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Zwei Jahre nach der
Geburt Oberths zogen dessen Eltern, der Chirurg Julius Oberth und seine
Frau Valerie, die Tochter des Freidenkers Friedrich Krasser, nach
Schäßburg. Dort, am Bischof-Teutsch-Gymnasium, begann der junge Hermann,
nachdem er die Werke Jules Vernes gelesen hatte, bereits mit ersten
Versuchen und Überlegungen zur Raketentechnik. Daß die von Jules Vernes
beschriebene Beschleunigung mit 21. 000fachem Wert der Erdschleunigung
unrealistisch war, das darin liegende Problem aber gelöst werden mußte,
darin bestand Oberths Herausforderung. Das 1912 in München begonnene
Medizinstudium unterbrach der Krieg, zu dem sich Oberth freiwillig
meldete. In Klausenburg und (weil Siebenbürgen 1919 an Rumänien fiel)
dann wiederum in München, wo man ihn aber als Nichtdeutschen bald
auswies, sowie schließlich in Göttingen nahm Oberth jetzt das Studium
der Physik auf. In Göttingen, wo er sich mit seiner Frau und dem gerade
geborenen Sohn Julius niederließ, lernte er als Lehrer Hubert, Klein,
Lenard und Wolf kennen. In diesen Jahren kamen ihm die Ideen zum
Dreistufenprinzip. Die Heidelberger Universität, an welcher 1922 sein
Studium mit einer Promotion abschließen wollte, nahm seine Arbeit Die
Rakete zu den Planetenräumen jedoch nicht an. Die junge Familie
kehrte nach Schäßburg zurück. Oberth wurde Mathematik- und
Physikprofessor am dortigen Mädchenseminar und dann am Gymnasium,
nachdem er 1923 in Klausenburg sein Staatsexamen bestanden hatte, für
das er die ursprüngliche Dissertation als Diplomarbeit angerechnet
erhielt.
Ebenfalls 1923 ließ
Oberth in München Die Rakete zu den Planenräumen auf eigene
Kosten drucken und machte die Bekanntschaft des russischen
Raketenforschers K. E. Ziolkowski, der heute zusammen mit Oberth und dem
Amerikaner R. H. Goddard zu den Pionieren zählt. 1927 gründete man in
Breslau den Verein für Raumschiffahrt, zu dessen Vorsitzenden Oberth
zwei Jahre darauf gewählt wurde. 1928 engagierte Fritz Lang, der bei der
Ufa Berlin Die Frau im Mond drehte, Oberth als wissenschaftlichen
Berater, was die
Konstruktion einer wirklichen Flüssigkeitsrakete in den Ufa-Werkstätten
ermöglichte. In dieser Zeit entdeckte Oberth die Selbstzerreißung der
brennenden Tröpfchen und entwickelte die Kegeldüse. 1929 ließ er sich
diese Erkenntnisse patentieren. Bei Versuchen auf dem Gelände der
Chemisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin halfen Oberth einige
Studenten, unter ihnen Wernher von Braun. 1930 schuf Rudolf Nebel, mit
dem sich später überwarf, in Berlin-Tegel den ersten Raketenflugplatz
der Welt. Angebote Moskaus und des bulgarischen Königs, in Rußland
und Bulgarien zu arbeiten, schlug Oberth aus.
Oberts Bücher, deren
Inhalte heftige Diskussionen entfachten, sowie der Entwurf einer
ferngesteuerten Rakete brachten ihm 1938 Forschungsstipendium in
Deutschland ein: Wien, Dresden und Peenemünde (1941), wo er die beste
Teilung von Stufenaggregraten herausfinden sollte, waren die Stationen
seines Wirkens. Am 4. Oktober 1942 startete, ohne direkte Beteiligung
Oberths, nach drei Mißerfolgen die erste A-4(V-2)-Rakete mit einer
Gipfelhöhe von 90 Kilometern und einer Flugweite von 290 Kilometern.
1943 kam Oberth nach Reinsdorf bei Wittenberg, wo die Entwicklung einer
Stoffrakete geplant war. In diesem Jahr kaufte er das Pfinzing-Schloß in
Feucht bei Nürnberg, in das er bei Kriegsende 1945 zu der Familie zog.
Fortan erhielt Oberth in
der Schweiz und in Italien Aufträge, betreffend die Entwicklung von
Feststoffraketen. Seit 1953 beschäftigte er sich mit der Nutzung der
Sonnenenergie, dann lebte er einige Jahre in den USA, wo er in
Huntsville unter Wernher von Braun beim amerikanischen Raumfahrtprojekt
mitwirkte, um dach im Jahre 1959 die Selbstbiographie Dichtung und
Wahrheit zu
verfassen und 1961 eine
Vortragsreise durch die Bundesrepublik Deutschland zu unternehmen, bei
der ihn viele seiner späteren Verehrer persönlich kennenlernten.
1963 beschloß die
Deutsche Raketen-Gesellschaft, sich in „Hermann-Oberth-Gesellschaft“
umzubenennen. Acht Jahre später errichtete die Gesellschaft in Feucht
das Hermann-Oberth-Museum. Einen Antrag Wernher von Brauns um
Bezuschussung eines derartigen Museums hatte der Forschungsminister im
Kabinett Adenauers, wie Oberths Biograph H. Barth schreibt, mit den
Worten „Für solche Dummheiten haben wir kein Geld“ beschieden. 1977 noch
befaßte sich Oberth in der Schrift Das Drachenkraftwerk (Feucht
1977) mit einer neuen Methode der Windkraftnutzung. 1989 trug man Oberth
zu Grabe; das Denkmal im Feuchter Stadtpark sowie der Grabstein waren
schon mehrere Jahre zuvor fertiggestellt.
Im Museum, das im
Todesjahr Oberths ein neues Gebäude durch die Marktgemeinde Feucht
erhielt, sind das Leben, die Entwürfe und die Projekte des „deutschen
Vaters der Raumfahrt“ dokumentiert. Zu den herausragendsten
Ausstellungsstücken zählen gegewärtig das Modell der Kegeldüse, die
dritte Stufe der Europa-Trägerrakete, ein originaler sowjetischer
Raumanzug, der Bordanzug des deutschen Astronauten E. Messerschmid, die
„Speisen“ der Raumfahrer und die unzähligen Auszeichnungen und Berichte.
Neben seinen
theoretischen Arbeiten und technologischen Erfindungen zum Raketenflug,
deren Auswirkungen wir alle kennen, dürfte die mitreißende Überzeugung
von der Möglichkeit Raumfluges das Bedeutendste an Oberths Leben gewesen
sein. Daß er aufgrund seines Wesens jedem einerseits respekteinflößend
gegenübertrat, aber dann doch wieder ganz nah war, den einseitig
technisch Interessierten bei den Museumsführungen auch Perspektiven
jenseits der Fachgrenzen eröffnete, insbesondere hinsichtlich der
gesellschaftlichen Verhältnisse und ihrer Verbesserung, gehört zu den
Erlebnissen jener, die ihm persönlich begegnen durften. Zu der Tatsache,
daß Oberth seitens deutscher Stellen verhältnismäßig selten geehrt
wurde, schrieb Eugen Sänger, eine Ehrenrührung sei das nicht für das
Genie, sondern für den verantwortlichen Teil der Gesellschaft.
Weitere Werke: Wege zur
Raumschiffahrt, München 1929. - Über die beste Teilung von
Stufenaggregaten, Peenemünde 1941. - Menschen im Weltraum, Düsseldorf
1954. - Die Kakokratie, Nürnberg 1976. - Wählerfibel für ein
Weltparlament, Feucht 1984.
Lit.: Barth, Hans:
Hermann Oberth, Feucht 1991. - Bergel, Hans: Der mythische Traum vom
Fliegen, Innsbruck 1985. - Fritz, A.: Der Weltraumprofessor, Reutlingen
1969. - Harl, H.: Hermann Oberth, Hannover 1958. - Walteres, H.: Hermann
Oberth, New York 1962.
Karl
Röttel
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