Die 100.
Wiederkehr des Geburtstages von Theodor Oberländer am 1. Mai 2005
hätte Gelegenheit gegeben, von seiner bereits 1993 erfolgten und
danach mehrfach bestätigten Rehabilitierung vom Mordvorwurf der
Sowjets und der DDR-Justiz öffentlich zumindest Kenntnis zu nehmen.
Nichts dergleichen geschah, weder vor noch nach diesem Tag,
Oberländer blieb und bleibt bis heute aus der Sicht bestimmter
Medien einer der umstrittensten Nachkriegspolitiker der
Bundesrepublik. Offenbar ist der Zeitpunkt noch nicht erreicht, zu
dem Theodor Oberländer eine gerechte Beurteilung erfährt.
Nochmals zur Erinnerung (vgl.
„Ostdeutsche Gedenktage 1990“, S. 84 ff):
1923 Abitur,
1924-30 Studium der Agrar- und Volkswirtschaft, Promotion zum
Dr. agr. und Dr. rer. pol.,
1933-37
Direktor des Institutes für Osteuropäische Wirtschaft, Königsberg,
Eintritt in die
NSDAP und Leiter des Landesverbandes Ostpreußen des
Bundes Deutscher Osten,
1937 Auseinandersetzung
mit der Parteileitung in Königsberg, Wechsel als Professor für
Agrarwissenschaft an den Universitäten Königsberg
und danach Greifswald,
1940 Ordinarius für
Staatswissenschaft an der Universität Prag,
1940-42 Kommandeur
ukrainischer und kaukasischer Truppeneinheiten an der Ostfront,
1942 Forderung auf
menschenwürdige Behandlung osteuropäischer Völker durch Partei
und Wehrmacht, daraufhin Entlassung aus der
Wehrmacht,
1945-46
Kriegsgefangenschaft,
1946 Geschäftsführer
der Fa. Samenzucht „Terra“ in Bayern,
1950 Eintritt in den
Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE),
1950-53 Mitglied des
Bayerischen Landtags, bayerischer Staatssekretär für das
Flüchtlingswesen,
1953-65 Mitglied des
Deutschen Bundestages (mit Unterbrechung 1961-63),
1953-60 Bundesminister für
Vertriebene Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, ab 1954
Bundesvorsitzender des BHE,
1956 Eintritt in die
CDU,
1958-64
Vorsitzender des CDU
Landesverbandes Oder-Neiße,
1960 von Sowjets veranlaßter Schauprozeß in Ostberlin
wegen des Vorwurfes, an Morden
während der Kriegszeit in Lemberg beteiligt gewesen zu sein,
Verurteilung zu
lebenslanger Haft, Rücktritt als Bundesminister,
1960-98 ca. 100 für
Oberländer erfolgreiche Prozesse vorwiegend mit westdeutschen
Medien wegen Schuldzuweisung auf Grundlage des
DDR-Urteils,
1993 Staatsanwaltschaft
Bonn hebt DDR-Urteil auf, polnische Regierung und Simon
Wiesenthal, Wien, bestätigen Revisionsurteil,
1996 erneuter Prozeß
vor dem Landgericht Köln,
1998 verstirbt Theodor
Oberländer in Bonn, erst danach erfolgte erneute Rehabilitierung
durch das Landgericht Köln.
In der
deutschen Öffentlichkeit wird die Beurteilung der Lebensleistung von
Theodor Oberländer angesichts der jahrzehntelangen Medienkampagne
bis heute vorwiegend auf den Zeitraum zwischen 1933 und 1945
bezogen, während seine Tätigkeit in der Nachkriegszeit nur im
Ausnahmefall die ihr gebührende Erwähnung oder gar Anerkennung
findet.
Als junger
Wissenschaftler begeisterte sich Oberländer für die damals
propagierten Ziele des Nationalsozialismus, er hoffte auf frischen
Wind in den vom Parteienhader zerissenen Weimarer Staat. Bereits
1937 jedoch kam es zum Bruch mit der seinen Idealen so wenig
entsprechenden Partei-Wirklichkeit. Er wechselte in die Wissenschaft
und folgte einer Berufung zum Professor für Agrarwissenschaft nach
Königsberg, später nach Greifswald, 1940 schließlich als Ordinarius
für Staatswissenschaft an die Universität Prag. Dank seiner Landes-
und Sprachkenntnisse – Oberländer hatte während seiner Studienzeit
mehrfach die Sowjetunion bereist – beauftragte ihn Admiral Canaris
mit der Aufstellung eines Wehrmachtsverbandes, der aus ukrainischen
und kaukasischen Freiwilligen bestand. Die Erfahrung dieser Zeit
fand ihren Niederschlag in zwei Denkschriften, in denen Oberländer
die Gleichberechtigung fremdvölkischer Menschen im Alltag und im
Kriegseinsatz forderte, womit er sich ein zweites Mal in Gegensatz
zur Politik von Staat und Partei befand. Himmler forderte die
Entlassung Oberländers aus der Wehrmacht, knapp entging er dem allen
Kritikern der Partei zugedachten Schicksal der Verhaftung und
Aburteilung.
Der
wesentliche Verdienst Oberländers in dieser Lebensphase war es, eine
menschenwürdige Behandlung der osteuropäischen Völker, die er in
seinen Wehrmachtseinheiten vorlebte, als Prinzip deutscher
Ostpolitik zu fordern. Daß er damit angesichts der ideologischen
Verblendung der Machthaber chancenlos war, ändert daran nichts, daß
die damalige Erkenntnis Oberländers, nach mehr als einem halben
Jahrhundert, auch heute unter anderen Voraussetzungen die Grundlage
des Zusammenlebens der Völker Europas geworden ist.
Die
Erfahrungen Oberländers in den Kriegsjahren waren für sein
politisches Wirken in der Nachkriegszeit bestimmend. Nur eine
verantwortliche Position bot die Möglichkeit, auf die Neugestaltung
Deutschlands, insbesondere auf die Bewältigung des fast unlösbar
erscheinenden Flüchtlingsproblems einzuwirken. Die politische Basis
hierfür war für ihn der BHE, dessen Bundesvorsitz er 1954 übernahm,
nachdem Bundeskanzler Adenauer Oberländer bereits 1953 zum
Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte
berufen hatte. Damit war ihm die politische Verantwortung für die
Eingliederung von rund 12 Millionen Flüchtlingen und
Heimatvertriebenen in der damaligen Bundesrepublik übertragen – eine
Aufgabe von höchster Brisanz, zumal Moskau die Flüchtlinge in
Westdeutschland als kommunistisches Umsturzpotential einkalkulierte.
Diese Rechnung ging dank der von Oberländer intensiv und zielstrebig
gesteuerten Eingliederungsmaßnahmen jedoch nicht auf.
Eine
umfangreiche Gesetzgebung wie das
Bundesvertriebenengesetz (1953), das
Kriegsgefangenenentschädigungsgesetz (1954), das
Häftlingsgesetz (1955), das Flüchtlingshilfegesetz (1956), die
Weiterführung des Lastenausgleichsgesetzes u. a. regelten das
Eingliederungsverfahren sachlich und finanziell, die Regelung der
Betreuung heimatloser Ausländer, die Entschädigung von Häftlingen,
nicht zuletzt die Fünfjahrespläne zur Ansiedlung von vertriebenen
und geflüchteten Landwirten, folgten Schritt für Schritt. Bereits
zum Ende der 1950er Jahre waren die wesentlichen rechtlichen und
finanziellen Voraussetzungen zur Lösung des Flüchtlingsproblems
geschaffen. Zahlreiche Untersuchungen und Gutachten belegen die
Effizienz dieses Gesetzesrahmens, auf dessen Grundlage die
Landesverwaltungen sowie die einschlägigen Organisationen und
Verbände die Eingliederungsmaßnahmen umsetzen konnten. Die Erfolge
dieser Politik aber waren die Voraussetzung für die Leistung und den
Anteil, den die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen am sogenannten
deutschen Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre hatten.
In diese
Zeit fällt auch die auf Oberländer zurückgehende Entscheidung seiner
Fraktion im Deutschen Bundestag, dem Antrag Adenauers auf Beitritt
der Bundesrepublik zur NATO durch Zustimmung die Mehrheit zu
sichern. Kurz darauf erfolgte die Zuerkennung der Souveränität der
Bundesrepublik durch die Westmächte.
Angesichts
dieser Entwicklung konnte es nicht ausbleiben, daß Oberländer in
dieser so erfolgreichen zweiten Phase seines Lebens im Brennpunkt
sowjetischer Kritik stand, der sich allzu gerne auch westdeutsche
Medien und mitunter auch Justizbehörden in schamloser Weise
anschlossen.
Jeder
Mensch, der nicht so wie Oberländer mit einem festen und gradlinigen
Charakter ausgestattet ist, wäre an dessen Stelle gescheitert. In
der Tat, das Leben Oberländers ist, wie kürzlich zu lesen war, „ein
Lehrstück deutscher Geschichte“. Innerhalb weniger Jahre wurden dank
seiner Tatkraft, seiner Initiativen und seines
Durchsetzungsvermögens den Millionen Menschen, die durch den Verlust
ihrer Heimat Hab und Gut und oftmals Gesundheit und Lebensmut
verloren hatten, aus tiefer Depression befreit und ihnen die
Voraussetzung für ihre wirtschaftliche und soziale Sicherung
geschaffen.
Erst dadurch
aber sind die deutschen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen entgegen
der Zielsetzung der Sowjetunion den Werten unserer abendländischen
Gesellschaft erhalten geblieben.
Bild:
Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen.
Wolfram
Ruhenstroth-Bauer