Der schlesische Schriftsteller Hans Niekrawietz hat meist am Rande
der „großen Dichterstraßen" gestanden; auf schmalen,
grasüberwachsenen Feldwegen seiner oberschlesischen Heimat, die
allesamt zur Oder führten; zu dem Strom, den er vielfach besungen
und verklärt hat, an dessen Ufern er unter ärmlichen Verhältnissen
aufwuchs. Geboren in der Regierungshauptstadt Oppeln (die ihm auch
eine „Ehrenplakette" verlieh), hat ihn nur die Vertreibung aus
seiner oberschlesischen Heimat zu entfernen vermocht. Und diese auch
nur räumlich; denn geistig blieb der Lyriker stets da, wo er in
seinen Versen unveräußerliche Heimat fand:
„An der Oder, nahe dem Wehr und den Wellen/
schwingt in der Dunkelheit noch unser Lied/
An der Oder - unhemmbar seither sind die schnellen/
und größeren Ströme der Zeit - verrauscht und versprüht."
In dem 1961 bei Herder, Freiburg, erschienenen Roman Der Wind weht
von der Oder hat der Autor seine Kindheits- und Jugenderlebnisse
festgehalten. Eine versunkene Welt wird noch einmal in lyrischer
Prosa beschworen. Denn die literarische Stärke dieses Autors war und
blieb bis zu seinem Tode die Lyrik. Bereits in den Jahren 1932 bis
1943 waren sechs Gedichtbände erschienen, für die Niekrawietz 1937
mit dem „Schlesischen Literaturpreis" ausgezeichnet wurde. Nach
Heimatverlust und Neubeginn in der schlesischen Künstlersiedlung „Am
Atzenberg" in Wangen/Allgäu war es für ihn als Lyriker besonders
schwierig, literarisch wieder Fuß zu fassen. Erfreulicherweise
liegen die Oderlieder (1936) nun (in einer erweiterten Auflage der
1949 im Brentano-Verlag erschienen Ausgabe) im Bergstadtverlag Wilh.
Gottl. Korn (früher Breslau, jetzt Würzburg) vor. Im gleichen Verlag
waren bereits 1957 Gedichte unter dem Titel Östliche Melodie
erschienen, für die Hans Niekrawietz 1965 den
„Eichendorff-Literaturpreis" erhielt.
Es ist nicht vermessen zu sagen, daß der schlesische
Schicksalsstrom, die Oder, in den Gedichten von Hans Niekrawietz
Geist und Gestalt gewonnen hat, über die Zeiten hinaus. Neben den
Hymnen an die Oder wären indessen auch die Bauern-und
Bergmannsgesänge (1936) zu nennen, in denen ein anderer, härterer
und kritischer Ton (im Gegensatz zu der romantischen Seite seines
Schaffens) Platz greift. Auch aus den nach 1945 entstandenen
Gedichten ist ablesbar, daß Niekrawietz der Arbeiter und
Industriedichtung verhaftet blieb, in der sich sein Herkommen
spiegelt.
Lit.:
Arno Lubos: Geschichte der Literatur Schlesiens, Band II., München:
Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, 1967, S. 244-249. Bild: Hans
Niekrawietz im Jahre 1937, Ullstein Bilderdienst
Jochen Hoffbauer