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Unsere schnellebige Zeit verschont auch die Komponisten des leichteren
Genres nicht: gestern noch bekannt und beliebt, heute schon fast
vergessen: Für den Sturz aus dem Strahlenglanz der Popularität ins
Dunkel der Vergessenheit genügt die Zeitspanne etwa einer Generation. In
den 1930er Jahren war Edmund Nick als Komponist musikalischer Lustspiele
und Operetten bekannt, ja sogar populär, denn eines seiner Bühnenwerke –
„Das kleine Hofkonzert“ – wurde verfilmt und damit einem
Millionenpublikum präsentiert. Heute indessen besteht nach niveauvoller
Unterhaltungsmusik traditionellen Stils offenbar kaum noch Bedarf – nur
ältere Hörer werden ihn wohl noch kennen.
Edmund Nick, 1891 in Reichenberg/Böhmen geboren, erlernte zunächst in
guter bürgerlicher Tradition einen „anständigen“, d. h. sicheren Beruf
und kam erst auf Umwegen zur Musik. Der Kaufmannssohn schien eine
juristische Karriere anzusteuern, promovierte 1918 in Graz zum Dr. jur.,
war nach der Rückkehr aus dem Krieg zwei Monate Rechtspraktikant in
Reichenberg – und hing die Juristerei an den Nagel, um sich fortan ganz
der Musik zu widmen: zunächst als Klavierbegleiter und Musikkritiker in
Breslau, bald aber auch als Kapellmeister und Bühnenkomponist in Berlin.
1924 suchte der im Auf- und Ausbau befindliche Sender Breslau einen
Redakteur für sein Musikprogramm. Man fragte Nick, doch der lehnte ab –
durchaus verständlich, denn der Rundfunk steckte noch in den
Kinderschuhen, und Nick hatte Vorbehalte gegen die Verbreitung von Wort
und Musik durch den Äther. Aber er ließ sich überreden, 14 Tage „auf
Probe“ zu kommen – und blieb 9 Jahre.
Sein Aufgabengebiet ging über das eines normalen Musikredakteurs weit
hinaus: Er organisierte und engagierte, er dirigierte und komponierte,
er erteilte Kompositionsaufträge und bereitete seine schlesischen Hörer
durch einführende Kommentare auf die Sendung der brandneuen Werke vor.
Sein Lebensweg schien vorgezeichnet und festgelegt. Aber „die
glücklichen Tage“ – um es mit dem Titel eines seiner musikalischen
Lustspiele zu sagen – gingen für ihn wie für Tausende anderer 1933 zu
Ende: Die Nazis sorgten für seine Entfernung aus dem Dienst, denn Nick
war mit einer Frau jüdischer Abstammung verheiratet.
Nach der Entlassung konnte Nick in Breslau nicht bleiben, doch Freunde
in Berlin verhalfen ihm zur Position des musikalischen Leiters an Werner
Fincks berühmt-berüchtigtem Kabarett „Die Katakombe“, an dem auch Erich
Kästner mitwirkte, dessen Texte Nick gern und oft vertont hat. Doch
kritischer Geist und Widerspruch waren in einer Diktatur unerwünscht:
Die „Katakombe“ wurde geschlossen, und auch das neugegründete Kabarett
„Der Tatzelwurm“ war den Machthabern ein Dorn im Auge – auch der
„Tatzelwurm“ wurde alsbald rigoros zertreten. Nick hielt es danach für
angebracht, aus Berlin zu ,verschwinden‘. Er reiste zu Verwandten in die
Slowakei und komponierte dort das musikalische Lustspiel „Das kleine
Hofkonzert“, dessen Melodien ältere Leser vielleicht noch im Ohr haben.
„Das kleine Hofkonzert“ von 1935 war das Erfolgswerk Nicks – es ging in
den dreißiger Jahren über fast alle deutschen Bühnen.
Auch das Berliner Staatstheater unter Gustav Gründgens hatte es zur
Aufführung angenommen. Käthe Dorsch war die attraktive
Hauptdarstellerin, und sie beanspruchte für sich das Recht, von Nick ein
neues Lied zu verlangen – selbstverständlich einen „Ohrwurm“, einen
richtigen Schlager. Keine leichte Aufgabe. Und wieviel Geistesgegenwart
zu ihrer Lösung notwendig war, möge Nick nun selbst schildern: „Als
ich“, schrieb er später rückblickend, „das Lied im Staatstheater
vorspielte, machten alle lange Gesichter. Zu schwer, zu konzertant, das
merkt sich ja kein Mensch! Das kann ja niemand nachpfeifen. ,Ein
Schund!‘, sagte die Dorsch. Ich komponierte es gleich noch einmal, ganz
anders. Käthe Dorsch kam sofort zu mir. Als sie es gehört hatte,
erklärte sie mich für geisteskrank und tobte und weinte: In 8 Tagen sei
die Premiere, und sie hätte noch kein Lied, denn sowas, wie diesen neuen
Mist ... In meiner Verzweiflung spielte ich ihr meine erste Fassung vor
und beteuerte, es wäre die dritte. Die Dorsch horchte auf: Noch einmal,
ja! Noch einmal! Jetzt fiel sie mir um den Hals, riß die Noten an sich
und jauchzte damit ins Theater. Sie sang es dort fast 150mal.“
Doch kehren wir nach der Zitierung der amüsanten, von Nick pointensicher
und brillant erzählten Episode wieder in die rauhe Wirklichkeit jener
Jahre zurück: Das „Tausendjährige Reich“ ging nach 12 Jahren im
dröhnenden Donner der Geschütze unter. Nick hatte seine gesamte Habe und
darüber hinaus zahllose Notenmanuskripte verloren. Nach der Flucht bzw.
Vertreibung, fand er sich 1945 in München wieder. Man begann wieder bei
Null, wollte Fuß fassen, suchte eine Anstellung. Er hatte Glück: durch
Erich Kästner bekam er eine Stelle als Feuilleton-Redakteur, und da
Erich der gleichen Redaktion angehörte wie Edmund, stand die Gründung
eines neuen Kabaretts ins Haus: 1946 öffnete die Münchner „Schaubude“
ihre Tore. Dort hielt es Nick freilich nicht allzu lange. Nacheinander
war er Chansonbegleiter und Musikkritiker, dann Chefdirigent der
Bayerischen Staatsoperette am Gärtnerplatz, schließlich Professor an der
Musikhochschule in München. Endlich kam die ,richtige‘ Berufung – vom
Funk: Der Nordwestdeutsche Rundfunk bot ihm die Leitung seiner
Hauptabteilung Musik in Köln an, und am Kölner Sender – später zum
„Westdeutschen Rundfunk“ verselbständigt – blieb er bis zu seiner
Pensionierung im Jahre 1956. Wollte man nur eine Tatsache aus dieser
Zeit herausheben, muß es die Gründung der „Capella Coloniensis“, eines
Orchesters für Alte Musik, sein – mit ihr hat er sich gewissermaßen ein
Denkmal gesetzt.
Bedeutung und Umfang seiner Aktivitäten – auch noch nach der
Pensionierung – lassen sich im Rahmen dieses kleinen Beitrages nicht im
einzelnen umreißen. Und Entsprechendes gilt auch für sein
kompositorisches Schaffen. In dessen Zentrum steht die Operette und das
musikalische Lustspiel; hinzu kommen zahlreiche Bühnen- und Filmmusiken
und noch mehr Lieder und Chansons. Zwar hat Nick gelegentlich auch dem
seriösen Genre Tribut gezollt – etwa mit Klavier-Variationen über das
Deutschlandlied oder dem Streichquartett „Musica serena“ –, aber der
weit überwiegende Teil seines Gesamtwerkes ist dem Bereich niveauvoller
Unterhaltungsmusik zuzuordnen. Für dergleichen besteht heute offenbar
kaum noch eine Nachfrage. Doch zumindest als Musikschriftsteller ist er
noch präsent: u. a. durch seine Bücher über Paul Lincke und über die
Wiener Walzer- und Operettenkomponisten – und nicht zuletzt durch nicht
weniger als 35 Beiträge zur oft zitierten Enzyklopädie „Die Musik in
Geschichte und Gegenwart“, kurz MGG genannt.
Hans-Jürgen Winterhoff
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