Wilhelm Ogoleit wurde am 1.
Januar 1869 auf dem Gut Kisseln bei Stallupönen in Ostpreußen
geboren. Er erhielt zunächst – auch aus gesundheitlichen Gründen
– Hausunterricht, besuchte dann bis 1888 Gymnasien in
Gumbinnen und Königsberg. Während der Zeit in Gumbinnen erwachte
seine Neigung zum Theater, er befaßte sich aber zunächst in
einem Praktikum mit dem Beruf des Buchhändlers. Der Wunsch zur
Ausbildung in der Schauspielkunst führte ihn nach Leipzig. Diese
Ausbildung bei dem Regisseur Oskar Borchardt mußte er aber 1892
aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Der
Weg führte Ogoleit nach Jena,
dort arbeitete er in der Frommannschen Buchhandlung. Parallel
dazu hörte er Vorlesungen an der Universität und besuchte die
bedeutenden Orte der Umgebung, wie etwa Weimar.
In Jena
lernte er neben anderen bedeutenden Buchhändlern auch seinen
späteren Freund und Partner Johannes Scharf kennen. Beide
beschlossen, sich gemeinsam selbständig zu machen, versuchten es
zunächst in Halle, Leipzig, Zwickau. 1897 erwarben sie dann die
Buchhandlung Fr. Schaeffer & Comp. in der Richtstraße 6 in
Landsberg (Warthe). Inzwischen war 1895, kurz vor dem Tod des
Vaters, das Ogoleit’sche Gut verkauft worden, so daß in der
Familie flüssige Gelder zur Verfügung standen.1899 erwarben
Scharf und Ogoleit nach Problemen mit dem Besitzer des Hauses
Richstraße 6 das geräumige Nebenhaus Nr. 8, das sie zur
Buchhandlung ausbauten. Im Hinterhaus errichteten sie eine
ständige Ausstellung von Kunst und Kunstgewerbe. Dem Geschäft
wurde eine Leihbücherei angegliedert. Der in Landsberg geborene
Viktor Klemperer berichtet in seinen Memoiren, daß es schon
vorher einen festen Kreis von Lesern gab, die, nachdem die
Bücher die Runde gemacht hatten, die Möglichkeit nutzten, diese
zu einem reduzierten Preis zu erwerben.
Wilhelm
Ogoleit lebte also als Buchhändler und hoch geachteter Bürger in
der Stadt Landsberg (Warthe). Er blieb auch beim Einmarsch der
Russen am 31. Januar 1945 und wurde am 31. Oktober 1945
ausgewiesen. Über Berlin, Magdeburg, Weimar gelangte er zusammen
mit seiner Schwester und dem Freunde Scharf – dem Vater des
späteren Bischofs und Präses der evangelischen Kirche, Kurt
Scharf – nach Bethel bei Bielefeld. Hier lebte Ogoleit in
bescheidensten Verhältnissen bis zu seinem Tode am 21. Mai 1953.
Er nutzte die Zeit, um seine schon im Jahre 1944 begonnenen
Tagebücher zu vollenden und auch, um Nachrichten über die
verstreuten Landsleute zu sammeln. Der Versuch, eine neue
Goethesammlung aufzubauen, konnte nicht gelingen.
Ogoleits
eigentlicher Lebensinhalt war die Goethesammlung, die er in
seinem Wohnhaus zusammengetragen hatten. Sie entwickelte sich
zur zweitgrößten Goethesammlung in Privatbesitz in Europa (neben
der von Prof. Anton Kippenberg). Die Neigung zum Theater und zu
Büchern war eine ideale Basis für eine Sammlung, die
Erinnerungen an Goethe und seine Zeit umfaßte. Den Beginn
bildeten möglicherweise zwei Medaillen, die Ogoleit in Weimar,
bei einer Reise zu den Feiern von Goethes 150. Geburtstag am
28.8.1899, erwarb.
Die
Sammlung umfaßte schließlich 8 800 Nummern. Bilder (Ölgemälde,
Radierungen, Stiche) bildeten einen Schwerpunkt, einen weiteren
die Literatur: Originalhandschriften, historisches und modernes
Schrifttum, so z.B. Goethes Werke in besonders schönen Ausgaben.
Die umfangreiche Medaillensammlung umfaßte fast 1000 Stücke, von
denen allein 300 aus Goethes eigener Sammlung stammten. Hinzu
kamen Plastiken, Gegenstände aus Goethes privatem Besitz, wie
z.B. Goethes Puppentheater, Möbel aus dem Erbe der Ottilie von
Goethe. Die Objekte bezogen sich nicht nur auf Goethe selbst,
sondern auch auf seine Zeit und die Menschen, mit denen er in
Berührung gekommen war: Schiller, Herder, die Herzogsfamilie,
Freunde, Schauspieler.
Besonders bedeutsam wurde für die Sammlung die Verbindung
Ogoleits zu Professor Karl Bauer, München (1868-1942), dessen
Radierungen bedeutender Persönlichkeiten Ogoleit besaß. Bauer
war, wie Ogoleit, ein großer Verehrer Geothes; er stellte ihn
auf zahlreichen Radierungen dar. Außerdem malte Bauer auf
Ogoleits Veranlassung die Ölgemälde „Jugendlicher Goethe“ und
„Goethe im Alter“, die in Ogoleits Sammlung eingingen.
Bemerkenswert war, daß Wilhelm Ogoleits Sammlung kein Museum
war, sondern daß er seit seinem 1908 erfolgten Einzug in die
Wohnung im 1. Stock des Hauses Richtstraße 8 in ihr lebte. Die
Wände der acht Räume waren voll von Bildern; in Schränken und
Vitrinen war die Sammlung ausgestellt. Ogoleit empfing hier
Gäste, veranstaltete Führungen, rezitierte vor Publikum aus
Goethes Werken. „Alte Landsberger erinnern sich an das
einzigartige Museum im Brennpunkt Landsbergs, das Wilhelm
Ogoleit in seiner Wohnung in der Richtstraße, Ecke
Friedrichstraße, geschaffen hatte. Die an wertvollstem
Erinnerungsgut an Goethe und den Kreis derer, die ihm zu
Lebzeiten nahestanden, reiche Sammlung hatte weit über die
märkischen Grenzen hin einen bedeutenden Ruf. So geschah es
nicht selten, daß auswärtige Experten auf dem Gebiet der
Goetheforschung sich brieflich oder persönlich an Ogoleit
wandten, um sein Urteil oder eine Auskunft von ihm zu erbitten
(vgl. W. Heidenreich).
1933
wurde Ogoleit für seine Verdienste um die Goetheforschung vom
Reichspräsidenten Hindenburg die Goethe-Medaille verliehen.
Ogoleit
beabsichtigte, seine Sammlung der Stadt Straßburg zu übergeben,
wo sie in dem Haus, in dem Goethe gelebt hatte, ausgestellt
werden sollte. Ein im Museum für Landsberg (Warthe) und die
Neumark aufbewahrter Brief Ogoleits vom Oktober 1942 belegt
diesen Plan. Leider wünschte Ogoleit aber, die Sammlung bis zu
seinem Lebensende in Landsberg zu behalten, so daß sie sich beim
Einmarsch der Russen noch an ihrem Platze befand. Nur der
wertvollste Teil war im Tresor der Sparkasse gesichert. Nach der
Besetzung Landsbergs durch die sowjetische Armee am 31. Januar
1945 wurde die Sammlung geplündert, im Juli auch das Haus
Richtstraße 8 durch Brandstiftung zerstört. Inzwischen hatten
aber Mitarbeiter der polnischen Verwaltung (seit dem 28.3.1945)
einen Teil der Sammlung sichergestellt. Bei seiner Vertreibung
im Oktober 1945 konnte Ogoleit nur das kleine Goethe-Gästebuch
und eine Medaille in der Manteltasche mitnehmen. Der Schwerpunkt
der Sammlung, bestehend aus den in Gorzów geretteten und wieder
zusammengetragenen Einzelteilen, befindet sich heute im „Muzeum
Lubuskie im. Jana Dekerta“ in Gorzów Wlkp.
Ogoleits Erbe, Präses Dr. Kurt Scharf, verfügte in seinem
Testament, daß die Sammlung an dem Ort verbleiben solle, an dem
sie entstanden sei. Sie wurde inzwischen restauriert und
ausgestellt.
Lit.: Willy
Heidenreich: Die Goethe-Sammlung von Wilhelm Ogoleit, in: Hans
Beske/Ernst Handke: Landsberg an der Warthe 1247-1945- 1978.
Kultur und Gesellschaft im Spiegel der Jahrhunderte. Bielefeld
1978. – Kurt Scharf: Brücken und Breschen. Hrsg. von Kurt
Zimmermann, Berlin 1977. – Swiat Goethego i Schillera w zbiorach
Willhelma Ogoleita 1869-1953 (Welt von Goethe und Schiller in
der Sammlung von Wilhelm Ogoleit), Ausstellungskatalog, Muzeum
Lubuskie, Gorzów Wlkp 2000.
Bild: Museum für
Landsberg (Warthe) und die Neumark, Herford.
Ursula Hasse-Dresing