Am 12.
Juli 1873 wurde Rudolf Nadolny in Groß-Stürlack (Kreis Lötzen)
geboren. Seine Eltern waren der Gutsbesitzer August Nadolny und
seine Frau Helene, geb. Trinker. Während die Familie Nadolny
eine alte ostpreußische Familie war, die bereits 1391 in
Schöndamerau (Kreis Ortelsburg) nachweisbar ist, gehörten die
Vorfahren seiner Mutter zu den Salzburger Emigranten. Hans
Trinker erklärte in einem Verhör am 8. Oktober 1731, schon über
20 Jahre der lutherischen Lehre zugetan zu sein. Später findet
man ihn unter den Emigranten, die in Kallweitschen im Kirchspiel
Stallupönen angesiedelt wurden.
Nach der
Volksschule in Groß-Stürlack besuchte Rudolf Nadolny von 1882
bis 1890 das Progymnasium in Lötzen, dann von 1890 bis zum
Abitur 1892 das Gymnasium in Rastenburg. Anschließend wurde er
„Einjährig-Freiwilliger“ beim Grenadier-Regiment König Friedrich
Wilhelm I. Nr. 3 in Königsberg. Er blieb in Königsberg und
studierte an der dortigen Universität Jura. Das Referendarexamen
bestand er 1896. Neun Monate war er beim Amtsgericht in Rhein
(Kreis Lötzen) und anschließend beim Landgericht in Königsberg.
Nebenbei lernte er Russisch und Französisch. 1901 bestand er das
Gerichtsassessorexamen in Berlin und wurde Vormundschaftsrichter
in Königsberg. Auf seine Bewerbung hin wurde Rudolf Nadolny 1902
ins Auswärtige Amt einberufen, womit seine Karriere als
Botschafter begann. 1905 heiratete er in Berlin Änny Matthiessen.
1912 bewarb er sich um einen selbständigen Posten im Ausland.
Zunächst hatte er einen Flaggenstreit zwischen Persern, Kurden,
Russen und Deutschen zu schlichten, als die Russen Aserbeidschan
besetzt hatten. Rudolf Nadolnys weitere Stationen waren Täbris,
Bosnien-Herzegowina und Albanien. Während des Ersten Weltkrieges
war er zunächst Chef der Sektion für Politik beim Generalstab,
1916 dann Geschäftsträger in Persien. Nach Kriegsende lebte
Nadolny zwei Jahre in Berlin, bis er 1920 wieder in seinen Beruf
als Diplomat zurückkehrte: 1920 wurde er Botschafter in
Stockholm. 1924 ging es in die Türkei. Dort gewann er
beschlagnahmte deutsche Einrichtungen zurück. 1931 schlug
Reichskanzler Brüning vor, Rudolf Nadolny den Vorsitz der
deutschen Delegation bei der in Genf beginnenden
Abrüstungskonferenz anzuvertrauen, und dies geschah dann auch.
Auch nachdem Hitler im Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt
worden war, blieb Nadolny in diesem Amt. Das Erstarken
nationalsozialistischer Seite in der Außenpolitik stellte alle
in Genf mühsam eingefädelten Einigkeitsbestrebungen in Frage.
Nadolny versuchte im März, Hitler von einem Konfrontationskurs
gegenüber dem Ausland, vor allem gegenüber England, abzubringen.
Dies gelang offensichtlich, aber der Erfolg hielt nur wenige
Wochen an. Als die Abrüstungskonferenz im Oktober 1933 wieder
begann, war ein Stimmungsumschwung eingetreten. Am 14. Oktober
1933 erfuhr Nadolny über Dritte, daß Deutschland ohne sein
Wissen sowohl aus der Abrüstungskonferenz wie auch aus dem
Völkerbund ausgetreten war. Jetzt wurde Nadolny Botschafter in
Moskau, womit sich sein Lebenstraum erfüllt hatte. Vorher noch
hatte er in einer Unterredung mit Hitler diesem geraten, einen
Vertrag mit Polen zu schließen, damit die ständige Bedrohung
Ostpreußens ein Ende fände. In der Tat ist im Januar 1934 ein
solcher Vertrag zustande gekommen. Hitlers ablehnende Haltung
gegenüber der Sowjetunion und vor allem Nadolnys
Vermittlungsversuche hatten zur Folge, daß Nadolny nach nur acht
Monaten Tätigkeit in Moskau vom Amt dispensiert wurde. Rudolf
Nadolny kaufte das Rittergut Briesen im Kreis Templin und
bewirtschaftete es selbst, doch er hielt auch verschiedene
öffentliche politische Vorträge. Der daraus entstehende Konflikt
mit der nationalsozialistischen Regierung brachte ihm das Verbot
öffentlicher Äußerungen ein. Mit Kriegsbeginn stellte sich
Nadolny der Wehrmacht zur Verfügung. Er arbeitete als Major im
Oberkommando der Wehrmacht. Dort war sein Bestreben, einen Krieg
mit Rußland zu vermeiden. Als der Krieg mit Rußland dann
ausbrach, verließ er konsequenterweise sofort den Dienst. Er
verkaufte das Rittergut Briesen und pachtete das Obstgut
Katharinenhof bei Gransee in der Nähe von Berlin. Dort erlebte
er das Kriegsende. Durch seine russischen Sprachkenntnisse
konnte er mit den russischen Offizieren verhandeln und einige
Erleichterungen für die Bevölkerung erreichen. Zunächst im
Osten, später im Westen versuchte er, eine
Wiedervereinigungspolitik zu betreiben. Er gründete eine
„Gesellschaft zur Wiedervereinigung Deutschlands“ gemeinsam mit
dem früheren Reichsminister Andreas Hermes. Doch er scheiterte.
Am 18.
Mai 1953 verstarb Rudolf Nadolny nach kurzer Krankheit im 80.
Lebensjahr.
Seine
eigenständig philosophisch-politischen Gedanken hatte Rudolf
Nadolny schon 1928 in einem seiner Bücher niedergeschrieben.
Seine späteren Memoiren schloß er mit den Worten: „Mochte nun
auch eine auf einen kleinen Kreis beschränkte Gesellschaft
scheitern, die Wiedervereinigung ist inzwischen eine Sache des
gesamten deutschen Volkes geworden. Sie wird sich mit
geschichtlicher Notwendigkeit durchsetzen, und keine Macht der
Welt wird stark genug sein, sie auf die Dauer zu verhindern.“
1990 ist Rudolf Nadolnys Wunsch in Erfüllung gegangen.
Lit.:
Horst-Günther Benkmann: Wege und Wirken. Salzburger
Emigranten und ihre Nachkommen, Bielefeld 1988, S. 142-148. Dort
weitere Quellenangaben.
Bild:
Privat
Uwe Standera