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Joachim Nettelbeck, eine Symbolfigur des im Kampf gegen das
napoleonische Frankreich erwachenden deutschen Patriotismus, wurde als
Sohn eines Brauers in Kolberg geboren. Vom 15. bis zum 35. Lebensjahr
unternahm er als Seemann weite Reisen bis nach Westindien und Neuguinea.
Ab 1782 lebte er als Brauer in Kolberg, wo er bereits während
des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) Verdienste im Kampf gegen die
russischen Belagerer der Stadt erworben hatte. Nach einer
vierzigjährigen Friedenszeit wurde Pommern 1805 durch die
Expansionspolitik Napoleons I. erneut in Kriegsereignisse verwickelt.
Die unglückliche Politik des schwedischen Königs Gustav IV., der sich
mit Rußland gegen Napoleon verbündete, zog zunächst russische Truppen
nach Vorpommern. Preußen bemühte sich vergeblich um Neutralität.
Nach
der Niederlage Preußens gegen die
Franzosen bei Jena und Auerstedt (14.10.1806) flohen die preußischen
Königsfamilie und hohe Beamte über Stettin nach Ostpreußen. Der
militärischen Niederlage folgte der moralische Zusammenbruch. Zahlreiche
intakte preußische Einheiten kapitulierten vor den Franzosen ohne
ernsthaften Versuch zum Kampf. Besonders blamabel verhielt sich der
Kommandant der Festung Stettin, der am 29. Oktober 1806 mit 5000 gut
ausgerüsteten Soldaten vor einer lediglich 800 Reiter starken
französischen Kavallerietruppe kampflos kapitulierte. Die pommersche
Bevölkerung erwies sich in vielen Fällen den französischen
Besatzungstruppen gegenüber als sehr anpassungswillig. In nur wenigen
Fällen gab es Ansätze zum Widerstand, in denen ein neuer deutscher
Patriotismus, gestärkt durch die drückende Fremdherrschaft, zum Ausdruck
kam. Es entstanden einzelne Freikorps, die einen recht erfolgreichen
Kleinkrieg gegen die Franzosen
führten. Angesichts der allgemeinen Demoralisierung erwies sich der
erfolgreiche Widerstand der Festung Kolberg als Haltepunkt der Hoffnung
deutscher Patrioten. Der Festungskommandant, Oberst von Loucadou,
weigerte sich energisch, die Stadt den Franzosen zu
übergeben. Als sie Sammelpunkt für
zahlreiche Freischaren, darunter die Truppe des später (1809) in
Stralsund gefallenen Leutnants Ferdinand von Schill wurde, nahmen die
Franzosen die Belagerung Kolbergs im Februar 1807 energisch auf. Da auch
hier die Bürgerschaft in der Verteidigungsbereitschaft gespalten war,
wandte sich Joachim Nettelbeck gegen den in seinen Augen zu vorsichtigen
Festungskommandanten und bewirkte beim preußischen König die Ernennung
des Majors August Neithardt von Gneisenau zum neuen Kommandanten.
Ihm
gelang nicht nur die Einigung der Bürgerschaft,
sondern auch eine erfolgreiche Verteidigung der Festung, wirkungsvoll
unterstützt von Nettelbeck als Bürgervertreter. Es gelang den Franzosen
bis zum Friedensschluß von Tilsit (9. Juli 1807) nicht, die Festung m
erobern. Bereits am 2. Juli waren die Kämpfe um die Stadt eingestellt
worden. In der allgemein niedergedrückten Stimmung hatte der
erfolgreiche Widerstand Kolbergs ein Zeichen für den späteren
Befreiungskampf gesetzt.
Der
Kampf gegen die Franzosen war hier erstmals nicht mehr nur eine Aufgabe
des Militärs gewesen, sondern zur
Sache der Bürgerschaft geworden, als deren Repräsentant Nettelbeck
auftrat.
Der
Widerstand Kolbergs gab den preußischen
Reformen, den Freiheitskriegen, dem bürgerlichen Selbstbewußtsein und
dem entstehenden deutschen Nationalbewußtsein Anregung und Auftrieb, so
daß Nettelbeck zu einer der patriotischen Symbolfiguren des 19.
Jahrhunderts wurde.
Hans-Helmuth Knütter
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