Dagmar Nick gehört heute zu den
bedeutendsten Lyrikerinnen ihrer
Generation. Wie äußerte sich doch
Karl Krolow im „Literat“ über sie:
„Bei aller Leidenschaft, die aus den
Gedichten spricht, ist Dagmar Nick
Exaltation fremd. Sie hat es nicht
nötig, nicht die zur Gestikulation
entnervte Geste, nicht die
literarische Verrenkung. Was sie zum
Ausdruck bringt in Gedicht,
Dokumentation und Hörspiel: Zeugnis
und Zeichen mit Liebe, Versuchung
und Tod, Leben genannt.“
Dagmar Nick wurde am 30. Mai 1926 in
Breslau geboren. Sie ist von zu
Hause aus, durch ihre Eltern, mit
Literatur, aber mehr noch mit Musik
verbunden gewesen. Ihr Vater, der
bekannte Komponist und
Musikinterpret Prof. Dr. Edmund
Nick, war während der zwanziger und
frühen dreißiger Jahre Leiter des
Senders Radio Breslau. Nach der
Machtergreifung durch Hitler verlor
er sofort sein Amt. Ihre Mutter
Käthe Jaennicke machte sich als
Konzertsängerin einen Namen. Ihre
Kindheit erlebte sie vom 7. bis 17.
Lebensjahr mit ihrem Bruder, der
dann im Krieg verschollen ist, in
Berlin, wohin die Familie gezogen
ist. Als Nicht-Mitläufer bekannt,
waren die Eltern sehr gefährdet. Sie
entgingen der Verfolgung. Die Kinder
lebten wechselnd bei Verwandten,
mehr versteckt als einquartiert, in
einer Umwelt, die ein gewisses
Wachsein und Ängste hervorrief. Das
drängte beizeiten, mit dem Schreiben
anzufangen. Nach dem Abitur 1943
erkrankte Dagmar Nick schwer an
Tuberkulose. Das war wohl eine Folge
dieser Zeit, wo auch Bombernächte
und Hunger hinzukamen. Die Zeit der
Erkrankung dauerte nahezu sechs
Jahre und ist gewiß als die
Geburtsstunde ihrer Poesie
anzusehen.
Zunächst ist es verstreut
erscheinende Lyrik. Das erste
Gedicht erschien in der „Neuen
Zeitung“ am 18. Oktober 1945 und
wurde von Erich Kästner als deren
Feuilleton-Redakteur angenommen und
mit einem eindringlichen Vorwort
versehen, in dem es u. a. heißt:
“... Eine Generation, die von
Anbeginn in einem Zuchthaus des
Geistes aufwächst, von wo aus kein
Blick in die Freiheit reicht, eine
solche arme Generation ist ausweglos
und ohne Gnade zu künstlerischer
Sterilität verdammt. Als ein gutes
Zeichen dafür, daß unsere Hoffnung
nicht zu trügen scheint, drucken wir
ein Gedicht ab, das ein kaum
achtzehnjähriges Mädchen geschrieben
hat:
Weiter. Weiter. Drüben
schreit ein Kind.
Laß es liegen, es ist halb
zerrissen.
Häuser schwanken müde wie Kulissen
durch den Wind.
Irgendjemand legt mir
seine Hand
in die
meine, zieht mich fort und zittert.
Sein Gesicht ist wie Papier
zerknittert,
unbekannt.
Ob Du auch so um dein
Leben bangst?
Ach, ich habe nichts mehr, kaum ein
Leben,
nur noch Angst.
Die Grauen und Schrecken des Krieges
und der Flucht weckten im
empfindsamen Gemüt von Dagmar Nick
tiefe Abscheu und ließen sie Worte
finden, um im Namen der Verfluchten,
Verfolgten und Entrechteten deren
Leid und Elend auszusprechen. Das
ließ sie zur Dichterin werden. Der
erste 1947 erschienene Gedichtband
trägt den Titel „Märtyrer“, und die
Stadt Hamburg zeichnete sie dafür
mit dem „Liliencron-Preis“ aus. Wie
heißt es da am Anfang des
Titelgedichts: “Wir müssen sein,
sonst wären nicht die Guten,/ sonst
wäre nirgends Unterschied./ Wir
müssen für euch sein und stumm
verbluten/ und unsere Schreie sind
euch nur ein Lied.“ In größeren
Abständen folgen die Gedichtbände
„Das Buch Holofernes“ (1955) und „In
den Ellipsen des Mondes“ (1959)
sowie „Zeugnis und Zeichen“ (1969).
Die Gedichte fanden Aufnahme in
zahlreichen Anthologien und in
Lesebüchern der Oberschulen.
Aber auch als Hörspielautorin ist
Dagmar Nick mit beachtlichem Erfolg
hervorgetreten; „Die Flucht“ wurde
in kurzer Zeit bereits sechsmal
gesendet und erschien in der
Hörspielsammlung „Zauber auf dem
Sender“ (1962). Als weitere
Hörspiele folgten „Das Verhör“ und
„Die Heimkehr“. Auch als
Lyrikübersetzerin aus dem Englischen
ist die Autorin tätig geworden.
Nicht zuletzt wurde die Dichterin
auch bekannt durch ihre Reise-Prosa
wie „Einladung nach Israel“
(1963/1968), „Rhodos“ (1967),
„Götterinseln der Ägäis“ (1981 ) und
„Sizilien“ (1979), worüber es in
einer Besprechung der FAZ heißt: „In
Sizilien entdeckte Dagmar Nick die
mythischen Wurzeln des alten Europa.
Gegenwart deutet sie nur an: in
präzisen Erlebnisimpressionen, die
von der Schärfe fotografischer
Aufnahmen sind. Der geborenen
Lyrikerin, ausgestattet mit einer
hohen Empfindsamkeit, gelingen immer
wieder ungemein anschauliche Bilder.
Dann wird Geschehenes zu leuchtender
Sprache, die schlackenrein
dahinfließt.“ Weitere Werke folgten.
So die Lyrikbände „im Stillstand der
Stunden“ 1991, „Gezählte Tage“ 1992,
eine Neuauflage von „Ellipsen des
Mondes“, danach die Bücher
„Jüdisches Wirken in Breslau –
Eingeholte Erinnerungen: Der alte
Asch und die Bauers“ – „Lilith, eine
Metamorphose“ 1998 und „Penelope,
eine Erfahrung“ im Jahr 2000.
Seit 1946 ist Dagmar Nick Mitglied
des Deutschen
Schriftstellerverbandes und ab 1965
Mitglied des PEN-Clubs.
An Auszeichnungen konnte die
Dichterin u. a. 1948 den
„Liliencron-Preis“ der Stadt
Hamburg, 1963 den Literatur-Preis
der Landsmannschaft Schlesien, 1966
den „Eichendorff-Literaturpreis“,
1970 die Ehrengabe zum
„Andreas-Gryphius-Preis“, 1977 die „Roswitha-von-Gandersheim-Medaille“,
1981 den „Turkan-Preis der Stadt
München“ und 1986 den „Kulturpreis
Schlesien“ entgegennehmen.
Lit.: Vierteljahresschrift
Schlesien III, 186, 1995. –
Vierteljahresschrift SCHLESIEN,
III/137 – 1991. – Kulturbeilage
„Dagmar Nick“.
Bild: Kulturstiftung der
deutschen Vertriebenen.
Konrad Werner