In seiner
Heimatstadt Riga besuchte Carl Eduard Napiersky zunächst die
Domschule, um sodann zum Gouvernements-Gymnasium überzuwechseln.
Hier gehörte der bedeutende Sammler und Geschichtsschreiber Joachim
Christoph Brotze zu seinen Lehrern (vgl. OGT 1992, S. 128 f.). Durch
ihn wurde das Interesse des Gymnasiasten an der Geschichte geweckt.
1810 begann Napiersky in Dorpat das Studium der Theologie, das er
bereits 1812 als Kandidat abschloß. Bezeichnenderweise wandte er
sich während seines Studiums namentlich der Kirchengeschichte zu.
Nach vorübergehender Tätigkeit als Hauslehrer erhielt er 1815 das
Pastorat von Neu-Pebalg im lettischen Teil Livlands. Ab 1829 war er
Direktor der Gouvernements-Schulen in Riga. Napierskys erste
Publikation ist die 1824 gedruckte Fortgesetzte Abhandlung von
livländischen Geschichtsschreibern. Indem er darin das
Schrifttum zur Geschichte des Baltikums sichtete, das seit einer
gleichartigen Bestandsaufnahme Friedrich Konrad Gadebuschs von 1772
erschienen war, erarbeitete sich Napiersky eine Grundlage für die
eigene künftige Tätigkeit. Deren Ausrichtung markierte er bereits,
indem er in seiner Schrift vier Desiderata der baltischen
Geschichtsforschung benannte. Und zwar forderte er die Erstellung
eines baltischen Autorenlexikons, neue Ausgaben der livländischen
Chroniken, die Edition der Livland betreffenden Urkunden des
Königsberger Ordensarchivs und die Erfassung des in baltischen
Archiven und Bibliotheken verstreuten handschriftlichen Materials
zur Landesgeschichte.
Unterstützt von
Mitarbeitern, hat Napiersky in beeindruckender Weise einen großen
Teil dieses Programms selbst erfüllt. Mit dem Allgemeinen
Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikon der Provinzen Livland,
Ehstland und Kurland erschien 1827 -1832 ein vierbändiges
bio-bibliographisches Nachschlagewerk, das sich durch hohe
Zuverlässigkeit auszeichnete; Mitverfasser war in diesem Falle
Johann Friedrich von Recke. Was die Urkunden des Königsberger
Archivs betrifft, ließ sich keine vollständige Edition ermöglichen,
doch publizierte Napiersky in einem prachtvollen zweibändigen Werk
davon Regesten (1833 -1835). Ungedruckte Chroniken, ferner
sonstige Quellen und Abhandlungen gab er in den Monumenta
Livoniae antiquae (5 Bde., 1835 -1847) heraus, in alten Drucken
vorliegende Chroniken in den Scriptores rerum Livonicarum (2
Bde., 1848-1853). Erst nach seinem Tode erschienen die
Russisch-Inländischen Urkunden (1868).
Neben diesen
monumentalen Editionen und einem Nachschlagewerk über die Prediger
Livlands hat Napiersky zahlreiche kleinere Veröffentlichungen
vorgelegt. Bemerkenswert ist, daß er auch in lettischer Sprache
publizierte. Indem er sämtliche lettischsprachigen
Veröffentlichungen der Zeit von 1587 bis 1855 erfaßte, hat er nicht
zuletzt den deutschen Pastoren, die sich in ihren Schriften der
Muttersprache ihrer lettischen Gemeindemitglieder bedienten, ein
Denkmal gesetzt.
Wesentlichen Anteil
hatte Napiersky an der Gründung und Leitung der bedeutenden
Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen
Rußlands. Er redigierte auch die von dieser Vereinigung
herausgegebenen Mittheilungen aus dem Gebiete der Geschichte Liv-,
Ehst- und Kurlands. An der Fortführung seiner Aktivitäten war
der Historiker jedoch bereits einige Jahre vor seinem Lebensende
gehindert, denn ein unglücklicher Knochenbruch fesselte ihn ans
Krankenlager. Da bald nach dem Tode Napierskys neue Textfassungen
livländischer Chroniken bekannt wurden und da die baltischen Schüler
des Göttinger Historikers Georg Waitz neue methodische Anregungen
vermittelten, sind einige der Publikationen Napierskys schon seit
langem überholt. Sehr vieles, was er verfaßt und ediert hat, gehört
aber noch heute zu den Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit auf dem
Gebiet der baltischen Geschichte. An der insgesamt höchst
eindrucksvollen Leistung der deutschbaltischen Historiographie kommt
dem Rigaer Gelehrten auf jeden Fall ein sehr erheblicher Anteil zu.
Lit.:
J.G. Berkholz: Gedächtnisrede auf Carl Eduard Napiersky, in:
Mittheilungen aus dem Gebiete der Geschichte Liv-, Ehst- und
Kurlands 11 (1868), S. 269-286. - Fr. v. Keußler: Zum säkularen
Geburtsjahr Dr. Karl Eduard Napierskys, in: Baltische Monatsschrift
40 (1893), S. 498-505. - Deutschbaltisches biographisches Lexikon
1710-1960, 1970, S. 540f.
Norbert Angermann