Außergewöhnliche
Lebensläufe
beginnen
nicht selten
auch
außergewöhnlich.
Als
Sechzigjähriger
erinnert Max
Nordau an
die
Turbulenzen
zum
Zeitpunkt
seiner
Geburt
“mitten in
dem
Durcheinander
des in den
letzten
Zügen
liegenden
ungarischen
Freiheitskampfes”
und auch
schon
während
seiner
pränatalen
Existenz:
“Drei Monate
vor meiner
Geburt
mußten meine
Eltern aus
ihrer
Wohnung in
Pest fliehen
und in einer
Art
Bauernhütte
Zuflucht
suchen. Sie
retteten
sich vor den
Bomben der
Ofner
Festung, die
Pest beschoß,
nach dem
Stadtwäldchen,
wo sie ganz
schutzlos
zwei
schreckensvolle
Nächte
verbrachten”.
Geboren wird
der
Rabbinersohn
als Simon
Maximilian
Südfeld,
benutzt den
Namen Max
Nordau aber
bereits seit
1861 als
nom de plume,
der ihm 1873
auch
gesetzlich
zugesprochen
wird. Die
Namensänderung
markiert das
Bestreben,
seine
jüdische
Herkunft zu
verleugnen
und fortan
als
konfessionsloser
Deutscher zu
leben. Diese
Option
verleidet
ihm auch
seine
ungarische
Heimat, wo,
verstärkt
nach dem
österreichisch-ungarischen
Ausgleich
von 1867,
die deutsche
Sprache und
überhaupt
das
Deutschtum
mehr und
mehr
verdrängt
werden.
Immerhin
schließt
Nordau noch
in Ungarn
seine
Gymnasialbildung
und sein
Medizinstudium
ab, ehe er
sich 1876
zunächst für
zwei Jahre
und dann
seit 1880
auf die
Dauer in
Paris
niederläßt
–
auch nicht
gerade, nach
dem
Deutsch-Französischen
Kriege, in
einer
deutschfreundlichen
Umgebung,
aber doch in
der freieren
Atmosphäre
der
damaligen
Kulturmetropole
Europas.
Weltläufigkeit
hatte er
bereits
während
einer
ausgedehnten
Europareise
1874/75
erworben,
deren
Finanzierung
ihm erste
journalistische
Erfolge
ermöglichten.
In Paris
ergänzt er
1881 seine
medizinischen
Studien bei
dem
weltberühmten
Neurologen
Jean-Martin
Charcot, der
vier Jahre
später auch
Sigmund
Freuds
Lehrer wird,
und wird
1882 mit
seiner
Arbeit De
la
castration
de la femme
promoviert.
Mittlerweile
arbeitet er
für die
Frankfurter
und die
Vossische
Zeitung,
und im Jahre
1883
erscheinen
skandalumwittert
Die
conventionellen
Lügen der
Kulturmenschheit:
gemeint sind
die
religiöse
Lüge, die
monarchistisch-aristokratische
Lüge, die
politische
und
wirtschaftliche
Lüge sowie
die Ehelüge.
Auffällig
ist die Nähe
zu Ibsens
Begriff der
Lebenslüge,
einem
Zentralthema
der am 9.
Januar 1885
uraufgeführten
Wildente.
Nordaus
Pamphlet,
das in
Österreich
und Rußland
verboten,
konfisziert
und
verbrannt
wird, stellt
seinen
ersten
großen
Bucherfolg
dar, der
sich auch
durch rasche
Übersetzungen
ins
Englische,
Französische
und
Niederländische
bekundet.
1891 wird
Nordau
selber ein
Opfer der
‘wirtschaftlichen
Lüge’ seiner
Epoche:
infolge von
Börsenspekulationen
verliert er
sein
gesamtes
Vermögen,
dessen
Verlust er
aber durch
den Ertrag
seines davon
handelnden
Romans
Drohnenschlacht
(1897)
wieder ein
wenig
wettmacht.
Arm und mit
Schulden
belastet,
schreibt
Nordau 1892
und 1893 in
einer
gewaltigen
Kraftanstrengung
sein
bedeutendstes
und
einflußreichstes
Buch mit dem
durch
nationalsozialistischen
Mißbrauch
nachgerade
zum Tabuwort
gewordenen
Titel
Entartung,
dessen zwei
starke Bände
in denselben
Jahren bei
Duncker &
Humblot in
Berlin
erscheinen
und, wie die
Conventionellen
Lügen,
sogleich in
die
bedeutendsten
europäischen
Kultursprachen
übersetzt
werden.
Statt der
niederländischen
gibt es aber
diesmal, und
zwar schon
1893, eine
italienische
Ausgabe; und
dies ist
vielleicht
kein bloßer
Zufall, hat
der
Verfasser
das Werk
doch dem
berühmten
Autor von
Genie und
Irrsinn (Genio
e Follia,
1864),
“Herrn
Cesare
Lombroso,
Professor
der
Irrenheilkunde
und
gerichtlichen
Medizin an
der
Universität
zu Turin”,
gewidmet.
Das ominöse
Titelwort
‘Entartung’,
zuerst 1883
in
Nietzsches
Zarathustra
gebraucht,
ist bei
Nordau eine
Eindeutschung
des Terminus
dégénérescence,
wie er von
Auguste
Bénédicte
Morel
(1809-1873)
in seinem
Traité des
Dégénérescences
physiques,
intellectuelles
et morales
(1857)
verwendet
worden war.
Nordau
brandmarkt
in seinem
Werk fast
die gesamte
Kultur der
Moderne, die
literarische
ebenso wie
die
musikalische
und
bildkünstlerische,
als
degeneriert
und sieht
den Ursprung
des Übels in
der
Romantik, im
Sinne von
Goethes
bekanntem
Diktum: “Das
Klassische
nenne ich
das Gesunde
und das
Romantische
das Kranke”.
Im
Unterschied
zur späteren
nationalsozialistischen
Praxis
sollte man
die
krankhaften
Entartungserscheinungen
seiner
Meinung nach
aber nicht
durch
staatlich-polizeiliche
Gewaltmaßnahmen
bekämpfen,
sondern
ihnen durch
Pressekampagnen
und
ärztliche
Aktivitäten
zu steuern
versuchen.
In besonders
hohem Maße
entartet
sind für den
Verfasser
bemerkenswerterweise
auch die von
den
Nationalsozialisten
zu Heroen
stilisierten
‘Mystiker’
respektive
‘Ich-Süchtigen’
Wagner und
Nietzsche
und nicht
zuletzt die
Antisemiten,
so daß nach
Nordau die
späteren,
als
Dégénérescence-Verfolger
agierenden
Schergen
selbst als
die
Entarteten
anzusehen
wären.
In seiner
Kulturkritik
geht Nordau
zweifellos
mit seinen
generalisierenden
Irrsinn-Verdächtigungen
weit über
das
vertretbare
Maß hinaus
und verdirbt
sich damit
seine
durchaus
bedenkenswerte
Hauptthese;
denn für die
Behauptung,
daß die
Kultur und
überhaupt
die
Lebensformen
unserer Zeit
Krankheitssymptome
aufweisen
und daß sich
deren
Wurzeln bis
in die Jahre
der letzten
Jahrhundertwende,
ja teilweise
bis in die
Romantik
zurückverfolgen
lassen,
dafür
könnten in
der Tat
Gründe
namhaft
gemacht
werden. Doch
bei der
Lektüre etwa
von Nordaus
Nietzsche-Kritik
wird so
mancher kaum
anders als
Fontane
reagieren,
der seine “Ibsen-Anti-Ibseniaden”,
wie er sich
am 6. Juni
1893
Friedrich
Stephany
gegenüber
äußert,
“unter
intensivstem
Lachen” zur
Kenntnis
nahm. Wir
lassen es
zur
Illustration
von Nordaus
Verfahren
bei einer
Handvoll
Sätzen aus
seinem fast
hundert
Seiten
umfassenden
Nietzsche-Kapitel
bewenden:
“Wenn man
Nietzsches
Schriften
hinter
einander
liest, so
hat man von
der ersten
bis zur
letzten
Seite den
Eindruck,
einen
Tobsüchtigen
zu hören,
der mit
blitzenden
Augen,
wilden
Geberden und
schäumendem
Munde einen
betäubenden
Wortschwall
hervorsprudelt
und
zwischendurch
bald in ein
irres
Gelächter
ausbricht,
bald
unfläthige
Schimpfreden
und Flüche
ausstößt,
bald in
einem
schwindelig
behenden
Tanz
herumhüpft,
bald mit
drohender
Miene und
geballten
Fäusten auf
den Besucher
oder
eingebildeten
Gegner
losfährt. [
... ] Man
muß sich
zuerst an
Nietzsches
Redeweise
gewöhnen.
Der
Irrenarzt
hat das
allerdings
nicht nöthig.
Ihm ist
diese Art
wohlbekannt
und
vertraut. Er
liest häufig
Schriften
von
ähnlichem
Gedankengang
und Vortrag,
freilich in
der Regel
ungedruckte,
und er liest
sie nicht zu
seinem
Vergnügen,
sondern um
die
Einschließung
des
Verfassers
in eine
Heilanstalt
vorzuschreiben.”
Im Falle
Nietzsches
hat Nordau
auch noch
die
Genugtuung,
seinen
Ausführungen
die
Bemerkung
beifügen zu
können, daß
der
Diagnostizierte
“nunmehr
seit Jahren
als
unheilbar
Wahnsinniger
in der
Anstalt des
Professor
Binswanger
in Jena
lebt, ‘der
rechte Mann
am rechten
Platze’”.
Nordaus
Sympathie
gehört
Dichtern wie
dem Goethe
verpflichteten
Paul Heyse,
an den er
sich
anläßlich
des ihm
verliehenen
Literatur-Nobelpreises
am 17.
November
1910 mit den
Worten
wendet:
“Jetzt aber
darf ich
Ihnen sagen,
daß Ihre
Krönung
durch die
schwedische
Akademie
eine der
großen
Freuden
meines
Lebens ist.
Es hängt so
viel daran!
Sie ist
nicht nur
die längst
verdiente
Ehrung des
großen
Dichters und
edeln
Menschen,
die dem
Gerechtigkeitsgefühl
aller gesund
und sittlich
fühlenden
Menschen ein
wahres
Labsal ist,
sie ist auch
ein Triumph
der
Schönheit
über das
Greuliche,
des Hohen
und Adligen
über das
Gemeine, des
dauernd
Wertvollen
über den
elenden
Bazarschund
der
Tagesmode.”
Es offenbart
sich hier
die gleiche
Gesinnung
wie in den
Huldigungsworten
an Hans
Heinrich
Reclam zur
Feier von
Nummer 5000
der
Universalbibliothek
(1908),
deren erste
Bändchen
(1867) mit
Werken von
Goethe,
Lessing und
Shakespeare
bereits den
hohen, aus
den
Klassikern
gewonnenen
Bildungsanspruch
des
Verlagshauses
kundgetan
hatten:
“Unter den
5000
Bändchen mag
es welche
geben”,
formuliert
Nordau, “die
kein
unbedingtes
Meisterwerk
enthalten;
es ist aber
kein
einziges
darunter,
das nicht im
weitesten
Sinne
sittlich
ist, das
nicht den
Leser
besser,
edler,
geistig
freier
entlässt.”
Uns Heutigen
sind solche
Worte
weltenfern
geworden.
Aber
angesichts
ihrer fühlen
wir uns
nicht wie
bei der
Nietzsche-Abfertigung
zu lachen
versucht,
sondern
empfinden
Trauer wie
über etwas
groß und
schön
Gewesenes,
das
unwiederbringlich
verlorengegangen
ist.
Die Jahre
1892 und
1893 sind
nicht nur
durch die
Publikation
seines
opus magnum
für Max
Nordau von
besonderer
Bedeutung.
In diese
Zeit fallen
auch der
Beginn
seiner
Freundschaft
mit Theodor
Herzl und
auf der
Insel Borkum
das Erleiden
gegen ihn
gerichteter
antisemitischer
Angriffe:
“der größte
Seelenschmerz
meines
Lebens”, wie
er am 22.
September
1893 seinem
Freunde
Eugen von
Jagow
schreibt.
Diese
schlimme
Lebenserfahrung,
sodann die
Judenhetze
im
Zusammenhang
mit der
Dreyfus-Affäre
(ab 1894)
und
schließlich
und
entscheidend
der Einfluß
seines
Freundes
Herzl, nicht
jedoch eine
religiöse
Bekehrung
bewirken
Nordaus
Hinwendung
zum
Zionismus.
“Erst das
Anwachsen
des
Antisemitismus”,
so äußert er
sich selber
in seiner
Autobiographie
von 1909,
“weckte in
mir das
Bewußtsein
meiner
Pflichten
gegenüber
meinem Volke
und die
Initiative
fiel meinem
teuren
Freunde
Herzl zu, zu
dem ich in
Paris in
sehr nahe
Beziehungen
trat.” Seit
Ende 1895
unterstützt
Nordau
dessen
Projekt
eines
jüdischen
Staatsgebildes,
wie es sich
dann 1896 in
Herzls Buch
Der
Judenstaat
der
Öffentlichkeit
vorstellt.
Der Freund
öffnet ihm
auch die
Spalten der
renommierten
Wiener
Neuen Freien
Presse,
für die
Nordau
zahlreiche
Feuilletons
verfaßt,
darunter
Jahr für
Jahr die
zeitgeschichtlich
aufschlußreichen
Rückblicke
auf die
jeweils
abgelaufenen
zwölf
Monate. Eine
Summe seiner
geschichtsphilosophischen
Gedankengänge
zieht er in
dem Buche
Der Sinn der
Geschichte
(1909). Für
die Sache
des
Zionismus
setzt er
sich bis an
sein
Lebensende
ein,
zeitweilig
sogar als
Präsident
der
zionistischen
Weltkongresse.
Der Erste
Weltkrieg
zwingt ihn
zum
Verlassen
seiner
Wahlheimat
Frankreich.
Erst 1920
kann er aus
seinem
Zufluchtsland
Spanien nach
Paris
zurückkehren.
Doch seine
Lebenskraft
wird durch
einen
Schlaganfall,
den er am 2.
Dezember
desselben
Jahres
erleidet,
gebrochen.
Gut zwei
Jahre später
endet, nach
einer
ungemein
kraftvollen
und
wirkungsmächtigen
Lebensleistung,
sein Dasein.
Seit 1926
ruht sein
Leichnam in
Tel Aviv.
Der Tod.
Unter diesem
Titel hat
Max Nordau
1915
innerhalb
eines
Sammelbandes
über
Menschen und
Menschliches
von heute
einen
Essay
veröffentlicht.
Was uns nach
dem Ende des
Lebens
erwartet, so
läßt er uns
wissen, ist
das Nichts.
Aber wir
sollen es
nicht
fürchten und
auch nicht
den Übergang
in das
Nicht-mehr-Sein.
Denn: “Man
stirbt
unempfindlich”.
Alles aber,
“was man
wünschen
darf, ist
ein Tod, der
nicht vor
der Zeit
eintritt,
sondern
genau in dem
Augenblick,
wo man alle
seine
Aufgaben
erfüllt und
den
natürlichen
Kreis der
Lebensobliegenheiten
geschlossen
hat. Dieser
Tod, das ist
meine tiefe
Ueberzeugung,
kann niemand
erschrecken.”
Werke:
Nordaus
Schriften
sind
gegenwärtig
nicht
lieferbar.
Lit.:
Delphine
Bechtel,
Dominique
Bourel,
Jacques Le
Rider (Hg.):
Max Nordau
1849-1923.
Critique de
la
dégénérescence,
médiateur
franco-allemand,
père
fondateur du
sionisme.
Paris 1996.
– Uwe Spörl:
Gottlose
Mystik in
der
deutschen
Literatur um
die
Jahrhundertwende.
Paderborn/München/Wien/Zürich
1997. –
Christoph
Schulte:
Psychopathologie
des Fin de
siècle. Der
Kulturkritiker,
Arzt und
Zionist Max
Nordau.
Frankfurt am
Main 1997.
Bild:
Photographie
aus dem
Jahre 1884.
Burkhard
Bittrich