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Über Herkunft und Jugend
des Heiligen ist kaum etwas bekannt. Um 1370 erscheint er in den Quellen
als öffentlicher Notar, etwa gleichzeitig auch als Kleriker in Diensten
des Prager Erzbischofs Jan Očko von
Vlašim. Schon 1374 stieg er zum ersten Notar der erzbischöflichen
Kanzlei auf. Nach der Priesterweihe 1380 wurde er Sekretär des
Erzbischofs Johannes von Jentzenstein. Im gleichen Jahr erhielt er
vermutlich ein Kanonikat am Stift St. Ägidien in Prag. Darüber hinaus
wurde ihm die Prager Altstadtpfarrei St. Gallus übertragen, mit der die
Seelsorge für die dort ansässigen deutschen Kaufleute verbunden war. In
den folgenden Jahren widmete sich Johannes von Nepomuk dem Studium der
Rechte, zunächst an der Prager juristischen Fakultät, ab 1383 in Padua,
wo ihn die Quellen 1386 als Rektor der ausländischen Studenten ausweisen
und am 19. August 1387 seine Promotion zum Doktor der Rechte erfolgte.
Nach seiner Rückkehr in die Heimat (wohl 1389) tauschte er sein
Kanonikat bei St. Ägidien gegen einen Sitz im Kollegiatkapitel am
Vyšehrad und übernahm anstelle der Pfarrei St. Gallus das Archidiakonat
Saaz. 1390 berief ihn Johannes von Jentzenstein zu seinem Generalvikar
und übertrug ihm damit Leitungsaufgaben in der Erzdiözese. In dieser
Funktion verteidigte der Kanoniker die kirchliche Immunität gegen
Angriffe von Seiten der Krone Böhmens. Weshalb gerade er den
persönlichen Haß König Wenzels IV. auf sich zog, läßt sich nicht mit
letzter Sicherheit rekonstruieren. Äußerer Anlaß für den „kalkulierten
Terrorakt" (Ferdinand Seibt) gegen den Generalvikar war vermutlich die
Exkommunikation eines königlichen Günstlings sowie die Bestätigung eines
Wenzel nicht genehmen Kandidaten als Abt des Klosters Kladruby (Klaudrau).
Am Abend des 20. März 1393 wurde Johannes von Nepomuk, nachdem ihn zuvor
König Wenzel eigenhändig mit brennender Fackel gefoltert haben soll, von
der Prager Karlsbrücke in die Moldau gestürzt.
Da sich einerseits die
Nachricht vom grausamen Ende des Generalvikars rasch verbreitet haben
dürfte, andererseits auf königliches Geheiß über die Hintergründe
Stillschweigen gewahrt werden mußte, kamen bald die verschiedensten
Gerüchte in Umlauf. Die ersten Hinweise, wonach Johannes ermordet wurde,
weil er sich als Beichtvater der Königin Johanna geweigert habe, das
Beichtgeheimnis zu brechen, finden sich in der Kaiserchronik des
Thomas von Ebendorfer (vor 1451) und in der Správovna des Pavel
Židek (vor 1471). Zur historisch nicht verifizierbaren Legende vom
„Märtyrer des Beichtsiegels" traten bald weitere außergewöhnliche
Begebenheiten, so beispielsweise ein Lichtwunder bei der Geburt und das
Austrocknen der Moldau beim Tode des Märtyrers. Die angedeuteten
Widersprüche mögen Anlaß für die lange vertretene These gewesen sein, es
handele sich bei Johannes von Nepomuk eigentlich um zwei verschiedene
Personen, den wegen des Beichtgeheimnisses ermordeten Priester und den
aus politischen Gründen hingerichteten Generalvikar. Im Jahre 1777 hat
der Prager Augustinereremit Athanasius v. hl. Joseph in seiner
Dissertatio htstorico-chronologico-critica de Joanne de Pomuk diese
Annahme endgültig widerlegt.
Johannes von Nepomuk
starb als Opfer seiner Standhaftigkeit gegenüber unberechtigten und
willkürlichen Angriffen der Staatsmacht auf die Kirche. Sein Schweigen
wurde aber schon bald tiefer ausgedeutet, und im Laufe der Jahrhunderte
wurde er „in besonderer Weise Patron der schweigenden Kirche, aller
jener Priester, die ihr Amt trotz aller Behinderungen ausüben, die das
Wort Gottes predigen, sei es gelegen oder ungelegen" (Johanna von
Herzogenberg). Die Verehrung des Märtyrers beschränkte sich zunächst auf
den innerböhmischen Raum und wurde beeinträchtigt durch die Wirren der
Hussitenkriege, fand dann aber in der Gegenreformation ihren festen
Platz in der Volksfrömmigkeit. Johannes von Nepomuk wurde zum populären
Landesheiligen Böhmens, dessen Märtyrertod in Liedern und volkstümlichen
Theateraufführungen gedacht wurde. Das Prager Metropolitankapitel
erreichte 1721 (Seligsprechung) bzw. 1729 (Heiligsprechung) seine
offizielle Anerkennung als Märtyrer. Seit dem 17. Jahrhundert bildete
Prag den Mittelpunkt der Verehrung des Heiligen. Sein Grab im Veitsdom,
schon im 14. und 15. Jahrhundert Ziel von Pilgerscharen, ließ Kaiser
Karl VI. im 18. Jahrhundert nach Entwürfen von Fischer von Erlach
monumental ausgestalten. Die 1683 auf der Karlsbrücke, dem Ort des
Martyriums, errichtete Bronzestatue von Johann Brokoff wurde zum Vorbild
ungezählter Standbilder weit über Böhmen hinaus. Unter den zahlreichen,
dem Heiligen geweihten Kirchen außerhalb Böhmens sei nur die Asam-Kirche
in München erwähnt.
Nach der Gründung der
Tschechoslowakei (1918) geriet die Gestalt des Heiligen in den Strudel
nationalistisch-antikatholischer Tendenzen, die auf Abschaffung seines
Gedenktages (16. Mai) und verstärkte Würdigung von Jan Hus zielten
(Feiertagsgesetz 1925). Diese Bemühungen blieben weitgehend wirkungslos.
Tschechen und Deutsche verehren gleichermaßen den „Heiligen der
Brücken“.
Lit.:
Ferdinand Seibt (Hrsg.): Bohemia Sacra. Das Christentum in Böhmen
973-1973. München 1974. - Emil Valasek: Der heilige Johannes von Nepomuk
(Forschungsbericht), in: Archiv für Kirchengeschichte von
Böhmen-Mähren-Schlesien 4 (1976) S. 177-193. - Silvia von Brockdorff,
Johannes von Nepomuk, in: Peter Manns (Hrsg.): Die Heiligen. Alle
Biographien zum Regionalkalender für das deutsche Sprachgebiet,
Stuttgart 41979, S. 419-421. - Johanna von Herzogenberg: Prag. Ein
Führer, München 81990. - Christof Dahm: Johannes von Nepomuk,
in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 3, 1992, Sp. 498-501.
Bild:
Kupferstich von Glauber, um 1760 (in: Johannes Neuhardt: Johannes von
Nepomuk. Ein Text-Bild-Band. Graz, Wien, Köln 1979, Abb. 29).
Christof Dahm
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