In ihm hat
Schlesien
einen der
merkwürdigsten
Revolutionäre
und
politischen
Denker
Deutschlands
hervorgebracht.
Er wurde am
23. Mai 1889
in Trebnitz
bei Breslau
geboren.
Seine
politische
und
publizistische
Wirksamkeit
entfaltete
er jedoch in
Bayern und
in Berlin.
Der Sohn
eines
Feilenhauermeisters
hatte den
Beruf eines
Volksschullehrers
erlernt,
aber
anschließend
an den
Kriegsdienst
von 1914 bis
1917 wurde
er Politiker
und
Schriftsteller.
Es zog ihn
in die
Umsturzbewegungen
in Bayern.
Er gehörte
hier der
Räteregierung
an und büßte
diese
Teilnahme
mit einer
ersten Haft
(zwei Jahre
Festung).
Später wurde
er dann als
bayerischer
Landtagsabgeordneter
erneut
aktiv, doch
es ist
charakteristisch
für den
eigenwilligen
Schlesier,
daß er sich
nicht mit
Fraktions-
und
Parteidisziplin
abfinden
mochte. Im
November
1922 zog er
als
Gewerkschaftler
nach Berlin.
Im Jahre
1925
erschienen
die beiden
ersten
Schriften:
„Der Weg der
deutschen
Arbeiterschaft
zum Staat“
und
„Grundlagen
deutscher
Außenpolitik“.
1926
gründete er
eine eigene
Zeitschrift
und einen
eigenen
Verlag. Das
W des
Widerstandskreises
war das
Emblem für
Zeitschrift
und Verlag.
Der Kreis,
eine
Sammlung
nationalgesinnter
Männer, war
eine
Verbindung
von
ehemaligen
Freikorpsleuten
und
Anhängern
der alten
Jugendbewegung.
Man setzte
sich
leidenschaftlich
für eine
geistige und
militärische
Wiederherstellung
deutscher
Macht ein.
Dies geschah
in der
Überzeugung,
daß eine
solche
Wiederherstellung
weder mit
den Mitteln
einer
parlamentarischen
Demokratie
noch an der
Seite der
Mächte zu
erreichen
sei, die
diese
Demokratie
verkörperten.
Niekisch war
der
Vordenker
bei diesen
Planspielen.
In vielen
Aufsätzen
und mehreren
Büchern
beschwor er
seine
Zeitgenossen,
Deutschlands
Sonderweg
gegen
Versailles
und
gemeinsam
mit Rußland
zu suchen.
In einem
Aufsatz „Der
sterbende
Osten“
(Widerstand
1929) machte
er sich
Sorgen über
einen
„Verzicht
auf den
Osten“.
„Weil
Deutschland
liberal,
bürgerlich
und
westlerisch
ist, vermag
es den Osten
nicht
festzuhalten;
solange es
liberal,
bürgerlich
und
westlerisch
bleibt, wird
es im Osten
einen
Rückzug nach
dem anderen
antreten
müssen, wird
es dort eine
Niederlage
nach der
anderen
erleiden.“
Die Wendung
zum Osten
ist
„Rückkehr
zum Land,
Auflehnung
gegen den
Staat, Mut
zu
bäuerlicher
‚Barbarei‘
und
Primitivität“.
Streng
genommen,
vertritt
Niekisch
nicht einen
deutschen
Nationalismus,
sondern eine
„preußische
Rasse“,
„jenes
germanische
Menschentum,
das, soweit
es fremden
Einschlag
zeigt,
slawischen
Blutzusatz
besitzt“. So
steht er
ganz in der
prorussischen
Tradition.
Diese
konservative
Revolution
trug, so
wenig das
auch zu
einem
solchen
esoterischen
Kreis passen
mochte, bald
das Etikett
eines
Nationalbolschewismus.
Neben
Niekisch
waren
Tröger,
Drexel, Hugo
Fischer,
anfangs auch
Alfred
Baeumler,
Reck-Malleczewen
und die
Brüder Ernst
und
Friedrich
Georg Jünger
Autoren der
Zeitschrift
und des
Verlages.
Zur
Hitler-Bewegung
hatte
Niekisch von
Anbeginn an
ein
gespanntes
Verhältnis.
Die Idee des
Deutschtums
schien ihm
durch die
Nationalsozialisten
entstellt
und
besudelt.
Gegen den
Führer
schrieb er
1932 die
glühende
Kampfschrift
„Hitler –
ein
deutsches
Verhängnis“,
deren
prophetische
Illustrationen
von A. Paul
Weber Epoche
gemacht
haben. Die
aberwitzigen
Folgen des
Versailler
Vertrags
konnten
Niekisch und
seinen
Kreis,
wenige
Ausnahmen
abgerechnet,
nicht
veranlassen,
sich der
Bewegung
Hitlers
anzuschließen.
Die Folge
war, daß die
Monatsschrift
„Widerstand“
im November
1934 von der
Geheimen
Staatspolizei
verboten
wurde, der
Verlag
folgte wenig
später. Eine
Haussuchung
bei Niekisch
förderte ein
Buchmanuskript
zutage, das
Niekisch
endgültig
hinter
Zuchthausmauern
brachte. Es
war „Das
Reich der
niederen
Dämonen“ –
die
schärfste
und
kundigste
Abrechnung
mit den
Verderbern
des Reiches.
Die Haft
kostete Niekisch
seine
Gesundheit.
In der
Nachkriegszeit
versuchte
Niekisch
einen
Neuanfang
unter
russischer
Besetzung
als
Professor an
der
Humboldt-Universität.
Seine
Begabung,
sich
zwischen
alle Stühle
zu setzen,
bewährte
sich nun
erst recht.
Blieb Hitler
schon die
Hoffnungen
des
Nationalisten
schuldig, so
ließen die
SED und die
Sowjetunion
den
Sozialisten
Niekisch
ernüchtert
auf der
Strecke. Als
ihm die SED
eine
Stellungnahme
gegen den
Kampfgefährten
Ernst Jünger
abforderte,
resignierte
er. Im
Westen
verweigerte
man dem
ehemaligen
politischen
Häftling im
Zeichen des
Kalten
Krieges die
Wiedergutmachung.
Sebastian
Haffner hat
den
Prosaisten
Niekisch mit
Kleist
verglichen.
Das ist
hochgegriffen,
aber
kleistisch
ist sicher
die
Entschiedenheit,
die
Unbestechlichkeit
und auch die
Unduldsamkeit
seiner
politischen
Publizistik.
Eines seiner
Hauptwerke,
„Die dritte
imperiale
Figur“, ist
inzwischen
bis auf
zufällige
Bibliotheksexemplare
verschollen.
Er starb an
seinem 78.
Geburtstag
in Berlin.
Als
Philosoph
war Ernst
Niekisch
Autodidakt.
Die
Einflüsse
von Hegel,
Nietzsche
und Spengler
auf sein
Denken sind
unverkennbar.
Seine
Geschichtsphilosophie
rechnet mit
Mächten wie
mit okkulten
Qualitäten.
Auf der
Negativseite
stehen Rom
(Römertum,
katholische
Kirche),
Kapitalismus,
Westen
(Frankreich),
Liberalismus,
Bürgertum,
auf der
positiven
Preußentum,
Protestantismus,
Bauerntum,
Soldatentum,
Staatsgesinnung,
Osten. In
Hitler
erblickt er
anfangs
einen
Parteigänger
Roms und ein
Werkzeug
Frankeichs.
Seine
Parteinahmen
sind zwar
beredt, aber
undifferenziert.
Die
Einflüsse
auf das
deutsche
Volk werden
nach der
einen Seite
ebenso
heftig
bekämpft wie
auf der
anderen
gepriesen.
In ihrer
Einseitigkeit
gemahnt
diese
Theorie am
ehesten an
Dostojewskis
politische
Schriften.
Was
auffällt,
ist die
Abwesenheit
von
verläßlichen
Rechtsvorstellungen.
Hier sind
die Ideen
Kants
spurlos an
der
„konservativen
Revolution“,
übrigens
auch an
ihren
übrigen
Vertretern,
vorübergegangen.
Auch eine
Reise in die
Sowjetunion
1932 kann
den
Russophilen
nicht
beirren,
obwohl
schwerlich
ein
zutreffenderes
Bild von dem
Grau-in-Grau
der
proletarischen
Wirklichkeit
gemalt
worden ist.
Wie viele
seiner
Zeitgenossen
bewundert er
die
Planwirtschaft
selbst dort,
wo sie sich
der Mittel
der GPU
bedient. Es
versöhnt mit
der Härte
des
Revolutionärs,
daß er unter
allen
Umständen
seine
persönliche
Integrität
wahrt. Dem
drohenden
Schicksal,
vom
Zuchthaus
ins KZ
abgeschoben
zu werden,
entgeht er
nicht durch
einen ihm
abgeforderten
Widerruf,
sondern
durch die
Sympathien
seiner
Bewacher für
den
verirrten
Preußen.
Hauptwerke
(außer den
bereits
genannten):
Gedanken
über
deutsche
Politik,
1929. –
Entscheidung,
1930. –
Erinnerungen
eines
deutschen
Revolutionärs
(2 Bde.),
1974:
Widerstand
(Auswahl aus
der
Zeitschrift),
1982. –
Zeitschriften
u.a.:
Widerstand,
Zeitschrift
für
nationalrevolutionäre
Politik
1926-1934
(Ausstattung
und
Illustrationen
von A. Paul
Weber);
Entscheidung,
Wochenzeitung
für
nationalrevolutionäre
Politik
1932-1933.
Lit.:
Armin
Monier, Die
Konservative
Revolution
in
Deutschland
1918-1932.
2. Aufl.
1972. – W.
R. Beyer,
Rückkehr
unerwünscht,
Joseph
Drexels
„Reise nach
Mauthausen“
und der
Widerstandskreis
Ernst
Niekischs,
1978
(enthält das
Volksgerichtshof-Urteil
gegen
Niekisch von
1939). –
Sebastian
Haffner, E.
N., in:
Haffner/Venohr,
Preußische
Profile,
1980. – Uwe
Sauermann,
E.N.,
Zwischen
allen
Fronten, mit
einem
faktenreichen
biographischen
und
bibliographischen
Anhang von
Armin
Monier. – G.
Wolandt, A.
Paul Weber,
1983
(würdigt
Niekischs
große
Bedeutung
für den
Widerstandskreis
und für das
graphische
Werk von
A.P.W.).
Gerd Wolandt