Trotz seiner
Wertschätzung
als
Philosophiehistoriker
und als
Verfasser
der bis
heute
gründlichsten
(gelegentlich
sogar als
“klassisch”
bezeichneten)
Studie über
die
Phänomene
der
Besessenheit
in
Geschichte
und
Gegenwart
ist Traugott
Konstantin
Oesterreich
weitgehend
vergessen.
Er studierte
nach dem
Abitur in
Berlin
Mathematik,
Physik,
Astronomie
und später
auch
Philosophie,
das Fach, in
dem er 1905
in Berlin
bei
Friedrich
Paulsen und
Carl Stumpf
mit einer
Dissertation
über Kant
und die
Metaphysik
den
Doktorgrad
und 1916 in
Tübingen die
akademische
Lehrbefugnis
erwarb.
Die
Universitätslaufbahn
des 1916/17
zum
außerplanmäßigen
Professor
und 1922/23
zum
planmäßigen
Extraordinarius
für
Philosophie
und
Psychologie
ernannten
Gelehrten
wurde 1933
abrupt
unterbrochen,
als er
aufgrund des
später
berüchtigten
“Gesetzes
zur
Wiederherstellung
des
Berufsbeamtentums”
amtsenthoben
wurde. Neben
dem primären
Grund, der
1912
geschlossenen
Ehe mit der
russischen
Jüdin Maria
Raich,
spielte auch
die in zwei
Schriften
von 1919
dargelegte
Staatsauffassung
Oesterreichs
eine Rolle.
Nach seiner
Ansicht
hatte die
materialistische
Weltsicht
auf
politisch-moralischem
Gebiet eine
“ideenlose
reine
Machtpolitik
mit ihrem
realpolitischen
Machiavellismus”
zur Folge
gehabt und
zum Ersten
Weltkrieg
und der
deutschen
Niederlage
entscheidend
beigetragen;
aus der von
Oesterreich
entwickelten
neuen
theoretischen
Weltansicht
sollte als
neuer
politischer
Standpunkt
“die
Kulturidee
des Staates
und der
Gedanke
einer
höheren
Lebensordnung
der Völker”
hervorgehen
(Das
Weltbild der
Gegenwart,
Berlin 1920,
Vorwort).
Verbittert
hat
Oesterreich
später von
seiner
“leider
irrtümlichen”
Hoffnung
gesprochen,
die Lenker
der Weimarer
Republik
strebten
höheren
Idealen zu;
den ihnen
folgenden
Machthabern
des
sogenannten
Dritten
Reiches
mußte er
jedoch sogar
als
Staatsfeind
erscheinen,
der nach
seiner
Zwangspensionierung
froh sein
konnte, mit
dem Leben
davonzukommen.
1945 in sein
Amt wieder
eingesetzt
und mit
einem
“persönlichen
Ordinariat”
bedacht,
wurde
Oesterreich
gegen seinen
Willen zum
April 1947
endgültig in
den
Ruhestand
versetzt.
Nach
schwerer
Krankheit
starb er im
Alter von
knapp 69
Jahren als
gebrochener
Mann.
Wertvolle
systematische
Beiträge
lieferte
Oesterreich
zur
Religionsphilosophie
und zur
philosophischen
Bewußtseinsforschung.
Vor allem
aber hat er
sich
bleibende
Verdienste
um die
Philosophiegeschichte
durch die
Neubearbeitung
der 11. und
12. Auflage
des
berühmten
“Ueberweg”
erworben,
der
umfassendsten
und zum
Standardwerk
gewordenen
Darstellung
der
Geschichte
der
Philosophie
von der
Antike bis
zum Beginn
des 20.
Jahrhunderts,
mit einem
ganz von
Oesterreich
verfaßten
reichhaltigen
Teil über
die
Philosophie
der
(damaligen)
Gegenwart.
Die Auflage
von 1923
führt mit
dem Hinweis
auf das “am
Horizont
aufsteigende”
neue
Problemgebiet
Parapsychologie
auf das von
Oesterreich
am
intensivsten
gepflegte
(und von der
Fachwelt am
umfassendsten
rezipierte)
seiner
Arbeitsgebiete
an den
Grenzen
zwischen
Psychologie,
Psychopathologie
und
Philosophie.
Hatte sich
Oesterreich
schon 1910
mit
Erscheinungen
der
Ich-Identität
und der
sogenannten
Persönlichkeits-Spaltung
auseinandergesetzt,
so wandte er
sich 1915
den aus
primitiven
Gesellschaften
und im
Abendland
aus Antike,
Mittelalter
und Neuzeit
dokumentierten
Fällen von
“Besessenheit”
zu, die er
als
wesensverwandt
mit
Phänomenen
im
zeitgenössischen
Hypnotismus
und
Okkultismus
erkannte und
als
Auftreten
eines
zweiten
Persönlichkeitssystems
in den
betroffenen
Individuen
diagnostizierte,
welches
deren
Handeln und
Verhalten
gegen ihren
Willen
steuert.
Oesterreichs
eingangs
erwähnte
Bearbeitung
dieses
Problemkreises
von 1921
fand
international
große
Beachtung,
wurde in
mehrere
Sprachen
übersetzt
und noch
1988 als
bislang
unübertroffene
Beschreibung
von
Besessenheit
und
exorzistischen
Praktiken zu
ihrer
Beseitigung
charakterisiert.
Die von
Oesterreich
erkannte
Verwandtschaft
dieser
Erscheinungen
mit
“okkulten”
(insbesondere
spiritistischen)
und in
Hypnose
auftretenden
Phänomenen
führte ihn
zur
persönlichen
Beteiligung
an der
Untersuchung
sogenannter
Medien und
zur Analyse
entsprechender
Berichte
anderer.
Aufgrund
dieser
Erfahrungen
und Studien
(die ihm
durchaus
auch die
Häufigkeit
betrügerischer
Manipulationen
auf diesem
Gebiet
klarmachten)
vertrat
Oesterreich
die
Auffassung
von der
realen
Existenz
paranormaler
Phänomene
und empfahl
deren
wissenschaftliche
Untersuchung.
Um die
hierfür
unentbehrliche
präzisere
Begriffsbildung
bemühte er
sich ebenso
wie um
Kriterien
für die
“Echtheit”
paranormaler
Phänomene;
die von ihm
1921
angeregte
Gründung
eines (der
bekannten
englischen
“Society for
Psychical
Research”
entsprechenden)
“Deutschen
Zentralinstituts
für
Parapsychologie”
scheiterte
trotz der
Unterstützung
durch
Forscher wie
Rudolf
Tischner und
Hans Driesch
nicht
zuletzt am
Rückzug
potentieller
Geldgeber
nach der
Weltwirtschaftskrise
1929. Auf
die
Bedeutung
paranormaler
Phänomene
für die
Philosophie
hat
Oesterreich
zeitlebens
hingewiesen;
seine
Einschätzung
ist erst in
den
siebziger
Jahren im
akademischen
Philosophieunterricht
in
Großbritannien
und in den
USA wieder
aufgegriffen
worden.
Werke:
Kant und die
Metaphysik,
Berlin 1906.
– Die
Phänomenologie
des Ich in
ihren
Grundproblemen.
Band I. Das
Ich und das
Selbstbewußtsein.
Die
scheinbare
Spaltung des
Ich, Leipzig
1910. – Die
religiöse
Erfahrung
als
philosophisches
Problem,
Berlin 1915.
–
Neubearbeitung
von:
Friedrich
Ueberwegs
Grundriß der
Geschichte
der
Philosophie
vom Beginn
des
neunzehnten
Jahrhunderts
bis auf die
Gegenwart,
11. Auflage,
Berlin 1916,
12. Auflage
Berlin 1923,
21928,
repr. als
13. Auflage
Tübingen
1951, mit
separatem
Band: Die
Philosophie
des
Auslandes,
repr.
Tübingen
1953. – Die
Staatsidee
des neuen
Deutschland.
Prolegomena
zu einer
neuen
Staatsphilosophie,
Leipzig o.J.
(1919). –
Vom
Machtideal
zum
Kulturideal.
Worte
deutscher
Selbstbesinnung,
Charlottenburg
1919. – Die
Besessenheit,
Langensalza
1921
(französische
Übersetzung
Paris 1927,
englische
Übersetzungen
London und
New York
1930 und
Chicago
1935). – Der
Okkultismus
im modernen
Weltbild,
Dresden 1921
(mit 2.
Auflage im
selben Jahr;
englische
Übersetzung
London und
New York
1923),
31923
(ungarische
Übersetzung
Budapest
1925). –
Grundbegriffe
der
Parapsychologie.
Eine
philosophische
Studie,
Pfullingen
1921. – Die
philosophische
Bedeutung
der
mediumistischen
Phänomene,
Stuttgart
1924. –
Jeanne d’Arc
im Lichte
der modernen
Forschung,
Universitas
1 (1948).
Lit.:
Maria
Oesterreich:
Traugott
Konstantin
Oesterreich.
“Ich”-Forscher
und
Gottsucher.
Lebenswerk
und
Lebensschicksal,
Stuttgart
1954.
–
Eberhard
Bauer: T.K.
Oesterreich,
Neue
Deutsche
Biographie,
Band 19 (im
Erscheinen).
Bild:
Archiv des
Instituts
für
Grenzgebiete
der
Psychologie
und
Psychohygiene,
Freiburg
i.Br., hier
abgedruckt
nach der
Wiedergabe
in Maria
Oesterreich
1954 (s.
Lit.).
Christian
Thiel