeschichte und die Schrift über „Das stammhafte Gefüge“ zwar
nicht verbrannt, aber im Interesse der jetzt fälligen
„Literaturbereinigung“ eingestampft. Ein Jahr später wurde er in
höchster Instanz zwar von der NS-Diskriminierung entlastet, aber nicht
wieder in Amt und Würden eingesetzt. Der von Hause aus im
christlich-humanen Denken beheimatete Historiker lehrte fortab in der
Wiener katholischen Akademie. 1951 erschien noch eine einbändige
„Geschichte der deutschen Literatur“. Am 14. Januar 1963 ist er
gestorben.
Hauptwerke:
Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften, Bd.I-III,
1912-1981. Das Schrifttum der Sudetendeutschen, 1924.
Literaturgeschichte der deutschen Schweiz, 1932. Das stammhafte Gefüge
des deutschen Volkes, 1934. Deutscher Geist / Deutscher Osten, Zehn
Reden, Schriften der Corona, 1937. Literaturgeschichte des deutschen
Volkes, 4. Aufl., Bd. I-IV, 1938-1941. Literaturgeschichte Österreichs,
1948. Franz Grillparzer (Biographie) 1948. Johann Georg Hamann /
Sämtliche Werke, Bd. I-V, 1949-1953. Johann Georg Hamann, Der Zeuge des
Corpus mysticum, 1949. Josef Weinheber / Sämtliche Werke, Bd. I-III,
1953. Josef Weinheber. Geschichte seines Lebens und seiner Dichtung,
1952.
Clemens
Josephus Neumann
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