Balthasar Neumann wurde im Januar 1687
als siebtes von acht Kindern im
böhmischen Eger, dem heutigen Cheb,
geboren. Um 1700 begann der Sohn des
Tuchmachers Hans Christoph Neumann und
seiner Frau Rosina, geb. Grassold, mit
seiner Lehre als Glocken- und
Geschützgießer in der Werkstatt seines
Paten Balthasar Platzer. Neumann, der
von seinen Mitgesellen kurz als der
„Böhm“ tituliert wurde, nahm im Jahre
1711 seine Tätigkeit als
Geschützgießergeselle auf und erwarb den
Lehrbrief der „Büchsenmeister- Ernst-
und Lustfeuerwerkerey“. Durch seine
Bekanntschaft mit dem Ingenieurhauptmann
und Architekten Andreas Müller und dank
einiger Stipendien aus seiner
Heimatstadt Eger wurde Balthasar Neumann
angeregt, die Kunst der Geometrie und
Feldmesserei zu erlernen. Seit 1712 ließ
er sich auch in der Zivil- und
Militärarchitektur unterweisen. Nachdem
er im Jahre 1713 das „instrumentum
Architecturae“, einen
Proportionalzirkel, entwickelt, selbst
angefertigt und signiert hatte, trat
Neumann 1714 als Fähnrich in die
hochfürstlich-würzburgische
Schloß-Leibkompanie ein und wurde so zum
Adjutanten seines Lehrers Müller.
Darüber hinaus lernte Neumann, der sich
„inzwischen in den verschlungenen Pfaden
der Mathematik ... völlig auskannte“
(Max. H. v. Freeden), die Sprachen
Französisch, Italienisch und Latein, um
auch die Originalschriften der fahrenden
Architekturtheoretiker studieren zu
können. In den Jahren 1715 und 1716
zeichnete sich Neumann durch seine
Tätigkeit als Wasser- und
Brunnenspezialist beim Neuen Bau der
Zisterzienserabtei Ebrach sowie Schloß
Gaibach aus und entwarf einen
Grundrißplan der Stadt Würzburg. Nach
seiner Teilnahme an der Eroberung
Belgrads im Türkenfeldzug 1717 unter
Prinz Eugen von Savoyen und Tätigkeiten
beim Stabe des kaiserlichen
Generalgouverneurs in Mailand und
Oberitalien wurde er ein Jahr später zum
hochfürstlich-würzburgischen Ingenieur
und 1720 zum
hochfürstlich-würzburgischen
Artilleriehauptmann ernannt. Bereits im
Jahre 1719 wurde Neumann vom Würzburger
Fürstbischof Johann Philipp Franz aus
der vom „Bauwurm“ besessenen Familie von
Schönborn (1673-1724) mit der Planung
für die von Dehio als „der vollkommenste
Profanbau des 18. Jahrhunderts“
bezeichnete Würzburger Residenz
beauftragt. Dieses eigentliche
Lebenswerk Neumanns, das zu den
imposantesten deutschen Residenzanlagen
zählt, wurde im Jahre 1720 begonnen und
1744 im Rohbau und Teilen der
Ausstattung vollendet. Neben Balthasar
Neumann, der bis 1753 für die
Ausstattung der Residenz zuständig war,
wirkten auch weitere führende Baumeister
wie Lukas von Hildebrandt aus Wien oder
Maximilian von Welsch aus Mainz bei der
Durchführung des Würzburger Großprojekts
mit. Neumanns Hauptleistungen bei diesem
großartigen Bauvorhaben zeigen sich
sowohl in der brillianten
innenarchitektonischen Komposition der
Hofkirche als auch der Konstruktion
seines zweiläufigen großzügig
organisierten, raumbildnerisch genial
durchstrukturierten Treppenhauses. Der
rasante berufliche Aufstieg Balthasar
Neumanns dokumentierte sich somit nicht
nur in seiner Karriere als Offizier,
sondern auch seinen ungeahnten und
zunehmenden Erfolgen als Baumeister. Im
Jahre 1722 wurde Neumann in die
Stadtbaukommission eingesetzt und mit
der Überwachung des gesamten
bürgerlichen Bauwesens in Würzburg bis
1753 beauftragt. Zwei Jahre später wurde
er zum hochfürstlich-würzburgischen
Artillerie- und Ingenieurmajor ernannt.
In den zwanziger Jahren des 18.
Jahrhunderts plante Neumann die
Benediktinerprobsteikirche in
Holzkirchen bei Würzburg und entwarf die
im 19. Jahrhundert abgebrochene
Benediktinerabteikirche in
Münsterschwarzach am Main. Im Jahre 1729
wurde Friedrich Karl von Schönborn
(1674-1746) Fürstbischof von Bamberg und
Würzburg. Friedrich Karl sollte sich als
der entscheidende Bauherr und
Auftraggeber Balthasar Neumanns
erweisen. Er beauftragte ihn noch im
gleichen Jahr mit der Planung des
Domkapitelhauses in Bamberg und ernannte
ihn zum Oberstleutnant der Fränkischen
Kreisartillerie. In dreißiger Jahren
errichtete Neumann die Wallfahrtskirche
in Gößweinstein und entwarf die
Hofkirche der Würzburger Residenz. Als
Höhepunkte gelöster klarer
Raumgestaltung gelten die bewegt
zirkulierenden Treppenhäuser in Schloß
Bruchsal und Schloß Augustusburg zu
Brühl bei Köln, die Neumann seit 1731
entwarf. Zwei Jahre später begann
Neumann mit dem wichtigen Großprojekt
Schloß Werneck, entwickelte außerdem die
Pläne der Kirchen St. Laurentius in
Retzbach am Main, St. Paulin in Trier
und St. Peter in Bruchsal. In den Jahren
1738 und 1739 entwarf er überdies die
Pfarrkirche in Heusenstamm bei Offenbach
sowie den filigran und vollendet
formenklar in den mächtigen Ostchor
eingefügten Hochaltar im Dom zu Worms.
Zu weiteren seiner bedeutenden
Bauprojekte zählen auch die
ausschließlich im Vierungsbereich
kurvierten Sakralbauten Heilige
Dreifaltigkeit in Gaibach, das Käppele
in Würzburg, Heiligkreuz in
Kitzingen-Etwashausen oder auch die im
19. Jahrhundert abgebrochene
Jesuitenkirche in Mainz. Im Jahre 1741
wurde Balthasar Neumann zum Obristen der
Fränkischen Kreisartillerie ernannt und
erlangte damit die höchste für ihn
erreichbare militärische Position. Im
Jahre 1745 entstanden die Pläne für die
Heilige Stiege auf dem Kreuzberg in
Bonn-Poppelsdorf und 1751 die in der
Außenarchitektur großartig gegliederte
Wallfahrtskirche Maria Limbach bei
Haßfurt.
Die
populärsten und reifsten sakralen
Spätwerke Balthasar Neumanns entstanden
jedoch in den Jahren 1743 und 1745 mit
der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen
und der
Benediktinerabteikirche in Neresheim. In
den komplizierten Grund- und
Wandaufrißplänen der beiden zu
dem „Höhepunkt der spätbarocken
Erforschung der Raumprobleme“
(Norberg-Schulz) zählenden
Kulminationswerke seiner Baukunst
ordnete Neumann verschieden große
elliptische Raumstrukturen symmetrisch
einander zu, wobei er die ovale
Grundrißdisposition in Neresheim durch
schlanke freistehende Säulenpaare
variierte. Auf diese setzte ein
monumentales Gewölbe, um den Eindruck
vollkommener Schwerelosigkeit zu
vermitteln. „In Neresheim vollendete
sich Neumanns Werk, und es vollendeten
sich zwei Jahrhunderte europäischer
Baukunst.“ (B. Schütz)
Der
Boden für die Baukunst Balthasar
Neumanns war bereits in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts bereitet
worden. Zu den maßgeblichen Vorläufern
und architektonischen Ahnherren im
fränkischen Raum gehört vor allem die
aus Böhmen stammende Baumeisterfamilie
Dientzenhofer, zu deren bedeutendsten
Vertretern die Brüder Leonhard
(1660-1707) und Johann (1663-1726)
zählen. Als einer der Träger der
kurvierten böhmischen Kirchenbauten
errichtete Johann Dientzenhofer bereits
1710 die Benediktinerabtei Banz, deren
Grundrißkomposition ebenfalls
kompliziert angeordnete Ovalrotunden
darstellen, die sich gegenseitig
durchdringen.
Balthasar Neumann blieb seiner Heimat
Böhmen und seiner Vaterstadt Eger Zeit
seines Lebens eng verbunden. Er
entwickelte Pläne zu einer Gewürzmühle
für die Stadt und beschäftigte sich im
Jahre 1713 intensiv mit der Fassung des
„Egerischen Sauerbrunnens“. Im Juni 1725
lud er den Stadtrat aus Eger nach
Würzburg ein, und als seine Taufkirche
St. Niklas aus Eger vom Blitz getroffen
und die Turmhelme vom Feuer zerstört
wurden, reiste der vielbeschäftigte
Neumann im Jahre 1747 dorthin, um den
Bauschaden „ohne Anspruch auf
Kostenersatz, nur um seine persönliche
Schuldigkeit bezeigen zu können“, zu
begutachten und der Stadt einen neuen
Bauplan vorzulegen.
Am
19. August 1753 starb Balthasar Neumann
in Würzburg. Die moderne Kunstgeschichte
beurteilt ihn als den genialsten
Baumeister des süddeutschen Barock und
seine Baukunst als den „glanzvollen
Schlußakkord des europäischen Barock“.
Lit.: Joseph Keller:
Balthasar Neumann. Artillerie- und
Ingenieur-Obrist, Fürstlich
Bambergischer und Würzburger
Oberarchitekt und Baudirektor, Würzburg
1896. – Eberhard von Cranach-Sichart:
Balthasar Neumann, in: Thieme/Becker,
Allgemeines Lexikon der bildenden
Künstler von der Antike bis zur
Gegenwart, Bd. 25, Leipzig 1931, S.
411ff. – Max H. von Freeden: Balthasar
Neumann. Leben und Werk, München/Berlin
1953. – Hanswernfried Muth: Balthasar
Neumann, Würzburg 1978. – Christian
Norberg-Schulz: Spätbarock und Rokoko,
Weltgeschichte der Architektur,
Stuttgart 1985. – Ernst Eichhorn:
Balthasar Neumann. Architekturwerk und
das Erbe der Baumeisterfamilie
Dientzenhofer, in: Mitteilungen der
Altnürnberger Landschaft, Jg. 36,
Sonderheft 1987, Nr. 34, S. 3-28. –
Bernhard Schütz: Balthasar Neumann,
Freiburg/Basel/Wien 1987. – Erich
Schneider: Balthasar Neumann
(1687-1753). Vollender der
mainfränkischen Barockarchitektur,
München 1989. – Wilfried Hansmann:
Balthasar Neumann, Köln 1999.
Bild: Privatarchiv der Autorin
Ulrike Gentz