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Elard von
Oldenburg-Januschau, der „alte Januschauer“, war zu seiner Zeit ein
bekannter Politiker, der als sehr konservativ eingeschätzt wurde.
Politisch aktiv war er in der Zeit der Monarchie vor dem Ersten
Weltkrieg und in der Weimarer Republik.
Am 30. Juni 1933
ritt der Achtundsiebzigjährige – Mitglied des Reichstages war er
unmittelbar vor Ausbruch des „Tausendjährigen Reiches“ zuletzt noch
einmal von 1930 bis 1933 gewesen – von seinem Gut Januschau im damaligen
Ostpreußen nach dem benachbarten Neudeck zu seinem alten Freund, dem
Reichspräsidenten von Hindenburg und offenbarte und erläuterte ihm die
Ereignisse, die soeben in Berlin passiert waren, initiiert durch den
neuen Reichskanzler, die „politische Primadonna“, wie er Hitler stets
nannte.
Auf Befehl
Hitlers waren ja soeben nicht nur Röhm und General von Schleicher
umgebracht worden, auch der Vizekanzler, Franz von Papen, sollte
liquidiert werden. Sein Büro in Berlin war allerdings nicht besetzt, als
es von der SS gestürmt wurde. Papen war abwesend, dafür aber wurde der
Oberregierungsrat von Bose erschossen. Wenigen gelang die Flucht während
des Chaos, darunter war Wilhelm von Ketteler, der Elard von Oldenburg in
Ostpreußen benachrichtigen konnte. Jener war einer der wenigen, der den
greisen Reichspräsidenten, der abgeschirmt auf seinem Gut Neudeck
weilte, noch erreichen konnte. Es gelang Oldenburg, zum
Reichspräsidenten zu kommen. Nach dem Gespräch mit Hindenburg konnten
noch einige der Verhafteten auf – in Berlin noch befolgten – Befehl des
alten Reichspräsidenten wieder frei gelassen und damit gerettet werden.
Aber
grundsätzliches Politisches konnte schon nicht mehr geändert werden; die
nationalsozialistische Maschinerie, vor der Oldenburg, wie etwa auch der
Konservative Ewald von Kleist-Schmenzin, von Beginn an geradezu
hellseherisch und eindringlichst immer wieder die Öffentlichkeit und die
maßgeblichen Politiker gewarnt haben, rollte unaufhaltsam.
Elard von
Olderburg-Januschau war 1855 geboren worden und schließlich Besitzer des
ererbten Gutes Januschau in Westpreußen, das nach der für Deutschland
positiven Abstimmung 1919 zu Ostpreußen geschlagen wurde. Als Vertreter
der ostelbischen Grundbesitzer und als Konservativer, Deutschnationaler
und Mitglied des Reichstags war er zunächst von 1902 bis 1912, dann von
1930 bis 1933 politisch tätig.
Nach mehreren
Jahren als aktiver Offizier in Potsdam, zwischenzeitlich
kommunalpolitischer Arbeit und nachdem er auch Kammerherr geworden war,
bewirtschaftete er seinen Besitz Januschau und lebte dort, wie es in der
Presse hieß, zurückgezogen. So schrieb auch ironisch die Lokalpresse:
„Dem Kammerherrn ist nun Wohl, er baut zu Hause seinen Kohl“.
Oldenburgs im
Reichstag gehaltene Reden waren in ganz Deutschland berühmt berüchtigt,
so etwa seine dort geäußerte Auffassung, daß der König von Preußen und
deutsche Kaiser jeden Moment imstande sein müsse, zu einem Leutnant zu
sagen: „Nehmen sie zehn Mann und schließen sie den Reichstag!“ Das trug
ihm natürlich den Ruf ein, gleichsam die Inkarnation des militärischen
und militaristischen Preußen zu sein. Daß seine Reichstagsrede in
Deutschland mit großer Entrüstung aufgenommen wurde, scherte ihn wenig,
gleichfalls das breite Missfallen, auf das seine den Kaiser
verteidigende Rede im Reichstag als loyaler Monarchist bei der Presse
stieß – nachdem Kaiser Wilhelm II. sich in nicht sehr geschickter Weise
in Bezug auf den Feldzug der Engländer gegen die Buren geäußert hatte.
Oldenburg war
aber alles andere als politisch blind. Er selbst berichtete Fabian von
Schlabrendorff von einem Hoffest vor 1914 in Berlin. Ein Bekannter
Oldenburgs, es war der seinerzeit namhafte Politiker Kreth, habe damals
geäußert: „Wenn Sie das hier sehen, so ist eines sicher. Es wird nicht
lange dauern, unsern Kaiser holt der Teufel.“ Oldenburg antwortete. „Das
wäre ja nicht so schade, aber schade ist eines. Der Teufel holt das
ganze deutsche Volk mit.“ Monarchistische Loyalität gegenüber dem
deutschen Kaiser und preußischen König schloß eben politischen
Durchblick, der sich auch sarkastisch äußern konnte, nicht aus.
Oldenburg warnte
nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, als Hindenburg Reichspräsident
geworden war, diesen immer wieder vor Hitler und vor dem politischen
Aufstieg der Nationalsozialisten. Doch Hindenburg fügte sich schließlich
den politischen Forderungen vieler anderer Politiker und votierte doch
für Hitler. Oldenburg meinte, er habe sich den Stimmen von Beratern
gefügt, die auf die Mängel der Weimarer
Verfassung verwiesen hätten und
glaubten, man müsse unbedingt den Führer der stärksten Partei zum
Reichskanzler wählen. Oldenburg hat dazu geäußert: „Die Weimarer
Republik will sich selbst vernichten, sie treibt den demokratischen
Gedanken auf die Spitze und wird dadurch den Mann zum Reichskanzler
machen, der die Weimarer Republik aufhebt.“ Das war ein politischer
Volltreffer, wie sich ja bald herausstellen sollte.
In seinem Buch
„Begegnungen in fünf Jahrzehnten“ berichtet der Jurist und langjährige
Richter am Bundesverfassungsgericht in der Bundesrepublik Deutschland,
Fabian von Schlabrendorff, noch eine Geschichte vom alten „Januschauer“,
die auch heute nicht an Aktualität eingebüßt hat: „Noch einmal hat der
Januschauer als Reichstagsabgeordneter im Jahre 1930 das Wort ergriffen.
Es ging damals um einen Erlaß des Reichswehrministers, durch den dieser
jedem Soldaten eine Uhr versprochen hatte, wenn dieser in der Lage war,
einen Kameraden als Verfassungsgegner anzuzeigen. Der Januschauer griff
diesen Erlaß öffentlich an und meinte im Hinblick auf seine frühere
Dienstzeit bei den 2. Garde-Ulanen: Wer ihm (einem Soldaten) aber für
diese Meldung eine Uhr angeboten hätte ... ich sage, kein einziger ist
unter ihnen gewesen, der die Uhr dem Betreffenden nicht vor die Füße
geworfen hätte.“
Freilich war
Elard von Oldenburg-Januschau, wie jeder andere auch, ein „Kind seiner
Zeit“, aber er war eben eine Persönlichkeit, wie nicht jeder andere,
dessen Klugheit, Mut, Welt- und Menschenkenntnis zeitlos waren.
Oldenburg war
der Auffassung, daß, wenn es auf der Erde zu einem schweren politischen
Konflikt komme, derjenige siege, der über die Macht verfüge – und von
ihr Gebrauch mache. Mit dieser nüchternen Erkenntnis befand sich
Oldenburg durchaus in einer geistigen Tradition des „Newton der
Politik“, des nüchternen Analytikers Machiavelli, oder auch eines so
scharfen politischen Analytikers wie Toqueville, der in den 1840er
Jahren die Auffassung vertrat, daß die Menschen in Demokratien
freiwillig auf Freiheit verzichten werden um ihrer sozialen Sicherheit
willen.
Der West- und
Ostpreuße Elard von Oldenburg-Januschau starb am 16. August 1937 in
Marienwerder. Er hat gedruckte Erinnerungen hinterlassen, die äußerst
humorvoll geschrieben sind und beiläufig einen sehr guten Überblick über
die Agrargeschichte des 19. Jahrhunderts, nicht zuletzt gerade die
Agrarpolitik und agrarische Entwicklung zur Caprivi-Zeit wiedergeben,
darüber hinaus viel Launisches enthalten. Allerdings das stets Oldenburg
zugeschriebene Bonmot: „Vox populi, vox dei – nein – vox populi, vox
Rindvieh“ stammt explizitermaßen, wie Oldenburg in seinen Erinnerungen
festhält, nicht von ihm. Launisch hat er aber festgestellt und
gedichtet: „Ihr sagt, die Ehe ist ein Übel, Ihr sagt, die Ehe ist ein
Joch; ich sag, die Ehe ist ne Zwiebel, man heult, und frißt sie doch.“
Bild: Kulturstiftung
der deutschen Vertriebenen.
Hubertus Neuschäffer
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