Joseph
Martin
Nathan wurde
als dritter
Sohn des
Lehrers
Josef Nathan
geboren.
Sein
Heimatort
Stolzmütz
gehörte seit
alter Zeit
zum Besitz
des
Erzbischofs
von Olmütz.
1818 wurde
in dem
kleinen Dorf
eine
einklassige
Volksschule
eröffnet,
die etwa 70
Kinder
besuchten.
Nebenan
wohnte die
Familie
Nathan bei
einem
Bauern.
Joseph
Martin blieb
keine Zeit,
um seinen
Geburtsort
kennenzulernen,
denn schon
im zweiten
Lebensjahr
kam sein
Vater als
Lehrer nach
Ludgerstal
im
Hultschiner
Ländchen
(damals zum
Kreis
Ratibor
gehörig).
Hier
verbrachte
Joseph
Martin seine
ersten
Schuljahre
(ab 1873)
und seine in
religiöser
Hinsicht
wichtigsten
Jahre. Im
Herbst 1879
fand der
Schüler
Aufnahme in
das
Gymnasium zu
Leobschütz.
Um der
Heimat näher
zu sein,
siedelte der
Gymnasiast
jedoch 1884
nach Ratibor
über, wo er
bis zur
Reifeprüfung
blieb, die
er am 18.
März 1887
bestand.
Von Jugend
auf war
Joseph
Martin
entschlossen,
Priester zu
werden. Wohl
aus
Gesundheitsgründen
wählte er
das
Sommersemester
1887 in
Freiburg im
Breisgau als
sein
Anfangssemester.
In die
Studienzeit
fiel der
Militärdienst.
Vom 1.
Oktober 1887
bis zum 30.
September
1888, dem
bekannten
Drei-Kaiser-Jahr,
diente er
als
Einjährig-Freiwilliger
im 1.
Schlesischen
Grenadierregiment
Nr. 10 in
Breslau.
Seine
Kurskollegen
waren die
letzten
Alumnen, die
zum Militär
mußten. Er
verließ die
Kaserne als
Unteroffizier.
Im März 1889
legte Joseph
Martin die
erste und im
Juli 1890
die zweite
theologische
Prüfung ab
und wurde
von Kardinal
Kopp in
Breslau am
21. März
1891 zum
Diakon und
schließlich
am 23. Juni
1891 zum
Priester
geweiht.
Nach der
Primiz in
Hultschin
kam der
Neupriester
Nathan als
Kaplan nach
Sabschütz
bei
Leobschütz
(20.9.1891)
und schon am
12. Juli
1892 als
Kooperator
nach Branitz,
an der
südwestlichen
Grenze des
Leobschützer
Kreises.
Joseph
Martin
Nathan hat
in Branitz
die weithin
bekannten,
ja berühmten
Heil- und
Pflegeanstalten
errichtet,
die am Ende
des Zweiten
Weltkrieges
rund 2000
Kranke, 120
Ordensfrauen,
sieben Ärzte
und viele
Pfleger
umfaßten;
schließlich
wurde der
Institution
auch ein
Forschungsinstitut
für Gehirn-
und
Geisteskrankheiten
angegliedert.
Nathan trug
sich 1897 –
noch als
Kaplan – mit
dem
Gedanken,
eine
Ordensgemeinschaft
nach Branitz
zu rufen.
Das gelang
ein Jahr
später, im
Jahre 1898.
Das damals
gegründete
Frauenkloster,
das
”Marienstift”,
bildete den
Urkern eines
mächtigen,
vielverzweigten
Caritaswerkes.
Damals
setzte sich
der Gründer
gegen den
nachwirkenden
Zeitgeist
des
Kulturkampfes
durch und
holte den
Geist
christlicher
Caritas nach
Branitz.
Sein Bemühen
um die
geistig
Behinderten
hatte ein
sehr
modernes
Ziel: Die
Kranken von
Branitz
sollten
durch eine
kluge
Arbeitstherapie
gefördert
werden.
Nathan ließ
die weniger
stark
Erkrankten
ausfindig
machen,
damit sie
unter
Aufsicht von
Pflegern
bestimmte
Arbeiten
verrichten
konnten.
Diese
Therapie
unterstützte
die Mühe der
Ärzte. Dem
dienten
Landwirtschaft
und
Werkstätten.
Das große
Branitzer
Werk umfaßte
am Ende auf
einem zehn
Hektar
großen
Gelände
zwölf
Pavillons
und
Sanatorien,
dazu viele
kleinere
Häuser,
zusammen 26
Objekte.
Im übrigen
nützte
Nathan die
zwischen dem
Ersten und
dem Zweiten
Weltkrieg
entstandene
Liturgische
Bewegung
zusammen mit
der
Exerzitienbewegung,
um die
Gläubigkeit
im ganzen
Land zu
fördern. Von
1925 bis
1926 baute
er in
Branitz das
große
Exerzitienhaus
Sankt Josef.
Schon im
Jahre 1926
wurden zwei
Exerzitienkurse
gehalten,
einer für
Priester und
ein Kurs für
Abiturienten
aus
Leobschütz.
Dieses
geistige
Unternehmen
der inneren
Erneuerung
wurde vom
Jahre 1927
an zu einer
Großaktion
entwickelt
und dauerte
bis zum
Jahre 1939,
d.h. bis zum
Zweiten
Weltkrieg.
Im Laufe der
Zeit wurde
durch Joseph
Martin
Nathan der
Sakralbau in
beträchtlichem
Maße
vorangebracht.
Es
entstanden
zwölf
Kirchen. Zum
eigentlichen
Zentrum der
Heil- und
Pflegeanstalt
wurde die
Anstaltskirche
”Heilige
Familie”.
Sie erhielt
ein
einzigartiges
Altarbild in
der Apsis:
das Große
Mosaik. Der
Benediktinerbruder
Notker
Becker
konzipierte
1932/33 die
Ausgestaltung
in einer
eigenwilligen
Kombination
von
Gnadenstuhl
und Heiliger
Familie im
Geiste der
Laacher
Kunstschule
unter Abt
Ildefons
Herwegen.
Wie das
Große
Mosaik, so
faßt auch
das Goldene
Gitter in
der
Anstaltskirche
der
”Heiligen
Familie”
Nathans
pastorale
Ziele
zusammen. Es
ist eine 150
Quadratmeter
große
Kunstschmiedearbeit
zu dem Thema
der ”Ewigen
Anbetung der
Heiligen
Dreifaltigkeit”.
Sie ist von
einem Chor
singender,
musizierender,
opfernder
und
anbetender
Engel
umgeben,
inmitten von
Pflanzen-
und
Blütenmotiven,
mit
Kostbarkeiten
und Juwelen
beladen,
Früchte und
Blumen
bringend,
Trompeten,
Flöten,
Geigen,
Triangeln,
Pauken,
Notenbücher
tragend.
Nachdem in
den ersten
Oktobertagen
des Jahres
1938 das
Sudetenland
von der
Deutschen
Wehrmacht
besetzt
worden war,
versah der
Olmützer
Erzbischof
das für den
preußischen
Teil seiner
Erzdiözese
bestimmte
Generalvikariat
in Branitz
(1924 aus
dem
Kommissariat
in Katscher
hervorgegangen)
mit einer
neuen
Umschreibung,
derzufolge
es auch für
die seiner
Jurisdiktion
unterworfenen
Sudetendeutschen
zuständig
war. Die
Urkunde vom
2. November
1938
bestimmte
Joseph
Martin
Nathan zum
Generalvikar
und damit
zum
Vertreter
des
Erzbischofs
gegenüber
der
Reichsregierung,
der
Nuntiatur in
Berlin und
dem
Ordinariat
in Breslau.
Erfreulich
war die
Tatsache,
daß nicht
nur Olmütz,
sondern
offensichtlich
auch Rom die
Erfolge
Nathans
schätzte und
er am 17.
April 1943
zum
Titularbischof
von Arycanda
und zum
Weihbischof
für die
deutschsprachigen
Gebiete des
Erzbistums
Olmütz
ernannt
wurde. Die
Bischofsweihe
am 6. Juni
1943 in
Branitz war
die Krönung
aller
Auszeichnungen,
die Joseph
Martin
Nathan im
Leben
erhalten
hatte.
Die Jahre
vor dem
Zweiten
Weltkrieg
waren nach
den Worten
Nathans eine
”Zeit, da
feindliche
Kräfte in
Haß und
Verblendung
daraufhin
arbei[te]ten,
das
Christentum
zu schädigen
und
auszurotten”.
So rief er
dazu auf,
”daß die
gläubige
Jugend es
wagt, einen
feierlichen
Protest
auszusprechen
gegenüber
allem
schädlichen
und
gefährlichen
Unternehmen
der
feindlichen
Mächte,
indem sie
feierlich
den Glauben
bekennt”
(Hirtenbrief
1937). Bei
der
Kirchenabteilung
der
Troppauer
Gestapo galt
Joseph
Martin
Nathan als
”persona
ingratissima”.
Viele seiner
Priester
wurden an
der
Ausführung
ihres
Berufes
gehindert.
Sie mußten
versetzt
werden oder
kamen hinter
KZ-Gitter.
Im
darauffolgenden
Chaos des
Kriegsendes
stellte
Nathan einen
sehr klaren
Grundsatz
auf: ”Der
Hirt hat bei
seiner Herde
zu bleiben”.
Die letzten
Lebensjahre
des
Branitzer
Bischofs
sprechen
deutlich vom
treuen
Durchhalten.
Am
Ostersonntag,
dem 1. April
1945, dem
Tag, an dem
die Sowjets
(noch
vergeblich)
versuchten,
das
nahegelegene
Troppau
einzunehmen,
nachmittags,
wurde in
Branitz ein
militärischer
Räumungsbefehl
gegeben,
demzufolge
alle
gehfähigen
Kranken die
Anstalt
verlassen
mußten. Noch
am Abend
brachen 600
Kranke und
Schwestern
auf. Es war
ein
Elendszug,
dem sich
auch der
Bischof
anschloß.
Aber am 5.
Juni kehrte
Nathan nach
Branitz
zurück. Er
wollte die
von den
Kriegseinwirkungen
zerstörten
oder
beschädigten
Häuser
wieder
aufbauen.
Doch am 11.
Dezember
1946 wurde
er durch
einen
Beamten der
politischen
Abteilung
der
Wojwodschaft
Kattowitz
aufgesucht,
der dem
Bischof den
Ausweisungsbefehl
überbrachte.
Trotz der
Bemühungen
des
Ortsdechanten,
Nathan in
Branitz zu
belassen,
wurde dieser
am 21.
Dezember in
einem Auto
von Branitz
nach Troppau
abgeschoben.
Die Fahrt
war für den
Achtzigjährigen,
der
bettlägerig
war, eine
unzumutbare
Strapaze.
Alle
ärztlichen
Bemühungen
halfen nicht
mehr. Nathan
starb. Er
wurde am 4.
Februar 1947
auf dem
Kommunal-Friedhof
(Otická) in
Troppau
durch den
Olmützer
Weihbischof
Dr. Zela
beigesetzt.
Der
kränkliche,
hochbetagte
Erzbischof
Dr. Prečan
mußte sich
durch ihn
vertreten
lassen.
Unter großer
Beteiligung
der
Bevölkerung
folgten etwa
130 Priester
und
zahlreiche
Ordensfrauen
dem Sarg.
Das geistige
Vermächtnis
des
Verstorbenen
ist eine
”Wohltätigkeit
im
ausgedehnten
Maße”. Sein
Wunsch an
den auf ihn
folgenden
kirchlichen
Oberhirten,
Boleslaw
Kominek,
war: ”Tragen
Sie Sorge
darum, daß
der
kirchliche
und
caritative
Charakter
der
Branitzer
Anstalten
auch
weiterhin
erhalten
bleibe.”
Nathans
bischöfliches
Wappen trägt
das Motto:
”Die Liebe
Christi
drängt uns”.
Lit.:
Grocholl,
Wolfgang:
Joseph
Martin
Nathan.
Leben und
Leiden für
eine
grenzenlose
Caritas im
mährisch-schlesischen
Land,
Eschershausen
1990 (mit
Lit.). –
Komarek,
Emil:
Distrikt
Katscher in
Recht und
Geschichte.
Nach Quellen
bearbeitet,
Ratibor
1933. –
Kretschmer,
Ernst: Das
Generalvikariat
für den
sudetendeutschen
Anteil der
Erzdiözese
Olmütz in
Branitz O/S
1938-1945,
in: Archiv
für
Kirchengeschichte
von
Böhmen-Mähren-Schlesien,
hrsg. v.
Kurt A.
Huber, Bd.
5,
Königstein/Ts.
1978,
392-408. –
Stasiewski,
Bernhard:
Nathan,
Joseph
Martin
(1867-1947),
in: Die
Bischöfe der
deutschsprachigen
Länder
1785/1803
bis 1945.
Ein
biographisches
Lexikon,
hrsg. v.
Erwin Gatz,
Berlin 1983,
531 f. –
Wollasch,
Hans-Josef:
Aus der
caritativen
Geistigbehindertenarbeit
in
Ostdeutschland
vor 1945,
in: Caritas
'80,
Jahrbuch des
Deutschen
Caritasverbandes,
Karlsruhe
1980,
327-340.
Wolfgang
Grocholl